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Von nun an für immer

von vikami
Kurzbeschreibung
KurzgeschichteAngst, Liebesgeschichte / P16 / MaleSlash
Andrew Minyard Neil Josten
10.04.2021
10.04.2021
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1.738
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Happy Birthday, Electra Heart ♡






Keuchend schreckt Neil aus dem Schlaf.

Die nächtliche Dunkelheit empfängt ihn sofort. Er hat das Gefühl, in ihr zu versinken.

Seine Augenlider sind weit aufgerissen. Bis zum Anschlag. Es ist fast schon etwas unangenehm, doch das ist im Moment nur eine verworrene Wahrnehmung am Rande. Ein Vakuum keimt in seinem Brustkorb auf, zerquetscht seine Organe und macht das Atmen unmöglich. Schlägt sein Herz überhaupt noch?

Panisch springt sein Blick hin und her, in dem verzweifelten Versuch, irgendeinen Anhaltspunkt zu finden. Ein Möbelstück, eine Lichtquelle, eine Tür. Irgendwas. Irgendwas, woran er sich orientieren kann. Irgendwas, das ihn von diesem seltsamen Ort weg führt. Doch da ist nichts. Nichts vor ihm. Nichts unter ihm. Nichts neben ihm. Er verharrt in einer schwerelosen Unendlichkeit.

Rasselnder Atem hallt in seinen Ohren wieder. Daraus schlussfolgert er, dass sein Herz noch intakt ist. Okay. Wenigstens etwas Positives.

Neil tut diese merkwürdige Erfahrung als einen luziden Traum ab. Es ist unangenehm, aber ungefährlich. Theoretisch muss er nichts anderes tun als zu warten, das er aufwacht. Theoretisch. Praktisch sieht die Sache leider etwas anders aus. Inneres Unwohlsein kündigt drohende Gefahr an. Da es sich hier eigentlich nur um einen Traum handelt könnte Neil es einfach beiseite schieben. Es ignorieren. Immerhin kann man ihm an solch einem unwirklichen Ort nichts anhaben. Zumindest nicht körperlich.

Doch um diese Warnung als unwichtig abzustempeln war er viel zu viele Jahre auf der Flucht. Er hat bereits zu viel erlebt, was seine Intuition aufs allerfeinste geschärft hat. Neil will es nicht wahrhaben, doch kann es nicht verdrängen. Bei diesem Gefühl handelt es sich nicht um ein einfaches Unwohlsein. Es ist schlimmer. Viel, viel schlimmer. Es ist eine verdammte Todesangst.

Einen Herzschlag später findet er sich in Castle Evermore wieder. Sein Atmen verfängt sich vor Schreck in seinen Lungen und Angst in ihrer reinsten Form erkämpft sich die Vorherrschaft über seinen Körper. Er will rennen. Rennen, so schnell es geht – doch Handschellen fixieren seine Hände am Kopfteil eines fremden Bettes. Mit gefletschten Zähnen und brennender Wut im Bauch fängt er an, wie ein wildes Tier gegen die Handschellen zu rebellieren. Das Material schneidet in seine Haut, doch das hält ihn nicht auf. Alles hieran kommt ihm bekannt vor. Viel zu bekannt. Ein hässliches Gefühl setzt sich in seiner Magengegend fest. Fuck, es sollte doch alles vorbei sein! Er muss–

«Hey. Wie schön, dass wir uns hier wieder begegnen.»

Alles in Neil gefriert augenblicklich. Ein Schauer läuft ihm über den Rücken. Diese Stimme. Dieser herablassende Unterton. Nein. Das darf nicht–

Sein apathischer Blick folgt dem Klang. Ein Schemen sitzt am Rand des Bettes. Als er erkennt, um wen es sich handelt, rutscht sein Herz einige Etagen tiefer und für einige Sekunden hat Neil vergessen, wie man atmet. Er sieht dunkle Augen. Schwarze Haare. Eine schwarze Uniform. Riko.

«Ich werde mich nicht zurückhalten. Schrei ruhig, wenn es dir zu viel wird. Ich bitte darum.»

Nein. Das darf nicht sein. Riko ist tot. Tod! Das alles ist vorbei. Es muss vorbei sein! Nein. Nein. Nein!

Wie von Sinnen fängt Neil an zu rebellieren. Mit aller Kraft, die er nur irgendwie aufbringen kann. Reißt an den Handschellen, doch sie sind zu robust. Er Tritt, flucht, schreit. Doch Riko gibt sich völlig unbeeindruckt. Genießt das Schauspiel mit eiskalter Heiterkeit. Neil will diesem gestörten Freak eine Beleidigung entgegenschleudern, doch verstummt, als ihm in dem Moment ein Messer in den Mund geschoben wird. Trotzig beißt er auf die kalte Klinge und wendet seinen Blick nicht von Riko ab. Er ist sich sicher, dass seine Augen jetzt im Moment all den Hass versprühen müssen, der wie ein Inferno in ihm wütet.

Es ist so falsch. Das alles hier. Riko ist tot. Die schlimmste Zeit seines Lebens müsste vorbei sein. Verdammt, warum ist er hier?!

Riko stützt eine Hand neben Neils Kopf ab und beugt sich ihm entgegen. Die Ahnung eines süffisanten Grinsens umspielt seine Lippen. Kurz vor Neil stoppt er. Folgenden Satz spricht Riko in aller Gelassenheit aus, doch seine Stimme besitzt nicht einen Funken Menschlichkeit. Neil weiß, das ihn jede einzelne Silbe für immer bis in die tiefsten Ebenen seiner Albträume verfolgen wird.

«Wer ist dein König, Nathaniel?»

Neil kneift seine Augen feste zusammen.

Als er sie wieder aufschlägt ist alles vorbei.

Erneut findet er sich unter dem Schleier der Dunkelheit wieder, doch diesmal fühlt es sich nicht ansatzweise so bedrohlich an wie eben. Es dauert einige hektische Atemzüge, ehe er etwas anderes als sein schlagendes Herz und die blanke Panik wahrnehmen kann. Ein Widerstand ist unter seinem Rücken. Weich und irgendwie vertraut. Seine Hände sind nicht angekettet. Zitternde Fingerkuppen befühlen den Untergrund. Sofort bekommt er den weichen Stoff der Baumwollbettwäsche zu spüren, die Nicky ihnen aufgeschwatzt hat. Super weich und das perfekte Material fürs gemeinsame Leben, unerwünschte Flecken lassen sich da echt easy auswaschen!, echot es Neil durch die Erinnerung.

Er benutzt seine Ellenbogen als Stütze und richtet seinen schlaffen Oberkörper auf. Aufmerksame Blicke sondieren die Umgebung und es dauert nicht lange, bis er sich im Schlafzimmer von ihm und seinen Freund wiederfindet. Silbriges Mondlicht scheint durch die halb geschlossene Jalousie. Zaghaft zeichnet es die Einrichtung ihres gemeinsamen Schlafzimmers nach und lässt sie als Silhouetten hervortreten. Ein bekannter Geruch steigt ihm in die Nase. Mag es das Holz der Möbel sein, jedenfalls ist es ein angenehmer Geruch. Das vertraute Umfeld hat eine beruhigende Wirkung auf Neil. Er atmet all die angesammelte Luft leise aus und das Gewicht ganzer Universen fällt von seinen Lungen. Ein Albtraum. Es war nur ein Albtraum…

Reflexartig wendet er seinen Kopf zur Seite. Er muss wissen, ob es ihm gut geht.

Andrew.

Die Erleichterung, seinen Freund an seinem Platz vorzufinden, ist gigantisch. Sein Oberkörper ragt aus der Decke und ist von einem schwarzen Shirt eingesäumt. Aschblonde Haare fallen ihm in die Stirn, seine Augen sind geschlossen, sein Gesichtsausdruck entspannt. Durch langsame Atemzüge hebt sich sein Oberkörper in rhythmischen Abständen auf und ab. Er hat von dem Albtraum scheinbar nichts mitbekommen. Bestimmt ist es so am besten. Obwohl ihm der Albtraum noch tonnenschwer in der Erinnerung liegt erscheint ein schwaches Lächeln auf Neils Lippen. Es ist faszinierend, wie friedlich Andrew beim schlafen aussieht. Als würde man in das Tor einer Parallelwelt blicken.

Neil hört auf die Sekunden zu zählen, da er Andrew noch Ewigkeiten anschauen könnte. Doch die innere Unruhe verdüstert seine Stimmung. Außerdem ist sein Shirt durchgeschwitzt. Vielleicht sollte er ein Neues anziehen.

Vorsichtig erhebt er sich auf dem gemeinsamen Bett. Leichtfüßig streunt er durchs dunkle Zimmer und schnappt sich im Vorbeigehen ein Shirt von gestern, das nutzlos über der Rückenlehne eines Stuhls hängt. Die Tür lehnt nur an, als er sich auf den Weg zum Bad macht. Dort angekommen knipst er das Licht an und blinzelt einige male, um seine Augen an die neuen Verhältnisse zu gewöhnen. Sein altes Shirt zieht er aus und wirft es achtlos in die Nähe es Wäschekorbs. Er schnappt sich einen Waschlappen und tupft seinen Oberkörper ab, ehe er das andere anzieht.

Unter seinen Händen fühlt er die Narben, die quer über seinen Körper verteilt sind. Neil hält inne. Langsam findet sein Blick den Weg nach oben. Sein eigenes Spiegelbild wirkt auf einmal so fremd. Seine Augen fahren jede einzelne Narbe nach, die sich von seiner gebräunten Haut abhebt. Die letzten Überbleibsel seiner Vergangenheit, die ihn für immer begleiten werden. Seine Aufmerksamkeit wandert nach oben und auf einmal blickt er sich selbst entgegen. Direkt in diese eisblauen Augen, die er jahrelang hinter braunen Kontaktlinsen verstecken musste. Irgendwie fühlen sie sich immer noch fremd an. Nicht wie seine eigenen. Um ehrlich zu sein fühlt sich sein jetziges Leben nicht wie sein eigenes an. Die Vergangenheit wirkt nach wie vor so schrecklich nah und greifbar. Seine Mutter. Sein Vater. Castle Evermore. Riko…

Ein Schnurren und etwas weiches an seinen Beinen katapultieren ihn aus dem gedanklichen Sog. Er schaut nach unten. Sir Fat Cat McCatterson und King Fluffkings haben sich ins Bad geschlichen und schmiegen sich an seine Beine. Neils Mundwinkel heben sich zufrieden an, als ihm bewusst wird, wie sehr er die beiden Fellknäule gerade gebraucht hat. Er geht in die Hocke und streichelt King kurz über die Stirn. Der Kater miaut, dann eilen die beiden flinken Schrittes zur Badezimmertür, kratzen die Kurve und lassen ihn wieder allein. Neil schaut ihnen kurz nach, dann wendet er sich wieder seinem Spiegelbild zu. Er atmet ein letztes mal tief durch, ehe sich das neue Shirt überstülpt und das Bad verlässt.

Neil schiebt die Tür zum gemeinsamen Schlafzimmer auf und späht hinein. Andrew schläft noch und King und Sir sind am Fußende des Bettes zu einem einzigen großen Fellknäuel fusioniert. Er lässt den friedlichen Anblick noch kurz auf sich wirken, ehe er auf Zehenspitzen zurück zum Bett huscht. So vorsichtig wie möglich legt er zurück auf die Matratze; zuerst den Unterkörper, dann seine Schultern, bis er schließlich seine Wange auf dem Kissen bettet. Währenddessen hat er seinen Blick kein einziges mal von Andrew abgewendet. Neil schaut ihn noch für eine Weile an. Lässt seine Präsenz auf sich wirken. Das, was sie sind. Das, was sie haben. Das, was er für ihn bedeutet.

Hätte man ihm vor einem Jahr gesagt, dass er so viel Glück finden würde, hätte er diese Person für verrückt erklärt. Hätte man ihm gesagt, dass er jenes Glück auch noch mit Andrew findet, hätte er diese Person eigenhändig vor einer Irrenanstalt ausgesetzt. Sein jetziges Leben fühlt sich noch so surreal an. Manchmal kann er es nicht wirklich akzeptieren, aus Angst, man könnte es ihm wieder entreißen. Es gibt Tage, an denen es sich wie ein Traum anfühlt. Falls es wirklich einer ist, hofft er, nie zu erwachen.

Nach einer Weile gleitet sein Blick von Andrews Gesicht zu seiner Hand. Sein Handrücken liegt auf der Matratze und seine Handfläche ist entblößt. Neil gibt dem Drang nach, sie berühren zu wollen. Nur ganz kurz.

Seine Hand geistert über Andrews. Auf einmal schließt sich Andrews Hand um seine eigene. Verwirrt ihre Finger ineinander. Drückt sanft aber bestimmend zu. Hält ihn fest.

Neils Augen springen überrascht auf. Er schaut seinem Freund wieder ins Gesicht. Er ist wach…? Wie lange schon...?

Von Andrew kommt allerdings keine weitere Reaktion. Seine Augen verweilen geschlossen. Eine deutliche Botschaft.

Sprich nicht.

Neil versteht. Er rutscht näher an Andrew und erwidert den sanften Druck. Genießt die Wärme, die von seinem Körper ausgeht. Seine Augen fallen zu und zum ersten mal in seinem Leben fühlt er sich geborgen. Wirklich geborgen.

Jetzt ist alles okay.
 
 
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