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Big City Life

von Caligula
GeschichteDrama, Familie / P18 / Het
08.04.2021
29.06.2021
2
6.525
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08.04.2021 3.431
 
01 - Krieg dein scheiß Leben in den Griff!

Los Santos war für sein tropisches Klima bekannt und jeder Einwohner dieser gottlosen Metropole schätzte sie vermutlich eben dafür – für strahlenden Sonnenschein und den unvergänglichen Urlaubs-Flair. Doch wenn die Klimaanlage ausfiel – und man sich noch dazu auf der Arbeit befand statt sich am Strand die Sonne auf den Bauch scheinen zu lassen – verfluchte man dieses scheiß perfekte Wetter schon mal.
Die unerträgliche Hitze dieses Sommertages trieb Christopher Anderson den Schweiß auf die Stirn. Das Sakko hatte er bereits ausgezogen und über die Lehne seines Schreibtischstuhls ausgebreitet; die obersten Knöpfe seines Hemds bereits geöffnet. Da es sich bei seinem Gegenüber um einen Mann, in den Vierzigern, handelte, sollte seine Freizügigkeit wohl keine falschen Signale senden. Und in der Tat hatte auch der Mittvierziger selbst genug mit der drückenden Hitze zu kämpfen, als dass er an Chris' Verhalten hätte Anstoß nehmen können. Sein Kopf war schon ganz rot angelaufen, seine Lider allem Anschein nach schwer und seine Stimme klang schleppend. Wobei sie das zugegebenermaßen von Anfang an getan hatte, schon als der Mann sein Büro betreten hatte. Ihm zuzuhören hatte Chris' Konzentration an diesem anstrengenden Tag nicht gerade gefördert, aber er versuchte sich seine Müdigkeit nicht anmerken zu lassen und war sich ziemlich sicher, dass er vor diesem Mandanten damit durchkam.
„Was meinen Sie, Mr Anderson? Ich bin doch kein Trottel, oder?“ Zum Glück war diese Frage vollkommen irrelevant für den Fall, auch wenn Chris den Mandanten gedanklich längst in die Schublade mit den eher schwachen Leuchten einsortiert hatte. Allerdings hatte der Mann Geld, also würde Chris ihn in seinem bescheuerten Unterfangen unterstützen; schließlich wurden Anwälte nicht dafür bezahlt, ihre Fälle zu gewinnen.
Geräuschvoll den Atem ausstoßend lehnte sich Chris nach einigen Minuten Bedenkzeit wieder vor und stützte die Arme auf dem schweren Schreibtisch aus Mahagoni, der die beiden Männer trennte. „Ich meine, Mr Dove, wir klagen.“
Die erschöpfte Miene seines Gegenübers hellte sich auf; er strahlte wie ein Kind, dem man Süßigkeiten versprochen hatte. Naja, vielleicht eher eine neue PlayStation. „Wirklich? Glauben Sie, wir kommen vor Gericht damit durch?“
Zum Glück war auch diese Frage unerheblich. „Sie sagen, Sie sind am Schreibtisch weggenickt, in Folge dessen vom Stuhl gestürzt und haben sich dabei die Nase gebrochen“, wiederholte Chris mit Blick auf die spärlichen Notizen, die er sich im Gespräch mit seinem Mandanten gemacht hatte, welcher eifrig nickte und wie zum Beweis seiner Geschichte mit schmerzverzerrt verkniffenen Augen den dicken Verband in seinem Gesicht betastete. Für Chris hätte es keines Beweises bedurft – der Mann, der ihm gegenüber saß, war Beamter. Dass er bei der Arbeit eingepennt war, glaubte er ihm blind. „Nun, wenn wir dem Richter glaubhaft machen können, dass Sie wegen Überarbeitung an Ihrem Platz eingeschlafen sind, können wir das als Arbeitsunfall verkaufen und die Versicherung wäre gezwungen zu zahlen.“
„Na und ob das Überarbeitung war!“, ereiferte sich Mr Dove mit fuchtelndem Zeigefinger. „Ich bin Beamter im öffentlichen Dienst! Was glauben Sie, was ich mir tagtäglich den Arsch aufreissen muss!“
„Ich kann's mir vorstellen“, erwiderte Chris zwar nicht wirklich überzeugt, doch sein Mandant fraß ihm schon jetzt aus der Hand. „In Ordnung, Mr Dove, dann setze ich gleich ein Schreiben auf. Ich melde mich bei Ihnen.“
Um ihm unmissverständlich klarzumachen, dass seine Worte ihren Abschied voneinander einleiteten, erhob sich der junge Anwalt und hielt seinem Mandanten auffordernd die Hand hin. Schwerfällig hievte sich auch der Beamte aus seinem Stuhl, was von einem schmatzenden Geräusch begleitet wurde, ergriff die dargebotene Hand und verließ das Büro endlich, nicht ohne noch ein halbes Dutzend Danksagungen dazulassen. Schnell hatte Chris Jessica, ihre Empfangsdame, angefordert, die Mr Dove sichtlich widerwillig hinaus begleitete. Ächzend streckte Chris alle Gliedmaßen aus, fuhr sich durchs kurze dunkle Haar und öffnete in einem verzweifelten Versuch, die abgestandene Luft hinaus sowie frische Luft hineinzulassen, alle Fenster seines Büros, wohl wissend, dass das zur Mittagszeit ein nahezu aussichtsloses Unterfangen war. Müde schleppte er sich zurück an seinen Schreibtisch und drückte die Kurzwahl zum Büro seines Kollegen.
„Hey, Chris! Wohl verdiente Mittagspause?“, erklang Bobs typisch fröhliche Stimme durch den Lautsprecher. Selbst an so einem unerträglichen Tag. Selbst in so einer gottlosen Stadt. Sein unzerstörbarer Optimismus war vielleicht das Wertvollste, was der treue Freund zu ihrer Kanzlei beisteuerte.
„Ja, ich bin erst einmal durch. Hast du noch was vom Techniker gehört?“
„Nichts, was dir gefallen wird“, gab Bob zähneknirschend zurück. „Wird wohl noch etwas dauern, bis der kommt. Wenn er's heute noch schafft, haben wir Glück.“
Chris stieß ein frustriertes Seufzen aus. „Ist das etwa der einzige Handwerker der ganzen Stadt?“
„So ziemlich.“ Chris konnte vor seinem inneren Auge sehen, wie der Freund ganz typisch in einer hilflosen Geste mit den Schultern zuckte. „Vergiss nicht, wo wir hier sind – Los Santos, Stadt der Stars und solcher, die es werden wollen. Da bleibt nicht viel Platz für Leute mit einer soliden, bodenständigen Ausbildung.“ Seine Stimme wechselte von überzogener Anerkennung zu unverhohlenem Spott. Und verdammt, er hatte ja Recht.
„Also heißt es abwarten und Tee trinken ...“
„Ist tatsächlich eine gute Idee bei den Temperaturen“, meinte Bob noch belehrend.
„Mh, vielleicht. Aber ich bin mit Michelle zum Essen in der Stadt verabredet. Mach mich auch gleich auf den Weg.“
„Dann sucht euch bloß ein schattiges Plätzchen!“
„Apropos, Schatten … ist der Boss inzwischen mal eingetrudelt?“
„Hab noch nichts von ihm gehört oder gesehen.“
Seufzend beendete Christopher das Gespräch und zwang seine müden Knochen abermals aus dem Stuhl. Es konnte draußen kaum schlimmer sein als hier drinnen und sein Magen meldete sich auch schon. Die Jacke wohlweislich zurücklassend, schnappte er sich seine Schlüssel und verließ sein Büro, um seine wohlverdiente Pause anzutreten.

Er hatte noch nicht die gläserne Türe zum Hausflur erreicht, als sein Handy klingelte und ihn genervt die Augen verdrehen ließ. Er liebte Michelle, über alles, sonst hätte er ihr keinen Antrag gemacht, aber ihre pedantische Art konnte selbst ihn manchmal in den Wahnsinn treiben. Nur Michelle konnte das Bedürfnis verspüren sich fünf Minuten vor einer Verabredung noch einmal zu vergewissern, dass ihre Begleitung auch pünktlich erscheinen würde. Jessica, die fleißig auf der Tastatur ihres Computers einhackte um beschäftigt zu wirken, wie immer, wenn jemand an ihrem Schreibtisch vorbeikam, sah kurz neugierig auf. Seufzend nahm Chris den Anruf entgegen und hatte in seiner selbstgerechten Annahme nicht einmal wirklich auf den Namen des Anrufers geachtet. Was ihn nur eine Sekunde später über die ihm fremde Stimme stutzen ließ.
„Hallo? Hallo?“ Wer auch immer da mit ihm sprach war zweifelsfrei weiblich und leicht hysterisch.
„Hallo? Wer ist denn da?“
„Ich wusste nicht, wen ich anrufen soll! Er sagte, er braucht Chris. Spreche ich mit Chris ...?“
„Er …?“ Eine Ahnung beschlich ihm und bereitete ihm Magenschmerzen.
Die Frau am anderen Ende der Leitung schniefte und Chris nutzte ihr Zögern um einen verspäteten Blick aufs Display zu werfen, auch wenn er nicht den geringsten Zweifel hatte, von wem sie hier sprachen. „Also Tate … es … es geht ihm nicht gut und als ich ihn gefragt habe ...“
„Okay, okay, ganz ruhig“, fuhr Chris ihr beschwichtigend dazwischen. „Ich bin da, okay? Was ist los? Wo ist Tate?“
„Wir haben doch nur getrunken und dann …“
Ein weiteres Seufzen verließ seine Kehle. Er wollte nicht, aber er musste. „Wo seid ihr? Ich bin unterwegs.“ Michelle würde ihn umbringen. Um ihrem Zorn zumindest so lange wie möglich zu entrinnen, beschloss er der sensationslüsternen Jessica, die sich nicht einmal mehr die Mühe machte ihre Neugier zu verbergen, seiner Verlobten die schlechten Nachrichten überbringen zu lassen. „Jessica, seien Sie so gut und rufen Sie Michelle an. Sagen Sie ihr, dass ich unsere Verabredung sausen lassen muss. Ich muss mich um diesen verfluchten Wichser kümmern. Richten Sie ihr das genau so aus.“ Jessica sah nicht begeistert aus, wagte jedoch auch nicht zu widersprechen und sobald sie den Hörer in die Hand nahm, verdrückte sich Chris schleunigst aus ihrer Reichweite und sprintete die Treppen hinunter, um die angegebene Adresse aufzusuchen.

Zum Glück war es nicht weit bis in die Vinewood Hills, in denen die Stars und Privilegierten in ihren Stelzenhäusern die ganze Stadt überblicken konnten – und offensichtlich nichts Besseres zu tun hatten als am helllichten Tag wilde, ausufernde Partys zu schmeißen. Ein sichtlich aufgelöstes Mädchen – er würde nicht darauf wetten, dass sie schon volljährig war – das sich nervös an ihr Handy klammerte als wäre es alles, was ihr überhaupt noch Halt gab, nahm ihn vor einem der Häuser in Empfang. Unter ihrem über dem Bauch zusammengeknoteten Hemd trug sie lediglich einen Bikini und führte Chris einige Stufen hinab am Haus vorbei in den Garten, in dem sich ein Pool befand. Und neben diesem Pool lag Tate; unverkennbar mit seinen strubbeligen türkisen Haaren und den vielen Tattoos, die sich dunkel von seiner gebräunten Haut abhoben. Und bewusstlos, wie es schien.
„Gottverdammt“, fluchte Chris, schob sich energisch an dem Mädchen vorbei und ließ sich neben dem Freund auf dem Boden nieder. Er war pitschnass, aber irgendwer hatte ihn mit einer Jacke zugedeckt. „Tate! Hey, Tate!“ Er rüttelte den Freund, der keinerlei Reaktion zeigte, sodass sich widerwillig doch langsam Sorge bei Chris einschlich. „Tate! Wach auf, du faules Stück Scheiße!“ Er brachte Tate in die stabile Seitenlage und prüfte seinen Puls. „Seid ihr nicht mal auf die Idee gekommen den scheiß Notarzt zu rufen?!“, blaffte er das Mädchen hinter ihm an, das erschrocken zusammenzuckte. Es musste sich um die Gastgeberin handeln, denn sie war scheinbar als Einzige zurückgeblieben, obwohl der Dreck im Garten davon zeugte, dass hier einiges los gewesen sein musste.
„Ich weiß nicht … ich meine … ist es denn so schlimm …? Er hat nur zu viel getrunken, glaube ich ...“, stammelte sie hektisch, den Tränen nahe, und fummelte unruhig in ihren Haaren.
Schnaubend zückte Chris sein Handy. „Eine Alkoholvergiftung ist kein Spaß. Merk dir das besser“, gab er noch streng in ihre Richtung, ehe er sich auf seinen Notruf konzentrierte, während seine freie Hand beharrlich über Tates Schulter rieb. Was für ein Idiot. Irgendwann würde er ihn eigenhändig umbringen. Aber heute würde dieser Wichser nicht sterben. Er würde nicht den einfachen Ausweg nehmen. Er würde sich zusammenreissen und sein scheiß Leben endlich in den Griff kriegen!

- - - - - - -


Er fühlte sich hundeelend. Das Schlimmste daran war eigentlich, dass er vorausgesehen hatte, dass er sich elend fühlen würde. Aber das Wissen hatte ihn nicht aufhalten können. Er war der felsenfesten Überzeugung gewesen, dass es das wert wäre. Als er jetzt in Chris' böse funkelnden Augen sah, wusste er, dass es den Ärger nicht wert gewesen war.
„Halb eins“, sagte dieser kalt und ohne jedweden Zusammenhang, noch ehe Tate sich überhaupt orientiert hatte. Naja, das sterile Krankenhauszimmer war ihm nicht gänzlich fremd und es war so ziemlich die einzige Gelegenheit, bei der Chris wachend an seinem Bett sitzen konnte. Weil er anderswo überhaupt kein Bett hatte.
„ ...'s is halb eins …?“, nuschelte er und wandte den Kopf, um aus dem Fenster zu sehen. Die Sonne war so gut wie untergegangen.
„Es war halb eins, als ich dich mit einer Alkoholvergiftung gefunden haben!“, korrigierte Chris harsch, die Arme vor der Brust verschränkt. „Halb eins am Mittag! Musst du dich wirklich schon zum Mittag besaufen?!“
Genervt drehte Tate das Gesicht von ihm weg, um diesen beschissen vorwurfsvollen Blick nicht mehr ertragen zu müssen. Bitte, er hatte doch keine Ahnung gehabt, wie spät es gewesen war und dass er dem feinen Herrn Anwalt die Mittagspause versaute. Seinetwegen hätte er gar nicht kommen müssen und er konnte sich nicht einmal daran erinnern Tracey oder Lacey oder wie auch immer das Mädel nochmal hieß darum gebeten zu haben, seine Anstandsdame zu rufen.
Er wünschte, er hätte die Kraft dem Freund das genau so zu sagen, aber er war zu kaputt.
„... hab halt zu viel getrunken ...“, war alles, was er schwach hervorbrachte.
„Ja, genau das nennt man eine Alkoholvergiftung“, meinte Chris ihn belehren zu müssen. „Und wage es dich bloß nicht auszusprechen, was du gerade denkst!“, legte er noch drohend nach. „Ich habe meinen ganzen beschissenen Tag hier verbracht, also wage es nicht!“
„... hab dich nicht drum gebeten ...“
„Halt's Maul oder ich verprügel dich mit diesem gottverdammten Stuhl.“
Er tat ihm den Gefallen, schon allein weil er nicht mehr genug Alkohol im Blut hatte, um solch eine nonverbale Attacke einfach wegzustecken, und setzte sich stattdessen hustend auf. Sein Hals war widerlich trocken. Wortlos reichte Chris ihm eine Wasserflasche, aus der Tate in gierigen Schlucken trank. Sein Schädel dröhnte, aber zumindest war ihm nicht mehr schlecht. Er nahm sich noch einen Moment, ehe er mühsam die Beine aus dem Bett schob. Chris beobachtete sein Tun sichtlich missmutig.
„Vielleicht willst du deinen Rausch einfach mal hier ausschlafen?“
Tate machte ein verneinendes Geräusch und wankte auf wackeligen Beinen Richtung Zimmertür. Chris hätte etwas tun können. Er hätte ihn festhalten, die Krankenschwestern rufen oder ihn mit dem gottverdammten Stuhl verprügeln können. Aber er hätte ihn nicht aufhalten können und das wusste er. Also schluckte er seinen Ärger und jede Belehrung, die ihm ganz bestimmt auf der Zunge lag, hinunter und schritt schützend an seine Seite.

Trotz der späten Uhrzeit fuhren sie zunächst zurück zur Kanzlei; vermutlich versuchte Chris der Konfrontation mit Michelle so lange wie möglich aus dem Weg zu gehen. In dem großen Bürogebäude waren noch viele Fenster hell erleuchtet; auf ihrer Etage hingegen war es bereits stockdunkel. Energisch schob Chris Tate aus dem Fahrstuhl in die Kanzlei, die so verlassen war, wie es von außen den Anschein machte. Müde lehnte Tate sich gegen den Empfangstresen, während Chris im hinteren Teil seine Sachen zusammensuchte.
„Hier!“, erklang es so plötzlich barsch neben ihm, dass Angesprochener erschrocken zusammenzuckte. Es war das Erste, was Chris überhaupt wieder zu ihm sagte und er hielt ihm ein himmelblaues Hemd vor die Nase. Verwirrt hob Tate die Brauen. „Ich ertrage dieses vollgekotzte Shirt keine Sekunde länger“, wurde Chris deutlicher und nickte in Richtung seiner Brust. Der schwarze Stoff und weiße Aufdruck wurden tatsächlich von unappetitlichen, getrockneten Kotzeresten verziert. Schnaufend entledigte sich Tate seines Shirts und zog das Hemd an, um etwaige Diskussionen zu vermeiden. Er wollte bloß weiter schlafen.
Erleichtert folgte er Chris zurück zum Fahrstuhl. Als sich die Türen öffneten, mussten sie feststellen, dass sie die Fahrt in die Tiefgarage des Gebäudes nicht alleine antreten würden und schlagartig wurde Tate ein wenig wacher. Kein Geringerer als der alte Saliento, flankiert von zwei hünenhaften, düster dreinblickenden Leibwächtern, nickte ihnen grimmig zu. Chris, neben ihm, spannte sich sichtlich an. Vierundzwanzig Stockwerke. Eine halbe Ewigkeit in sehr befremdlicher Stille.
Der alte Saliento verabschiedete sich höflich und verschwand in eine andere Richtung der Garage. Tate sah ihm neugierig hinterher, bis Chris den Motor seines Wagens startete. „Komm jetzt!“, bellte er ungeduldig. „Stell dir vor, ich will langsam wirklich nachhause!“ Das war vorerst wieder das letzte Wort, das zwischen ihnen fiel. Er musste ja auch gar nichts sagen. Er konnte sich den Atem sparen, denn seine hysterische Verlobte würde das ja noch zu gerne für ihn übernehmen. Wie zu befürchten, erwartete sie die beiden bereits mit vor dem Körper verschränkten Armen, als sie zur Wohnungstür hereinkamen. Als hätte sie den ganzen verdammten Abend bloß dagestanden und auf ihren Auftritt gewartet.
Zunächst galt ihr böser Blick ihnen beiden und Chris wagte weder sie zu begrüßen, noch sich einen Kuss zu stehlen. Dann fixierten ihre Augen Tate. Entschlossen trat sie auf ihn zu und er wappnete sich. Es war nicht fair; sie war eine Frau. Wie sollte er sich gegen sie wehren? Doch sie schlug ihn nicht, überraschenderweise. Sie schrie ihn nicht einmal an. Stattdessen begann sie recht grob sein Hemd aufzuknöpfen. Eine Fantasie, die er durchaus schon ein- oder zweimal mit der hübschen Blonden gehabt hatte, doch er bezweifelte, dass es hier und jetzt ein Happy End geben würde. Sobald alle Knöpfe geöffnet waren, zog sie ihm das Hemd ihres Verlobten ruckartig vom Körper und stapfte damit – und ohne ein Wort – Richtung Schlafzimmer. Chris folgte ihr seufzend, die Tür knallte lautstark zu und es krachte. Mami und Papi stritten seinetwegen. Mal wieder. Es sollte ihm leidtun, dass er die Beziehung seines besten Freundes dermaßen belastete – oder dass er ihm Sorgen bereitete, ihn von der Arbeit abhielt und seine kostbare Zeit verplemperte. Doch sein Mitleid hielt sich in Grenzen. Er hatte wohl irgendwann einfach aufgehört, sich Gedanken zu machen. Um andere oder um sich selbst.

Die Kopfschmerzen waren deutlich abgeklungen, als er das nächste Mal wach wurde; dafür sprang ihm das Herz vor Schreck fast aus der Brust, weil Chris lautstark ein Glas vor ihm auf den Tisch geknallt hatte, wie Tate blinzelnd feststellte. „Trink das“, forderte er kalt.
Brummend setzte Tate sich auf. Er war noch immer halbnackt, aber Chris war so zuvorkommend gewesen, ihn zuzudecken. Es war noch so früh, dass Tate froh über die wärmende Decke war, zumal Michelle dazu neigte, jeden Morgen erbarmungslos die Balkontür aufzureissen. Das Gesicht in erwartungsvollem Ekel verzogen, betrachtete Tate das Glas mit dem dunkelgrünen Inhalt kurz, ehe er es in drei hastigen Schlucken runter würgte.
„Ist Michelle schon weg?“, fragte er, weniger weil es ihn interessiert hätte als viel mehr um den Würgereiz zu unterdrücken.
Chris hatte sich auf das andere Ende der hellen Couch gesetzt und beobachtete ihn mit verschränkten Armen. „Ja, sie hat einen Termin beim Gericht. Danke auch noch für den Ehekrach“, ätzte er.
Tate schnaubte. „Ihr seid ja noch gar nicht verheiratet.“
„Und du gibst dir alle Mühe, sie noch gänzlich zu vergraulen!“
„Ich hab von Anfang an gesagt, dass ich Michelle nicht leiden kann“, gab er achselzuckend zurück.
„Wir sind jetzt seit sechs Jahren zusammen, du wirst dich wohl langsam mit ihr arrangieren müssen!“
Wie Tate diesen elterlichen, überheblichen Tonfall hasste. Als wäre er etwas Besseres oder reifer, weil er studiert hatte. Weil er fast verheiratet war. Weil er sein Leben so toll im Griff hatte. „Ich muss gar nichts“, pampte er zurück. „Ich muss auch eure behinderte Kanzlei nicht finanzieren.“
„Du meinst, du kannst es nicht, weil du schon so gut wie unter der Erde liegst!“
Tate seufzte theatralisch auf. „Belehr mich nicht, okay?“
„Das siehst du aber schon, oder? Dass dein ganzes Verhalten absolut krank ist?“ Er redete so beschissen ruhig; so beschissen von oben herab.
„Tut mir leid, dass ich machen kann was ich will. Dass ich mich ganz ohne Studium ganz entspannt zurücklehnen kann, während ihr Anwalt spielen müsst, um eure Rechnungen zu bezahlen. Tut mir wirklich leid, dass das Leben es mit mir besser gemeint hat!“
„Das ist ein Scherz, oder?“, erwiderte Chris ungläubig. „Du kannst unmöglich wirklich glauben, dass dein Leben gemessen an irgendjemand anderes Leben besser ist. Du hast keinen Job, nichts gelernt und so viel Langeweile, dass du nichts Besseres mit dir anzufangen weißt, als dich systematisch selbst zu zerstören. Du bist derjenige, der mir leidtut, Tate“, beendete er sein Plädoyer und verschlug seinem Freund damit tatsächlich kurzzeitig die Sprache. So sprach dieser Penner mit seinem Gönner! „Weißt du“, fuhr er sachlich fort. „Wir spielen nicht nur, wir üben einen richtigen Beruf aus. Und wir machen unseren Job verdammt gut. Ja, du hast die Firma mit deinen finanziellen Mitteln gegründet, aber wir halten sie. Auch ohne dich.“
„Drohst du mir?“ Dieser Arsch war sein bester Freund.
„Ich habe Angst um dich.“ Dieser Arsch war sein bester Freund. „Such dir einen Job, ein Hobby – irgendwas. Irgendwas, was dich beschäftigt. Und hör mit dieser Scheiße auf.“
Trotzig wich Tate seinem anklagenden Blick aus und starrte aus dem Fenster. Hier oben bekam man nichts von der Geschäftigkeit der Stadt mit. Hier oben konnte man an ein heiles, friedliches Leben glauben.
„Michelle will dich nicht länger hier haben.“
„Wie bitte?!“ Ruckartig hatte er sich wieder zu Chris umgedreht.
„Sie hat die Schnauze voll. Du sollst dir was Eigenes suchen.“
„Und du hast keine Eier in der Hose, oder was?!“
„Ich bin ihrer Meinung“, stellte Chris unbeeindruckt richtig. „Du bist erwachsen und finanziell gut aufgestellt. Werd endlich eigenständig.“
Sprachlos sprang Tate vom Sofa auf, ging ziellos ein paar Schritte auf und ab in dem Appartement, das so verfickt groß war, dass er überhaupt nicht störte! Und stapfte schließlich ins Schlafzimmer. Erleichtert und mit einem Shirt von Chris ausgestattet kehrte er kurz darauf zurück, steuerte schon die Wohnungstür an, hielt dann jedoch noch einmal inne. „Leck mich!“, spie er angepisst und legte einen dramatischen Abgang mit zuknallender Tür hin.

So, so, sie brauchten ihn also nicht mehr, ja?
Er sollte sich verpissen, ja?
Er brauchte sie nicht! Sie und ihre ekelhaft guten Ratschläge! Er würde ihnen schon zeigen, dass er ohne sie klarkam.
„EY GEHT'S NOCH?!“, erschallte es hoch über ihm, als er das Hochhaus verließ und die fassungslose Stimme seines Freunds trieb ihm ein zufriedenes Grinsen aufs Gesicht. „DU HAST NICHT ERNSTHAFT EINEN HAUFEN AUF MEIN BETT GESETZT?! WAS IST EIGENTLICH DEIN SCHEIß PROBLEM?!“
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