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Don´t tell me, that you love me

von Yougirl
GeschichteRomance, Schmerz/Trost / P16 / MaleSlash
Andrew Minyard Neil Josten
10.04.2021
04.11.2021
10
43.671
1
Alle Kapitel
12 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
16.04.2021 3.351
 
Hallo ihr Lieben! Hier ist das zweite Kapitel! :)
Kleiner Anmerkung vorweg, ich weiß, dass Robin eigentlich erst in Andrews Senior-Year auftaucht, nachdem Matt und Kevin schon ihren Abschluss gemacht haben. Dieses kleine Detail lasse ich jetzt mal großzügig weg. Sie hat keinen großen oder besonders wichtigen Anteil an der Story, don´t worry. ^^
Falls ihr einen Rechtschreibfehler findet, schenke ich den euch! :D
Ich wünsche allen ein wundervolles Wochenende und viel Spaß beim lesen! :D
Und ein ganz besonderer Dank gilt meinen beiden Review-Schreibern! Vielen Dank für eure lieben Worte! <3

Kapitel 2

Es hatte am Dienstag angefangen. Am Dienstag nach dem Training. Sie hatten Vermonts Line-up der letzten Spiele besprechen und Stärken und Schwächen diskutieren wollen. Kevin hatte sich so lange beschwert, bis sie alle nach dem Training sich im Gemeinschaftraum versammelt hatten. Sie hatten Essen bestellt, Neil war mit Jack aneinander geraten und sie beide liefen noch ihre Strafrunden ab, bevor sie sich duschen und umziehen gingen, deshalb hatte Andrew für ihn mitbestellt.
Vermutlich hatte er nur wortlos auf die Pizza in der faltbaren Broschüre gezeigt, von der er wusste, dass Neil sie nicht verschmähen würde – was bedeutete, sie besaß kein Gemüse und kein Fleisch und viel zu viel Käse – dennoch schien dies bei Allison Selbstgefälligkeit und bei Nicky Freudenanfälle auszulösen.
Jedenfalls waren die wenig subtilen Kommentare noch nicht durch ein gezogenes Messer oder eine kreative Morddrohung beendet worden, als Neil und Jack ihren Teammitgliedern Gesellschaft leisteten.

„Wie nötig kann man es eigentlich haben, sich MINYARD auszusuchen um mit ihm ins Bett zu gehen? Oder sind das irgendwelche kranken und perversen Fantasien, die du von deinem Vater hast und du hast dir deshalb einen Kerl aussuchst, der genauso mit Messern herumhantiert und droht Leute aufzuschlitzen?“, fragte Jack in gespielt gedämpften Ton, was bedeutete, dass so ziemlich jeder ihn hören konnte. Er konnte es nun mal nicht lassen Neil nicht auf die Nerven zu fallen. Für ihn und Sheena war das wie Atmen.

„Wenn du irgendetwas über meinen Vater wüsstest, dann wüsstest du, dass er nicht gedroht hat, Leute aufzuschlitzen, sondern es tatsächlich GETAN hat“, antwortete Neil, genervt und gereizt von den neusten Provokationsversuchen.
Er marschierte ohne seinen unaufstehlichen Teamkollegen noch eines Blickes zu würdigen an diesem vorbei und setzte sich neben Andrew auf die Couch. Seine Körperwärme und seine unerschütterliche Präsenz sorgten dafür, dass Neil Jacks Kommentar besser schlucken konnte – ohne dem dringenden Bedürfnis ihm eine reinzuhauen nachzugeben. Er entspannte sich, als seine Schulter die Andrews berührte und ihre Beine sich kaum merklich aneinander drückten. Sein vertrauter Geruch nach Rauch half ihm dabei ruhig zu bleiben. Jack hat ein Talent dafür sein Nervenkostüm in Stücke zu reißen und in Neil den Wunsch zu wecken Nathaniel Wesninski aus seinem Grab in Baltimore ausgraben zu wollen.

„Was hätte er wohl mit dir gemacht, hätte er gewusst, dass du auf Kerle stehst?“, fragte Jack stichelnd weiter und es klang fast wie eine ernstgemeinte Überlegung, wäre da nicht dieser gehässige Unterton in seiner Stimme, als er sich in den nächsten freien Sessel fallen ließ. Robin, auf dem Sofa neben besagten Sessel, rückte sofort weiter von ihm ab, bis sie fast bei Dan auf dem Schoss saß.
„Ich steh nicht auf Kerle“, antwortete Neil knapp und lehnte sich zurück, die Arme vor der Brust verschränkend, während er darauf wartete, dass Coach Wymacks Ankunft Jacks vorlaute Klappe vorerst ein Schloss verpasste. Denn Neils im Moment bevorzugte Methode dieses Ziel zu erreichen, würde vermutlich eine Suspendierung für das nächste Spiel gegen Vermont beinhalten – außerdem hatte Dan ihm einen ziemlich umfassenden Vortrag darüber gehalten, dass man am besten gewisse Personen – wie Jack – einfach reden lassen sollte. Allerdings schien sie ihren eigenen Rat nur schwer umsetzen zu können, bei ihrem harten Gesichtsausdruck und dem wütenden Blick, dem sie Jack zu warf.

„Naja, in gewisser Weise ja schon, oder?“, fragte Allison und gestekulierte in Neil und Andrews Richtung.
„Nein. Ich steh nicht auf Kerle...oder auf Mädchen. Ich sehe sie nicht auf diese Weise.“
„Aber ich dachte du bist...“, begang Robin und verstummte errötend. Ihr Selbstbewusstsein auch innerhalb des Teams tendierte gegen Null, vorallem wenn es um solche Themen ging.
„Schwul? Nein. Ich bin...demisexuell.“
Das Wort auszusprechen war immer noch ungewohnt. Neil hatte – nachdem er bereits mehrfach gegenüber Nicky dementieren musste, dass er schwul war – sich dazu durchgerungen sich mit den verschiedenen Sexualitäten auseinanderzusetzen. Es war nicht so, dass er unbedingt ein Label brauchte, um sich selbst zu definieren. Aber etwas gefunden zu haben, was zu ihm passte und das dem ganzen einen Namen gab, besaß trotzdem in gewisser Weise eine beruhigende Wirkung.
Allerdings hatte er bis zum heutigen Tage seine Sexualität nie laut vor dem Team deklariert. Nicht mal mit Andrew hatte er darüber gesprochen – allerdings eher, weil das Thema nie aufgekommen war. Und seine Sexualität unter anderem Gefühle für den Partner innerhalb der Beziehung voraussetztete, um überhaupt sexuell erregt zu werden. Sie beide sprachen nicht groß über ihre Gefühle. Sie benannten ja nicht mal ihre `Beziehung´ als solche. Aber Neil war dies egal.

Keiner konnte nachvollziehen, was für eine prickelnde Wärme es in ihm auslöste, wenn Andrew ihn küsste. Und keiner konnte begreifen, wie es war, wenn Andrew ihm genug Vertrauen schenkte, dass er seine Schultern oder seine Brust berühren durfte. Keiner wusste, was es Neil bedeutete, dass Andrews Blick ihm galt und zwar ständig. Sie mussten nicht Händchen halten oder auf `Dates´ gehen, wie Nicky es nannte.
Neil spürte wie Andrew sich neben ihn bewegte und ihn nun ebenfalls ansah. Sein Gesichtsausdruck war die übliche, blanke Maske, aber sein Blick war dennoch so intensiv, dass Neils Nackenhaare sich aufstellten.

„Was zum Teufel soll das heißen?“, fragte Jack, dessen argwöhnischer Blick zu dem von Aaron passte. Bisher hatte dieser die ganze Neil – Jack Fedhe ignoriert. Die beiden rasselten regelmäßig aneinander. Aber Neils Aussage bezüglich seiner Sexualität betraf in dem Fall auch seinen Bruder. Und das schien zumindest Aarons Aufmerksamkeit in Teilen zu wecken, so wenig er sonst auch über die Beziehung zwischen seinem Zwilling und Neil wissen wollte.

„Es bedeutet dass man sich erst zu einer Person körperlich und sexuell hingezogen fühlt, wenn man eine tiefergehende emotionale Bindung zu ihr aufgebaut hat“, erklärte Renee, die neben Allison saß und sanft lächelte.
Neil nickte knapp und erwiderte Andrews Blick, der nun wieder auf ihm lag, nachdem Renee ihre Erklärung beendet hatte. Eine schmale Furche erschien zwischen Neils Augenbrauen. Es war ungewöhnlich für Andrew so offen zu zeigen, dass er dem ganzen Geschehen seine Aufmerksamkeit schenkte und offenkundig interessiert war. Normalerweise verbarg er selbst das sorgfältig vor den anderen – außer vor Neil.
Ihn sah Andrew an, ohne zu verbergen, dass er ihn ansehen wollte. Und dieses Wissen sorgte immer wieder für ein warmes Gefühl irgendwo hinter Neils Rippenbogen.
Jetzt allerdings ging eine gewisse Spannung von Andrews Körper aus, er wirkte ziemlich verkrampft.

„Das heißt, man muss sich erst in die Person verlieben, bevor man sexuell von jemanden angezogen wird?“, fragte Robin, deren Interesse selbst ihre Befangenheit überwand.
„Oh Gott, stellt euch mal vor, man müsste jedem süßen Typ erst kennen lernen und sich in ihn verknallen, bevor man mit ihm in die Federn hüpfen kann. Wie hält man sowas aus?“, fragte Allison und winkte ungeduldig in Neils Richtung, der immer noch Andrews Blick begegnete.
Er blinzelte zwei mal, bevor er Allison ansah. Ungeduldig wiederholte sie ihre Frage und warf ihr blondes langes Haar theatralisch über die Schulter.
Neil zuckte mit den Schultern. „Ich war nie an jemanden interessiert.“
„Bis jetzt“, stellte Allison heraus und warf Andrew einen vielsagenden Blick zu, dem dieser nur mit stoischer Miene begegnete.
„Irgendwie ist das auch süß...ich meine, wenn der andere nur mit mir schlafen will, weil er mich gern hat. Wenn er nur meinetwegen Lust empfindet, weil er mich liebt“, bemerkte Robin, bevor sie hastig verstummte, ihre Wangen röteten sich vor Verlegenheit. Vermutlich war es ihr peinlich, dass sie derartig romantische Vorstellung ausgeplaudert hatte, vermutete Neil.
Neben ihm versteifte sich Andrew noch mehr. Fragend beugte Neil sich nach vorne und entdeckte grade noch aus den Augenwinkeln, wie Andrew seine Hände zu Fäusten ballte, bis seine Knöchel weiß hervortraten, bevor er seine Arme verschränkte und seine Hände unter dem Bizeps des jeweiligen anderen Armes verschwanden.

„Was nen Bullshit“, schnaubte Jack ablehnend, während Robin ihm einen finsteren Blick zu warf.
„Gut, dass du das so siehst, du bist nämlich keine liebenswerte Person“, verkündete sie schließlich und setzte sich ein Stück aufrechter hin. Dan klopfte ihr heimlich anerkennend auf den Rücken, als sie hörten wie die Eingangstür des Stadions ins Schloss fiel.
„Pizza – Service“, rief Nicky in diesem Moment und im Türrahmen erschien ein hoch aufgetürmter Stapel an Pizza Kartons auf zwei Beinen. Nicky lehnte sich an den Schachteln vorbei und grinste in die Runde. „Kevin hat fast einen Wutanfall bekommen, als ich ihm sagte, dass wir Pizza bestellen. Ich hab ihm gesagt, dass ich seine mit jeder verfügbaren Gemüsesorte belegen lassen werde. Also ist es technisch gesehen ein Salat auf Teig mit Tomatensauce und Käse. Es sind sogar Pastinaken drauf. Ich wusste nicht, was das sind, ich dachte, das sei sowas wie Pasta, aber ich glaube, ich hab mich geirrt.“

„Das liegt daran, weil deine Allgemeinbildung so mies ist“, rügte Kevin, der hinter Nicky hereinkam und genau zwei Kartons trug, da er sich anscheinend geweigert hatte mehr Kartons zu tragen. Den einen reichte er Andrew, mit dem anderen quetschte er sich auf Neils andere Seite.
Nicky zuckte mit den Schultern und stellte seine wackelige Ausbeute aus dem Tisch in der Mitte ab, wobei er großzügig – und zu Kevins und auch Neils Missfall – einige der letzten Line-up Aufstellungen von Vermonts Mountain Lions unter den fettigen Kartons begrub und andere auf den Boden fegte. Matt, der Nicky und Kevin gefahren hatte und dafür hatte sorgen müssen, dass Kevin für sich – und für die anderen – keinen Salat anstelle der Pizzen bestellte, küsste Dan und setzte sich dann auf das Sofa neben ihr.

Neil wartete, während die anderen ihre Pizzen aus den Stapel suchten und stupste vorsichtig Andrew mit dem Ellenbogen an, um dessen Aufmerksamkeit zu bekommen. Andrews Augen fanden die seinen sofort und sie sahen sich an. In Neils Augen war die stumme Frage zu sehen, was los war, aber Andrews Miene verriet nichts. Seine Schultern waren zwar noch immer merklich verspannt, allerdings konnte das auch daran liegen, dass ihm das ganze Gesprächsthema – das Thema Sex generell – möglicherweise nicht sonderlich behagte. Andererseits hatte Andrew noch nie Unwohlsein oder allgemein irgendein Missfall gezeigt, die auf seine eigenen vergangenen Erlebnisse zurückzuführen waren.

Andrew ging mit seinem eigenen Traumata völlig achtlos um. Als wären sie nicht von Bedeutung. Neil zweifelte daran, dass sich diese Einstellung geändert hatte – so sehr es Neil auch immer wieder bis aufs Blut reizte, wie Andrew mit Verbrechen gegen sich selbst umging. Allerdings konnte dies auch nur an Neils seltsam beschützerischen Zug Andrew gegenüber liegen. Noch nie in seinem Leben hatte Neil irgendjemanden beschützen wollen. Noch nie wäre er dafür bereit gewesen sich selbst mit jemanden anzulegen. Dies hatte er erst durch die Füchse und ganz besonders Andrew gelernt. Andrew, der lieber andere als sich selbst beschützte. Diesen Zug lernte Neil auch, allerdings schien sein Selbsterhaltungstrieb bisher nicht auf Andrew abzufärben.

„Deine Pizza“, bemerkte Matt und reichte Neil seine Ausbeute des heutigen Essens. Neil nahm die Schachtel ansich. Andrew klinkte sich während der anschließenden Exy-Diskussion nicht ein, was nicht ungewöhnlich war und Neil wurde von den Fakten, mit denen Kevin sie bombadierte ausreichend abgelenkt.
Es war kein weltbewegendes Thema gewesen. Genau genommen hatten sie nicht einmal richtig über Neils und Andrews `Nicht´-Beziehung gesprochen, nur darüber, wie sich Neils Sexualität definierte – ein Thema, dass eher Neil unangenehm sein sollte, als Andrew. Jedenfalls hatte es da angefangen. Als Andrew plötzlich Schulaufgaben dann erledigte, wenn Neil mit seinen fertig war oder zwischen der freien Zeit zwischen Unterricht und Training irgendwie `verschwunden´ war oder Blickkontakt und Gesprächen auswich. Wenn Neil von seinem morgendlichen Laufen wiederkam, machte er in der Regel Kaffee für sich und Kakao für Andrew. Allerdings war Andrew am Mittwoch morgen bereits fort gewesen und heute hatte er lange geschlafen – länger als Neil warten
konnte, um mit ihm zusammen was zu trinken und nicht zu spät zum Unterricht zu kommen.

Während er über die Geschehnisse nachdachte, kritzelte er kleine Bilder neben seiner halb aufgestellten Gleichung und zwang sich schließlich dazu die letzte Viertelstunde vor Mitternacht sich doch auf die Aufgaben zu konzentrieren.
Er zweifelte zwar stark an ihrer Richtigkeit, aber er war fertig, als Kevin und Andrew nach den ersten zwanzig Minuten des neuen Tages zurückkehrten.

Neil drehte sich auf seinem Drehstuhl um und sah ihnen beiden entgegen. Kevin warf ihm einen mürrischen Blick zu, der deutlich machte, dass er ihm noch nicht vergeben hatte, ihn beim Training sitzen gelassen zu haben und Andrew ging schnurstracks in Richtung Schlafzimmer. Neil sah ihm stirnrunzelnd hinterher. Nicht, dass Andrew sich sonst mit einer Begrüßung oder sowas aufhielt, aber er sah Neil wenigstens an, wenn er nachhause kam. Und meistens kam er zu ihm, sah er ihm über die Schulter und machte spöttisch neckende Kommentare bezüglich mangelnder Arbeitsfortschritte und dem Fakt, das Neils Disziplin bei Gleichungen scheiterte, aber er jeden Morgen konsequent zu, selbst für Renee unchristlichen Zeiten, aufstehen und laufen gehen konnte.
Das Ganze war frustrierend und beunruhigend und sorgte dafür, dass Neils Magen sich zusammenzog, auf eine unbekannte und ziemlich unwilkommene Weise.

Er wusste nicht was los war, er wusste nicht, wie er es wieder hinkriegen sollte und er wusste nicht, ob Andrew bereit war mit ihm darüber zu reden, wenn Neil es ansprechen würde.
Kevin sah von der angelehnten Schlafzimmertür zu Neil, der den Blick nicht erwiderte, sondern nur seine Sachen in seine Tasche stopfte und dann ebenfalls ins Schlafzimmer ging.
Andrew hatte sich bereits umgezogen, vermutlich darauf vertrauend, dass Kevin und Neil nicht reinplatzten, wenn er sich umzog.
Jetzt jedenfalls saß er auf seinem Bett und blätterte – dank sich als falsch erwissendere Buchallergie – durch ein eben solches.

Neil streifte sich sein Shirt ab und ließ seine Hose sofort folgen, mit dem Rücken zu den Betten, insbesondere Andrews. Normalerweise zog er sich im Badezimmer um, wenn Kevin da war, aber in diesem Fall tat er es bewusst vor Andrews Augen. Und er wusste, dass Andrew ihn ansah. Er konnte seinen Blick auf der Haut spüren, als er mit dem deutlich weniger vernarbten Rücken zu Andrew stand. Er konnte das Gewicht seines Blickes, die Art, wie er ihn festhielt fast körperlich fühlen. Diese Gewissheit verursachte ein Kribbeln, wohlig und irgendwie aufregend. Es war ihm egal was andere von seinem Äußeren hielten...aber es kümmerte ihn, ob Andrews Blick auf ihm lag. Es kümmerte ihn, ob er wenigstens auf diese eine Weise Andrews Aufmerksamkeit noch immer erreichen konnte – wenn er schon sonst nicht mehr sonderlich interessiert an allem anderem war.
Neils Schlafshirt hatte er am Morgen einfach unter sein Kissen gepfeffert. Aber er vermutete stark, dass Andrew sofort den Blick wieder abwenden würde, sollte Neil sich jetzt umdrehen. Dabei war dies völlig absurd. Andrew wusste genau, dass Neil kein neues Shirt aus dem Schrank brauchte und Neil wusste genau, dass Andrew ihn beobachtete.

Er tapste schließlich zum Schrank, suchte sich eines seiner ausgeleierten Shirts raus, stockte dann und ließ seinen Blick über Andrews Stapel gleiten. Es war nicht das erste Mal, dass Neil Andrews Kleidung anzog. Allerdings hatte er es bisher nicht unbedingt gewollt gemacht. Meistens wenn sie mal ein Tag länger in Columbia blieben und Neil keine Wechselkleidung dabei hatte. Oder wenn er mal sehr spät dran war und einfach das nächstbeste Oberteil griff – was hin und wieder nun mal Andrews Team-Hoddie war oder eines seiner zig schwarzen Shirts. Meistens war es jedenfalls nicht bewusst darauf angelegt.

Und schon gar nicht mit der Intention eine Reaktion aus Andrew heraus zu locken. Er griff nach einem der älteren, stark verwaschenen Shirts, die weniger schwarz als anthrazit geworden waren, und streifte es sich über. Selbst an ihm hing es herab, obwohl ein wenig größer war als Andrew. Als er sich nun umdrehte, verharrte Andrews Blick auf ihn. Es fühlte sich an, wie ein kleiner Triumph.
Nicht das Andrews Apathie viel preisgab, aber wenigstens tat er nicht so, als fände er sein Buch  interessanter.
Normalerweise war nun der Augenblick gekommen, indem Neil fragte, wie ihr Schlafarrangement für diese Nacht aussehen sollte. Seit dem Championship Finale gegen die Ravens waren sie unter anderem dazu übergegangen hin und wieder bei dem anderen zu nächtigen. In der Regel schlief Neil bei Andrew im Bett, Andrew mit dem Rücken zur Wand, so dass er das Zimmer im Blick hatte, und Neil mit dem Rücken zum Zimmer, dank der alten Gewohnheit seine Kontaktlinsen einsetzen zu müssen, bevor er jemanden ansehen konnte, selbst wenn dies nicht länger erforderlich war.

„Hey“, sagte Neil leise und kam auf das Bett zu. Andrew reagierte nicht, sah ihn aber noch immer an – oder zumindest dessen Shirt an Neil und die Tatsache, dass er ansonsten nur Unterwäsche trug. Normalerweise kam es nicht dazu seltsam zu werden, wenn Neil weniger Klamotten an hatte als Andrew. Aber im Moment fühlte sich das Gewicht von Andrews Blick und die Tatsache, dass irgendetwas an ihrer `Nicht´-Beziehung sich in den letzten Tagen verändert hatte, sich besonders intensiv und irgendwie aufreibend an. Ausliefernd...und als würde Neil sich verwundbar machen.

Verwundbar auch hinsichtlich dessen, dass Andrew ihn zurückweisen könnte.
Als würde Andrews mögliche Abweisung ihn dieses Mal tatsächlich verletzen können. Als könnte er es dieses Mal nicht einfach akzeptieren und darauf vertrauen, dass Andrew ihn trotzdem noch `interessant´ fand. Dass das, was sie miteinander hatten, durch eine Zurückweisung nicht gefährdet wäre. Dieses Mal fühlte es sich anders an. Und dies ärgerte Neil – weil er normalerweise immer Andrews Grenzen akzeptieren konnte – genauso so sehr, wie es ihn Sorgen bereitete – denn der Grund, weshalb sich eine Zurückweisung dieses Mal viel schlimmer anfühlen würde war der, dass irgendetwas zwischen ihnen verändert hatte und Neil hatte irgendwo das Memo verpasst, indem er auch darin informiert wurde.
Die letzten beiden Nächte hatte Andrew beide Male mit „Nein“ geantwortet, wenn Neil ihn gefragt hatte, ob er bei ihm schlafen darf. Beide Male hatte Neil es einfach wortlos akzeptiert und war in sein Bett gegangen. Jetzt allerdings spürte er, wie ein spannungsartiges Gefühl, ein Druck in seiner Brust, seine Nervösität ausdrückte. Wie ein Gummiband das gespannt wurde.

„Kann ich bei dir schlafen?“, fragte Neil, im Versuch möglichst ruhig und wenig bittend zu klingen.
Andrew antwortete nicht sofort. Blaue Augen und haselnussbraune trafen aufeinander und Neil spürte wie das Druckgefühl in seiner Brust schlimmer wurde, aber gleichzeitig, wie sich etwas in ihm ausbreitete, warm und irgendwie den Druck lindernd.
Unsicherheit wich Hoffnung und dem sehnsüchtigen Wunsch Andrew würde ja sagen und ihn wieder in seine Nähe lassen.

Neil hob die Hand, streckte sie wortlos nach Andrew aus. „Ja oder nein?“, fragte er, gut ein halben Meter von Andrew entfernt, aber diese Geste war eindeutig. Er fragte nach den Dingen, die sie taten, wenn sie miteinander alleine waren. Wenn er `Junkie´ war und Andrew ihm sagte, dass er ihn hasste und eine absurd hohe Prozentzahl nannte, die verdeutlichte, wie sehr Andrew ihn 6 Fuß tief unter der Erde haben wollte.
Und für einen Augenblick lang war Neil sich sicher, dass Andrew `ja´ sagen würde. `Ja´ zu dem bei ihm schlafen, `ja´ dazu, dass Neil ihn berühren durfte.

Andrew klappte das Buch zu und stand auf. Seine Hand schob Neils aus dem Weg.
„Nein“, sagte er und drehte sich sofort zur Tür, um aus dem Schlafzimmer zu verschwinden und einen verblüfften und gleichzeitig irgendwie verletzten Neil zurückzulassen. Das Gummiband in seiner Brust war durch Andrews Antwort zurückgeschnellt. Neil hatte nicht damit gerechnet, wie sehr dieses eine Wort aus Andrews Mund weh tun würde, als er Andrew für eine lange Minute hinterher sah und dann in sein Bett kletterte, mit dem Rücken zum Raum.

Andrew konnte jederzeit `Nein´ sagen. Neil wusste, dass es in dem Fall nicht an Neil lag oder dessen Schuld war. Aber diese ganze neue Situation...die fühlte sich an, als wäre sie seine Schuld. Und er begriff nicht wieso.
Als Andrew und Kevin keine fünf Minuten später gemeinsam hereinkamen, in ihre jeweiligen Betten stiegen und Kevin „Gute Nacht“, sagte, antworteten weder Neil noch Andrew.
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