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Matteo und Sami

von jana3
GeschichteFamilie / P12 / Gen
Dr. Matteo Moreau Sami Matoub
06.04.2021
08.04.2021
9
9.762
5
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06.04.2021 1.160
 
Unruhig drehte sich Matteo im Bett herum. Er konnte nicht einschlafen, obwohl er sich eigentlich zum ersten Mal seit einer Ewigkeit darauf gefreut hatte, seinen Feierabend zuhause und nicht im Bereitschaftsraum zu vebringen.
In drei Tagen sollte Samis Flieger zurück nach Algerien gehen und Matteo wurde diesen einen Gedanken einfach nicht los, der ihm einige Tage zuvor in den Sinn gekommen war: Was wäre wenn er Sami offiziell adoptieren würde und er bei ihm bleiben könnte?
Äußerlich ließ er es sich zwar ungern und selten anmerken, doch Matteo hatte den Kleinen innerhalb der letzten Monate sehr in sein Herz geschlossen. Er wusste, dass Samis Familie arm war, irgendwo in der Wüste lebte und noch drei weitere Kinder zu versorgen hatte. Über die "Ärzte am Äquator" hatten Sami und er immer wieder Kontakt zu ihnen gehabt und wussten, dass das Leben in Algerien nach wie vor sehr hart war. Wenn Matteo auch nur daran dachte, seinen Schützling einfach wieder zurück in die Wüste zu schicken, lief ihm ein Schauer über den Rücken. Er seufzte, lauschte in die Stille hinein und hörte, wie sich Sami im Gästezimmer nebenan im Bett umdrehte. Matteo lächelte bei dem Gedanken an den Jungen und daran, wie viel er in seiner Zeit in Deutschland gelernt hatte. Sami konnte sich mittlerweile auf Deutsch durchboxen, traute sich immer mehr mit den Leuten zu kommunizieren und spielte ihnen bei jeder Gelegenheit kleine Streiche.
Gerne hätte Matteo mit jemandem über den Gedanken gesprochen, Sami bei sich zu behalten - doch dafür war der große Dr. Moreau dann doch etwas zu stolz. So starrte er noch eine ganze Weile in der Dunkelheit vor sich hin und ließ sich Gedanken immer und immer wieder durch den Kopf gehen bis er schließlich doch einschlief.

Am nächsten Morgen wachte Matteo auf, weil er etwas Seltsames auf seinem Rücken spürte. Verschlafen öffnete er das rechte Auge halb und sah direkt in Sami frech grinsendes Gesicht. Derweilen ließ er seine Superheldenfigur auf Matteos Rücken hoch und runter laufen. "Matteo!", rief Sami vergnügt, vermutlich einerseits weil er sich freute, seinen großen Freund endlich wachgerüttelt zu haben und andererseits auch, weil sein Spielzeug ja denselben Namen trug.
Nachdem Matteo noch ein wenig vor sich hin gebrummt hatte, letztendlich aber einsah, dass Sami ihn sicher nicht noch einmal schlafen lassen würde, stand er auf. Er spritzte sich im Bad nur ein wenig Wasser ins Gesicht, schickte Sami zum Zähneputzen und bereitete dann das Frühstück vor. Aus verschiedenstem Obst und Gemüse legte er ein buntes Gesicht auf einen Teller und musste sich selbst gestehen, dass er nach Miriams Tod und dem Verlust ihres gemeinsamen Kindes niemals erwartet hätte, dass er einmal wieder so etwas tun würde - und das auch noch mit so viel Freude. Beim Frühstück alberte Sami ordentlich herum und gab seinem Spielzeug-Matteo natürlich auch etwas von seinem Toast ab. Der echte Matteo fragte sich währenddessen, ob der Junge eigentlich ahnte, dass er in wenigen Tagen vermutlich wieder auf dem Weg in seine Heimat sein würde und er überlegte auch, ob Sami denn lieber bei ihm bleiben würde. Doch viel Zeit für diese Gedanken blieb ihm nicht, denn eine knappe halbe Stunde später sah er auf die Uhr und rief: "So Sami, jetzt ziehen wir uns an und dann geht es in die Klinik!"
Im Johannes-Thal-Klinikum angekommen, brachte Matteo Sami zuerst auf die Kinderstation. Dort gab es eine Erzieherin, die für die kleinen Patienten oder die Besucher zuständig war und die sich dazu bereit erklärt hatte, Sami während Matteos Dienstzeiten zu betreuen. Hier gab Matteo seinen Schützling mit gutem Gewissen ab, denn er wusste, dass Sami Spaß hatte und keinen Unsinn anstellen konnte.
Danach ging er eilig hinunter auf seine Station. Er nahm den OP-Plan unter die Lupe und stellte fest, dass er schon in zwanzig Minuten eine Handrekonstruktion mit Ben Ahlbeck als Assistenten hatte. Matteo seufzte. Sami hob seine Laune in letzter Zeit zwar gewaltig, doch den alten Dr. Grummel konnte so schnell nichts aus ihm vertreiben. Ganz zu seiner Zufriedenheit lief die Operation allerdings ausgezeichnet und Ben hatte sich ziemlich gut angestellt. "Solide, Ahlbeck.", nickte er dem jungen Kollegen zu und riss sich den Mundschutz vom Gesicht. Ben grinste. "Danke!", erwiderte er und ihm war klar, dass ein solches Lob von Dr. Moreau schon etwas war, worauf man sich etwas einbilden konnte.
Natürlich ließ Ben Matteos Worte auch gegenüber Leyla Sherbaz nicht unerwähnt. "Na herzlichen Glückwunsch", lachte diese und fügte mit leisem Lächeln hinzu: "Mir ist auch schon aufgefallen, dass er in letzer Zeit ein bisschen verändert ist. Sami scheint ihm gut zu tun."
Als sie Matteo ein wenig später im Oberärzte-Zimmer begegnete , fragte sie unauffällig, wie es denn so mit Sami laufen würde. Zunächst verfiel Matteo in seine übliche, brummelige Rolle und antwortete: "Naja, geht schon. Er ist ja sowieso nicht mehr lange da." Doch Leyla kannte ihren Kollegen schon lange und wusste auch von seiner gutherzigen und sensiblen Seite, die er nur selten zum Vorschein brachte. Sie ließ nicht locker und versuchte, noch mehr über Matteos Gefühlslage herauszubekommen. Tatsächlich gelang ihr das und schließlich offenbarte Matteo ihr seinen Gedanken, Sami zu adoptieren.
Leyla staunte nicht schlecht. Sie hatte zwar vermutet, dass der Junge Matteo fester ans Herz gewachsen war, als er zugab, doch mit dieser Idee hatte auch sie nicht gerechnet. "Hast du denn schon mit Sami darüber gesprochen?", wollte sie wissen. "Nein, ich weiß erstens doch nicht mal, ob er ahnt, dass er bald wieder zurückgeschickt wird und zweitens bin ich mir nicht sicher, ob ihm seine Eltern nicht viel zu sehr fehlen würden." Matteo sprach so ruhig und bedacht, dass Leyla wirklich bewusst wurde, wie gerne er den Jungen hier behalten würde und sie lächelte innerlich. Der gute Matteo hatte eben doch auch Gefühle, die weit über den Arbeitsalltag hinaus gingen. "Bevor du Sami etwas sagst, musst du auf jeden Fall zuerst mit dem Jugendamt sprechen, ob eine Adoption überhaupt möglich ist und natürlich haben Samis Eltern auch noch einiges mit zu reden.", riet Leyla.

An diesem Abend konnte Matteo noch viel weniger einschlafen als am vorherigen. Er dachte über alles nach. Wäre er überhaupt in der Lage dazu, ein guter Ersatzvater für Sami zu sein? Schließlich arbeitete er normalerweise mehr als viel und hatte außerdem überhaupt keine Erfahrung mit Kindern. Doch dann fiel ihm auch ein, wie leicht ihm der Umgang mit Sami eigentlich fiel, wenn er sich nur einmal darauf einließ. Die Erzieherin im JTK verstand sich mit Sami ebenfalls gut und sie war ja dazu bereit, sich tagsüber um ihn zu kümmern. Nur die Nachtschichten könnten ein Problem darstellen - wer würde währenddessen auf Sami aufpassen? Trotz allem fasste Matteo plötzlich einen festen Entschluss: Er wollte nichts unversucht lassen und würde morgen mit dem Jugendamt telefonieren, um sich erst einmal darüber zu informieren, ob eine Adoption überhaupt möglich sei. Zu verlieren hatte er schließlich nichts.
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