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Big City Life

von Caligula
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Familie / P18 / Het
08.04.2021
29.06.2021
2
6.525
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29.06.2021 3.094
 
02 - Ich bin fucking Tony Prince und wir beide eröffnen den angesagtesten Nachtclub, den diese gottverlassene Stadt je gesehen hat!

Als er wach wurde, spürte er Druck auf seiner Blase und auf seinem Arm. Ersterer war verantwortlich dafür, dass Tate aufgewacht war; Letzterer war wohl der Grund, aus dem er die Nacht in diesem ausgesprochen bequemen Bett verbracht hatte. Seine neue Freundin, deren Namen er schon wieder vergessen hatte, klammerte sich regelrecht mit einem Arm und einem Bein an ihm fest, während sie selig schlief, den Kopf, den ein wuscheliger brauner Bob zierte, auf seinem linken Arm gebettet. Fasziniert beobachtete er wie sie sogar leise schnarchte. Sie war süß, aber er musste dringend pissen, daher befreite er sich mit sanfter Gewalt aus ihrer Umklammerung und schwang sich aus dem fremden Bett. Da er über die Wohnsituation seiner neuen Bekanntschaft so wenig wusste wie überhaupt etwas über sie, zog er sich zumindest seine Unterhose über, ehe er sich auf die Suche nach dem Bad machte. Immerhin schien sie alleine zu leben und die Bude war so winzig, dass er nicht lange suchen musste. Als er sich kurz darauf erleichtert die Hände wusch, fand er auf seiner rechten Handfläche eine Telefonnummer aufgemalt vor, die er nicht zuordnen konnte. War das ihre? Noch eine Bekanntschaft des gestrigen Abends?
Das Klingeln seines Handys riss Tate aus seinen Überlegungen. Ohne es übermäßig eilig zu haben, ging er zurück ins Schlafzimmer, dessen Besitzerin müde blinzelte. Er fischte das Handy aus seiner Hosentasche. Schon wieder eine ihm unbekannte Nummer.
„Ja?“
„Guten Morgen, Sonnenschein! Ich hatte schon befürchtet, du wärst völlig versunken! Schön, dass ich dich kriege!“
„Ja und was is’ jetzt?“ Auch die Stimme kannte Tate nicht; zumindest noch nicht lange. Dunkel erinnerte er sich an einen Mann. Ein gebräunter Typ mit getönter Brille und Hochwasserhose, der ihm für den Laden, in dem sie gefeiert hatten, viel zu alt erschienen war. Ja, er erinnerte sich an diese schwule Stimme. Wieso hatte der seine Nummer?
„Was ist jetzt!“, wiederholte der Typ amüsiert und viel zu laut. „Das frag ich dich! Komm in die Puschen, Junge!“
Langsam war Tate zwar wach, aber überfordert. Was wollte dieser Spinner von ihm? „Alter, ich weiß nicht mal wer du bist!“, motzte er gereizt.
Am anderen Ende der Leitung wurde mit höhnischem Gelächter geantwortet. „Wer ich bin … ist es denn zu fassen? Ich bin fucking Tony Prince und wir beide eröffnen den angesagtesten Nachtclub, den diese gottverlassene Stadt je gesehen hat!“

Das hatten sie offensichtlich beide todernst gemeint, als sie sich die Idee gemeinschaftlich in den Kopf gesetzt hatten. Eine Stunde nach diesem seltsamen Weckruf stand Tate vor einem unscheinbaren einstöckigen Gebäude, das einem Schild nach zwangsversteigert werden sollte. Es befand sich nur einen Block von der Strandpromenade Los Santos’ und nur wenige Blocks von ihrer Kanzlei entfernt. Vermutlich nicht die schlechteste Lage für einen Club, trotzdem konnte Tate sich nur noch sehr verschwommen daran erinnern, das hier in die Wege geleitet zu haben.
„Schon klar, schon klar, auf den ersten Blick ist es nichts, aber warte nur ab was dein Geld und meine Expertise aus diesem trostlosen Schuppen rauskitzeln werden!“ Die Hände in die Hüften gestemmt blickte Tony dieser prognostizierten Zukunft voller Zuversicht entgegen, ein seliges Lächeln auf den Lippen. Tate war nicht überzeugt und ließ skeptisch den Blick über den Älteren wandern, den er zum ersten Mal bei Tageslicht sah.
„Deine Expertise?“, wiederholte er lahm. Und glaubte eine kleine Ader an Tonys Schläfe pochen zu sehen.
„Du meine Güte, jetzt reiss dich doch mal zusammen. Ich bin eine fucking Legende im Geschäft. Google mich, Herrgott nochmal. Und kurz bevor du mir deine Bierflasche ins Gesicht schlagen wolltest, haben wir beschlossen unsere Stärken zu verbinden und einen Nachtclub zu eröffnen. Kurz gefasst.“
„Warum hab ich mich darauf eingelassen, statt einfach zuzuschlagen …?“
„Keine Ahnung, aber du wirst es nicht bereuen, mein Freund!“ Kumpelhaft hatte er ihm einen Arm um die Schulter gelegt und führte ihn zum Eingang des Ladens, den Tate offenbar gekauft hatte. Spätestens wenn Chris und Michelle davon erfuhren, würde er diese Aktion vermutlich bereuen.
Der Laden war schmutzig und trostlos und stand offenkundig schon eine ganze Weile leer, aber mit etwas Fantasie, von der Tony anscheinend reichlich besaß, konnte man sich eine tanzende Menschenmenge darin vorstellen. Zumindest hatte der sogenannte Experte schon sehr konkrete Vorstellungen und richtete den ganzen Club gedanklich bereits ein, während er Tate hindurch führte. Der Tag wurde noch etwas verrückter, als der gescheiterte Radiomoderator Lazlow Jones auftauchte und Tony, mit dem er wohl befreundet war, darum anbettelte, als DJ im Club auftreten zu dürfen. Was dieser dankenswerterweise vehement ablehnte.
„Da hab ich jemand anderen im Sinn …“, erklärte er geheimniskrämerisch und rieb sich mit Zeigefinger und Daumen den kaum vorhandenen Bart, als sie am Ende ihrer Besichtigung vor der Bühne standen, auf der Lazlow noch immer schmollte wie ein kleines Kind.
Tate gähnte herzhaft. „Alles muss besser sein als dieser Spinner …“
„Hey!“, echauffierte sich Lazlow. „Ich bin ein Star; ich war im Fernsehen!“
Tate verbiss sich einen gehässigen Kommentar. Er hatte durchaus, wie der Rest Amerikas, mitangesehen wie Lazlow sich als Moderator dieser dummen Casting-Show ‘Fame or Shame’ landesweit zum Affen gemacht hatte. Doch weder hatte Tate Lust zu streiten, noch machte es den Eindruck als wäre das Riesenbaby Lazlow besonders gut darin.
„Hört auf zu zanken, Kinder“, übernahm Tony wieder geschäftig das Wort. „Ich will das hier so schnell wie möglich zum Rollen bringen! Pass auf, äh … Tate! Ich beaufsichtige die Renovierungsarbeiten und organisiere alles was wir an Personal brauchen. Du kannst dich ganz entspannt zurücklehnen. Lazlow, für dich hab ich auch eine Aufgabe.“ Angesprochener war augenblicklich ganz Ohr. „Fahr rauf in die Wüste. Ein paar Hippies veranstalten da ein Festival, mit ganz hervorragendem Audio-Equipment. Das sehe ich in unserem Club!“ Erst glaubte Tate Tony wolle Lazlow bloß loswerden, was funktionierte, doch schien er seine Forderung ernst gemeint zu haben.
Sobald sich der Möchtegern-DJ auf den Weg gemacht hatte, kehrte für einen Moment zumindest, himmlische Ruhe ein. Noch einmal drückte Tony Tate an sich.
„Ich verspreche es dir, mein Freund, du wirst das hier nicht bereuen. Das wird der angesagteste Club in ganz Los Santos, mit der schärfsten Musik, den coolsten Leuten und einem ordentlichen Einkommen! Ich hab’s immer noch drauf, Baby!“
Die Hände in die Taschen seiner Jeans geschoben betrachtete Tate die nun leere Bühne, die noch nicht so aussah als könne sie auch nur eines dieser Versprechen halten. Ein eigener Club. Nichts wovon Tate je in seinem Leben geträumt hätte, aber es klang zugegebenermaßen mehr nach ihm als eine verdammte Kanzlei. Er hatte schon bescheuerter investiert.
Sein Handy vibrierte. Er zog es aus der Tasche und warf einen Blick darauf. Michelle hatte ihm geschrieben.
„Ah ja!“, schien Tony plötzlich etwas einzufallen und ohne danach zu fragen schnappte er Tates Handy aus der Hand.
„Ey, geht’s noch?!“
„Deine Freundin?“, wollte der Ältere mit einem schelmischen Grinsen wissen.
Tate schnaubte. „Ganz sicher nicht.“
„Ich war mal so frei meine Nummer einzuspeichern.“ Damit überreichte Tony ihm das Telefon wieder.
Verwirrt glich Tate die Nummer mit der auf seiner Hand ab. „Das ist deine Nummer? Wessen Nummer ist denn das?“
Tony lächelte nachsichtig. „Das kann ich dir auch nicht sagen, Herzchen. Ganz offenkundig warst du ja gestern nicht mehr allzu aufnahmefähig.“ So konnte man es wohl nennen, andernfalls hätte er sich von einem wildfremden Kerl vielleicht nicht ein paar Hunderttausend Dollar abschwatzen lassen, um einen verdammten Nachtclub zu kaufen. Vielleicht. Siedend heiß fiel ihm wieder die Süße ein, bei der er geschlafen hatte und ruckartig drehte er sich zu Tony um.
„Wart mal, das Büro war doch ziemlich geräumig, oder?“
„Äh … ja, wieso?“
Vielleicht gab es ja doch einen guten Grund, warum er sich auf diese vermeintliche Schnapsidee eingelassen hatte.

Er hatte es ihr freigestellt, ob sie die Chance nutzen wollte oder nicht, aber ihm war gleich klar gewesen, dass Michelle kommen würde, wenn sie es nur einrichten konnte. Tate hatte kaum damit begonnen seine Sachen zusammenzupacken, als er den Schlüssel im Schloss hörte. Sachte wurde die Tür wieder geschlossen und das Klacken der Absätze auf dem teuren Parkettboden verriet, dass nicht etwa Chris sich mal eben nachhause verirrt hatte, sondern Michelle eingetroffen war.
„Du hast ja echt Nerven, dich nochmal hier blicken zu lassen“, begrüßte sie ihn kalt. Noch bevor er sich zu ihr umdrehte, wusste er genau welcher Anblick ihn erwarten würde. Wie so oft hatte sie die Hände in die Hüften gestemmt und sah in ihrem weißen Hosenanzug gleich doppelt so streng aus. Sie war wirklich schön anzuschauen, aber wie Chris ernsthaft in Erwägung ziehen konnte diese Frau zu heiraten, war Tate ein Rätsel.
„Keine Sorge, ich hol nur meinen Kram und dann bin ich weg. Also, endgültig“, fügte er auf ihre skeptische Miene hin hinzu.
„Endgültig? Du willst mir also sagen, du hast dich tatsächlich um eine Wohnung bemüht?“ Sie verlagerte ihr Gewicht auf den anderen Fuß und nahm eine Hand von der Hüfte.
„So in der Art, ja.“
„So in der Art?“
„Ja. So in der Art“, gab er patzig zurück.
„Du gehst wieder in den Knast?“
Genervt stieß Tate den Atem aus und richtete sich auf, um sie endlich wieder zu überragen, was ihm mit ihren hohen Absätzen nicht gänzlich gelingen wollte. Zumindest waren sie gleich auf. Einschüchtern ließ sie sich jedoch nicht im Geringsten. „Ich geh nicht zurück in den Knast, wenn du es so genau wissen musst, wobei das wahrscheinlich immer noch eine bessere Alternative zu deiner Herrschaft hier wäre …“
Michelle schnaubte ungläubig. „Hat man Töne! Du hast dich doch hier eingenistet und hattest es wochenlang nicht nötig dir was Eigenes zu suchen. Wenn du so dringend zurück in den Bau willst, sag nur Bescheid - ein Anruf und die buchten dich wieder ein. Du hast genug Dreck am Stecken, weil du dich einfach nicht zusammenreissen kannst!“
„Oh mein Gott, hol mal Luft, Süße! Du bist nicht meine Mutter …“
Er sah ihr an, dass ihr durchaus irgendeine fiese Erwiderung auf der Zunge lag - sowieso war sie niemals um eine Antwort verlegen - doch sie verkniff sie sich. Ihre Gesichtszüge wurden sogar etwas weicher, allerdings ohne dass sie ihre Strenge und ihre tiefe Abneigung ihm gegenüber gänzlich hätte ablegen können. Ihr Blick glitt über seine noch geöffnet auf dem Sofa liegende Sporttasche und zurück zu Tates Gesicht. „Also … du meinst das ernst? Du ziehst aus?“
Er grinste schief. „Was denn? Wirst du mich vermissen?“
Sie stieß ein abfälliges Schnauben aus. „Weder dich noch regelmäßig neues Bettzeug kaufen zu müssen, weil du ein verzogenes, widerliches Schwein bist, nein. Weiß Chris schon Bescheid?“
„Nein, ich muss ihm noch schreiben“, antwortete Tate lapidar mit den Schultern zuckend.
„Vergiss bei der Gelegenheit nicht dich bei ihm zu bedanken, dafür dass er dich hier aufgenommen hat.“
Genervt verdrehte er die Augen, als er sich an Michelle vorbei schob um seine restlichen Sachen aus dem Badezimmer zu holen. Als bestünde die Gefahr, dass er es sich noch einmal anders überlegte, beobachtete sie jede seiner Bewegungen genau. „Ich mach das schon mit Chris, okay? Manchmal, glaube ich, vergisst du, dass er auch mein Freund ist …“
„Ich vergesse es nicht“, stellte Michelle klar und beobachtete des Weiteren wie er seine Toilettenartikel wahllos zwischen die Klamotten in seiner Tasche stopfte. „Ich verstehe es nur nach wie vor nicht.“
Ächzend erhob Tate sich ein letztes Mal und schulterte den Gurt der Tasche. „Ein weiser Mann sagte einst, man braucht keinen Grund um jemanden zu lieben. Einen Grund braucht man nur, um jemanden zu hassen.“
„Na, davon lieferst du ja reichlich“, meinte Michelle lahm, gänzlich unbeeindruckt von seinen so weise vorgetragenen Worten. Die Arme vor der Brust verschränkt, begleitete sie ihn zur Haustür, wo sie schließlich auffordernd eine Hand aufhielt. Er hatte gar nicht daran gedacht, aber es war klar, dass Michelle es sich nicht nehmen lassen würde ihm seinen Wohnungsschlüssel abzunehmen. In aller Seelenruhe friemelte er den Schlüssel von seinem Bund und legte ihn in ihre unermüdlich ausgestreckte Hand. Länger als nötig ließ er seine Hand auf ihrer liegen und sah ihr dabei provokant in die Augen. Sie hielt seinem Blick stand, kühl und vollkommen regungslos.
„Also schön, ich schätze dann sieht man sich nicht mehr so oft“, beendete er ihren kleinen Moment schließlich.
„Wahrscheinlich; im Büro lässt du dich ja eher selten blicken.“
Und was sollte er da auch? Hinter seinem wuchtigen Schreibtisch sitzen, sich acht Stunden am Tag Pornos reinziehen und so tun als hätte er wirklich irgendetwas in dem Laden zu sagen? Das konnte er zukünftig auch im Nachtclub tun, ganz ohne nervige Michelle. „Na dann, ciao.“
„Ja, ciao.“ In ihrer Stimme schwang noch immer reichlich Skepsis mit; es schien ihr unglaublich schwer zu fallen zu glauben, dass sie ihn tatsächlich endlich loswurde. Sie stand noch wachsam in der Wohnungstür, bis sich die Fahrstuhltüren zwischen ihnen schlossen und wahrscheinlich beobachtete sie vom Balkon aus noch seinen sich vom Haus entfernenden Wagen, bis er restlos aus ihrem Blickfeld verschwunden war.

Die Sonne versank langsam im Meer und tauchte alles in ein angenehm warmes Licht, als Tate die Gestalt registrierte, die sich ihm zielstrebig vom Parkplatz aus näherte. Er hatte sich barfuß an den Strand gesetzt, an dem nur noch vereinzelte Menschen unterwegs waren; meist Jogger oder Spaziergänger mit ihrem Hund. Chris kam ebenfalls barfuß, die Hosenbeine hochgekrempelt und zwei Bierflaschen in der Hand. Ein freches Grinsen zierte sein gebräuntes Gesicht und wäre die gelockerte Krawatte um seinen Kragen nicht gewesen, wäre es fast wie früher, bevor sie erwachsen und alles so bierernst geworden war.
„Hey, Alter“, begrüßte Chris ihn, reichte ihm ohne weitere Worte eine der Flaschen und ließ sich ächzend neben Tate im weichen Sand nieder. Am Horizont konnte man die Umrisse vereinzelter Schiffe erkennen und zu ihrer Linken erhob sich ein Flugzeug vom nahe gelegenen Los Santos International Airport.
„Muss doch ein guter Tag gewesen sein“, eröffnete Tate das Gespräch und öffnete sein Bier. „Michelle dürfte blendende Laune haben.“
Chris seufzte erschöpft. „Sie hat keine Freudensprünge gemacht, falls du das erwartet hast.“
„Nein, so viel Energie bin ich ihr nicht wert.“
„Also … wo bist du denn jetzt untergekommen?“ Er nahm einen großzügigen Schluck und betrachtete Tate voller Neugier.
„Ich hab ‘n Nachtclub gekauft“, verriet Tate trocken.
Chris verschluckte sich fast an seinem Bier. „Du hast was?!“
„Nicht das Verrückteste was ich je getan habe“, entgegnete er lahm. „Also, genau genommen muss der Laden erst noch hergerichtet werden, aber ich hab da einen Mann am Start, der wohl echt Ahnung vom Geschäft hat. Auf jeden Fall kann ich da auch pennen und hab Platz für meine Sachen.“
Sein Freund sah wirklich überrumpelt aus und für einen Augenblick schien es ihm sogar die Sprache verschlagen zu haben. „Ich hatte ja keine Ahnung, dass du … solche Pläne hattest …“
„Oh, ich auch nicht“, meinte Tate schulterzuckend. „War ‘ne Kurzschlussreaktion.“
Chris schwieg, behielt den Freund jedoch im Auge und wirkte alles andere als überzeugt von dieser Kurzschlussreaktion. Nicht verwunderlich wenn man bedachte zu was für einen Spießer Chris sich entwickelt hatte. Tate rechnete bereits fest damit, dass er ihm die Sache noch auszureden versuchte. „Und hältst du das wirklich für eine gute Idee?“ Da war es ja. „In einem Club zu wohnen, meine ich.“ Sichtlich verwundert wandte Tate sich zu ihm um. „Naja, ich meine wegen dem ganzen Alkohol und überhaupt … ein Zuhause sollte doch ein Ort sein, an dem man zur Ruhe kommt. Ich weiß nicht so recht, ob das das Richtige ist …“
„Es ist nicht schlimmer als dein Sofa. Oder sollte ich sagen Michelles Sofa?“, konnte er sich einen kleinen Seitenhieb nicht verkneifen, doch Chris blieb ernst und ließ sich nicht provozieren.
„Ich kann nochmal mit Michelle reden, dass du noch ein paar Nächte bei uns bleiben kannst und dann helfe ich dir, eine Wohnung zu finden. Ich fürchte, ich war beim letzten Mal etwas zu harsch zu dir. Es geht nicht darum, dass ich dich loswerden will, sondern darum, dass ich will, dass es dir gut geht. Das hab ich damit gemeint, als ich gesagt habe, du sollst dein Leben in den Griff kriegen.“
„Oh mein Gott, sollen wir uns ein Zimmer nehmen?“, ätzte Tate. „Was soll dieses weichgespülte Gesülze, man? Ich hab getan, was du gesagt hast - ein Job und eine eigene Bude - und jetzt ist es immer noch nicht recht?“ Seine Angespanntheit machte ihn hibbelig, weshalb er aufstand. Chris folgte ihm mit den Augen, blieb jedoch sitzen.
„Ich sprach von einer Beschäftigung und einem Rückzugsort.“
Stöhnend tat Tate ein paar Schritte, leerte seine Flasche, warf sie in den Sand und stapfte weiter Richtung Wasser, wo das Rauschen der Wellen die Geräusche der Strandpromenade verschluckte. Er wollte nicht mit Chris streiten. Er hatte keine Lust mit ihm zu streiten und noch weniger Lust zerstritten mit ihm zu sein. Er nahm einen tiefen Zug der salzigen Meeresluft und betrachtete einfach den fucking schönen Abendhimmel.
Als er sich wieder umdrehte, saß Chris noch dort, wo er ihn zurückgelassen hatte. Ohne Eile stapfte er durch den nachgiebigen Sand zurück, bis er unmittelbar vor Chris zum Stehen kam. Dieser nippte noch immer an seinem Bier und sah erwartungsvoll zu ihm hoch.
„Ich geh nicht zurück auf Michelles Sofa“, stellte er ruhig klar.
„Okay.“ Mühsam erhob Chris sich. „Aber es steht dir jederzeit frei. Ich hab das ernst gemeint, was ich gesagt habe. Ich will da sein, um dir zu helfen. Bei … allem“, endete er vage mit einem unsicheren Schulterzucken.
Tate setzte ein Grinsen auf. „Jetzt tu mal nicht so beschissen erwachsen.“
„Aber genau das sind wir jetzt“, hielt der Freund wehmütig dagegen. „Wir sind keine sechzehn mehr; wir sind beide fünfundzwanzig. Und manchmal hab ich einfach Angst, dass, wenn du so weitermachst, du nicht mehr viel älter wirst.“
„Oh man, Chris … Du hättest dich damals echt nicht in mich vergucken sollen.“
Sein Grinsen übertrug sich auf Chris. „Ja, stimmt vielleicht. Aber jetzt hängen wir hier.“ Ausweichend warf er einen Blick auf sein Handy. „Na gut, ich muss langsam los; Michelle wartet mit dem Essen auf mich.“ Er drückte Tate kurz an sich und klopfte ihm hart auf die Schulter. „Ich sag jetzt nicht, dass ich die Idee mit dem Nachtclub gut finde, aber ich will ihn auf jeden Fall sehen, wenn er läuft.“
„Na klar, dann wird richtig abgefeiert!“, versprach Tate.
Die Hand zu einem letzten Gruß erhoben, wandte Chris sich zum Gehen um, steuerte zunächst den nächstgelegenen Mülleimer an um seine leere Bierflasche ordnungsgemäß zu entsorgen und zog schließlich weiter Richtung Parkplatz. Tate ließ sich zurück auf den Boden sinken und fuhr mit den Händen durch den angenehm kühlen Sand; bedauernd, dass er nichts mehr zu Trinken hatte. Fünfundzwanzig. Manchmal hatte er auch Angst, dass er nicht viel älter werden würde.
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