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Harry Potter Kolumne

von Demelza
GeschichteAllgemein / P12 / Gen
09.04.2021
11.06.2021
11
8.163
15
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Dieses Kapitel
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11.06.2021 1.308
 
Vom Kinderbuch zum Jugendroman: Der Stein der Weisen  


Harry Potter ist eine der wenigen Buchreihen, in der sich die Figuren im Laufe der Bücher von Kindern über Teenagern zu jungen Erwachsenen entwickeln. Dadurch werden im Laufe der Bücher auch verschiedene Themen angesprochen, die Bücher werden mit der Zeit nicht nur immer länger und komplexer, sondern auch immer düsterer.  

Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass man manche Dinge in den Büchern erst mit einem gewissen Alter versteht. Ich habe die Bücher mit zwölf zum ersten Mal gelesen und seitdem jedes Jahr einmal. Und manche Aspekte der Bücher habe ich erst mit fünfzehn oder sechszehn richtig verstanden.

In dieser Serie untersuche ich die Entwicklung der Bücher vom Kinderbuch zum Jugendroman. Denn Harry Potter ist auf jeden Fall keine Buchreihe nur für Kinder.  Dafür nehme ich in jedem Teil der Serie ein Buch der Reihe und gehe unter anderem auf die Themen ein, die dort angesprochen werden; wie die Charaktere mit der Zeit immer komplexer und realistischer geschrieben sind und wie sich das ganze Buch der „Hauptzielgruppe“ ( Leser mit circa Harrys jeweiligem Alter).



Harry Potter und der Stein der Weisen ist im Grunde die typische Internats-oder Schulgeschichte. Dazu kommen noch die klassischen Elemente einer Geschichte, in der der Prota (steht in der ganzen Serie für Protagonist oder Protagonistin)  in eine neue Welt kommt.  

Gewisse Elemente finden sich in vielen Büchern über Internate oder Schule allgemein und das vom Kinderbuch bis zum Jugendbuch. (Ich habe selbst ein paar davon gelesen und manche Elemente wiederholen sich tatsächlich in vielen davon.)  

Der Prota (Harry) lernt gleich bei der Ankunft in der Schule oder schon auf dem Weg dorthin, seinen neuen besten Freund oder seine neue beste Freundin kennen (Ron). Der große Teil der Mitschüler bleiben unwichtige Nebenfiguren, von denen man oft weder eine Beschreibung noch einen Namen erhält. Mit drei Ausnahmen: Die erste, die fast immer vorkommt: Der Antagonist des Protas unter den Schülern (Draco). Ihn trifft der Prota auch recht am Anfang, eckt sofort mit ihm an, oft ohne wirklich ersichtlichen Grund. Dieser Antagonist ist sehr oft überheblich, arrogant, reich und aus gutem Hause ( oder tut zumindest so). Die zweite Ausnahme, die auch sehr oft vorkommt: Der arme, hilflose und oft auch tollpatschige Schüler (Neville). Ihn verteidigt der Prota gegen hänselnde Mitschüler, die oft in Kontakt zum Antagonisten des Protas unter den Schülern stehen. Am Ende hat dieser Mitschüler aber oft eine wichtige Rolle im Buch oder wird ein fester Teil der Freundesgruppe des Protas. Die dritte Ausnahme, die auch sehr oft vorkommt: Der ewig pflichtbewusste Spaßverderber oder Streber ( Hermine). Er geht dem Prota und seiner Freundesgruppe auf die Nerven, weil er die Regeln und den Unterricht etwas zu ernst nimmt. Im Bezug auf die Handlung des Buches gibt es aber oft eine Mischung aus der zweiten und dritten Ausnahme.

Die Lehrer sind im Grunde Stereotypen, auch diese findet man in vielen Büchern über Internate oder Schulen, besonders in Kinderbüchern: Hier gibt es einmal den strengen, fiesen Lehrer, den niemand so richtig ausstehen kann( Snape); die strenge Lehrerin, die aber fair ist und guten Unterricht macht (McGonagall); der Schulleiter, die als beinahe mystisches Wesen beschrieben wird, im Kontakt zum Prota aber entweder sehr weise und freundlich oder gleich wie ein schrulliger, lustiger Opa wirkt (Dumbledore); die übrigen Lehrer sind reine Randfiguren, über die man kaum etwas erfährt (Flitwick und Sprout). Auch sehr häufig vertreten ist der Angestellte, der wahlweise für das Gelände oder das Gebäude zuständig ist und vor dem sich viele Schüler fürchten ( Filch).  

Im Vergleich zu den späteren Büchern spielt das „Sich-nachts-rausschleichen- und-hoffen- das- man- nicht- erwischt- wird“ im ersten Band eine wesentlich größere Rolle. Wenn Harry und co. in den späteren Büchern nachts im Schloss unterwegs sind, ist das keine so große Sache mehr als im ersten Teil, die Gefahr erwischt zu werden spielt später keine große Rolle mehr.

Auch die Hauspunkte sind im ersten Band noch wesentlich wichtiger als in den späteren. Erwähnt werden sie zwar später auch noch, aber wirklich Sorgen um den Hauspunkte stand macht sich Harry eigentlich nur im ersten Band.

Wie in vielen Büchern, in denen der Prota neu in eine Welt kommt, wird im ersten Band die Welt in den Grundzügen erklärt und in den weiteren Teilen Stück für Stück erweitert. Und wie bei vielen Büchern dieser Art ist der Prota in seiner alten Welt nichts besonders, hat aber oft kein einfaches Leben, in der neuen Welt findet er ein zuhause und ist dort sehr oft auch von Anfang an etwas Besonderes.  

Harry Potter und der Stein der Weisen ist in vielerlei Hinsicht noch ein richtiges Kinderbuch.

So kommen im ganzen Buch nicht viele Figuren vor und diese Figuren kann man auch gut in Gruppen einteilen (Muggel, Mitschüler, Lehrer). Im Vergleich zum siebten Band kommen im ersten deutlich weniger Figuren vor. Und die Figuren, die vorkommen, sind bis auf die Hauptfiguren oft typische Stereotypen, wie etwa die Lehrer. Auch die Zusammensetzung von Harrys Freundesgruppe ist recht typisch für ein Kinderbuch. Ein Mädchen und dein Junge als beste Freunde. Einer seiner Freunde kommt aus einer Großfamilie und hat daher nicht besonders viel Geld. Der andere Freund ist Einzelkind aus recht wohlhabendem Elternhaus (Hermines Eltern sind beide Zahnärzte. Hermine stammt also aus der Mittelschicht). Auch dass mit Ron einer von Harrys Freunden in der magischen Welt aufgewachsen ist und mit Hermine der andere nicht, ist recht typisch für ein Kinderbuch.  

Auch wenn die Charaktere auch im ersten Buch schon gut geschrieben sind, sind auch die, die keine Stereotypen verkörpern mit weniger Charakter geschrieben als in den späteren Büchern.  Hagrid zum Beispiel ist der nette Wildhüter, der sich schnell mal verplappert. Aber auch Figuren, die wirklich großen Einfluss auf die Handlung haben, werden recht oberflächlich geschrieben. Nehmen wir hier als Beispiel einmal Professor Quirrell. Dafür, dass er im Buch eine recht große Rolle spielt, bleibt der Charakter erstaunlich blass. Man weiß auch kaum etwas über ihn. Nicht mal sein Vorname wird im Buch erwähnt. Keine einzige Unterrichtsstunde von ihm kommt wirklich vor. Und jetzt vergleicht Quirrell im Stein der Weisen mal mit seinen Nachfolgern. Die sind doch zigmal greifbarer als Charaktere als Quirrell.  

Auch typisch für ein Kinderbuch gibt es im ersten Band deutlich weniger Handlungsstänge als in den späteren Büchern. Und Handlungsstänge, die vorkommen werden entweder sofort aufgeklärt (Norbert) oder am Ende des Buches (der Stein der Weisen, der Konflikt von Snape und Quirrell;  der Spiegel Nerhegeb; Ron kann sich selbst beweisen ;Neville handelt mutig; Gryffindor gewinnt den Hauspokal). Die meisten Handlungsstänge haben auch eine direkte Auswirkung auf die Haupthandlung.  So gut wie alle offenen Fragen werden zum Ende hin geklärt.  Und der erste Band hat noch ein richtiges Happy End. In den späteren Büchern ziehen sich Handlungsstänge oft über das ganze Buch oder sogar über mehrere Bücher hin, ohne Teil der Haupthandlung zu sein, zum Beispiel Rita Kimmkorn im vierten Band oder die Beziehung von Lupin und Tonks im sechsten und siebten Band.  

Typisch für ein Kinderbuch wird Harrys Leben bei den Dursleys auch etwas übertrieben dargestellt. Würden die Dursleys Harry wirklich so behandeln, wie im ersten Band angedeutet wird, hätte Harry deutlich mehr Probleme in Hogwarts soziale Kontakte zu knüpfen.

Liest man das Buch als Kind, soll man mit Harry mitfiebern. Deswegen macht Harry im ersten Buch auch Dinge, die ein normaler Schüler nicht machen würde. Auch das ganze Gold in Gringotts lässt sich damit erklären. Harry als der Held des Buches darf deshalb auch schon früher als eigentlich erlaubt beim Quidditch mitspielen, spielt auf der wichtigsten Position, ist übermäßig begabt für Quidditch und bekommt obendrein auch noch den besten Besen auf dem Markt einfach so geschenkt. Für erwachsene Leser kommt das gerne unrealistisch rüber, aber für ein Kinderbuch ist das eben typisch. So ähnlich findet man das auch in ähnlichen Büchern.
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