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Don´t tell me, that you love me

von Yougirl
Kurzbeschreibung
GeschichteRomance, Schmerz/Trost / P16 / MaleSlash
Andrew Minyard Neil Josten
10.04.2021
29.12.2021
11
53.443
2
Alle Kapitel
14 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
04.11.2021 6.209
 
Heyho!
Zu Andrews und Aarons Geburtstag gibt es heute - endlich - mal wieder ein neues Kapitel.
Zu Andrews Ehren gibt es heute Eis zum Abendbrot und das Audiobuch von "Raven King" läuft nebenbei, während ich das hier Beta lese...Rechtschreibfehler schenke ich euch vermutlich trotzdem!



„Hey Kumpel! Unterricht vorbei?“, fragte Matt der den Stuhl neben sich wegrückte, damit Neil sich an den Tisch setzen konnte.
„Glücklicherweise“, bestätigte Neil mit einem Seufzen und ließ sein Tablett auf die Tischplatte fallen, so dass sein Besteck klirrte
„Ich hoffe, du hast nicht nur Exy-Schläger in dein Heft gekritzelt.“
„Herzen mit deinem Namen drin waren es jedenfalls nicht. Das überlasse ich Dan.“
„Mitten ins Herz“, seufzte Matt theatralisch und griff sich an die Brust. Neils Mundwinkel zuckten.
Matt verbrachte scheinbar zu viel Zeit mit Nicky.

„Du hast ein falsches Bild von mir, wenn du denkst, ich würde sowas tun“, bemerkte Dan und wedelte mit einem Stück Kohlrabi auf ihrer Gabel herum.
„Stimmt, Matt ist definitiv der romantische Part in ihrer Beziehung“, bestätigte Allison leichthin und langte quer über den Tisch um Neils grade sorgfältig zusammengekratzte rohe Paprika zu klauen. Neil überraschte es manchmal, wie gut sie ihn kannten. Sie wussten, dass er Gemüse hasste, aber Gekochtes wenigstens in Erwägung zog zu essen – besonders solch gekochtes, dass es fast jeden Geschmack verloren hatte oder in Sauce ertränkt war.

„Was soll das den jetzt bedeuten?“, fragte Dan entrüstet und hörte auf mit ihrer Gabel herumzuwedeln, als würde sie ein unsichtbares Orchester dirigieren.
„Du bist der Partner in der Beziehung, der den Hochzeitstag vergisst und verdammt viel Geld für ein Schmuckstück ausgeben muss, damit dein Partner dich wieder im Schlafzimmer, statt auf der Couch übernachten lässt“, erklärte Allison gelassen und sah stirnrunzelnd dabei zu, wie etwas Sauce von Dans Kohlrabi mitten auf den Tisch tropfte.
„Ich trage gar kein Schmuck“, bemerkte Matt und runzelte Stirn, als Allison die Augen verdrehte. „Dann gib ihn halt mir. Ich hab gehört, du wolltest schon immer Diamantohrringe von Tiffanys.“
„Hast du dir nicht solche selbst zum Geburtstag geschenkt?“, fragte Renee und nippte an ihrem Saft.
„Es gibt verschiedene Arten von Diamanten, Schätzchen.“
„So unromantisch bin ich überhaupt nicht“, brachte Dan das Thema wieder zurück zum Ursprung.
„Und wie du das bist. Selbst Seth war romantischer veranlagt als du.“

Neil zuckte mittlerweile nicht mehr zusammen, wenn er Seths Namen hörte. Und nach über einem Jahr seit dessen Tod, fing Allison manchmal an, über ihn zu reden. Sowie jetzt. Doch die Schuld meldete sich jedes Mal, wann immer der Name ihres einstigen Teamkameraden fiel.
„Nenn mir ein Beispiel“, verlangte Dan und biss in ihre Kohlrabi, in der Hoffnung Allison damit dran zu kriegen. Leider hat sie sich geirrt.
„Ganz einfach. Matt kauft dir Blumen und du vergisst sie drei Tage lang ins Wasser zu stellen. Und wenn du es dann bemerkst, dann stellst du sie in SEINEN Zahnbecher.“
„Ich war im Stress! Da vergisst man sowas manchmal...“
„Die armen Dinger hätten eher einen Sarg gebraucht als eine Zahnbechervase.“
„Aber es war wirklich stressig“, brummte Dan unwillig.
„Selbst das Monster ist romantischer veranlagt als du. Weißt du noch, als er fast Kevin erwürgt hat, um herauszufinden, wo sein Freund ist? Er war bereit für ihn zu morden. Für Andrews Verhältnisse, ist das sogar ziemlich romantisch. Gestört und schrecklich, aber romantisch. Erzähl doch mal Neil, wie ist Andrew den so? Ist er ein heimlicher Romantiker?“

Neil warf Allison einen finsteren Blick zu und sie verdrehte die Augen, genau wissend, dass Neil es bis aufs Blut hasste, dass Allison nicht von der Angewohnheit ablassen wollte Andrew Monster zu nennen.
„Hör auf ihn so zu nennen“, knurrte er und spießte ein Stückchen Hähnchen auf, als hätte es ihm zu Lebzeiten in den Finger gepickt.
„Du kennst ihn kaum und hast auch nie Interesse daran gezeigt es zu ändern. Seine Gründe machen seine Taten nicht richtig, aber sie rechtfertigen diese Namen nicht. Er ist weder gestört, noch ein Monster. Also lass es! Sprich am besten gar nicht über ihn. Das endet sonst nicht gut“, warnte Neil und fixierte Allison, die Hand so fest um den Griff der Gabel geschlossen, dass seine Knöchel weiß hervortraten.
Die Stimmung am Tisch kippte merklich. Sämtliche Blicke lagen auf Neil, schwankend zwischen Überraschung und Sorge. Renee räusperte sich schließlich, deren Gesichtsausdruck für einen Moment seltsam blank wurde.

„Ich denke, dass Romantik von allen anders definiert wird. Dan ist damals zum Beispiel um 3 Uhr nachts aufgestanden, um nach Matt zu sehen, als er durch den Entzug gegangen ist. Diese Art von Führsorge lässt sich sicher auch als romantisch auslegen. Habt ihr beide etwas Besonderes geplant, während ihr in New York seid?“, fragte Renee heiter wie immer und wechselte so subtil das Thema, als hätte Neils Wutausbruch nicht sämtliche Studenten um den Tisch um sie herum verteilt dazu gebracht sich umzudrehen.
Sie sprachen schließlich über unverfänglichere Themen wie Sehenswürdigkeiten von New York und die Parade, die sie im Fernsehen sehen würden und ihre Pläne für die freien Tage bis sie wieder zum Unterricht mussten.
Neil hatte wenig spannendes zu berichten, da er zusammen mit den Minyard-Zwillingen, Nicky, Kevin und ihrem Coach zusammen bei Abby feiern und dann dort übernachten würden.

Nachdem sie ihr Essen beendeten hatten, brachten sie ihre Tabletts weg und machten sich auf den Weg zum Wohnheim. Matt und Dan mussten ihr letztes Kleinkram einpacken und in weniger als zwei Stunden zum Flughafen fahren, damit sie ihren Flug püntklich erwischten.
Allison wollte noch in die Stadt, ein Dankesgeschenk abholen, das sie für Renees Mum hatte machen lassen, dafür, dass sie Allison auch dieses Jahr eingeladen hatte – Allisons Vater hatte seine Tochter ebenfalls eingeladen. Aber dank eines noch im gleichen Telefonat ausgebrochenes Streitgespräches bezüglich Allisons Unfähigkeit erwachsene Entscheidungen zu treffen und über ihr kindisches Verhalten eine so lächerliche Sportart wie Exy über die Erwartung ihrer Familie zu priorisieren, sowie ihrem Erbe vorzuziehen, hatte Allison beschlossen den Versuch ihres Vaters wieder Kontakt aufzubauen, wo sie doch kurz vor dem Abschluss stand, abzuweisen.
Sehr traurig wirkte sie darüber nicht.
Renee hatte sogar angeboten mit Allison zusammen zu ihrer Familie zu fahren, doch diese hatte es abgelehnt. Stephanie Walker war ihr eine wesentlich lieber Gastgeberin.

Außerhalb der Kantine beugte sich Matt kurz zu Dan und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Sie nickte leicht und harkte sich dann bei Renee ein.
Sie gingen gemeinsam ein Stück voraus. Neil hatte den Verdacht, dass Matt Dan darum gebeten hatte, damit er seinerseits alleine mit Neil sein konnte.
Sie schwiegen. Neil wartete darauf, dass Matt irgendetwas sagte, was seinen Verdacht bestätigte, während sie nebeneinander gingen, beide ihre Hände in die Jacken ihrer Mäntel geschoben. Nickys Weihnachtsgeschenk zahlte sich sichtlich aus.
„Also Thanksgiving bei Abby...“, begang Matt und Neils Mundwinkel zuckten in etwas, was man annährend als lächeln bezeichnen könnte, in den Wollkragen, als sich seine Vermutung somit bestätigte.
„Ja.“
„Wird ganz schön voll werden.“
„Wir kommen klar. Wir müssen nur darauf achten, dass Kevin nicht an einer Alkoholvergiftung stirbt und Nicky nicht zu viel Mist redet, dass Andrew ihn lynchen will. Katelyn feiert mit ihren Eltern, vermutlich wird Aaron also Kevin Gesellschaft leisten und dafür sorgen, dass der Alkohol sorgfältig zwischen ihren beiden Kreislaufsystem aufgeteilt wird. Und Coach muss nur seine Aschenbecher aus Abbys Küche raushalten, dann sind die Chancen gut, dass wir tatsächlich was zu Essen bekommen.“

Matt lachte, wurde jedoch schnell wieder ernst und nachdenklich.
„Vielleicht hättest du doch mit uns nach New York kommen sollen. Es ist noch nicht zu spät für ein Last-Minute Ticket. Kurz vorher springen immer wieder Fluggäste ab, weil sie es nicht schaffen oder sowas. Ich könnte dich auch versuchen als Handgepäck mit rein zu schmuggeln.“
Neil lächelte schwach. Er wusste genau, wie Matt Witze über seine Körpergröße eigentlich meinte. Und die Gewissheit, diese Kenntnis über einen anderen Menschen – einem Freund – zu haben bedeutete Neil sehr viel.

Und er wusste auch, was Matt ihn hier unauffällig anbot. Die Möglichkeit Abstand zu einer Situation zu bekommen, von der Matt nicht ganz verstand, was vor sich ging, aber Neil gut genug kannte um zu wissen, dass sie ihm an die Nieren ging.
„Ich hab aufgehört wegzulaufen“, erklärte Neil sanft und sein Ellenbogen streifte Matts. Keine gewollte, aber keine unwillkommene Geste.
„Außerdem würde ich nur dein und Dans romantische Ferien topendieren. Deine Mum will mit ihrem Sohn und ihrer zukünftigen Schwiegertochter sehen, nicht das fünfte Rad am Wagen.“
„Du bist mein bester Freund, klar würde sie dich sehen wollen“, antwortete Matt und Neil stolperte bei dieser Äußerung.
Matt sah fragend zu ihm, als Neil blinzelnd zu ihm aufsah.
„Sorry. Ich werde besser. Ich schwöre es.“
„Du machst mich fertig“, seufzte Matt und sie gingen gemeinsam weiter. Renee und Dan waren mittlerweile fast hundert Meter voraus.
„Glaubst du ernsthaft, dass Dan und ich irgendwann heiraten?“, platzte es plötzlich aus Matt heraus und nun war es Neil der ihn fragend ansah.
„Willst du das nicht?“

„Doch...nur...ich weiß nicht, wie es künftig werden wird. Ich meine, ich bin nächstes Jahr noch hier und sie ist dann weg. Es wird seltsam sein sie nicht mehr jeden Tag zu sehen. Hier haben wir quasi die ganze Zeit zusammengewohnt. Und jetzt ist es nicht mehr lange und ich werde sie für eine ganze Weile nicht sehen. Sie versucht eine Stelle als High School Coach zu bekommen mit dem Schwerpunkt Exy. Damit sie Erfahrungen sammeln kann und vielleicht irgendwann Coachs Job übernehmen kann, wenn er zurücktreten will.  Aber wer weiß wohin es sie verschlagen wird. Vielleicht trifft sie einen heißen Referendar und ich bin abgeschrieben.“
„Das wird nie und nimmer passieren. Dafür ist Dan zu loyal. Und zu treu.“
„Nennst du meine feste Freundin und dein Captain grade einen Hund?“
Neil schmunzelte und schüttelte den Kopf.

„Nein, definitiv nicht. Aber ich meine, dass Dan niemand anderen auch nur ansehen wird. Sie hat dich. Da gibt es keinen Grund jemand anderen in Betracht zu ziehen.“
„Versteh das nicht falsch. Aber wir sind nicht alle sowie du bei Andrew. Ich weiß, dass du niemand anderen ansiehst, sondern nur ihn. Das alle deine Blicke nur ihm gelten und dir nicht mal in den Sinne käme jemand anderes könnte den Platz einnehmen, den Andrew für dich hat. Jemand könnte offen mit dir flirten und du würdest es nicht einmal bemerken, weil dir alle anderen völlig egal sind, bis auf er. Aber wir sind nicht alle so...“

Neil öffnete den Mund um etwas zu überwinden und zögerte dann. Matt hatte Recht. Vor Andrew hatte es nie jemanden gegeben, mit dem Neil diese Dinge hatte tun wollen, wie er sie mit Andrew tat. Weder dieses französisch-kanadische Mädchen, dass er vor Andrew zuletzt geküsst hatte, noch sonst irgendjemanden. Seine Mutter hätte es sowieso nicht gestattet, aber Neil hatte auch kein ernsthaftes Interesse daran gehabt – und mittlerweile wusste er auch wieso.
„Vielleicht ist sie nicht so wie ich, aber ich glaube trotzdem nicht, dass sie an irgendjemand anderen Interesse haben würde. Du bist ein guter Kerl. Die anderen haben mir erzählt, wie lange ihr umeinander rumgetanzt seit und wie schwer es Dan dir gemacht hat. Sie hätte dich niemals nah an sich herangelassen, wenn sie nicht denken würde, dass du es wert bist. Ich hab keine Erfahrungen mit Beziehungen. Aber du behandelst sie anständig, du kümmerst dich, du hörst ihr zu. Du siehst sie. Ich glaube, du liebst sie wirklich sehr. Und sie weiß das. Sie wird auf dich warten, bis du deinen Abschluss hast und Pro spielst. Und wenn ein Paar ein Konzept wie die Ehe erfolgreich führen kann...dann würde ich auf euch beide wetten – was ich nicht tun werde, weil ich nicht wette, aber du weißt was ich meine.“

„Wow...scheiße, Mann, du bringst mir hier zum heulen“, fluchte Matt, blinzelte heftig, dann legte er spontan einen Arm um Neils Schulter und zog ihn an sich. „Danke“, sagte er und seine Stimme klang warm, so warm, dass diese Wärme sogar in Neils Körper sickerte und ein wenig von der eisigen Angst schmelzen ließ, die seit gestern unaufhörlich seine Eingeweide heimsuchte und zerquetschte.
„Hey, ich wollte dir noch was geben“, sagte Matt, ließ Neil los und fummelte in seiner Tasche herum. Triumphierend zog er seinen Schlüsselbund heraus und löste den Schlüssel seines Zimmers von dem Ring.

„Falls du mal alleine sein musst, Zeit für dich brauchst oder Kevin loswerden musst...mein Bett ist frei. Aber wasch die Laken, falls du und der andere Zwerg Dinge darauf treibt, von denen ich nichts wissen will.“
Er griff nach Neils Hand, drehte sie um und drückte den Schlüssel in Neils Handfläche. Verblüfft und gleichzeitig ein wenig benommen von dieser Geste starrte Neil ihn an. Matt grinste, fuhr sich verlegen durch seine zu Stacheln gegelten Haare und zuckte dann mit den Schultern. „Ist keine große Sache. Hör auf mich so anzusehen. Ich hab dir keinen Welpen geschenkt.“
„Was soll ich mit einem Welpen?“, fragte Neil verwirrt, doch Matt winkte ab. Der Foxhole Tower kam in Sicht. Spuren von der gestrigen Feier im Keller säumten noch die Wege. Abgerissene orangene Bänder und Scherben die noch niemand weggefegt hatte.
So ein Chaos zu hinterlassen hatten sich die Studenten auch nur getraut, weil die meisten am Mittwoch Nachmittag längst auf den Weg nachhause waren und keiner ihnen eine Strafpredigt halten und Strafrunden joggen lassen konnte, wie die Coaches es sonst tun würden, wenn ihre Schützlinge so einen Mist verzapften.

„Irgendwann kriege ich dich schon noch dazu mit nach New York zu kommen.“
Matt rempelte Neil an, als wären sie High School Schüler, wobei Neil gezwungen war einen Schritt zur Seite zu machen, um sein Gleichgewicht wieder zu finden, was Matt breit grinsen ließ, bevor sie gemeinsam die Stufen hochstiegen.

Der Rest des Tages rauschte nur so an Neil vorbei. Allison rannte permanent über den Flur und alle Wohnheimzimmer des Exy Teams standen speerangelweit offen, abgesehen von Neils.
Allerdings hatte er sich dem vorherrschenden Trubel nicht entziehen können, die wie eine unheimliche Anziehungskraft funktionierte, verursacht von seinen aufgescheuchten Teammates, so dass Neil in Matts, Nickys und Aarons Zimmer geendet war.

Nicky hatte in einer dramatischen Geste seine Schulsachen, Mantel, Schuhe, Schal und Mütze durch den Wohnbereich geworfen, kaum dass er zurückgekommen war, und hatte sich auf der Couch fallen lassen, mit der strikten Weigerung wieder aufzustehen, bevor es Zeit zum Abendessen wurde. Allerdings hatte dieser Vorsatz nur knappe 10 Minuten gehalten, bevor Matt Neil zwei Hemden gezeigt hatte und seine Meinung wissen wollte, welches er für das Thanksgiving Dinner bei seiner Mum am besten tragen sollte. Nicky, der es als persönliche Beleidigung empfand, dass Matt NEIL fragte, war sofort aufgesprungen und schimpfend ins Schlafzimmer abgezogen, wo er Matts Schrank aufriss und so ziemlich jedes Hemd herausfischte, was er finden konnte.

Neil war dies nur recht, da er sich immer noch darauf verließ, dass Andrew und Nicky dafür sorgten, dass er vernünftig angezogen war, wenn sie im Eden´s waren und dadurch seine Gardrobe dank regelmäßiger Besuche zunehmend aufgestockt wurde.
Allerdings leistete er ihnen lieber im Schlafzimmer Gesellschaft, wo Nicky jedes Hemd mindestens fünf Mal vor Matts Oberkörper hielt und ihn schließlich zwang drei von ihnen probehalber anzuziehen, anstatt mit Aaron, der ebenfalls grade wiederkam, im Wohnzimmer zu sitzen.
Da ließ er lieber Nicky Erzählung von dem letzten Telefonat mit Eric Review passieren und blendete ihn weitesgehend aus.

Als sie endlich fertig waren – und Matt nun doch ziemlich eilig das letzte Zeug in seine Tasche werfen musste, dank der unplanmäßigen Intervention von Nicky – kehrten sie ins Wohnzimmer zurück, wo Aaron sich scheinbar verdoppelt hatte. Andrew saß neben seinen Zwilling auf der Couch, beide ziemlich tief in die Kissen vergraben, so dass nur ihr blondes Haar grade über die Rückenlehne ragte und zockten irgendein futuristsiches Game, von dem Neil keine Ahnung hatte, aber davon ausging, dass es darum ging irgendwas zu töten.

„Linke Seite...deck die linke Seite“, befahl Aaron und Andrew grunzte nur als Zeichen, dass er dabei war.
Kevin saß am Laptop, die Augen so stark auf den Bildschirm gepflastert, dass Neil sich hoffnungsvoll nach vorne beugte, umzusehen, ob Kevin eventuell ein Exy-Spiel schaute, doch er war damit beschäftigt Fotos zu editieren und mit Filtern und irgendwelchen kaum erkennen Feinheiten auszustraffieren. Neil – dank alter Angewohnheiten von seiner acht Jahre auf der Flucht – war besser darin Kameras zu meiden und Fotos nicht zu schätzen. Und erst recht nicht für solche, die sein Gesicht zierten. Glücklicherweise arbeitete Kevin grade an einem Foto, dass ihr Team in voller Montur zeigte, irgendwann während des gestrigen Spiels aufgenommen, während sie um den Ballbesitz kämpften.

Wahrscheinlich hatte Wymack es wieder unauffällig seinem Sohn überlassen die Website ansprechend zu gestalten, wobei erstaunlicherweise Nicky, dank seinem Hauptfach im Marketingbereich, bemerkenswert hilfreich war. Wymack war absolut kein Fan davon die Sportnews Seite der Universität und die Informationsseiten über das Exy-Team immer wieder auf den neusten Stand zu bringen. Nickys wortreich ausschmückende, emotionale und Kevins kritische, rationale Sichtweise endeten in erstaunlich sachlichen, aber freundlichen Texten, wie keiner der beiden es ohne den anderen hätte schaffen können. Sie milderten die Ecken und Kanten des jeweils anderen ab, was wohl niemand für tatsächlich möglich gehalten hätte.

Robin kam reingerauscht um sich zu verabschieden, wobei sie besonders lange bei Andrew stand, er ihretwegen sogar sein verdammtes Spiel pausierte, zum Leidwesen von Aaron und auch Neil, wobei sich keiner von beiden wohl dabei fühlen würde, wüssten sie, dass sie beide von der Unterbrechung genervt waren, wenn auch aus anderen Gründen. Aaron, weil ihn Robin nicht so sehr interessierte, wie sein Spiel und Neil, weil er auf jeden angepisst war, denn Andrew ansah und seine volle Aufmerksamkeit schenkte.

Jack rief ihnen ein „Bis nächste Woche, ihr Penner“, ins Zimmer und die anderen Freshman winkten halbherzig vom Türrahmen aus, so als wüssten sie nichts wirklich mit sich anzufangen, wenn es darum ging die „Monster“, zu denen Neil nun auch zählte und Matt außerhalb des Spielfelds zu sehen, wobei sie mit letzterem und mit Nicky wohl noch am meisten zu tun hatten. Es war selbst nach über drei Monaten immer noch merkwürdig Leute im Team zu haben, die nicht zu ihrer so eng zusammengewachsenen Gruppe gehörten. Andrews Gruppe hielt sich strikt von den Neulingen fern und selbst für die Oberstufenschüler war es schwierig so viele neue Teammitglieder in ihrer Mitte willkommen zu heißen und in ihr Team zu integrieren. Sie machten mittlerweile gute Fortschritte auf dem Platz, allerdings gab es noch deutlich Luft nach oben, selbst aus Neils weniger gnadenlosen Sicht der Dinge.

Die Strikerin, die er ausgewählt hatte, Daphne, verabschiedete sich mit einem munteren „Schönen Feiertag, Neil“ und einem „Verlier deine Krone nicht wenn du dich betrinkst, Prinzessin“ an Kevin. Den Mittelfinger seitens ihres Strikerkollegens ignorierte sich geflissentlich und es hob Neils Laune zumindest ein kleines bisschen. Alleine dafür hatte es sich in Neils Augen gelohnt sie zu rekrutieren.
Matt und Dan wurden wesentlich zünftiger verabschiedet. Allison und Renee brachten sie zusammen mit Nicky und Neil zu seinem riesigen, blauen Truck. Trotzdessen, dass das Ding genug Platz bot, dass sich vier Personen auf die Rückbank setzen konnten, hatte Matt es irgendwie geschafft, dass ihr Gepäck die gesamte Rückfläche ausfühlte. Neil bezweifelte, dass sie mit der Menge an Taschen und Koffern es pünktlich ins Flugzeug schaffen würden...und ob auch nur die Hälfte von dem Zeug heil in New York mit ihnen landen würde.

Dan umarmte Neil, nicht sanft, wie Abby es zu tun pflege, sondern fest und entschlossen, wie eine große Schwester, die ihren jüngeren Bruder mit dieser Umarmung Kraft geben und daran erinnern wollte, dass er stark war.
Und Matt klopfte Neil nach einer nicht minder Knochen knirschen lassenden Umarmung auf die Schultern, ein breites, aufmunterndes Grinsen im Gesicht.
„Lad dein Handy auf, ich will dich anrufen, alles klar, Kumpel?“
„Mach ich.“
„Mach es lieber wirklich, ansonsten sage ich Nicky, dass er dir auf die Nerven gehen soll. Was glaubst du, wie anstrengend er wohl sein kann, wenn er es wirklich darauf anlegt?“, fragte Matt lachend.

„Das hab ich gehört!“, rief Nicky erbost, der grade Dan umarmt hatte und nun zu den beiden Männern ging. Er legte Neil einen Arm um die Schulter. „Keine Sorge, ich passe gut auf ihn auf.“
„Ich weiß nicht, ob das ein beunruhigendes Versprechen ist oder eine beruhigende Drohung“, kommentierte Allison trocken und warf ihr blondes Haar in einer gekonnten Bewegung über die Schulter.
„Bringt euch nicht um, so lange ich weg bin! Wenn Kevin zu sehr nervt, dann hat Matt unter der Spüle zwei Wodka-Flaschen deponiert. Nur für den Fall der Fälle“, rief Dan von der Beifahrertür aus, die sich bereits geöffnet hatte.

„Ja, die werden definitiv verschwunden sein, wenn ihr wieder da seid“, versprach Nicky. Beide stiegen in Matts Truck und Neil winkte ihnen hinterher zusammen mit den anderen. Matt hupte, als er an ihnen vorbei fuhr. Allison und Renee machten sich kurz danach aufbruchsbereit.
Für ihre Verabschiedung kam sogar Andrew runter. Renee und Andrew unterhielt sich deutlich abseits von Allison, die selbst bei lausigen 6 Grad mit einem absurd kurzen Rock herumlief und ihre ohnehin ellenlangen Wimpern im Rückspiegel ihres Cabrios checkte.

Als sie fertig war – nach einer beängstigend langen Zeit, in der Neil anfing an der Existenz seiner Zehen in seinen dünnen Schuhen zu zweifeln – warf sie einen genervten Blick zu Renee und Andrew.
„Wüsste ich nicht, dass Andrew etwas für hitzköpfige Rotschöpfe übrig hat, würde ich in diesem Moment ernsthaft hinterfragen, ob es klug war immer gegen die beiden zu wetten. Die beiden sehen sich doch nächste Woche schon wieder.“
Allison warf einen auffordernden Blick in Neils Richtung.
„Wieso gehst du nicht rüber? Ich wette, Andrew hört sofort auf mit Renee zu quatschen wenn du auftauchst. Im Moment hat er ja nicht sonderlich viel in deiner Gegenwart zu sagen. Du bist der ideale Gesprächsblocker.“

„Allison!“, rief Nicky entsetzt und Neil warf ihr einen finsteren Blick zu, doch in seinem Magen regte sich keine Wut, sondern nur die bittere Gewissheit, dass Allison RECHT haben würde.
„Sie hat doch Recht“, antwortete Neil, zuckte schließlich scheinbar unbeteiligt mit den Schultern und ging wie aufgefordert zu Renee und Andrew.
„Das hättest du nicht sagen dürfen“, hörte er Nicky Allison leise schelten, allerdings sorgte dies nur dafür, dass seine vorgetäuschte Gleichgültigkeit durch Anspannung topendiert wurde. Noch nie hatte jemanden versucht auf Eierschalen um ihn herum zu tänzeln. Und er wollte ihr Mitleid nicht.

Sollte Andrew sich dafür entscheiden, dass er mit Neil fertig war, dann wollte er ganz gewiss nicht behandelt werden, als wäre er zart besaitet oder bemitleidenswert. Als wäre er schwach. Er würde auch ohne Andrew klar kommen. Er hatte genug Kämpfe ausgestanden und Narben davon getragen um beweisen zu können, dass er durchaus überlebensfähig war. Es war nur eine unumstößliche Tatsache, dass Neil nicht ohne Andrew sein WOLLTE.
Dieses Mal würden seine Narben nur weniger offentsichtlich sein. Und er bildete sich nicht ein, dass es nicht eine lange Zeit dauern würde, bis es aufhören würde weh zu tun.
Renee entdeckte ihn zuerst und lächelte freundlich bei seinem Erscheinen, aber Andrew verstummte tatsächlich sofort. Neil weigerte sich ihn anzusehen und zwang selbst sein peripheres Sehen sich einzig auf Renee zu konzentrieren.

„Allison will losfahren“, erklärte Neil knapp, bevor Renee das Wort an ihn richten konnte.
Sie lächelte wie immer liebenswert und so schrecklich freundlich. Vielleicht sogar eine wenig subtile Spur freundlicher als sonst, weil Neil sich sicher war, dass die beiden über ihn geredet hatten. „Natürlich, ich bin sofort da. Sie kann die Heizung schon aufdrehen. Könntest du ihr das ausrichten?“
Neil zuckte mit den Schultern und war versucht es einfach Allison zu zu rufen. Sie war nicht so weit weg, dass sie sie nicht hören würde. Es war nur Renees wie üblich zuvorkommend kaschierter Hinweis, dass die beiden noch nicht fertig waren miteinander – über Neil und ihr `Nichts´ – zu reden.
Er folgte dem Wink, war aber letztendlich doch zu sehr Arsch, um die beiden nicht wissen zu lassen, dass er genau wusste, was hier vor sich ging, indem er es trotzdem lautstark über den Parkplatz rief.

„Sie ist sofort da. Lass den Motor ruhig schon warm laufen!“
Nicky sah schuldbewusst aus, als Neil näher kam, Allison startete schlicht als Antwort den Wagen und gab keinen weiteren Kommentar ab, was Neils Laune nicht grade zuträglich war. Allisons Mundwerk ließ sich nur dann für kurze Zeit ruhig stellen, wenn man sie darauf hinwies, dass sie sich die Lippen nachziehen musste. Ansonsten verkniff sie sich keinerlei Kommentar. Dass sie jetzt nichts dazu sagte, wie dass sie Recht gehabt hatte, konnte nur daran liegen, dass sie entweder auf Nicky gehört hatte – was absurd war – oder selbst zu dem Schluss gekommen war, dass eine Bemerkung in dieser Hinsicht selbst für Allisons Verhältnisse zu grausam wäre.
Renee kam keine Minute später mit Andrew im Schlepptau, der seine Hände in seine Jeans vergraben hatte.

„Ich wünsche euch ein wunderbares Thanksgiving. Ich schreibe euch sobald wir angekommen sind! Und zerlegt den Foxhole Tower nicht. Machts gut“, sagte sie und umarmte Nicky. Bei Neil lächelte sie einfach warm und beruhigend. „Pass auf dich auf“, bat sie, als sie fragend die Arme hob und Neil schließlich nickte. Während Renee ihn umarmte, glaubte er Andrews Blick auf sich zu spüren.
„Ich glaube an euch“, wisperte Renee leise und Neils Arme legten sich für einen kurzen Moment fester um sie, bevor sie zurücktrat.  
„Lasst Kevin nicht an einer Alkoholvergiftung sterben...wir würden ihn alle so vermissen“, rief Allison durch das runtergelassene Seitenfenster raus, wobei ihr Unterton implizierte, dass sie exakt das Gegenteil meinte, als Renee mit einem letzten Blick zu Andrew in den Wagen stieg.
Allison fuhr rückwärts aus der Parklücke, hupte ihnen zu und brauste dann davon.

„Tja. Jetzt sind nur noch wir übrig. Was willst du heute abend machen?“, fragte Nicky Neil, als sie vor dem Fahrstuhl standen. Andrew lehnte mit den Rücken an der Wand und starrte an die Decke, eine unangezündete Zigarette im Mundwinkel. Nickys Stimme klang ein wenig zu schrill um wirklich euphorisch zu sein.
„Ehrlich gesagt…denke ich, dass ich mich heute früh hinlegen werde.“
„Das klingt vernünftig aber bis dahin...wir könnten ein paar Filme ansehen. Ich meine es ist bald Weihnachten. Wir sollten frühzeitig damit beginnen, dir alle Weihnachtsklassiker zu präsentieren. Wir kommen nie im Leben mit allen durch, bis zum 24. Dezember, wenn wir nur jeden Abend einen anschauen.“

Neil zweifelte aufrichtig daran, dass Kevin es zulassen würde, dass sie es sich in der Vorweihnachtszeit jeden Abend vor dem Fernseher mit Weihnachtsfilmen gemütlich machen würden. Zumal im Dezember noch drei Spiele anstanden, die Kevin sicherlich nicht ohne ensprechendes spätes Nachttraining als Vorbereitung bestreiten würde. Und alleine die paar Tage, in denen Neil nun nicht dabei gewesen war, hatten Kevin und ihn sich fetzen lassen. Das war zwar nicht ungewöhnlich, aber über 3 Wochen hielt er eine derartigen Streit nicht aus, ohne dass er Kevin ermorderte.

„Ich wollte mich jetzt hinlegen.“
„Oh! Ja...klar. Du kannst es dir im Schlafzimmer bequem machen. Wir wecken dich, wenn wir Essen bestellen. Und ich versuche meine reizenden Cousins dazu zu bringen, ihr Spiel leise zu stellen. Aber sie sind jetzt erwachsen...und hören nicht mehr auf ihren geliebten, elterlichen Vormund.“
Neil bezweifelte, dass die Zwillinge jemals ernsthaft auf Nicky gehört hatten.
Andererseits bedeutete Nicky Andrew trotz allem viel, egal, wie sehr sein Cousin ihm auf die Nerven gehen konnte und wie wenig Andrew dies zeigte. Nicky hatte sie beide aufgenommen und hatte Deutschland für sie verlassen, obwohl er seine Vergangenheit hatte hinter sich lassen wollen. Er hat ihnen Deutsch beigebracht und dafür gesorgt, dass sie beide in dieser Sprache in der Schule bestanden, in die er sie schickte. Er hatte alles getan um zwei Teenager Jungen mit schrecklicher, komplizierter Vergangenheit zu versorgen, die beide kaum den anderen ansehen konnten. Der eine trauerte um seine missbrauchende Mutter und kämpfte mit den Folgen von Drogensucht und Entzug, der andere schien so gefühlskalt und apthatisch, ertrug keine Berührungen und sprach kaum ein Wort. Allerdings hatte Andrew einen zweiten Aufhenthalt im Jugendknast und schließlich drei Jahre manisch-glücklich machende Drogen in Kauf genommen, um Nicky zu beschützen.

„Mach dir keine Mühe. Ich leg mich in meinem Zimmer hin.“
Nickys Lächeln verrutschte sichtlich und er bemühte sich darum es aufrecht zu erhalten.
„Wir haben genug Platz, mach dir keinen Kopf. Matts Couch lässt sich bequem ausziehen, wir können alle in unserem Zimmer pennen. Wie bei einer richtigen Pyjama-Party. Das wird lustig!“, verkündete er, doch Neil schüttelte den Kopf.
Der Fahrstuhl öffnete sich vor ihnen und Andrew und Nicky gingen rein.
„Ich hab tonnenweise Süßigkeiten gekauft. Es hat echt Vorteile, jetzt wo Kevin nicht mehr bei uns wohnt und ständig über unseren Einkauf meckern kann. Wir bestellen thailändisches Essen. Oder japanisch. Wir hatten schon lange kein vernünftiges Sushi mehr. Und Matt hat seine beiden Controller hier gelassen. Das heißt, es können vier gleichzeitig spielen und wir können untereinander tauschen“, berichtete Nicky enthusiastisch weiter, scheinbar verzweifelt dabei Neil überzeugen zu wollen. Dieser schüttelte den Kopf und machte einen Schritt zurück, weg von dem Fahrstuhl. Er wollte nicht einsteigen. Er wollte nicht auf so engen Raum mit Andrew stehen, wo Andrew doch Abstand wollte. Abstand, den Neil im Fahrstuhl nicht halten konnte.

„Wir sehen uns morgen“, sagte er als Nicky überrascht und bekümmert den Mund auf machte, um Neil vermutlich dazu aufzufordern mit in den Fahrstuhl zu steigen Doch die Türen schlossen sich, ohne das Neil versuchte sie daran zu hindern.
Blaue Augen trafen aus haselnussbraune Gegenstücke. Im Sonnenlicht schimmerten sie wie Honig oder wie Gold. Neil hatte dieses Phänomen mehr als einmal beobachtet. Bisher hatte er Augen nie große Bedeutung beigemessen, außer in der Hinsicht, dass braune Augen die unauffälligsten waren und somit wichtig für sein Überleben auf der Flucht. Aber er hatte nie besondere Augenfarben schön gefunden. Andrews Augen waren es. Schön.

Neil blieb noch ein paar Minuten unten stehen, in seinen Gedanken gefangen, aber es störte niemanden. ER störte niemanden. Die meisten Schüler ihres Wohnheims waren bereits zu ihren Familien aufgebrochen. Niemand bemerkte ihn. Er war unsichtbar, so wie er es all die Jahre immer krampfhaft gewollt hatte. Doch jetzt fühlte es sich falsch an. Die Einsamkeit empfand er plötzlich nicht mehr als beruhigend und sicher, sondern als kalt und leer an.
Nicht so, als könnte er kurz aufatmen, weil er ein Konstrukt aus Lügen ständig aufrecht erhalten musste und nur durchatmen konnte, wenn er alleine war. Sondern eher so, als würde ihn die Luft zum atmen genommen werden, während er hier so stand. Das, was er ursprünglich gewollt hatte, war nicht mehr genug.

Vielleicht hatten Nicky, Matt, Renee und die anderen doch nicht ganz unrecht, mit den Blicken, die sie Neil zu warf.
Langsam ging er die Treppe hoch, schlüpfte lautlos in ihr Zimmer und schloss die Tür ab. Er bezweifelte, dass Andrew und Kevin heute nach hier auftauchen würden. Ansonsten besaßen alle beide einen eigenen Schlüssel, wenn sie rein wollten.
Allerdings glaubte Neil da nicht dran. Sie würden seinen Wunsch nach Ruhe und dem Alleinsein respektieren. Selbst wenn Neil sich plötzlich selbst nicht mehr so sicher in der Sache war, wie zuvor.
Dennoch zog er sich um und legte sich ins Bett. Er zählte auf Deutsch, auf Französisch, selbst auf Spanisch, obgleich Neil über die Aussprache der Zahlen selbst in seinem Kopf stolperte, je höher er kam.

Schließlich hatte er genug davon und er stand auf, um sich Kevin selten genutztes Tablet zu holen.
Normalerweise suchten die anderen irgendwelche Filme aus, besonders solche, von denen sie überzeugt waren, dass Neil – dank seines Lebens auf der Flucht – gewisse Wissenslücken aufwies, die scheinbar ähnlich dramatisch lebensbedrohlich waren, wie auf der Folterliste des `Butcher of Baltimore´ zu stehen.
Neil erinnerte sich an eine lebhafte Drohung Wymacks, bei der ihnen eine Teilnahme beim nächsten Iron-Man Marathon prophezeit wurde, sollten sie ihre Reibereien nicht in den Griff kriegen. Mit sechs neuen Teammitgliedern war das übliche Auskämpfen der Hierarchie nicht weniger desaströs wie in Neils ersten Jahr verlaufen. Im Gegenteil. Den ganzen August und weit in den September rein hatten die Füchse damit zu kämpfen gehabt. Besonders, da nicht sonderlich viele erpicht auf Neils Rolle in dem ganzen Konstrukt waren. Oder mit Kevin Days unausstehlicher Art auskamen. Oder eine Frau als Team Captain akzeptieren wollten.

Nicky hatte bei der ersten Erwähnung dieses Marathons jedenfalls fälscherlicherweise angenommen, es ginge in irgendeiner Form um den Superhelden.
Und da Neil diesen nicht kannte, hatte das dazu geführt, dass Nicky fest entschlossen war ihm bis zum Schulabschluss auch hinsichtlich seiner mangelnden Comicerfahrungen und vorallem seiner großen Lücke an Wissen über das Marveluniversum aufzufüllen. Neil sah dem ganzen mit milden Entsetzen entgegen.

Neil öffnete schließlich einen der endlosen Streaming-Portale, die Kevin abonniert hatte, um ja keine historische Dokumentation zu verpassen. Die meisten Suchvorschläge die Kevin bekam waren sterbenslangweilige Titel. Zumal Neil daran zweifelte, dass eine Dokumentation die „Plötzlich kopflos – Wie Marie Antoinett mehr als nur ihre Perücke verlor“, tatsächlich irgendeinen historisch akkuraten Wert besaß. Allerdings stolperte Neil über einen Titel, der ihn entfernt bekannt vorkam. Andrew hatte das Buch dazu gelesen. Eines der wenigen Male, die Neil ihn hatte lesen sehen.

Er hatte ihn einmal danach gefragt, wie Nicky und die anderen glauben konnten, dass er das Lesen hasste.
„Bücher waren nichts als gebrochene Versprechen“, hatte Andrew geantwortet.
Neil hatte lange über diese Aussage nachgedacht, hatte versucht es zu begreifen, während er neben Andrew auf der Dachkante saß.
Er wollte es unbedingt verstehen, weil es ein Teil von Andrew war und er jeden verdammten Teil von ihm aufdecken wollte – selbst wenn er vermutlich nie bis zum Kern vordringen würde.
Andrew hatte ihn dabei zugeschaut, wie er krampfhaft versuchte es zu verstehen, bevor er die Augen verdreht hatte.

„Bücher sind dazu bestimmt, dich nicht in der Realität leben zu lassen. Manchmal ist die Realität allerdings zu stark. All die Worte in ihnen waren Lügen.“
Dann begriff Neil, was er meinte.
Die Dinge, über die Andrew gelesen hatte, waren Dinge, an die er nicht mehr glauben konnte. Er hatte irgendwann einen Punkt erreicht, wo die Geschichten, die Träume und Hoffnung säen sollten, nichts als Lügen waren, weil Andrews Leben ihm keine Chance mehr gab, an so etwas zu glauben. Versprechen, die nicht gehalten wurden. Träume, die nie wahr wurden. Hoffnung, die nie real werden würde.

„Sind sie jetzt keine Lügen mehr?“, hatte Neil gefragt. Andrew hatte ihn nur angesehen. Minuten- oder stundenlang. Neil wusste es nicht. Doch er hatte begriffen, dass die Veränderungen in Andrews Leben ihn dazu bewegt hatten Büchern wieder eine Chance zu geben. Weil sein Leben nicht länger all die Dinge, die er las, vollkommen überschattete und sie zu Lügen machten. Weil das  Happy End der Charaktere im Buch sich nicht mehr so sehr wie Verrat anfühlte und weil es nicht länger grausam war, dass niemand Andrews Geschichte ein Ende schrieb, indem er so war, wie die Charaktere. In dem er überlebte und bewältigte und besiegte. In dem er Frieden und Liebe und weiß der Teufel was noch fand.
Neil war nie ein großer Buchleser gewesen. Woher auch? Seine Mum hatte ihn durch 22 Städte in verschiedenen Ländern gezerrt und wenn man mit leichtem Gepäck reiste, konnte man keine Bücher mit sich schleppen.

Neil hatte irgendwann mal einen Bibliotheksausweis bekommen, meistens, wenn sie in einem Land länger lebten, wie in Deutschland. Dort hatte seine Mum ihm nicht nur die Sprache gelehrt, sondern auch weitesgehend unterricht. Ohne diesen Unterricht, hätte Neil kaum seinen Abschluss an der Millport High School innerhalb eines Jahres absolvieren können, ohne komplett durchzufallen. Allerdings hatte er meistens Schulbücher gelesen. Nichts, was man vielleicht in seiner Freizeit lesen würde. Daher hatte er keine sonderlich ausgeprägte Leseleidenschaft. Und die Geschichtsbücher, die Kevin ranschleppte, waren so ziemlich das Letzte, was er jemals auch nur versuchen wollte zu lesen.

Dies erinnerte Neil an das Buch, dass Andrew heute morgen durch das Zimmer geworfen hatte.
Er stand auf, ging ins Wohnzimmer und entdeckte Buch noch genau da, wo Andrew es am morgen gegen die Wand geworfen hatte. Er hatte es nicht aufgehoben.
Neil griff schließlich nach dem Einband und strich über den Buchdeckel, über die geprägten Lettern im Deckel. Es war nicht so, dass Neil Andrew zum ersten Mal aggressiv mit etwas umspringen sah. Aber es war zum ersten Mal, seitdem er überhaupt wieder angefangen hatte zu lesen, dass Andrew seine Abneigung gegen Bücher gezeigt hatte, von der Neil wusste, sie war nicht natürlich, sondern geprägt durch Andrews Leben, seine Vergangenheit.

Was hatte Andrew dazu gebracht, dieses Buch genauso feindselig zu behandeln wie früher, als Bücher für ihnen unerreichbare Träume und Hoffnung waren, die für ihn nie wahr werden würden und die ihn wütend machten, weil es unfair und grausam und schmerzhaft war es zu lesen? Weil er es sich so sehr gewünscht und es gewollt hatte. Sowie er Cass gewollt hatte. Wie er bereit gewesen war sich selbst zu opfern, nur um bei ihr zu bleiben. Was er sich selbst angetan hatte, um es ertragen zu können, damit er bloß Cass nicht verlor. Bis er es irgendwann nichts mehr gewollt hatte. Weder das Happy End der Bücher noch die Familie, die Mutter, die nur eine Illusion war.

Neil nahm das Buch mit ins Schlafzimmer und verbrachte den Abend damit zu lesen, bis ihn vor Müdigkeit die Augen brannten und tränten. Er ignorierte Nicky wiederholte Klopfversuche – da er nicht einfach reinkam, ging Neil davon aus, dass sowohl Kevin als auch Andrew sich geweigert hatten, ihm ihre Schlüssel zu geben – und sammelte schließlich das Essen ein, das Nicky ihm vor die Tür stellte.
Irgendwann schlief er ein, noch im Schein des warmen Lichtes auf dem kleinen Schränkchen neben dem Bett.
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