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Der Wille der Sterne

OneshotFamilie / P12 / Gen
OC (Own Character)
08.04.2021
08.04.2021
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Der Wille der Sterne

Es war eine laue Halbmondnacht. Eine schneeweiße Kätzin mit hellgrauem Aalstrich saß auf einem noch vom Sonnenlicht erwärmten Felsen, eine leichte Brise zauste ihr Fell. Sanfte Wellen schwappten gegen den Stein, aber sie erreichten ihre Pfoten nicht. Eisstern hatte ihre blassblauen Augen auf das ruhige Wasser des Sees gerichtet, aber sie nahm das Spiel des Windes mit den Wellen kaum wahr. Ihre Gedanken wandelten an einem fernen Ort, im ehemaligen Lager des Clans der Waldkatzen. Es war nun genau einen halben Mond her.

Schon seit mehr als einem Blattwechsel herrschten Spannungen im Clan. In jener Nacht, als der Vollmond weißer, größer und runder als sonst am Himmel stand und sein gespenstisches Licht über die Welt ausgoss, hatten sie sich entladen – alle auf einen Schlag.
Die Wut, die Verwirrung und der Hass der Krieger brachte sie dazu, sich gegenseitig zu bekriegen. Es fing an mit Blautigers Verrat; die Kätzin sprang plötzlich vor und stürzte sich auf Lichtstern. Es ging viel zu schnell, als dass jemand den Tod des Anführers hätte verhindern können, denn Blautiger gehörte zu den besten Kämpfern des Clans.
Daraufhin gewann das Chaos innerhalb von Sekunden überhand. Das ohrenbetäubende Kampfgeschrei und der intensive Geruch nach Blut würden Eisstern für immer in Erinnerung bleiben. Kaum war das Gefecht ausgebrochen, stürzte sich ein Kater auf Eisstern, damals noch Eisblatt. Nebelglanz war in ihrer Schülerzeit einer ihrer besten Freunde gewesen, aber sie stand auf der Seite ihres Anführers und er nicht, deswegen war es für ihn irrelevant.
Der Krieger krallte sich auf ihr fest, aber Eisblatt bäumte sich auf. Beinahe wäre sie auf dem Rücken gelandet und hätte ihren Gegner dabei unter sich begraben, aber dieser ließ sie rechtzeitig los. Schnell fand sie ihr Gleichgewicht wieder, aber sie nutzte nicht aus, dass Nebelglanz gerade gut angreifbar war. In dem Moment, als ihr ehemaliger Freund beim Aufprall auf den erdigen, von Wurzeln durchsetzten Boden einen Schmerzensschrei ausstieß, schwor sie sich, in dieser Nacht kein Blut zu vergießen.
Flink schlängelte Eisblatt sich zwischen ihren kämpfenden Clangefährten hindurch, bis sie beim Baumstumpf des Anführers ankam. Der Anblick brach ihr beinahe das Herz, als sie seinen Leichnam dort blutverschmiert und kalt vorfand. Sie packte Lichtstern vorsichtig am Nackenfell und schleifte ihn in hinter den Baumstumpf, wo sie vor den rachsüchtigen Blicken der Krieger geschützt waren.
Plötzlich sprang eine Katze auf den Baumstumpf. Eisblatt zuckte zusammen, entspannte sich aber wieder, als sie ihre Schwester Feuerschwinge erkannte. Die kleine, rotbraune Kätzin ließ sich neben sie fallen. „Was willst du?“, fragte die Weiße vorsichtig. Die Schwestern standen sich sehr nahe, aber Feuerschwinge war trotzdem nicht auf Lichtsterns Seite und somit genau genommen eine Feindin.
Die Rote schmiegte sich wortlos an ihre Schwester, sie war genauso erschüttert über die Entwicklung der Dinge wie sie. Dann miaute sie: „Ich habe nie gewollt, dass es so weit kommt. Ich werde diese Nacht kein Blut vergießen, egal ob es um einen Feind oder einen Freund Lichtsterns geht. Ich habe meine Meinung über ihn nicht geändert, aber unter diesen Umständen kann er nicht zu den Sternen reisen. Wir müssen die traditionellen Worte sprechen.“
Ein wunderbar warmes Gefühl von Hoffnung und Geborgenheit breitete sich in Eisblatt aus. Sie wusste, dass ihre Schwester sie nie verraten würde, aber damit hatte sie nicht gerechnet. Feuerschwinge hasste Lichtstern, aber weil Eisblatt auf seiner Seite war, verhalf sie ihm trotzdem zu seinem verdienten Platz als Stern.
Da fiel ihr etwas auf; die traditionellen Worte waren Aufgabe des Heilers Schattenmoos und beziehungsweise oder des zweiten Anführers Schneesturm. „Was ist mit Schneesturm und Schattenmoos?“, erkundigte sie sich und eine böse Vorahnung entstand in ihren Gedanken.
„Schattenmoos ist auf meiner Seite“, meinte Feuerschwinge, „und Schneesturm ist bereits gefallen.“ Die Weiße senkte traurig den Kopf. Dann nickten sie sich zu und nahmen die Plätze am Kopf ihres verstorbenen Anführers ein.
„Lichtstern, du warst ein treuer Anführer des Clans“, begann Feuerschwinge. „Du hast dem Clan sowie den Sternen viele Blattwechsel lang gedient und nun ist es an der Zeit für dich, selbst ein Stern zu werden.“
Eisblatt setzte fort: „Lass deinen Körper hinter dir. Steige hinauf zum Silbervlies. Finde deine verstorbenen Freunde und deine weisen Ahnen und werde einer von ihnen. Wache über uns. Mögest du im Silbervlies immer einen warmen Schlafplatz und Beute finden.“
Sobald sie ausgesprochen hatten, spürten sie eine warme Brise und Lichtsterns blicklose blassgrüne Augen schlossen sich für immer. Die beiden Kriegerinnen hoben ihre Köpfe und blickten zum Silbervlies hinauf. Vielleicht leuchtete das Licht dort kurz auf, aber vielleicht hatte Eisblatt es sich auch nur eingebildet. „Und was jetzt?“, fragte die Rote.
Plötzlich spaltete ein greller Blitz den gesamten Himmel und ein ohrenbetäubender Donner erschallte – ein Zeichen der Sterne. Alle Kämpfenden hielten inne. Einen Herzschlag später ertönte eine laute Stimme direkt in Eisblatts Kopf. Sie konnte nicht sagen, ob sie von einem Kater, einer Kätzin oder etwas anderem stammte und auch ihre Worte konnte sie später nie wiedergeben.
Die Botschaft der Stimme war jedoch eindeutig: Lichtsterns Anhänger sollten den westlichen Teil des Clanterritoriums nehmen und den AbendClan gründen und sie sollte Anführerin werden. Sie blickte zu ihrer Schwester und sah, dass sie etwas sagen wollte, aber jemand anders kam ihr zuvor.
„Die Sterne haben gesprochen!“, verkündete der Heiler Schattenmoos mit lauter Stimme. „Unser Territorium wird geteilt. Im Westen wird der AbendClan unter der Führung von Eisblatt leben und im Osten der MorgenClan mit Feuerschwinge als Anführerin!“
„Auf dich hören wir nicht!“, jaulten einige und ernteten wütendes Fauchen als Antwort.
Aber Eisblatt erhob sich und miaute: „Ich habe die Botschaft auch erhalten.“
„Genau wie ich“, fügte Feuerschwinge hinzu. „Wir sollen sofort aufbrechen, haben die Sterne gesagt.“

Sie waren sofort aufgebrochen; die Anweisungen der Sterne zu befolgen, war Pflicht. Eisstern wünschte sich, sie wäre nie Anführerin geworden. Dann hätte sie sich dem MorgenClan angeschlossen. Sie mochte die wenigsten Katzen dort gern, all ihre Freunde gehörten nun zum AbendClan, aber im MorgenClan wäre sie mit Feuerstern vereint. Schon in der ersten Nacht in ihrem provisorischen Lager hatte sie sich gewünscht, den Atem ihrer Schwester direkt im Nest nebenan zu spüren.
Der Wind spielt mit den Wellen, erkannte sie, wie die Sterne mit uns spielen. Das höchste Gebot im Clan war schon immer gewesen, den Sternen zu gehorchen, egal wie schmerzhaft ihre Entscheidung war. Die Sterne wissen mehr als wir, sehen weiter. Sie wissen, was die beste Entscheidung ist, hallte die Stimme ihrer ehemaligen Mentorin Taubenklaue in ihrem Kopf nach.
Taubenklaue war im Kampf gefallen, genau wie Schneesturm, Blautiger, Löwenherz, Moosflug, Kieselpfote, Jaguarpfote, Goldpfote und Tannenflüstern. Neun Tote, mit Lichtstern zehn. Zehn Katzen zu wenig, zehn verschwendete Leben wegen diesem mäusehirnigen Kampf, der den Clan gespalten, ihn schließlich für immer zerteilt und Eisstern und Feuerstern auseinandergerissen hatte.
Wieso waren sie so dumm gewesen? Wieso hatten sie sich nicht einfach versöhnt, einen Kompromiss gefunden oder sich gleich von sich aus aufgeteilt? Wäre Eisstern in Feuersterns Nähe, hätten sie gemeinsam einen Spaziergang gemacht und gemeinsam darüber nachgesinnt. Vielleicht hätten sie sogar eine bessere Lösung gefunden.
Im letzten Halbmond hatte Eisstern kaum Zeit für sich gehabt. Das Lager musste errichtet werden, sie waren noch immer nicht ganz fertig. Grenzen mussten mit dem MorgenClan ausgehandelt werden, Schüler und Krieger mussten ernannt werden, die Grenzen mussten bewacht werden, außerdem musste immer genug Nahrung für alle herbeigeschafft werden.
Wahrscheinlich hätte die Anführerin sich Freizeit nehmen können, wenn sie welche gebraucht hätte, aber wann immer sie allein war, musste sie an Feuerstern denken. Seit die Schwestern am Bauch ihrer Mutter gesaugt hatten, waren sie füreinander da gewesen. Vor ungefähr zwölf Monden hatte sie ein heftiger Streit auseinandergerissen, aber seit sie sich versöhnt hatten, standen sie sich noch näher als je zuvor.
Als Anführerin teilte Eisstern ihre Träume häufig mit den Sternen. Amsellied, der Stern, mit dem sie sich meistens traf, hatte ihr Unglück bemerkt, doch sein einziger Trost war: „Wir Sterne wissen, was wir tun. Eines Tages wirst du verstehen, wieso es so kommen musste.“
Auf einmal fühlte sich Eissterns Felsen unglaublich ungemütlich an. Sie stand auf und schlug den Weg zum Lager des AbendClans ein. Ich muss morgen wieder fit sein. Doch je mehr sie sich dem Lager näherte, desto weniger wollte sie es. Sie wollte nicht in ihren kalten, einsamen, leeren Anführerbau zurück. Sie wollte wieder Eisblatt sein. Sie wollte Feuerschwinge zurück.
„Der Wille der Sterne kann mich mal!“, fauchte sie und blieb stehen. All die unterdrückte Wut, die Einsamkeit, der Unwille kamen in ihr hoch. Sie hatte diese Gefühle mit Arbeit niedergedrückt, eine Barriere gebaut, die sie nicht hinausließ. Aber es wurde zu viel.
Der Damm brach. Die Sterne hatten ihr das wertvollste genommen, was sie hatte. Die Sterne hatten ihr ihre Schwester genommen. Aber ab jetzt machte sie da nicht mehr mit. Nicht mit mir. Es sah ihr nicht ähnlich, Wutausbrüche zu haben oder sich gegen ihre Pflicht zu stellen. Aber das war ihr mittlerweile egal.
Die letzten Fuchslängen zum Lager legte sie in großen Sprüngen zurück, um schnell hinter sich zu bringen, was nun zu tun war. Sie schlüpfte durch den Steintunnel und lief zum Kriegerbau hinüber. Eisstern betrat ihn und schlich auf mehr oder weniger leisen Pfoten zum Nest ihres zweiten Anführers hinüber. „Eulenflug!“, zischte sie und stieß ihn in die Seite.
Der Kater schlug sofort die Augen auf und sprang auf. „Eisstern! Was ist passiert?“
„Eulenflug“, sagte sie und holte tief Luft, „ich gehe. Vielleicht komme ich bald zurück, aber wenn ich bis zum übernächsten Sonnenaufgang nicht zurückkehre, wirst du Anführer. Vermeide Kämpfe wo immer es geht und frag die Sterne um Rat, wenn du sie brauchst. Auf Wiedersehen.“
„Eisstern!“, miaute Eulenflug erschrocken, „Wohin willst du denn? Und wieso?“
Doch seine Anführerin war bereits verschwunden.

Feuerstern rannte. Sie hatte es im Lager des MorgenClans nicht mehr ausgehalten. Die Sterne hatten sie zur Anführerin ausgewählt, was schon immer ihr Traum gewesen war - Aber nicht so. Nicht ohne ihre Schwester. Die Sterne hatten sie völlig übergangen, sie beraubt. Und wenn es Eisstern ebenso ging wie ihr – was sie sehr hoffte – dann würde sie sich zurückholen, was man ihr gestohlen hatte.
Wenn die einzelne Katze für die Sterne nicht zählte, wenn ein Stern nur das Große Ganze, das Überleben der Clans sah, dann war es dieses Große Ganze nicht wert, aufrecht erhalten zu bleiben. Denn was nützte es den Katzen, den Clan weiterzubringen, wenn es sie selbst nicht glücklich machte?
Bald kam Feuerstern an der Grenze an. Sie zögerte kurz. Ein unerlaubter Grenzübertritt könnte den Krieg bedeuten, der schon seit kurz nach der Gründung der beiden Clans auszubrechen drohte. Natürlich würde Eisstern niemals einen Angriff gegen Feuerstern starten, aber irgendwann würden die aggressivsten der Krieger nicht mehr auf ihre Anführerin hören und auf eigene Faust angreifen. Wieso waren bloß in letzter Zeit alle so streitsüchtig? Was hatte das alles für einen Sinn?
Diese blöde Geruchsmarkierung. Vielleicht sollte sie einfach übertreten und dann gemeinsam mit Eisstern, Eisblatt, die Clans verlassen und sie ihren mäusehirnigen Kriegen überlassen. Was bedeuteten schon Grenzen; sie waren nicht einmal sichtbar. Feuerstern verließ sich sowieso viel lieber auf ihre leuchtend gelben Augen als auf ihre Nase. Trotzdem zögerte sie.
Sie hob den Blick – und erblickte die Silhouette einer Katze, die sich vom blauschwarzen Nachthimmel abhob. Feuerstern spitzte die Ohren und strengte ihren Sehsinn an. Als sie näherkam, erkannte sie ihre Schwester.
„Eisstern!“, rief sie ihr entgegen. „Du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr ich dich vermisst habe!“ Sie musste sich zurückhalten, um nicht auf sie zu zu rennen.
„Feuerstern!“, schnurrte die Weiße, als sie bei der Roten ankam und drückte zur Begrüßung die Nase an die ihrer Schwester. „Doch, ich kann es mir sehr gut vorstellen.“
„Ich will nicht länger nach der Nase der Sterne tanzen. Wir sind ihnen sowieso egal“, platzte Feuerstern heraus. Ihre Schwanzspitze zuckte von unterdrücktem Frust. „Ich wünschte, wir könnten die Clans einfach den Problemen überlassen, die sie unbedingt haben wollen und gehen.“ Aber das will Eisstern bestimmt nicht. Oder…?
„Das wäre schön“, seufzte die Weiße. Feuerstern erwartete bereits ein aber, aber es kam nicht. Stattdessen fragte Eisstern: „Hast du einen verlässlichen 2. Anführer?“
„Ja“, antwortete die Rote mit Erregung in der Stimme. Sie hatte nicht erwartet, dass ihre pflichtbewusste Schwester, die ständig etwas an sich selbst zu bemängeln hatte und stets zuerst an die anderen dachte, sich ihrer Idee vielleicht doch anschließen könnte. „Kleewolke ist auch immer für eine friedliche Lösung zu haben. Meinst du, Eulenflug und er würden gegeneinander kämpfen?“
„Bestimmt nicht“, miaute Eisstern. „Und wenn doch, uns… braucht es nicht zu stören.“ Feuerstern starrte ihre Schwester überrascht, doch voller Freude an. Und ich dachte, ich würde sie so gut kennen, dass ich weiß, dass sie sich für die Clans entscheiden wird! Sie erwachte aus ihrer Starre, stieß einen Jubelruf auf und sprang über die Grenze. Sie schmiegte sich in das weiße Fell und wusste, dass dies von nun an wieder möglich war.
„Feuerstern!“
Die Anführerinnen fuhren herum. Die Angesprochene entdeckte einen tiefschwarzen Kater mit wütend funkelnden, bernsteinfarbenen Augen, der gerade einen Sprung aus dem Gebüsch machte. Er fauchte: „Ich wusste doch, dass du eine Verräterin bist!“
„Nachtherz“, begrüßte sie ihn gelassen. „Eisblatt ist meine Schwester. Ich bin von nun an wieder Feuerschwinge. Du kannst Kleewolke ausrichten, dass er zum Sternensee reisen kann, um Anführer zu werden. Auf Wiedersehen.“
Dann drehte sie sich um, trabte Seite an Seite mit Eisblatt los und ließ einen völlig verdatterten Nachtherz zurück. Feuerschwinge sah ihrer Wurfgefährtin an, dass sie dasselbe dachten: Nun würden sie zum Sternensee gehen und acht ihrer Leben abgeben. Und wenn das nicht möglich war, dann würden sie einen anderen Weg finden. Denn sie waren Schwestern, sie gehörten zusammen.
Und nicht einmal der Wille der Sterne konnte das verändern.

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Hallo!
Schon wieder ein Geschenk für Lyviel! Gegenüber so einer großartigen Schwester wie ihr kann man einfach nicht genug Dankbarkeit zeigen. Sie hat heute Geburtstag und sie hat zugestimmt, dass ich den OS hier hochlade.
Ich freue mich über Rückmeldungen!
LG Krähenherz (-:
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