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Was spricht denn gegen das Gendern?

von Taudir
GeschichteAllgemein / P6 / Gen
07.04.2021
07.04.2021
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Gendersternchen, -doppelpunkt, Binnen-I. Das sind nur drei Beispiele für eine Erscheinung, die seit einigen Jahren in immer mehr Texten besonders öffentlicher Stellen und Medien vorkommt – mittlerweile sogar in gesprochener Sprache, meist ausgedrückt durch einen Glottisschlag, das (für einen Muttersprachler unbewusste) Knacken, der eigentlich besonders im Anlaut bei Vokalen in deutschen Wörtern auftritt. Diese „gendersensible Sprache“, die auch noch einige andere Phänomene hervorgebracht hat („Studierende“ etc.), hat besonders ein Ziel: Alle Geschlechter und Geschlechtsidentitäten in der Sprache „sichtbar“ machen. Diese Sprache ist in der Öffentlichkeit Gegenstand einer heftigen Diskussion geworden, bei der immer wieder dieselben Argumente fallen, was an einer „gendersensiblen“ Sprache besonders von Vorteil ist und weshalb sie flächendeckend eingesetzt werden sollte. Oft scheinen einige Argumente der Befürworter so schlagend, dass es keine Gegenargumente zu geben scheint. Einige von diesen möchte ich in diesem kurzen Essay dennoch ansprechen.

Beginnen wir mit zwei der häufigsten Argumente, regelrechte Klassiker: „Sprache beeinflusst unser Denken“ und „Sprache hat sich schon immer entwickelt und verändert“. Zum ersten sei es erlaubt, zunächst einen der verdientesten Sprachwissenschaftler auf dem Gebiet der klassischen Philologie, Raphael Kühner, in seiner griechischen Grammatik zu zitieren: „Sprache ist der Ausdruck der Gedanken“. Diesem Satz kann wohl jeder uneingeschränkt zustimmen – zumeist ist es schließlich der Gedanke, der zuerst da ist, und anschließend das Wort, das diesen Gedanken zum Ausdruck bringt. Auch in der Tierwelt stellen wir fest, dass viele Tiere denken können, ohne diesen Gedanken sprachlich zum Ausdruck zu bringen. Während also die Frage, ob Huhn oder (Hühner-)Ei zuerst da waren, schwierig zu beantworten ist, ist es diese Frage nicht: Der Gedanke war zuerst da, und dann kam die Sprache. Das ist vielleicht einigen nicht Beweis genug; so kann man meinen, bei dieser Art Sprache handle es sich um das Grundgerüst, auf dem viele weitere Gedanken aufbauen, die erst durch Sprache herbeigeführt werden. Aber auch dieses Argument lässt sich entkräften. Wäre Sprache wirklich ursächlich für unser Denken, dann müssten Veränderungen im menschlichen Denken durch Veränderungen in der Sprache herbeigeführt werden, und das ließe sich in unserer Geschichte leicht nachprüfen. Aber wo sind die Beispiele dafür, dass eine Revolution, eine Änderung des politischen Systems durch eine Änderung der Sprache herbeigeführt worden wäre? Musste erst das Wort „Personal Computer“ erfunden werden, damit jemand überhaupt auf die Idee kommen konnte, dass es so etwas geben könnte? Ist das Römische Reich untergegangen, weil man plötzlich aufgehört hat, es das „Imperium Romanum“ zu nennen? Und wie hätte dann überhaupt zum ersten Mal jemand angefangen, zu sprechen? Ein weiteres, konkretes Beispiel soll genügen. Den Begriff „Demokratie“ hat das Deutsche aus dem Altgriechischen demokratía entlehnt. Dieses Wort gab es nicht, als es noch keine Demokratie in Griechenland (d. h. vor allem in Athen) gab. Als sich das politische System Athens änderte und zu etwas wurde, in dem der ganze dêmos (das Volk) herrschte, brauchte man dafür einen Begriff, und der war demokratía, die Volksherrschaft. Es liegt auf der Hand, dass das Wort erst entstehen konnte, als sich das Denken bereits geändert hatte. Denn vorher war ein solches Wort nicht nötig – und das bringt uns gleich zum zweiten Argument.

Sprache verändert sich ständig, und sie verändert sich, weil es nötig ist. Sprache ist dazu da, die Realität so genau abzubilden, wie es nötig ist, um sich darüber verständigen zu können, nicht mehr und nicht weniger. Wenn neue Erfindungen auftreten, Dinge, die bisher nicht da waren, dann muss die Sprache sich anpassen, um darüber reden zu können, und das tut sie von allein. Keine Redaktion, kein Nachrichtensender hat einmal in einem Leitfaden befohlen, dass ab sofort „Computer“ gesagt werden muss, wenn man über diese merkwürdigen neumodischen Dinge redet. Die Sprache aber passt sich nur so weit an, wie es nötig ist, um über die Realität sprechen zu können, und sie ist ökonomisch; das bedeutet, es wird nur so viel gesagt, wie wirklich notwendig ist, um sich verständigen zu können. Wir alle wissen, dass es unheimlich nervt, wenn in einem Grußwort mal wieder alles doppelt und dreifach erzählt wird, ohne dass daraus ein Mehrwert entsteht. Und genauso verhält sich die Sprache auch beim Geschlecht. Nur, wenn es wirklich für die Verständigung notwendig ist, wird das Geschlecht (der Sexus) ausgedrückt, sonst nimmt man halt die kürzeste mögliche Form, und das ist in allen Sprachen die sogenannte unmovierte Form, die Form mit den wenigsten Endungen. Im Deutschen ist sie bei Bezeichnungen von Personen meistens dem Genus Maskulinum zugeordnet (was formal aber auch nur im Singular ersichtlich ist: die Formen „die Bauern“ und „die Schwestern“ unterscheiden sich bezüglich ihrer Bildung überhaupt nicht voneinander), kann aber bei vielen Lebewesen auch im Femininum auftreten: „Die Katze“, „die Ziege“, „die Ente“ usw. Dass wir bei diesen Tieren, wenn wir einfach allgemein über sie reden, nicht „Katzen und Kater“, „Ziegen und Ziegenböcke“, „Enten und Erpel“ sagen, ist aus Gründen der sprachlichen Ökonomie völlig ersichtlich. Dass sich der Kater, wenn wir ihn als „Katze“ bezeichnen, weder diskriminiert fühlt noch in eine gesellschaftliche Rolle gezwungen, die er nicht innehaben will, ist klar.

Sprache entwickelt sich ständig, aber eines muss klar festgehalten werden, auch wenn es auf den ersten Blick erstaunlich erscheinen mag: Wir haben kein Recht, unsere Sprache eigenmächtig zu verändern. „Haben wir das nicht schon immer getan?“, fragen sich sicherlich einige. Und zunächst scheinen sie recht zu haben, gibt es doch viele Beispiele: Die griechischen und römischen Rhetoriker haben angefangen, die Sprache für sich zu benutzen, die Rechtschreibreform ist der bisher letzte Versuch, wie es scheint, unsere Sprache zu verändern. Doch eines ist bei diesen Beispielen anders als bei der gendergerechten Sprache: Hier wurde immer nur etwas mit der Sprache gemacht, die bereits vorhanden war. Kein Rhetoriker darf sich einfach ein neues Wort, einen neuen Kasus, ein neues Tempus einfallen lassen, weil er meint, dass es gerade nötig sei (außer vielleicht, um einen komischen Effekt zu erzielen, was aber sicher nicht das Ziel von Gendern ist), und auch die Rechtschreibreform hat unsere Sprache nicht verändert, sondern nur die Art, wie wir diese Sprache schriftlich wiedergeben – ein ganz anderes Gebiet. Egal ob wir nun „Nuss“ oder „Nuß“, „Recht haben“ oder „recht haben“, „alleinerziehend“ oder „allein erziehend“ schreiben, das Wort, wie wir es sprechen und denken, verändert sich dadurch nicht, und alles bleibt innerhalb des Regelrahmens, den die Sprache vorgibt. Aber die Gendersprache meint, sie dürfe diese Regeln brechen, zum Beispiel einen Glottisschlag zwischen Wortstamm und Endung anbringen, um ein höheres Ziel zu erreichen. Aber so funktioniert Sprache nicht. Man kann sich nicht einfach entscheiden, Sprache zu verändern, denn Sprache ist, wenn man so will, ein eigenes evolutionäres Produkt, unabhängig von den Launen ihrer Sprecher. Genauso, wie jedermann zurecht vor Eingriffen in das Erbgut von Menschen warnt, nur, um sie seinem eigenen Willen oder einem „höheren Ziel“ anzupassen, so muss man auch vor einem mutwilligen Eingriff in die Sprache warnen. Niemand macht eine Sprache, niemand macht die Regeln einer Sprache (auch nicht die Duden-Redaktion, zumindest bis vor Kurzem). Alles entsteht von selbst, wenn es nötig ist – oder eben nicht. Die Tatsache, dass sich noch keine sogenannte gendersensible Sprache von allein entwickelt hat, kann also durchaus zeigen, dass eine solche Sprache nicht nötig ist – zumal mit den generischen Genera der deutschen wie auch so ziemlich aller anderer Sprachen dieser Bereich eigentlich ohnehin schon abgedeckt ist.

Und das führt uns zum letzten Punkt des Essays. Ich mag den Begriff „Sprach-Diktatur“ nicht. Aber angesichts von immer mehr Presseagenturen, Zeitungen und sogar Universitäten, die das Gendern zur Pflicht machen, scheinen wir von einem solchen Begriff nicht mehr weit entfernt zu sein. Und das ist sehr gefährlich. Wenn bestimmte Begriffe aus einer Sprache von einer bestimmten Gruppe für unerwünscht erklärt werden (obwohl ihnen kein anstößiger Inhalt innewohnt) und von da an weder in Zeitungen noch in wissenschaftlichen Arbeiten mehr verwendet werden darf, geht nicht nur der Begriff verloren, sondern auch alles, was dieser Begriff ausdrücken konnte, alles, was man mit diesem Begriff noch hätte machen können, schreiben, sprechen. Ernst Klausen schreibt in seinem 2020 erschienen Werk „Die Sprachen der Welt“ über sterbende Sprachen: „Ihr Untergang bedeutet den Verlust des kulturellen Erbes, von Kenntnissen und spezifischen Möglichkeiten, über die Welt und menschliche Erfahrungen zu sprechen.“ Und da jede Sprache aus Wörtern besteht, gilt diese Aussage auch für jedes einzelne Wort einer Sprache, und ganz besonders für Substantive, die ja den Kern jeder Sprache bilden und vom Gendern besonders betroffen sind. Denn jedes Wort, so ähnlich es in seiner Bedeutung auch einem anderen sein mag, hat doch seine Existenzberechtigung – wenn es sie nämlich nicht hätte, wäre es nicht Teil unserer Sprache. Vielleicht weckt es andere Assoziationen, ist malerischer oder klangvoller als ein anderes oder gehört einem anderen Sprachregister an. Es ist schon Verlust genug, wenn Wörter von selbst außer Gebrauch geraten. Aber wenn wir anfangen, „Waghals“ zu sagen und „Abenteurer“ aus unserem Wortschatz zu verbannen, weil es nicht gendergerecht ist, dann verliert unsere Sprache ihre Buntheit, ihre Vielseitigkeit, ihre Kraft und wird nur noch zu etwas Technischem: Dann haben wir eine Gebrauchsanweisung, was wir wann wie zu wem sagen müssen, aber eine Sprache ist das nicht mehr.
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