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Red Days

GeschichteRomance / P18 / MaleSlash
Hawkeye / Clint Barton Winter Soldier / James Buchanan "Bucky" Barnes
07.04.2021
16.06.2021
11
39.500
49
Alle Kapitel
87 Reviews
Dieses Kapitel
9 Reviews
 
28.04.2021 4.188
 
AN: Heyy ~

Ich hoffe euch geht's allen gut und ihr habt die letzte Woche halbwegs okay überstanden ^^ In diesem Kapitel werden einige Fortschritte gemacht, die euch bestimmt gefallen werden... ich persönlich mag das Kap jedenfalls (Fast drei Kapitel ohne verbale Interaktion zwischen Bucky und Clint waren einfach sehr anstrengend, da musste ich in Kapitel 4 eben alles rauslassen ;))

Vielen Dank für eure tollen Kommentare (und mittlerweile schon 18 Empfehlungen. Das ist... fucking viel für drei Kapitel o_O)

Enjoy ~



(4) leave his picture on it



Bucky Barnes war genau so, wie Clint es erwartet hatte. Jedenfalls hatte er das gedacht.

Barnes war still, zurückhaltend und schien lange zu brauchen, um sich an Dinge zu gewöhnen. Seine gesamte Körpersprache schrie förmlich 'Wachsamkeit' und auch wenn zwischenzeitlich ein Funken Charakter hinter der Fassade hervorblitzte, war er die meiste Zeit über ein geschlossenes und zudem in einer unlesbaren Sprache geschriebenes Buch.

Zumindest war das der Eindruck, den Clint in den letzten Wochen von ihm bekommen hatte. Ja, in den Wochen, in denen die einzige Interaktion zwischen den beiden ein Blickwechsel bei Barnes' Ankunft und viele Nächte des Anstarrens gewesen waren. Also war Clint vielleicht nicht die beste Person, um sich ein Bild von Barnes zu machen, aber es war eben nicht zu vermeiden, dass sich ein Eindruck bildete, okay?

Na ja, jedenfalls stellte sich in dieser Nacht heraus, dass Bucky Barnes gleichzeitig auch das genaue Gegenteil von dem war, was Clint erwartet hatte.

Sobald Clint ihm die richtige Haltung des Bogens erklärt und ihm die korrekte Standposition gezeigt hatte, schien er zu einer völlig anderen Person zu werden. Clint reichte ihm den Bogen und Barnes‘ gesamter Fokus richtete sich auf die Waffe in seiner Hand und das Ziel am Ende der Bahn.

Friday hatte die Projektionen von Loki auf den Zielscheiben ohne Befehl verschwinden lassen, wofür Clint ihr insgeheim dankbar war. Ihm war klar, dass Barnes die Bilder in den vergangenen Nächten ohnehin gesehen hatte, aber das Ganze anzusprechen ging ihm im Moment dann doch einen Schritt zu weit.

Clint beobachtete, wie Barnes die Sehne spannte und einige tiefe Atemzüge tat, bevor er seine Atmung in den Bauch verlagerte, was dafür sorgte, dass seine gesamte Haltung noch bewegungsloser wurde, als sie es ohnehin schon war. Es war nicht zu übersehen, dass er nicht das erste Mal eine Schusswaffe in der Hand hielt.

„Ellenbogen runter.“, sagte Clint und trat einige Schritte zurück.

Barnes folgte seinen Worten, nur wenige Sekunden bevor er den Pfeil fliegen ließ. Das zischende Geräusch, das Clint normalerweise so sehr liebte, klang seltsam, wenn er nicht derjenige war, der es auslöste und noch seltsamer war es, das dumpfe Aufkommen des Pfeils zu hören. Sein Blick wanderte zur Zielscheibe, die dank Friday nun die standardmäßig eingefärbten Ringe trug. Barnes hatte in den schwarzen Außenring getroffen, was Clint ein anerkennendes Pfeifen entlockte.

„Beeindruckend.“, sagte er. „Die meisten Anfänger schaffen nicht einmal den halben Weg bis zur Scheibe. Bist du sicher, dass das dein erstes Mal mit 'nem Bogen ist?“

Barnes hatte den Blick weiterhin auf das Ziel gerichtet und legte den Kopf schief, als würde er konzentriert darüber nachdenken, ob ihm dieses Gefühl irgendwie bekannt vorkommen. Dann senkte er den Bogen und wandte sich Clint zu, während sich ein erleichtertes Lächeln auf seine Lippen legte.

Okay, das hier war definitiv eine gute Idee gewesen, wenn es so einen Ausdruck auf das Gesicht des Winter Soldiers zaubern konnte. Bucky Barnes, korrigierte Clint seine Gedanken augenblicklich. Nicht der Winter Soldier.

„Ich weiß es nicht.“, sagte er, doch das Lächeln war auch in seiner Stimme zu hören. Clint klopfte sich gedanklich selbst auf die Schulter, denn wow, das hier war wirklich eine verdammt gute Idee gewesen. „Darf ich nochmal?“, fragte Barnes in einem Tonfall, der nur als glückliche Aufregung beschrieben werden konnte.

„Klar.“, sagte Clint achselzuckend, konnte aber sein eigenes Grinsen nicht ganz verkneifen. Er zog sich den Köcher mit den Pfeilen vom Rücken und reichte ihn Barnes, der ihn ein wenig überrascht dreinblickend annahm. „Schieß so viel du willst. Erwarte nur nicht, dass ich deine Pfeile zurückhole.“

„Hatte ich nicht vor.“, sagte Barnes grinsend und legte einen weiteren Pfeil an.

Clint zog sich ein wenig zurück und beobachtete ihn dabei, wie er Pfeil um Pfeil in den Scheiben versenkte. Hier und da warf er den ein oder anderen korrigierenden Kommentar ein, doch die meiste Zeit über bewies Barnes, dass er wirklich ein verdammt guter Schütze war, selbst wenn er die Waffe noch nie in der Hand gehabt hatte.

Sein Körper war weiterhin angespannt, nun jedoch durch die bloße Anstrengung, die Bogenschießen nun mal mit sich brachte, und nicht durch konsequente Nervosität und Wachsamkeit. Er fokussierte sich nur noch auf das Schießen und Clint stellte fest, wie unfassbar fesselnd es war, ihm dabei zuzusehen.

Ging es Barnes genauso, wenn er Clint beobachtete, und war das der Grund, warum er all die Nächte hiergeblieben war?

Wenn ja, konnte Clint das absolut verstehen. Es hatte etwas unglaublich Faszinierendes und zugleich Beruhigendes an sich, den vertrauten Muskelbewegungen zuzusehen und sich von dem Rhythmus des Anderen einnehmen zu lassen. Selbst zu Schießen war selbstverständlich ein deutlich besseres Mittel, um runterzukommen, doch wenn es Clint nicht erlaubt wäre Waffen zu benutzen – so wie es Barnes eben ging – würde er wahrscheinlich auch Nacht für Nacht hierherkommen, in der Hoffnung, einem anderen Schützen zusehen zu können.

Clint verlor jegliches Zeitgefühl, wie jedes Mal, wenn er in der Schießhalle war. Als Barnes nach einiger Zeit endlich ein Schuss in die Mitte der Zielscheibe gelang, warf Clint einen Blick auf die Digitaluhr hinter ihm an der Wand und stellte fest, dass es bereits vier Uhr morgens war.

„Hast du das gesehen?“, fragte Barnes und Clint konnte nicht anders, als bei der Freude in seiner Stimme selbst zu lächeln.

Hatte er schon erwähnt, dass das hier eine verdammt gute Idee gewesen war?

„Ich bin taub, nicht blind.“, antwortete er lachend. Barnes schien nicht ganz zu wissen, wie er darauf reagieren sollte, weshalb Clint rasch weitersprach: „Wir sollten aber bald aufhören, sonst bist du schon nach einer Unterrichtsstunde besser als ich.“

Barnes lächelte wieder und schüttelte den Kopf. „Ich hab dich vier Wochen lang beobachtet, ich weiß, was du drauf hast. Das dauert Jahre.“

„Wir werden sehen, wie weit wir dich kriegen.“

Barnes Augen weiteten sich ein wenig, sein Blick war eine Mischung aus Verwirrung, Hoffnung und Erleichterung. Er legte den Kopf schief und seine Augen huschten für den Bruchteil einer Sekunde zu dem Bogen, den er noch immer in der Hand hielt.

Clint verstand, was er zu fragen versuchte und ersparte ihm die Mühe. „Ja, wenn du willst darfst du meinen Bogen noch öfters für deine Anfänger-Künste missbrauchen. Es ist ja kein Geheimnis mehr, dass ich sowieso so gut wie jede Nacht hier bin.“

Barnes‘ Blick hellte sich auf und wow, seine Augen waren so blau, dass sie Cap’s Konkurrenz machen. „Wirklich?“, fragte er, als könnte er nicht glauben, dass Clint so ein Angebot machte.

Clint rollte mit den Augen. „Nein, ich verarsche dich und lache mich gleich in den Schlaf, weil dein Gesicht, wenn du’s herausfindest so lustig ist.“

Barnes zuckte mit den Schulten, ging einige Schritte auf ihn zu und reichte ihm den Bogen. „Ich kenn dich nicht, aber ich hab irgendwie das Gefühl, dass du genau die Art von Mensch bist, die so etwas abziehen würde.“ Er klang nicht anklagend und er schmunzelte dabei, doch Clint schlug sich dennoch empört die Hand vor die Brust.

„Autsch. Ich bin die Freundlichkeit in Person, glaub mir.“

„Natürlich.“, sagte Barnes in einem Ton, der nur allzu deutlich machte, dass er das Clint kein bisschen abkaufte. Er lächelte ihm noch einmal zu, bevor er an ihm vorbei zum Ausgang der Halle ging. „Bis nächstes Mal also, Barton.“

„Clint.“, bot Clint automatisch an und Barnes antworte ohne Zögern:

„Bucky.“

„Was?“

Barnes begann zu lachen und es dauerte einen Moment bis Clint verstand, was ihm gerade angeboten worden war. „Ohhh.“, machte er, während sich erneut ein Lächeln auf sein Gesicht stahl.

„Geh schlafen!“, sagte Barn- Bucky und ging weiter in Richtung Ausgang. Vorher drehte er sich jedoch ein weiteres Mal zu Clint um.

„Clint?“

„Hm?“

„Danke.“

Clint wusste nicht genau, wofür ihm gedankt wurde. Okay, wenn er an den Anblick Buckys beim Schießen zurückdachte und wie viel entspannter er auch jetzt noch wirkte, wusste er es doch ziemlich genau. „Kein Ding.“, antwortete er achselzuckend.

Bucky nickte ihm zu und verließ endgültig den Raum, während er etwas murmelte, dass nach „Ist es doch“ klang, aber wie gesagt, er murmelte bloß, nicht zu vergessen, dass Clint trotz Hörgeräten nicht perfekt hören konnte, also sollte man seiner Wahrnehmung an der Stelle wahrscheinlich nicht vertrauen.

Auch wenn Barnes‘ Vorschlag wahrscheinlich das Sinnvollste und Rationalste war, ging Clint nicht schlafen. Obwohl er es heute vermutlich gekonnt hätte. Doch diese gesamte seltsame nächtliche Begegnung hatte viel zu viele Gedanken für seinen Geschmack in Bewegung gesetzt und weil das Schießen sie in diesem Moment wahrscheinlich geradezu füttern würde, war die einzig gute Ablenkung ein schöner Film mit möglichst wenig Plot, dafür aber einer übergroßen Portion Explosionen.

Mit seinem Bogen in der Hand lief Clint durch den schlafenden Tower und fragte sich insgeheim, wohin Bucky verschwunden war. Ob er seinen eigenen Ratschlag befolgte und ins Bett ging? Clint wusste es nicht.

Im Gemeinschaftsbereich ließ er sich stöhnend aufs Sofa fallen und wickelte sich in die flauschigste Decke, die er finden konnte. Er könnte auch in seinem eigenen Apartment fernsehen, aber es war mittlerweile zu so einer Gewohnheit geworden, in der Nacht hierher zu kommen, dass er gar nicht erst versuchte, es sich abzugewöhnen. Außerdem gab ihm der Aufenthalt hier jedes Mal ein Gefühl von Sicherheit, wie es sein Apartment nicht konnte.

Oh, und der Fernseher war zirka doppelt so groß und das Soundsystem würde jedem Kino Konkurrenz machen, was wahrscheinlich ein weiterer ausschlaggebender Punkt für Clints Präferenz war.

„Friday, finde irgendeinen Sender, auf dem ein Film mit mehr Explosionen als Worten läuft. Und wenn doch gesprochen wird, bitte 'ne Sprache, die ich nicht verstehe.“

Ihr Geschmack ist wirklich außergewöhnlich.“, sagte Friday und an ihrer Stimme war perfekt zu hören, dass sie nicht die gute Art von 'außergewöhnlich' meinte. Fuck, warum konnte Tony nicht einmal eine KI programmieren, die Clint nicht für jede seiner Lebensentscheidungen verurteilte?

„Tu’s einfach.“, murmelte er und zog die Decke fester um sich.

Er war sich ziemlich sicher, Friday seufzen zu hören, doch sie schaltete den Fernseher dennoch ein. Prompt flog vor Clints Augen ein Hochhaus in die Luft und zwei Männer schrien in Walkie-Talkies, auf einer Sprache, die bei genauerem Hinhören nach Portugiesisch klang.

Perfekt.



*



In den nächsten fünf Nächten wurde Clint erneut nicht viel Schlaf gegönnt, weshalb er wieder in der Schießhalle endete und dort tatsächlich jedes Mal Bucky antraf. Seine Freude, als er realisierte, dass Clint sein Angebot wirklich ernst gemeint hatte, war kaum zu übersehen, doch sobald diese Emotion eingesickert war, wurde er zu einem völlig anderen Menschen.

Bevor Clint ihm einen der Bögen reichte (an Tag drei ging er dazu über, mehrere mitzunehmen, damit sie parallel zueinander schießen konnten und um für Bucky vielleicht irgendwann das perfekte Modell zu finden) war Buckys Anspannung und Unwohlsein immer offensichtlich, doch sobald sie zu Schießen begonnen, fiel all das von ihm ab.

Er lachte, scherzte und fand anscheinend großen Spaß daran, sich über Clint lustig zu machen. Allein in diesen vier Tagen verbesserten sich seine Fähigkeiten beim Bogenschießen enorm und auch wenn Clint hin und wieder ein wenig getroffen davon war, wie einfach das alles für Bucky zu sein schien, war er die meiste Zeit einfach stolz darauf, einen schnell lernenden Schüler zu haben.



*



In der fünften Nacht war Clint erheblich früher als sonst auf den Beinen – die Alpträume hatten ihn bereits nach anderthalb Stunden wieder aus dem Schlaf gerissen – und war tief in seinem Rhythmus versunken. Er hatte Friday wie immer Lokis Gesicht auf die Scheiben projizieren lassen und schoss nun einen Pfeil nach dem Anderen genau zwischen die Augen des Gottes, während aus seinen Eigenen stumm einige Tränen liefen.

Als nach einiger Zeit Bucky hinzukam, bemerkte Clint ihn zwar, unterbrach seinen Rhythmus jedoch nicht. Er war absolut nicht bereit dafür, den Bogen sinken zu lassen. Er brauchte die Anstrengung, die Geräusche, das Gefühl, seine Emotionen mit den Pfeilen Stück für Stück fortzutragen. Bucky ließ sich in sicherer Entfernung im Schneidersitz auf dem Boden nieder, so wie er es in den letzten Wochen häufig getan hatte.

Er schwieg und Clint konnte seinen Blick auf sich spüren, doch es störte ihn nicht. Ganz im Gegenteil, Clint stellte erneut fest, wie tröstend es sein konnte, einfach nur Gesellschaft zu haben.

Er schoss noch mindestens eine halbe Stunde, dann ließ er den Bogen endgültig sinken, genau wie seinen Kopf. Er atmete einige Mal tief durch, bevor er aufsah und Bucky zunickte. Mit der freien Hand strich er sich eine feuchte Strähne blonden Haares aus dem Gesicht. „Sorry.“, murmelte er, immer noch schwer atmend.

Doch Bucky machte nur eine abwinkende Handbewegung und ging zu der Halterung auf der anderen Seite des Raumes, in der sich die Bögen befanden, die Clint in den letzten Tagen mit hinuntergebracht hatte. Er nahm sich einen – den, den er vor zwei Tagen bereits benutzt hatte – und stellte sich neben Clint.

„Wer ist der Typ?“, fragte er und nickte in Richtung der Zielscheiben, auf denen noch immer das Gesicht abgebildet war, das Clint Nacht für Nacht in seinen Träumen verfolgte.

Er schluckte. Clint war sich nicht sicher, ob er diese Information mit Bucky teilen wollte. Er sprach generell mit so gut wie niemandem über die Sache, und Bucky kannte er erst seit wenigen Wochen. Und trotzdem fühlte es sich falsch an zu schweigen. Schließlich kannte er auch Buckys Geschichte und Bucky hatte Clint oft genug dabei gesehen, wie er auf den virtuellen Loki schoss, um zu wissen, dass da etwas ganz gewaltig nicht stimmte.

Wenn Bucky sein Zögern aufgefallen war, ließ er sich nichts anmerken und sah ihn stattdessen weiterhin geduldig an. Er wäre nicht nachtragend, wenn Clint die Frage ignorieren würde, das konnte er sich einfach nicht vorstellen. Clint räusperte sich dennoch, fuhr sich mit Hand nervös durch die Haare und sagte dann leise:

„Ein Arschloch. Ein Arschloch, dem es verdammt viel Spaß gemacht hat, mein Gehirn zu kontrollieren.“

Bucky sah ihn für einen langen Moment an, seine erschreckend blauen Augen schienen jeden Zentimeter von Clints Gesicht zu studieren, bevor er nickte und einen Pfeil aus dem Köcher auf Clints Rücken zog. Er legte ihn ein, hob den Bogen, nahm sich einen Moment Zeit um zu zielen und schoss den Pfeil ab. Er traf nicht ganz zwischen Lokis Augen, sondern landete ein wenig nach oben verrutscht an seiner linken Schläfe, aber dadurch verlor die Aktion keineswegs ihre Bedeutung.

„Lass sein Bild drauf.“, sagte Bucky mit dem Anflug eines Lächelns. „Vielleicht richten doppelt so viele Pfeile ja mehr Schaden an.“

Ein kleine Grinsen stahl sich auf Clint Gesicht und er wischte sich versucht unauffällig die Tränenreste aus dem Gesicht. „Doppelt so viele?“, sagte er herausfordernd. „Ich könnte mit verbundenen Augen schießen und du würdest trotzdem nicht mit mir mithalten können.“

Bucky lachte leise und antwortete kopfschüttelnd: „Nein, könnte ich nicht. Aber du lächelst wieder.“

Und Clint hatte keinen blassen Schimmer, was er darauf antworten sollte.



*



Es war drei Uhr morgens, als sie beide zu dem unausgesprochenen Einverständnis gelangten, dass es für heute reichte. Bucky hatte die ganze Zeit über kein Wort gesagt, war anscheinend zu tief in seinen eigenen Gedanken versunken gewesen. Er legte den Bogen in die Halterung zurück, während Clint seinen bloß senkte. Er benutzte wie immer seinen Lieblingsbogen und weil er sich ohne ihn in seinem Apartment nicht sicher fühlte, würde er ihn auf keinen Fall hierlassen.

„Friday, du kannst die Projektionen jetzt abschalten.“, sagte Clint und Lokis Gesicht verschwand ohne einen Kommentar der KI von den Zielscheiben. So sehr Friday es am Tag auch genoss, ihm auf die Nerven zu gehen, sie schien verstanden zu haben, dass er nachts schon genug Sorgen hatte und nicht noch eine schadenfrohe Roboterstimme gebrauchen konnte.

Als Clint zu Bucky schaute, sah er, dass der Andere den Blick ebenfalls auf die nun leeren Zielscheiben gerichtet hatte und nachdenklich auf seiner Unterlippe kaute. „Ist er der Grund-…“, setzte er an, schloss den Mund aber augenblicklich wieder, als wüsste er nicht, ob er das, was er sagen wollte, überhaupt sagen durfte.

Clint hatte bereits eine leise Ahnung, worauf er hinauswollte und seufzte leise. „Ist er der Grund, warum ich um diese Uhrzeit nicht wie jeder normale Mensch im Bett liege?“

Bucky nickte. „Tut mir leid, ich wollte nicht-…“

„Nein, ist schon okay.“ Clint sah auf den Bogen in seinen Händen hinunter und strich mit dem Finger langsam über die glatte Oberfläche des Griffs. „Und ja… er ist der Grund.“

Bucky nickte erneut und hakte nicht weiter nach. Clint war ihm unendlich dankbar dafür. Es war eine Sache zuzugeben, dass Loki etwas mit seinen nächtlichen Streifzügen zu tun hatte, aber genaue Details zu beschreiben ging einen entschiedenen Schritt zu weit.

„Gehirnwäsche ist fucking nervtötend.“, sagte Bucky immer noch nickend und mit einer perfekten Mischung aus Witz und Ernsthaftigkeit.

Clint seufzte und sagte im selben Tonfall „Du sagst es.“, was dazu führte, dass sie beide zu lachen anfingen. Es war ein humorloses Fuck-Sind-Wir-Verkorkst – Lachen, aber hey, Lachen ist Lachen, oder?

Sie gingen schweigend in Richtung Fahrstuhl, der schließlich wie immer auf der Gemeinschaftsetage hielt, um Clint für einen weiteren Trash-Movie abzusetzen. Bucky fuhr normalerweise weiter nach oben, vermutlich um in sein Apartment neben Steves zurückzukehren, und eigentlich ließ Clint es immer kommentarlos zu. Doch heute schien ihm ein guter Moment zu sein, um Bucky vielleicht weiteren Eintritt in seine persönliche Alptraum-Aftercare-Blase zu gewähren. Er hatte sich ohnehin schon so tief darin verstrickt, dass gemeinsames Fernsehen keinen großen Unterschied mehr machen würde.

„Hey“, sagte er also, als er aus dem Fahrstuhl gestiegen war und sich noch einmal umdrehte, bevor die Türen schlossen. „Hast du Lust die fucking nervtötende Gehirnwäsche mit ein paar richtig beschissenen Baller Filmen noch weiter zu verdrängen?“

Bucky, der den Kopf bis zu diesem Moment gesenkt hatte, sah auf und ein leichtes Grinsen stahl sich auf sein Gesicht. „Ich dachte schon du fragst nie.“, antwortete er und schob rasch seine Metallhand zwischen die sich schließenden Türen, um Clint folgen zu können. Auf dem Weg zum Sofa sagte er: „Ich hab übrigens noch nicht einen Film gesehen, seit ich wieder da bin. Hab ich was verpasst?“

Clint starrte ihn mit offenem Mund an, denn was war das bitte für eine Frage?! Bei genauerem Nachdenken kam er zu dem Schluss, dass es eine ziemlich berechtigte Frage war, wenn man bedachte, dass Bucky 70 Jahre lang definitiv anderes im Kopf gehabt hatte, als die neuesten Kino-News und dass er die letzten paar Wochen entweder in SHIELDs Gewahrsam oder in Steves Obhut verbracht hatte. Und keiner der beiden Orte war dafür bekannt, Ex-Assassinen in die filmtechnischen Meisterwerke des vergangenen Jahrhunderts einzuweisen.

Gott, einer der beiden hatte selbst noch unfassbar viel in diesem Bereich zu lernen!

„Okay, das ist inakzeptabel.“, sagte Clint bestimmt. „Sorry Barnes, die Trash-Movies müssen warten, zuerst machen wir dich mit dem Star Wars Universum vertraut. Man, Tony wäre jetzt stolz auf mich.“



*



Filmnächte mit Bucky Barnes waren erstaunlich entspannt.

Ein kleiner Teil von Clint hatte erwartet, dass diverse Explosionen, Lichtschwertkämpfe oder rasende Raumschiffe Bucky in irgendeiner Weise triggern würden, schließlich war er trotz seiner Gelassenheit, sobald er ein paar Ziele getroffen hatte, immer noch ein verdammt traumatisierter, leicht zu erschreckender Mann.

Clints Erwartung bestätigte sich nicht. Stattdessen hatte er einen faszinierten 30-jährigen neben sich, der gefesselt Star Wars Episode IV und V in sich aufsog und mit einem New Yorker Akzent genau die Stellen kommentierte, zu denen auch Clint etwas sagen würde. Bucky nahm selbst die Tasse Kaffee an, die Clint ihm anbot und dass obwohl es fünf Uhr morgens war und sie beide noch nicht geschlafen hatten.

Es war kaum zu glauben, dass das derselbe Mann war, der steif wie ein Brett wochenlange im Eingang zur Schießhalle gestanden und Clint angestarrt hatte. Und da sollte ihm noch einmal jemand erzählen, dass Waffen keine gute Sache waren.

„Okay, das war klasse.“, stellte Bucky klar, als der Abspann von The Empire Strikes Back über den Bildschirm rollte. „Ich bin offiziell sauer auf Stevie, weil er es anscheinend für wichtiger hält, bei mir Möchtegern-Therapeut zu spielen, als mir solche Meisterwerke zu zeigen.“

Clint lachte und stellte seine zweite ausgetrunkene Tasse Kaffee auf den Sofatisch. „Wirst du das Steve auch sagen?“, fragte er.

Bucky seufzte und schüttelte den Kopf. „Wenn er rauskriegt, dass ich die Nächte nicht brav in meinem Apartment verbringe, krieg ich nur weitere stundenlange Ich-Bin-Für-Dich-Da - Vorträge. Danke, nein Danke.“

„Na ja, besser als die Du-Hast-Captain-America-Enttäuscht - Standpauken.“, sagte Clint, was ihm einen entgeisterten Blick von Bucky einbrachte.

„Nein, ist es nicht. Glaub mir, ich würde die Freundschafts-Predigen sofort gegen Standpauken eintauschen. Vielleicht würde ich mich dann mal nicht wie eine Porzellanfigur in seiner Gegenwart fühlen.“  Sein Blick – bis dahin amüsiert – nahm einen wehmütigen Ausdruck an und Bucky starrte nachdenklich auf einen Punkt neben Clints rechtem Knöchel.

Er hatte das Gefühl, zu verstehen was Bucky meinte. Behandelt zu werden, als wäre man verletzlich und schwach war unerträglich. Doch auch wenn Clint ihn verstand, hatte er keine Ahnung, wie er antworten sollte, also machte er bloß ein hoffentlich aufmunterndes Angebot: „Dann machen wir im Geheimen weiter. Ich ende eh fast jede Nacht hier, da kann ich statt geistlosen Baller Filmen auch Star Wars mit dir gucken. Wir haben noch einige Episoden vor uns.“

Das Lächeln, das sich daraufhin auf Buckys Gesicht legte war unbezahlbar. „Ich bin dabei.“, sagte er und Clint grinste ebenfalls. Dann warf Bucky einen Blick auf die Uhr an der Wand und sprang erschrocken auf. „Fuck! Es ist gleich halb acht, Steve steht jeden Moment auf!“

Clint rollte sich auf den Bauch und vergrub das Gesicht in einem der Sofakissen. „Fucking Captain America Disziplin! Es ist Sonntag, wer steht da bitte um halb acht auf? Proteinshakes und Laufrunden funktionieren auch um drei noch super!“, stöhnte er in den Stoff.

„Er ist eben Steve. War schon immer so.“, sagte Bucky und ging an Clint vorbei in Richtung Fahrstuhl.

Clint setzte sich mit einem weiteren Stöhnen wieder auf und rieb sich die Augen. Er sollte am besten auch in sein eigenes Apartment zurückkehren. Ihn würde zwar keine Rede von Steve erwarten, wenn er entdeckt wurde, aber es würde nicht mehr lange dauern, bis es hier von Avengers wimmeln würde und er wollte wirklich gerne noch ein paar Stunden Schlaf bekommen.

„Hey, Clint!“, rief Bucky, der auf halbem Weg stehen geblieben war und sich noch einmal umgedreht hatte.

„Hm?“

„Ganz anderes Thema, aber ich krieg’s einfach nicht aus meinem Kopf.“, erklärte Bucky und legte besagten Kopf fragend zur Seite. „Warum hast du deine Hörgeräte ausgeschaltet, als ich hier angekommen bin?“

Er klang nicht wütend oder in irgendeiner Weise verletzt, doch Clint spürte trotzdem einen kleinen Schwall an Schuldgefühlen. Jetzt, nachdem er einige nur ganz dezent seltsame Gespräche mit Bucky geführt hatte, kam ihm dieses offensichtliche Desinteresse einfach nur noch unhöflich vor. Er versuchte sich nichts anmerken zu lassen und zuckte die Achseln.

„Ich wusste, wer du bist und dass du bei uns einziehst. Der Rest hat mich nicht interessiert. Außerdem sind Cap’s Reden wirklich unfassbar anstrengend. Tut mir leid.“

Doch Bucky schüttelte nur grinsend den Kopf. „Schon okay. Es war witzig. Und das erste Mal seit 70 fucking Jahren, dass mich jemand mit etwas anderem als Angst, Wut oder Reue angesehen hat. Eine willkommene Abwechslung.“

Clint hob eine Augenbraue. „Obwohl es bloßes Desinteresse war?“

„Besser Desinteresse als Angst, glaub mir.“ Er sah kurz auf den Boden hinab und kaute auf seiner Unterlippe, bevor sein Blick wieder zu Clint wanderte. „Sind dir jegliche Details über mich immer noch egal?“

Clint zögerte einen Moment, obwohl es da eigentlich nichts zu überlegen gab. Ja, am Anfang war ihm alles rund um die Person Bucky Barnes vollkommen egal gewesen, aber da hatte er ja auch noch nicht wissen können, dass der Kerl etwas für nächtliche Schieß-Sessions, Kaffeekränzchen und Star Wars-Marathons übrig hatte, okay? Da sich das in den letzten Nächten jedoch kristallklar herauskristallisiert hatte, war jegliche Desinteresse definitiv verflogen.

Clint könnte sich sehr gut daran gewöhnen, Gesellschaft bei seiner nächtlichen Routine haben.

„Nein.“, sagte er deutlich und hoffte, dass die Ehrlichkeit dahinter bei Bucky ankam. „Du verurteilst mich nicht dafür, dass ich um fucking fünf Uhr morgens Kaffee trinke – das macht dich schon interessant genug.“

Bucky grinste, machte doch tatsächlich eine kurze Verbeugung und verließ endgültig den Raum.

Ja, Clint  könnte sich wirklich daran gewöhnen.


~*~


AN: Glaub mir Clint, du wirst dich dran gewöhnen. Und zwar sowas von. In einer unglaublich kurzen Zeit.

...guys, ich weiß selbst manchmal nicht, wie ich es geschafft habe, dass das hier noch irgendwo ein Slow Burn ist xD Im Grunde könnten sie wahrscheinlich in zwei Kapitel vögeln und es wäre realistisch... well, irgendwie habe ich es hinbekommen den Scheiß auf 19 Kapitel zu strecken
\_(^-^)_/
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