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Don´t tell me, that you love me

von Yougirl
GeschichteRomance, Schmerz/Trost / P16 / MaleSlash
Andrew Minyard Neil Josten
10.04.2021
04.11.2021
10
43.671
1
Alle Kapitel
12 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
22.06.2021 5.609
 
Heyho Leute,

heute kommt ein neues Kapitel und ich hab endlich die letzte ausstehende Review-Antwort verfasst! (Vielen Dank an Electra Heart an dieser Stelle! ♥) Ich hasse es, wenn ich nicht dazu komme ein Review mit einer entsprechenden Antwort zu würdigen, denn jeder Review-Schreiber verdient eine solche als Gegenleistung. :) An dieser Stelle möchte ich mich entschuldigen, dass das letzte Update so lange gedauert hat. Genug vorweg geredet.
Wenigstens endet das Kapitel dieses Mal nicht mit einem heartbreaking moment. :)
P.S: Wir haben übrigens offiziell die Hälfte der FF erreicht. :D ^-^


Neil erklomm die Stufen zum Dach, den Geschmack von dem merkwürdigen Fruchtsaft mit Schuss nach immer auf den Lippen.
Er hätte es eigentlich besser wissen müssen, statt an etwas zu nippen, dass NICKY ihm gegeben hatte. Neil war sich zwar mittlerweile sicher, dass Nicky es nicht wagen würde, jemals wieder so etwas wie im Eden´s Twilight abzuziehen, dennoch hatte Nicky es sich scheinbar zur Aufgabe gemacht Neils Alkoholkonsum deutlich zu erhöhen.
Vorallem nach dem klar geworden war, dass Neil an seiner Angewohnheit nicht zu trinken oder zumindest nur sehr wenig festhielt, wenn Andrew nicht in seiner Nähe war. Letzteres war ein Umstand, den Neil nun ändern wollte.

Als er die am Schluss ramponierte Tür erreichte, auf der der freundliche Hinweis prangte, dass nur Mitarbeiter auf das Dach gehen durften, blieb Neil kurz stehen um seine Gedanken zu sammeln.
Er würde sich einfach entschuldigen und Andrew nicht weiter belästigen. Sie beide waren bisher immer sehr gut damit gefahren dem anderen zu sagen, was los sie wollten, was sie beschäftigte, was sie brauchten. Und Neil wartete meistens auf eine Einladung seitens Andrew, sowohl was körperliche Nähe als auch Gespräche anging. In ihrer `Nicht´-Beziehung stellte Neil keine Forderung oder bedrängte Andrew zu sehr. Dies war der Hauptgrund, weshalb Neil seit einer Woche sich den Kopf zerbrach vorher diese plötzliche Distanz zwischen ihnen kam, anstatt Andrew einfach direkt danach zu fragen. Weshalb Andrew sich anders verhielt, weshalb sich ihr `Nichts´ so zerbrechlich und schwierig und wirklich wie nichts anfühlte.

Also würde er sich einfach entschuldigen.
Und was immer Andrew ihm dann entgegen schleuderte akzeptieren. Seien es Worte, das Ende des Austausches von Küssen und Berührungen oder auch ein Messer.
Er holte tief Luft und drückte dann die Tür auf. Sie quietschte leise und die kalte Nachtluft schlug Neil entgegen wie eine Welle, die ihn daran hinderte über die Schwelle zu treten. Er konnte es einfach nicht. Das Dach war Andrews Rückzugsort und er hatte Neil lediglich gestattet mitzukommen. Es war noch längst nicht ihr gemeinsamer Ort geworden, nur weil Andrew ihn mit hier rauf genommen hatte.
In Andrews Gefilde eindringen erschien Neil genauso ein verherrender Übergriff, wie seine Lippen an Andrews Hals.
Das Geräusch hatte die Aufmerksamkeit des Minyard-Zwillings geweckt der noch am nettesten mit Neil umging – allerdings hatte Aaron die Latte auch sehr sehr niedrig gelegt.
Andrew saß an der Dachkante und beobachtete Neil von seiner Position aus, ein Bein aufgestellt, so dass er sein Kinn auf sein Knie abstützen konnte.

„Kann ich rauf kommen?“, fragte Neil vorsichtig.
„Das bist du bereits“, antwortete Andrew scharfsinnig wie immer und wandte den Kopf ab, um wieder den nächtlichen Campus zu überblicken. Es war eine typische Andrew-Antwort. Keine, mit der Neil im Moment etwas anfangen konnte. Nicht unter Berücksichtigung des Grundes, wegen dem er hier war.
„Kann ich zu dir kommen?“

Das wiederum erregte Andrews Aufmerksamkeit erneut. Er drehte sich um und musterte Neil in der Dunkelheit, die nur von dem spärlichen Laternenlicht, das von unten hochdrang, ein wenig erhellt wurde. Von unten drangen auch immer wieder Stimmen zu ihnen herauf, von lachenden Studenten und das Geräusch zurückkehrender Fahrzeuge, allerdings waren all diese Geräuche gedämpft. Als wären er und Andrew Ausstehende, die die Welt dabei beobachteten, wie sie sich weiterdrehte. Als hätte sie keinen Effekt auf die beiden Jungen, die viel zu früh hatten lernen müssen keine mehr zu sein.

„Ja“, sagte Andrew schließlich und sah dabei zu, wie Neil näher kam.
Er hatte keine Zigarette angezündet. Oder er war bereits fertig mit dem rauchen. Andrew schaffte es alleine mit einem gezielten Blick den Überschwang seiner feierlustigen Teamkameraden zu zähmen, die morgen vermutlich alle ziemlich verkatert sein würden.
Neben Andrew blieb Neil stehen, die Hände in die Tasche seiner Hose geschoben, wo er sie unbemerkt zu Fäusten ballen konnte. Der kalte Novemberwind zerzauste sein Haar und Neil war versucht sich die Kapuze seines Hoodies über den Kopf zu ziehen. Allerdings wäre dies, als wolle er sich vor dem Unvermeidlichen verstecken

„Es tut mir leid“, sagte er schließlich in die anhaltenden Stille zwischen ihnen beiden hinein.
„Wofür entschuldigst du dich?“, fragte Andrew, nach einigen langen Sekunden, in denen Neils Herz wie verrückt schlug und keiner von ihnen erpicht darauf war dieses Gespräch voranzutreiben.
„Dass ich dir...“, begang Neil, bevor er stockte und sein Blick automatisch zu Andrews Kehle glitt. Jacke und Hoodie verbargen die verräterische Stelle und er atmete tief ein.
„Ich hätte das nicht tun dürfen. Ich hätte dich fragen müssen.“
Andrew starrte Neil an, als wüsste er nicht, ob Neil ihn verarschte oder tatsächlich so ein unfassbarer Idiot war.

Neil wusste genau, wieso gewisse Personen glaubten, Andrew sei einschüchternder als die Hölle. Aber diese Blick hatte in ihm immer etwas getriggert. Er wollte Andrew herausfordern und dem standhalten. Sowie damals, als Andrew ihn zum ersten Mal mit nach Columbia mitgenommen hatte und er so zuversichtlich schien, dass Neil einknicken und sich ihm fügen würde. Neil hatte nicht einfach `Nein´ sagen können. Andrew ging ihm schon damals viel zu sehr unter die Haut.
Auch jetzt hielt er den Blick stand.

„Du entschuldigst dich dafür?“, fragte Andrew und zog mit einer ziemlich ruppigen Bewegung den Kragen seiner Kleidung zur Seite. Das spärliche Licht reichte nicht aus, um mehr als einen minimal dunkleren Fleck wie einen Schatten auf seiner Haut zu zeigen. Neil wusste dennoch genau wo er war. Er konnte noch immer die Wärme dort spüren und das Salz schmecken. Er liebte diese verwundbare Stelle, die Andrew ihm anvertraute einfach. Er liebte die Geräusche und das Zittern, dass er Andrew damit entlocken konnte. Es war eine der wenigen Stellen, wo Neil das Gefühl hatte, Andrew wenigstens ein bisschen von dem wiedergeben zu können, was dieser ihm gab.

„Ja“, bestätigte Neil und biss sich auf die Unterlippe, während er darauf wartete, dass Andrew irgendwas sagte, irgendwas tat.
Wie üblich tat Andrew ihm nicht den Gefallen es schnell zu tun, sondern er sah Neil eine ganze Weile an, bevor er mit einem Seufzen, das an ein Stöhnen erinnerte, in seine Jackentasche griff und eine Packung Zigaretten herauszog. Er zündete zwei an und reichte Neil wortlos eine.
Verwirrt, aber gleichzeitig erleichtert darüber etwas zu haben, was er festhalten konnte – und eine fragwürdigen beruhigenden Effekt auf ihn hatte – nahm er sie an.
Eine Weile lang saßen sie so beieinander. Neil hatte sich vorsichtig in gut einem Meter Entfernung von Andrew auf die Dachkante gesetzt.

Die Stille zwischen ihnen vertraut, genau wie der Ort und die Gesellschaft des anderen. Und zum ersten Mal seit über einer Woche fühlte Neil Ruhe und Frieden.
Selbst wenn sein Magen noch immer rebellierte, wenn er an den Grund dachte, weshalb er hier war, so war es doch das erste Mal seit mehreren Tagen, dass sie beide einander auch nur annährend so nah waren, sowie früher. Sicher, es fehlten die Berührungen, es fehlte die Nähe...aber sie waren hier. Es war nicht mehr der Make-Out-Session im Geräteraum im Foxhole Court zu vergleichen. Hier waren sie einfach nur bewusst in der Präsenz des anderen, in ihrer eigenen Sphäre, die sie um sich herumgebaut hatten. Zusammen. Es löste den Druck auf seiner Brust und endlich konnte Neil frei atmen.

Als Andrew mit seiner Zigarette fertig war und Neil ihm wortlos seine gab, die erst zur Hälfte runtergebrannt und fast erloschen war, ohne einen belebenden Atemzug, unterbrach Andrew schließlich die Stille.
„Hör mir jetzt ganz genau zu, Junkie. Du hast mich nicht bedrängt. Hättest du es getan, hättest du es gemerkt. Spätestens dann, wenn dir ein Messer zwischen den Rippen gerammt wird.“
Neil starrte Andrew an, irritiert und erleichtert und verwirrt. Kein Gefühlscocktail, den er schätzte.
„Aber ich dachte...“
„Ah, denken. Nicht grade deine Stärke. Ein zu hohes Verletzungsrisiko für dich. Lass mich es dir erläutern und hör genau zu, denn ich wiederhole mich nicht gerne: Du hast nichts getan, was ich nicht auch wollte. Du warst nicht wie sie...wie ER. Hast du verstanden? Ich würde dich nicht lassen. Du würdest dich selbst nicht lassen.“

Neil öffnete den Mund um etwas zu sagen, doch Andrew brachte ihn mit einer resoluten Geste zum schweigen. Er war noch nicht fertig.
„Ich hätte `Nein´ sagen können, Junkie. Es war übereinstimmend. Sowie all die Male davor. Glaub nicht, dass ich deine Samthandschuhe brauche.“
Die Erleichterung über diese Bestätigung, die Tatsache, dass es Andrew nicht störte und es nicht seine Schuld war, entließ ein bizarres Gefühl von Leichtigkeit. So, als wenn er plötzlich leicht wie eine Feder wäre. Als könnte sein Herz den Waagentest des altägyptischen Gott des Todes Anubis bestehen. Kevin hatte kürzlich eine Dokumentation über Ägypten gesehen und Neil hatte sich gefragt, ob sein Vergangenheit und all die Dinge, die er getan und ertragen hatte, sein Herz wohl schwerer oder leichter machte als eine Feder. Im Moment fühlte er sich so, als könne er dieses Urteil mühelos bestehen, wenn er an so etwas absurdem glauben würde.

Allerdings hielt dieser Moment nur einen Augenblick an, bevor ihm klar wurde, dass er somit immer noch nicht wusste, was dann diese Distanz zwischen ihm und Andrew verursacht hatte. Was  das Gewicht schlagartig wieder zurück brachte.
„Das habe ich nie geglaubt. Aber ich dachte, das wäre der Grund weshalb es im Moment anders ist zwischen uns. Aber wenn ich nichts getan habe und es nicht an mir liegt...was ist es dann?“
„Ich habe nicht gesagt, dass es nicht an dir liegt.“
„Aber du sagtest, ich hätte nichts falsch gemacht“, beharrte Neil eindringlich und lehnte sich ein Stück weiter nach vorne. Andrew bließ ihm Rauch als Antwort ins Gesicht, aber da Neil sich nicht zurückzog, verdrehte Andrew die Augen und antwortete schließlich doch.
„Das hast du auch nicht.“
„Dann verstehe ich es nicht.“
„Welch Überraschung.“ Andrew schnaubte.
„Wenn es nichts ist, was ich getan habe...dann hat es etwas mit dir zu tun“, schlussfolgerte Neil weiter.

Andrew warf die Kippe plötzlich über den Rand des Daches. Neil war versucht zu sehen, ob sie einen der Studenten, die dort unten zwischen durch lang liefen wohl getroffen wurde, aber sein Blick war wie gefesselt. Andrews Kiefer war angespannt, seine Augen starrte über den Campus, aber Neil war sich sicher, dass Andrew nichts von der nächtlichen Umgebung sah.
Er schien darüber nachzudenken, was er darauf antworten sollte – sofern er überhaupt gewillt war darauf zu antworten.

„Bist du deshalb öfter bei Dobson?“
„Es ist unfassbar, Sherlock. Manchmal sagst und tust du so etwas unsagbar Dummes, wie anzunehmen, du könntest mich mit einem Knutschfleck abschrecken, mich weiterhin von dir nerven zu lassen. Auf der anderen Seite schaffst du es logische Schlussfolgerung zu ziehen was annährend auf fortschrittliche Intelligenz hindeutet.“
„Mich zu beleidigen funktioniert nicht und das weißt du.“ Neil hätte gerne hinzugefügt, dass er dafür viel zu genau wusste, wie Andrew küsste und wie er scharf die Luft einsog, wenn Neils Zunge vorsichtig seine Kehlgrube berührte oder wie sein Körper zitterte, wenn er an den Sehnen an seiner Halsseite knabberte, um sich davon ablenken oder provozieren zu lassen. Andrew konnte nicht verleugnen, dass er Neils "nerven" etwas abgewinnen konnte. Und je mehr er betonte, es sei nicht so, desto mehr fühlte Neil sich darin bestätigt - unter normalen Umständen.

Neil zweifelte ja schon selbst an seiner Intelligenz hinsichtlich dessen, dass er sich seit Tagen den Kopf darüber zerbrach was Andrew dazu gebracht haben könnte sich zurückzuziehen und ihn zu meiden. Andrew fucking Minyard, dessen brutale Ehrlichkeit genauso scharf war wie seine Messer. Der vor keinem Kampf flüchtete und ums verrecken nicht lernen wollte sich zurückzuhalten. Ähnlich wie Neil, mit dem Unterschied, dass Andrew besser darin war diese zu gewinnen. Andrew war ein Anstifter, jemand, dessen Taten viel mehr über ihn aussagten als das, was er sagte – oder auch nicht sagte. Dessen Apathie eine sorgfältig aufgebauter Schutzmechanismus war, so existenzell, dass Andrew ohne sie nicht mehr existieren konnte und der zu clever war, als dass man ihn hinter das Licht führen konnte. Der tat, was getan werden musste, völlig unanbhängig davon, was mit ihm geschah.

Neil seufzte leise und lehnte sich resignierend zurück, weiter aus Andrews persönlichen Raum heraus. Das Bedürfnis seine Hand nach Andrew auszustrecken und ihn zu berühren, fühlte sich an wie der brennende Durst nach einem fünfstündigen Training. Als würde man es nicht überleben können, wenn man es jetzt nicht sofort tat.
„Wenn du es mir nicht sagen willst, dann ist das für mich okay.“
Es stimmte. Andrew musste sich vor ihm nicht rechtfertigen. Es gab eine Menge Dinge, die sie einander noch nicht erzählt hatten. Und wenn Andrew im Moment grade etwas mit sich selbst auszumachen hatte und Neil nicht daran teilhaben lassen oder auch nur in seiner Nähe wollte, dann würde er das ohne jede Hinterfragung akzeptieren. Aber es gab eine entscheidende, elementare Frage, bevor Neil Andrew seinen gewünschten Raum geben konnte. Eine Frage, vor deren Antwort Neil sich fürchtete, weil er glaubte sie bereits zu kennen.

„Ist mit uns denn alles in Ordnung?“, fragte er schließlich zögerlich, weil er nicht genau wusste, wie er sonst danach fragen sollte, nach ihrem `Nichts´. Ob das, was auch immer mit Andrew los war, auch Konsequenzen für sie beide als `wir´ und `uns´ hatte, selbst wenn es hauptsächlich Neil war, der sie beide so definierte, oder es nur Andrew alleine betraf.
Sekunden wurden zu Minuten und Neil wusste, was dieses Schweigen implizierte.
Er hatte es befürchtet, doch das machte die Gewissheit nicht weniger beunruhigend und beängstigend.
Es gab eine Menge Dinge, vor denen Neil im Leben Angst gehabt hatte. Er war jeden Morgen mit Angst aufgewacht. Auch die Angst die zu verlieren, die ihm etwas bedeuteten hatte er kennen gelernt, insbesondere seitdem er bei den Foxes war.

Er hatte Angst davor einen schwerwiegenden Fehler zu machen und Ichirou Moriyama einen Grund zu geben denjenigen weh zu tun, die ihm etwas bedeuteten. Er hatte Angst davor gehabt, was Lola, Romero und Jackson ihnen antun würden, als sie ihn damals in die Enge getrieben hatten, um ihn nach Baltimore zu schaffen. Er hatte Angst davor gehabt, was mit Andrew passieren würde, sollte Neil ihn nicht dazu bewegen können, sein Versprechen ihn zu beschützen aufzugeben. Andrew, der dieses Versprechen gelöst, aber dennoch alles getan hatte, um Neil zu finden – einschließlich Kevin an die Kehle zu gehen und somit das Versprechen zu brechen, was er Kevin gegeben hatte. Für Neil. Um ihn zu finden.
Die Erinnerung verdoppelte das Gewicht in seiner Brust und machte das Atem zu einem Kraftakt. Neil biss sich auf die Lippe, bis seine Gedanken sich auf den Schmerz und nicht länger auf seine Erinnerung fokussierten.
Neil schluckte den metallischen Geschmack von Blut runter, der sich in seinem Mund ausbreitete, bevor er wieder anfing zu sprechen.

„Das zwischen uns bedeutet etwas. Es bedeutet MIR etwas. Ich werde darum kämpfen, Andrew. Ich werde nicht einfach aufgeben, bis du mir sagst, dass ich gehen soll. Ich hab dir gesagt, dass es immer ein `Ja´ sein wird. Das habe ich ernst gemeint.“
„Hör auf!“ Neil zuckte zusammen, als Andrew abrupt aufstand und marschierte über das Dach in Richtung der manipulierten Tür.
„Hör du auf, vor mir wegzulaufen!“, rief er ihm nach und seine verletzten gezielten Worte, trafen ziemlich akkurat. Andrew blieb in der Mitte so ruckartig stehen, als würden ihn Ketten halten, deren Ende er erreicht hat und die sich spannten. Nur dass es Neils Worte waren, die ihn fesselten und an Ort und Stelle hielten.

Seine Gestalt im schwachen Licht des Mondes, das durch die Wolken schimmerte, erinnerte Neil an eine Messerklinge, die in egal welcher Größe erheblichen Schaden anrichten konnte. Andrews blondes Haar sah aus, wie ein Heiligenschein und schimmerte sanft im weißlichen Licht, seine scharfen Umrisse warfen lange Schatten und seine aufrechte Haltung erinnerte Neil an jemanden, der sich für etwas wappnete und sich weigerte schwach dabei auszusehen. Wie jemand, der Schläge erwartete und anstatt sich wegzuducken sich aufrechter hinstellte, mit diesem letzten Akt der Rebellion zu zeigen, dass man sich nicht fürchtete, eine Provokation für seinen Angreifer, die Andrew definitiv schon mehr als einmal angewandt hatte.
Es war keine typische Reaktion. Mehr Trotz als Mut.

Neil war ebenfalls aufgestanden, im Begriff ihm zu folgen, doch als er ihn nun so da stehen sah, wagte er es nicht näher zu kommen. Andrew kam ihm vor, wie ein wildes Tier, das mit jeder Bewegung in seine Richtung nur noch mehr in die Ecke getrieben werden würde und verdammt nochmal bereit war sich zu verteidigen. Neil hatte dies bisher nur ein einziges Mal erlebt. Damals, in Baltimore, als Andrews Selbstbeherrschung durch Neils Verschwinden in Stücke gerissen worden war. Woher besaß Neil nun diese Macht exakt das Gleiche zu tun, nur dass Andrew dieses Mal nicht in Aggressionen und Gewalt ausbrach.

„Du hast mir gesagt, dass ich aufhören soll zu fliehen. Dass ich mir ein Rückgrat wachsen lassen soll. Wenn du mir nicht sagen willst, was los ist, dann akzeptiere ich das. Aber finde heraus, was du verdammt nochmal willst, Andrew. Und sag es mir, wenn du es weißt!“
„Sonst was?“ Andrews Stimme klang rau und gepresst, wie durch zusammengebissenen Zähnen. Als müsste er die Worte aus seiner Kehle heraus zwingen.
Diese Frage hätte Neil am liebsten mit einer Lüge beantwortet. Aber weder er noch Andrew würden sie glauben. Er konnte Andrew nicht sagen, dass es ihm egal wäre und sich damit zufrieden geben würde, was Andrew ihm gab – die flüchtigen Berührungen und eine plötzliche Zurückweisung völlig aus dem nichts, an der Neil angeblich nicht Schuld war.
Oder dass er mit den Schultern zucken und ihr `Nichts´ abharken würde, denn das konnte er nicht.
Aber die Frage war eher...konnte Andrew es?

„Ich weiß es nicht...aber ich glaube nicht, dass es funktionieren wird. Ich kann dich sehen, aber dich nicht erreichen. Ich versuche dich zu verstehen und dir Freiraum zu geben, aber es macht mich verrückt, weil alles ein einziger Widerspruch ist. Du hälst dich von mir fern, du meidest mich. Bewusst. Und dann stehst du direkt vor mir, du küsst mich und ich denke jedes Mal, dass ich nichts anderes will, als genau das. Als dich. Und dann verschwindest du wieder. Es ist wie Rauch einfangen. Nur dass du bewusst entschieden hast dieser Rauch zu werden und ich begreife nicht wieso oder was ich tun kann. Ich werde dich verlieren. Und es tut weh, Andrew. Ich möchte kämpfen, aber du musst mich lassen. Hör auf vor mir weg zu laufen.“
„Ich laufe nicht vor dir weg. Ich beschütze dich, weil du nicht clever genug bist, von selbst zu gehen“, knurrte Andrew ungehalten und wirbelte zu Neil herum.

Seine gleichgültige Maske wirkte gebrochen. Sein Gesichtsausdruck hatte sich bis auf die angespannten Kiefermuskeln nicht verändert, doch in seinen Augen glitzerte eine dunkle Woge an Emotionen. So viel bodenlose Wut. Sie schwappte wie Teer aus Andrews Augen, gradewegs aus einer tiefen Dunkelheit, in die er sie sonst immer vergrub. Wut geboren aus Hilflosigkeit, Verzweiflung, Angst und Selbsthass. Eine Wut, geboren aus Verrat, Abscheu und Einsamkeit. Aus diesem grausamen, selbstzerstörerischen Zug, den Andrew an sich hatte und der dafür sorgte, dass er all diese Dinge gegen sich selbst richtete.
Neil wusste es besser, als Andrew jetzt zu berühren, genauso wie er immer gewusst hatte, dass Andrew sehr wohl Gefühle besaß.

„Ich bin kein Exy-Ball, den du vor den anderen Mitspielern beschützen und dann wegschlagen kannst.“
„Oh, natürlich, eine Exy-Metapher. Was auch sonst. Ich beschütze dich nicht vor anderen. Sondern vor dir selbst. Ich meinte es so, wie es ich sagte...hör auf.“
Neil öffnete den Mund, um zu kontern, um zu erwidern, dass er nicht vor sich selbst beschützt werden musste, – jedenfalls nicht mehr so stark wie früher – als dieses `hör auf´ plötzlich bis ins Mark traf. Seine Augen weiteten sich entsetzt.
„Willst du es beenden?“
„Ich will nichts...“, antwortete Andrew leise, drehte sich um und verließ das Dach.  

Der Mittwoch war ein verschwommener Schleier, der nur so an Neil vorbei rauschte.
Die Unterhaltung auf dem Dach hatte seine Nerven blank gelegt und nicht im geringsten dazu beigetragen, dass er Andrew nun besser verstanden.

Im Gegenteil. Es war noch verwirrender als vorher und er saß ziemlich lange auf dem Dach, bevor die Kälte seine Finger selbst in den Taschen seiner Jeans taub werden ließen und er beschloss reinzugehen. Danach war er ins Bett gegangen, ohne nach seinen Teamkollegen zu sehen. Noch war Dan Captain und es ihre Verantwortung. Sofern sich jemand, der die PSU Foxes anführte sich überhaupt groß für die Taten ihrer dsyfunktionalen Teammitglieder verantwortlich fühlen konnte. Sie waren immerhin alle erwachsen und volljährig. Es war eher so, dass man sich umeinander kümmerte, weil ihr Team eine Familie war – sobald die Hierarchie sich gesetzt hatte. Wobei Neil sich wohl ziemlich zusammenreißen müsste, um Jack daran zu hindern nicht an einer Alkoholvergiftung zu sterben.

In seinem Bett zu liegen hatte allerdings auch nicht dabei geholfen irgendwelche Klarheit zu erlangen.
Eigentlich würde er einfach warten, bis sich das Puzzel von alleine ergab, bis Andrew bereit war mit ihm zu reden, so wie Neil die komplizierten und komplexen Schichten von Andrews Sexualität handhabte, wo er stetig mehr Vertrauen erfuhr und lernte, was Andrew mochte und was nicht und welche Berührungen schwierig und schwer zu ertragen waren und welche ihn schärfer einatmen oder seine Muskeln subtil zucken ließen, weil es angenehm und erregend war.

Doch er befürchtete, dass, wenn er weiterhin wartete, er Andrew komplett verlieren würde.
Eine beklemmende, nagende Angst hatte sich ausgebreitet und hielt Neil ziemlich fest im Griff fangen.
Irgendwann döste er doch weg. Coach Wymack hatte das Morgentraining ausfallen lassen, was bedeutete, dass sie länger schlafen konnten, was allerdings für gewisse stark verkarterte Personen – Kevin – auch kein besonders großer Segen war.
Als Neil am Mittwoch aufstand für die letzten – unnötigen – Stunden Unterricht sah er wie ein schlaftrunkener Kevin mechanisch Kaffee kochte und eine Pille aus seiner Box schüttelte, die vermutlich Schmerztabletten enthielten, die seine härmenden Kopfschmerz in ein erträgliches Pochen verwandeln sollte.
Neil schlurfte ebenfalls nicht sonderlich wach zum Bad, als exakt in dem Moment die Tür aufging und Andrew heraustrat.

Ein Eimer kaltes Wasser oder eine gepfefferte Backpfeife seiner Mutter, wenn sie glaubte, Neil würde mit einem Mädchen flirten, war nicht annährend so effektiv wie Andrews Anblick. Er war bereits fertig angezogen und sein Gesicht wie üblich bar jeder Emotion außer Gleichgültigkeit die an Langeweile grenzte. Doch die dunklen Schatten unter seinen Augen hätte bestenfalls Allison wegschminken können. Dieser kleine, sichtbare Hinweis, dass die ganze Angelegenheit auch nicht spurlos an Andrew vorbei ging, tat irgendwas mit Neils Inneren. Er wollte die Hand ausstrecken und Andrew berühren. Und wahrscheinlich hätte Neil dies auch getan, hätte Andrew sich nicht schließlich doch dazu entschieden den Blickkontakt, der sie beide festhielt, zu beenden. Er ging an Neil vorbei und schaffte es ihn dabei nicht zu berühren - und Neil hatte keine Ahnung wie Andrew dies schaffte, besonders im Anbetracht der Tatsache, dass Neil direkt vor der Tür stand.
Andrew weggehen zu sehen, sorgte dafür, dass seine Haut kratzte und sein Magen sich gleichzeitig umdrehte.
Als Neil im Bad fertig war, war Kevin wenigstens annährend lebendig genug, um seinerseits ins Bad zu gehen um sich in einen halbwegs funktionierenden Menschen zu verwandeln.
Andrew saß auf der Couch, in einer Hand eine dampfende Tasse, in der sicher kein Kaffee war, in der anderen ein Buch.
Nicht zu ihm hinzugehen kostete Neil einiges an Überwindung und gleichzeitig wollte er auch nicht zu ihm gehen.
Stattdessen ließ er sich in der Küche auf einen der Hocker nieder und zog die neuste Ausgabe des Exy-Sportmagazines herüber, dass Kevin praktisch seit Tag eins der Unternehmensgründung abbonniert hatte.

Er blätterte hindurch, kam allerdings kaum 5 Seiten weit, als Andrew das Buch plötzlich durch den ganzen Raum warf. Neil zuckte überrascht zusammen und sah dabei zu, wie es gegen die Wand krachte, knapp neben dem Fernseher und von dort wie ein abgeschossener Vogel auf den Boden klatschte.
Danach war es still, bis auf das gedämpfte Geräusch von Wasser aus der Dusche und dem Podcast, den Kevin auf laut gestellt hatte und nebenbei laufen ließ.
Andrew saß reglos da und machte keine Anstalten sich zu bewegen, es aufzuheben oder irgendwas zu sagen. Seine Hände lagen nur fest um die heiße Tasse, deren Dampf wild wabernd aufstieg. Sie musste viel zu heiß sein, um sie mit beiden Hände festzuhalten, so fest, dass Neil befürchtete, das billige Keramik würde nachgeben und brechen.

Er wollte aufstehen und Andrew die Tasse aus der Hand nehmen. Allerdings war er sich seit gestern Nacht nicht sicher, wie Andrew darauf reagieren würde. Ob es ihn noch mehr aufreiben würde, als ohnehin schon. Immerhin hatte er sich in den Kopf gesetzt, Neil vor sich selbst zu schützen, was unter anderem beinhaltete sich von ihm fernzuhalten. Ein Umstand, der verwirrend, unbegreiflich, frustrierend und schmerzhaft war. Welche Gefahr stellte Andrew für Neil da? Inwiefern schützte Andrew Neil damit ihn dieses Ping-Pong-Match an gegenteiligen Signalen zu senden?

Grade, als Neil beschloss doch aufzustehen, anstatt weiter so zu tun, als würde er den Artikel über die verschiedenen Fabrikate von Exy-Schlägern im Verbrauchertest lesen, ging die Badezimmertür auf. Kevin trottete heraus, die Haare ein feuchtes Chaos. Er blinzelte gegen das Licht, das eigentlich wesentlich weniger grell war, als im Bad, weshalb Neil nicht verstand, weshalb es ihn zu stören schien und entdeckte schließlich Neil in der Küchennische und Andrew auf der Couch und sein Gesicht verzog sich zu einer verdrießlichen Miene, als er eins und eins zusammenzählte.

Genervt fuhr er sich durch seine nassen Haare und stampfte dann ins Schlafzimmer, als würden Neils und Andrews Probleme ihn persönlich betreffen. Als würde Kevin sich damit auseinandersetzen, sich stundenlang den Kopf darüber zerbrechen und diese panische Angst haben, jemanden zu verlieren, der für Neil so wichtig geworden war, dass die bloße Vorstellung ihm die Kehle zu schnürte.
Es war absolut dumm so zu empfinden. In dem Punkt hatte Andrew Recht. Neil hatte schon damals, als er noch sicher war, dass er im Frühjahr sterben würde, sich viel zu sehr an Andrew gelehnt, zugelassen, dass er ihm unter die Haut ging, dass er Dinge aus Andrews Anwesenheit zog und Dinge für ihn empfind, die absolut unangebracht waren – allerdings war Neil davon ausgegangen, dass es von Andrews Seite nur sexuelle Anziehung war und er nicht lange genug leben würde, um es zu bereuen oder auch nur annährend die Folgen davon zu empfinden, sollte er für Andrew fallen. Und das war er. Zur Hölle, und wie er das war. Tief und gnadenlos und berauschend.

Sie sprachen nicht groß über Gefühle. Es spielte keine große Rolle für sie und anders als beispielsweise Nicky, brauchten sie keine ständige, verbale Rückversicherung durch den anderen. Sie wussten es schon zu schätzen, überhaupt im persönlichen Raum des anderen gewollt zu sein und wussten wie wertvoll es alleine war, bei jemanden seine Schutzmechanisen fallen lassen zu können. Jemanden zu haben, der einen berührte und jemanden zu haben, der darauf hörte, wenn man Grenzen zog und diese respektierte.
Das Kevin sich nun aufführte, als würden seine Eltern sich streiten und er darüber schmollen, machte Neil so wütend, dass er zu gerne ins Schlafzimmer stiefeln und Kevin ins Visier seiner scharfen Zunge zu nehmen. Allerdings wusste er, dass das nur einen Streit vom Zaun brechen würde.

Als Kevin schließlich fertig angezogen aus dem Schlafzimmer kam und beide ihn ignorierten, warf er genervt die Hände in die Luft.
„Was soll das hier? Das ist absolut bescheuert. Setzt euch zusammen und redet miteinander! Oder habt ihr Schluss gemacht?“
„Halt die Klappe“, fauchte Neil, bevor er sich zurückhalten konnte. Alleine die bloße Tatsache, dass Kevins letzter Satz plötzlich im Rahmen des Möglichen war, ließ sein metaphorisches Messer tiefer eindringen und es langsam umdrehen.
Sein Ausbruch war offenbar heftiger als erwartet, denn Kevin sah ihn mit großen, überraschten Augen an und er spürte das Gewicht von Andrews Blick auf sich, als Neil aufstand, das Magazin über den Tresen in Kevins Richtung pfefferte und dann zum Kühlschrank marschierte um sich etwas zu trinken zu nehmen.
Seine Wangen fühlten sich heiß an und seine Finger wollten sich instinktiv in eine Faust zusammenrollen.

Andrew war aufgestanden und knapp vor Kevin stehen blieben. Die Tatsache, dass Kevin größer war und Andrew den Kopf ein Stück weit in den Nacken legen musste, sollte die ganze Szenerie absolut lächerlich aussehen lassen, aber Kevins Schultern sanken ein Stück weit herab und sein zuvor verärgerte Ausdruck, wich einer Spur von Unsicherheit.
„Gib mir keinen Grund dir weh zu tun. Es geht dich nichts an, was mit uns ist. Es hat keinen Einfluss auf dein dämliches Spiel, also spar dir deine Kommentare, Day.“
Andrew marschierte zur Spüle und entleerte seinen unangerührten, noch immer dampfenden Kakao in ihr. Nicht ein Schluck hatte er getrunken. Als er die Tasse ausspülte und auf das Abtropfgitter stellte, erhaschte Neil einen Blick auf die dunkelroten Handflächen. Wie fest hatte Andrew die verdammte Tasse festgehalten?

„Wir feiern morgen alle zusammen Thanksgiving bei Abby. Das heißt, was auch immer für ein Drama zwischen euch abgeht, betrifft uns alle.“
„Dann lass es mich anders formulieren. Zwing mich nicht dazu dich morgen bluten zu lassen. Ich mag meinen Kuchen ohne einen Extraschuss an Plasma, Erythrozyten, Thrombozyten und Leukozyten.“
Unter anderen Umständen hätte Neil es wohl lustig gefunden, wie Kevin genervt die Hände in die Luft warf und widerwillig das Thema fallen ließ. Oder dass Andrews eidetisches Gedächtnis dafür sorgte, dass er tatsächlich alle Bestandteile des menschlichen Blutes benennen konnte, auch wenn er laut eigenen Aussagen, Biologie absolut langweilig fand. Aber vermutlich hatte er das nur gesagt, um Aaron zu nerven.

Neil traute Andrew zu eine Doktorarbeit zu schreiben, nur damit er am Ende auch Dr. Minyard war, um seinen Zwilling ans Bein zu pissen, dessen Ziel es war Medizin zu studieren. Er provozierte nun einmal gerne.
„Wenn du Kuchen willst, musst du ihn übrigens selber kaufen. Abby meinte, sie hat nicht genug Platz und vorallem Backöfen dafür und weigert sich, meinem Vater einen backen zu lassen. Sie meint, so lange er die Küche nicht aufräumt, will sie nichts essen – oder ihren Gästen servieren – was dort entstanden ist.“
Andrew zuckte mit den Schultern und spielte an den schwarzen Armbändern unter den Ärmel seines schwarzen Hoodies, die die Narben vergangener Zeiten verbargen.

„Ich hab den letzten Sommer auch beim Coach zuhause überlebt“, erwiderte Neil, sich dazu zwingenden sich auf die Konversation mit Kevin, statt auf Andrew zu konzentrieren.
„Das ist nicht sonderlich beruhigend“, bemerkte Kevin trocken.
„Sein Verständnis von Überlebensstandard und Essen ist vermutlich genauso fehlinterpretiert, wie sein Fehlgebrauch von `Mir geht es gut´“, bemerkte Andrew knapp und Kevin nickte zustimmend, allerdings gleichzeitig unschlüssig, was er von dieser Bemerkung halten sollte. Ähnlich ging es Neil, doch ihnen blieb nicht mehr sonderlich viel Zeit.

Andrew hatte nun ein Seminar zu „Erziehung, Resozialisierung und Behandlung von Straftätern“.
Strafrechtspflege zu studieren war weniger das Bestreben seine Vergangenheit hinter sich zu lassen und als glorreiches Beispiel voranzugehen, sondern viel mehr die Tatsache, dass die zynische Ironie dahinter Andrew gefiel – abgesehen davon hatte er eine Vorliebe dafür die Professoren mit seinen eigenen Erfahrungen im Jugendgefängnis zur Weißglut zu treiben. Ein Provokateur im Herzen.
Jetzt, wo er keine manische Fröhlichkeit erzeugenden Drogen mehr zu sich nahmen, begnügte sich Andrew allerdings damit meistens stoisch alles abzusitzen und nur hin und wieder, wenn ihm der Sinn danach stand, seine Professoren mit der harten Realität bloßzustellen.

Besagtes Seminar fand nicht unweit von Neils Sportpsychologieseminar statt. Nachdem Spanisch als sein Hauptfach den eigentlichen Sinn und Zweck verloren und Neil zu mathematischen Wissenschaften als Hauptfach gewechselt war, hatte Neil den einen oder anderen Kurs dazu gewählt, der ihm möglicherweise innerhalb seiner Exy-Karriere und irgendwann danach hilfreich sein könnte. Vielleicht würde er irgendwann als Coach arbeiten...oder als Lehrer für Mathe und Sport. Sich solche Dinge soweit in der Zukunft vorzustellen war seltsam und bizarr, aber erzeugte gleichzeitig eine Art aufregetes Flattern irgendwo in der Gegend seines Nabels.
Normalerweise gingen sie beide gemeinsam, auch wenn Neils Kurs später anfing.
Doch er war entschlossen Andrews Wunsch nach Raum zu akzeptieren – und ihm dies auch eindeutig zu zeigen.

Er stopfte seine Sachen in seine Tasche und verließ das Zimmer mit einem knappen „Bis später“, sich nicht darum scherend, ob Kevin darin möglicherweise wieder Motivation sehen würde, Andrew nach ihren Problemen auszufragen und Andrew möglicherweise nach dem Mord an Kevin selbst wieder einen Strafpfleger brauchen würde, aber es war nichts Neils Job auf Kevins vorlautes Mundwerk zu achten. Er schaffte es ja kaum auf sein eigenes zu achten.

Also saß er die Zeit vor dem Seminarraum ab und ließ sich von ein paar anderen Sportstudenten über das gestrige Spiel ausfragen. Exy war zumindest ein Thema, über das er auch mit fast Fremden sprechen konnte, so fremd man sich halt war, wenn man im selben Wohnheim lebte.
Der Unterricht hingegen war ein wenig informatives Zeit Tod schlagen, sowohl für die Lehrkräfte, als auch die Studenten und als endlich die Mittagszeit erreicht war und Neil in der Kantine sich ein Gericht rauspickte, dass am wenigsten Gemüse besaß, bevor er sich zu Matt, Dan, Allison und Renee setzte, die ihm freudig rüber winkten. Nach kurzem Zögern visierte er den Tisch an und Renee schob mit ihrem freundlichen Lächeln, das Neil am Anfang so unbehaglich war, ihr Tablett ein Stück zur Seite, um ihm genug Platz zu machen, dass er sich in ihre Unterhaltung einklingen konnte, sofern er wollte.
Sonderlich groß war die Motivation jedenfalls nicht.
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