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Glück im Unglück?

GeschichteFamilie, Liebesgeschichte / P12 / Het
Alexis Castle Jim Beckett Kate Beckett Martha Rodgers Richard Castle
06.04.2021
06.05.2021
11
24.967
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09.04.2021 3.527
 
Die Fahrt über war Kate schweigsam. Es war Alexis Wunsch gewesen, dass sich Kate mit nach hinten setzt und hatte gleich ihre Hand genommen, was die junge Frau mit einem Lächeln quittierte. Ansonsten verhielt sich Alexis ganz still. Was seine Tochter eigentlich nie tat. Sie plapperte normalerweise ständig, wenn sie mit dem Auto unterwegs waren.
„Da wären wir“, meinte Rick nach etwa zehnminütiger Fahrzeit.
Kate schreckte aus ihren Gedanken hoch und schaute sich um. Gute Gegend. Und plötzlich kamen ihr Zweifel. „Vielleicht ist es doch besser, wenn ich woanders hingehe.“  Unter die Brücke zum Beispiel
„Das darfst du nicht“, widersprach Alexis sofort und auch Rick schlug sich auf die Seite seiner Tochter
„Kommt gar nicht infrage, Kate.“
Eigentlich hätte sie jetzt protestieren müssen, aber ihr fehlte die Kraft. Außerdem war sie froh, ein Dach über dem Kopf zu haben, zumindest für eine Nacht. „In Ordnung.“

Die drei stiegen aus und betraten erst das Haus, dann den Fahrstuhl, der wenig später in der letzten Etage hielt.
Kaum hatte Rick die Wohnungstür aufgeschlossen, drängelte sich Alexis an ihnen vorbei und stürmte ins Loft.
„Grandma! Wir haben Kate mitgebracht“, rief sie so laut, dass man das vermutlich noch eine Etage tiefer hören konnte.
„Wer oder was ist Kate?“, erkundigte sich eine ältere Frau, die gerade die Treppe runterkam.
„Na Kate halt“, meinte Alexis.
„Ach so, ja klar“, erwiderte Martha und strich ihrer Enkelin amüsiert über den Kopf.
Inzwischen waren Rick und Kate nähergekommen. Martha ging als erstes durch den Kopf, dass diese junge Frau gar nicht in das Beuteschema ihres Sohnes passte. Und ihr zweiter Gedanke war, dass sie todunglücklich aussah.
„Mutter, darf ich dir Kate …“ Er stoppte, als ihm einfiel, dass er nur ihren Vornamen wusste.
„Beckett. Ich heiße Kate Beckett“, meinte sie leise.
„Gut. Also Mutter, darf ich dir Kate Beckett vorstellen. Kate, das ist meine Mutter, Martha Rodgers.“
Kate zuckte vor Schreck zusammen. „Martha Rodgers? Oh mein Gott, dann sind Sie tatsächlich Richard Castle.“
„Tatsächlich?“
„Sie kamen mir vom ersten Augenblick an bekannt vor, aber erkannt habe ich Sie nicht. Obwohl ich erst vor zwei oder drei Tagen einen Artikel über Sie gelesen habe.“ Kate wandte sich an Martha. „Dort stand auch etwas über Sie, Mrs. Rodgers. Und als Ihr Sohn eben Ihren Namen nannte, da hatte ich diesen Artikel wieder vor Augen. Ich habe Sie auch bereits im Theater gesehen, das muss allerdings etwa zwei Jahre her sein. Ich kann mich aber noch gut daran erinnern. Sie waren fantastisch.“
Martha  spürte sofort, dass das nicht einfach nur eine Höflichkeit war. „Danke, mein Liebes.“
Nun schaute Kate zu Rick. „Ihre Bücher haben mir im  letzten Jahr sehr geholfen. Es tut mir leid, dass ich Sie nicht sofort erkannt habe. Vielleicht weil ich nicht damit gerechnet habe, Ihnen ausgerechnet bei McDonalds zu begegnen. Entschuldigen Sie bitte.“
Oder weil du vor lauter Tränen gar nicht klarsehen konntest  „Sie müssen sich nicht entschuldigen, Kate.“
„Dann sollte ich jetzt wirklich lieber wieder gehen.“
„Warum denn?“, fragte Rick und seine Mutter gleichzeitig. Wobei Martha immerhin noch nicht einmal wusste, warum sie überhaupt im Loft war.
„Aber …“
„Kate, es hat sich doch nichts geändert, nur weil Ihnen jetzt bekannt ist, wer wir sind.“ Rick kam ein Verdacht. „Oder haben Sie Sorge, dass die Medien erfahren, dass Sie hier sind? Fürchten Sie das Gerede?“
Sie schüttelte den Kopf. „Nein, gar nicht. Aber … aber vielleicht wäre es nicht so gut für Sie.“
„Ich wüsste nicht warum. Sie bleiben hier, Kate. Basta.“
Kate lächelte leicht und auch Martha fiel auf, dass es nicht ihre Augen erreichte. Sie musste sehr großen Kummer haben. Und Hunger, so wie ihr Magen knurrte. Kate wurde rot.
„Entschuldigung. Ich habe heute noch nichts gegessen“, fühlte sich Kate bemüßigt zu erklären. „Der Wecker funktionierte nicht und da musste das Frühstück ausfallen.“
Und jetzt war es früher Nachmittag  Rick schlug sich mit der Hand gegen die Stirn. „Man, ich bin doch auch blöd. Sie konnten bei McDonalds ja gar nichts essen, weil Sie kein Geld hatten. Ich werde Ihnen ein gut belegtes Sandwich machen. Das reicht dann bis zum Abendessen.“
Kate winkte ab. „Ich möchte Ihnen keine Umstände machen, Mister Castle.“
„Erstens sind das keine Umstände, zweitens haben Sie mich doch schon Rick genannt. Also bleiben Sie bitte dabei.“
„Und ich bin Martha und nicht Mrs. Rodgers. Da komme ich mir vor als wäre ich meine Großmutter.“
Kate nickte lächelnd, sagte aber nichts. Doch Martha konnte erkennen, dass ihre Augen glitzerten. Das arme Ding.
„Wo ist eigentlich Alexis?“, erkundigte sich Rick und schaute sich um.
„Ich bin hier, Dad.“ Alexis kam gerade die Treppe runter.
„Schätzchen, warum schleppst du denn deine Kuscheltiere runter?“, wollte Martha wissen.
Alexis ließ ihre Tiere, für so ein kleines Persönchen hatte sie verdammt viele runtertragen können, auf die Couch fallen. „Ich möchte, dass Kate sich eines aussucht. Für die Nacht. Damit sie nicht so allein und traurig ist.“
Kate kniete sich langsam zu Alexis, die noch vor der Couch stand. „Das ist aber lieb von dir.“
„Such dir eines aus.“
Kate schaute sich die Tiere an und endschied sich schließlich für einen Hund mit Knopfaugen und Stummelschwänzchen. „Das würde ich gerne nehmen, wenn es okay für dich ist, Alexis. Ich mag Hunde nämlich sehr gerne.“
„Das ist gut. Dann wird er bestimmt besonders doll auf dich aufpassen heute Nacht.“
„Bestimmt. Vielen lieben Dank, Alexis.“ Kate umarmte die Kleine kurz, bevor sie wieder aufstand und dabei aufstöhnte, weil sie vergessen hatte vorsichtig zu sein.
„Was hast du?“, wollte Alexis sofort wissen.
„Keine Sorge, es ist nichts Schlimmes“, beruhigte Kate das Mädchen. „Ich habe mich heute bloß gestoßen.“
Martha schaute zu Rick, der mit Achseln zuckte.
„Magst du trotzdem etwas mit mir spielen?“, erkundigte sich Alexis. „Ich habe oben Spiele, bei denen du dich gar nicht bewegen musst.“
„Alexis, lass doch Kate …“
„Ist schon gut, Martha“, unterbrach Kate ihn und wandte sich an Alexis. „Ich spiele sehr gerne mit dir.“ Sie zeigte zu den Kuscheltieren auf der Couch. „Die sollten wir aber wieder mitnehmen.“
„Okay.“ Alexis nahm wieder beide Arme voll, Kate brauchte nur einen Arm. „Dann lass uns hochgehen.“ Sie schaute zu Martha. „Wenn das für Sie okay ist?“
„Aber natürlich ist es das“, antwortete Martha und Rick, der in der Küche das Sandwich zubereitet hatte und Kate den Teller hinhielt, nickte.
Kate nahm ihn mit ihrer freien Hand. „Das schaut sehr lecker aus, Rick“, bedankte sie sich und folgte Alexis.

Kaum waren die beiden oben und man hörte, wie sich die Tür schloss, wandte sich Martha an Rick.
„So und du erzählst mir jetzt was es mit dieser jungen Frau auf sich hat.“
„Wir haben sie …“, begann Rick, wurde aber durch das Klingeln seines Handys unterbrochen. „Oh verflixt. Gina. Die habe ich ganz vergessen. Wir hatten einen Termin für eine Telefonkonferenz mit Paula, vor …“, Rick schaute schnell auf die Uhr. “…einer halben Stunde.“ Er machte sich auf den Weg in sein Büro und nahm das Gespräch gleichzeitig an. „Hallo Gina …  ja, ich habe es vergessen …  nein, es ist mir nicht egal“, hörte Martha noch, bevor Rick die Tür schloss.
„Tja, und was mach ich jetzt?“, murmelte Martha, als sie mutterseelenallein im Wohnbereich stand. Die Antwort kam prompt indem nun ihr Handy klingelte. „Martin, was gibt es?“, begrüßte sie den Regisseur ihres aktuellen Theaterstücks, während sie nach oben ging. Um zu ihrem Zimmer zu gelangen musste sie an dem von Alexis vorbei. Das Mädchen lachte und auch Kate hörte man lachen. Aber es klang weniger fröhlich und so, als hätte die junge Frau sehr lange keinen Grund zum Lachen gehabt. Martha wurde immer neugieriger, was ihr Sohn und Kate Beckett miteinander verband, doch zunächst musste sie sich auf das Telefonat mit Martin konzentrieren.

Eine halbe Stunde später verließ Martha ihr Zimmer wieder. Sie schaute kurz bei Alexis rein.
„Entschuldigen Sie, Kate. Ich müsste dringend ins Theater und Richard hat eine Telefonkonferenz mit seiner Verlegerin und der Agentin.“
„Gehen Sie ruhig, Martha“, meinte Kate, als Martha eine Atempause machte. „Ich kümmere mich so lange um Alexis.“
„Oh danke, Sie sind ein Schatz.“ Martha wandte sich an Alexis. „Und du bist schön brav.“
„Bin ich doch immer, Grandma“, erwiderte Alexis.
„Nun ja“, lachte Martha. „Meistens. Ausnahmen bestätigen aber bekanntlich die Regel.“
„Wir kommen schon klar miteinander“, meinte Kate und daran hatte Martha nicht die geringsten Zweifel.
„Ich hoffe, nicht länger als zwei Stunden fort zu sein. Wenn etwas ist, finden Sie Richard unten in seinem Büro … immer der genervten Stimme nach“, sagte Martha mit einem Augenzwinkern, bevor sie sich verabschiedete und die Tür wieder schloss.
Dann ging sie noch schnell zu Rick, legte ihm einen Zettel auf den Tisch, er las ihn und nickte. Nun konnte Martha beruhigt das Loft verlassen.

~~~~

„Essen ist fertig!“, rief Martha quer durch das Loft. Sie war nach etwas über zwei Stunden zurück gewesen und hatte sich dann um das Abendessen gekümmert, da Rick bei ihrer Rückkehr noch immer telefonierte. Später wollte er ihr helfen, aber sie hatte ihn wieder in sein Büro gescheucht und gesagt, er solle lieber noch ein wenig arbeiten.
Oben hörte man, wie die Tür aufgerissen wurde und Kates Stimme.
„Langsam Alexis, ich glaube nicht, dass dir jemand etwas wegisst.“
Martha und Rick, der inzwischen aus seinem Büro gekommen war, lächelten sich an. Vor allem weil Alexis tatsächlich ihr Tempo drosselte.
„Kate hat sie gut im Griff“, flüsterte Martha ihrem Sohn zu und dieser nickte, während sein Blick auf Kate gerichtet war, die langsam hinter Alexis die Treppe runterkam. Sichtlich verlegen und nicht wissend, ob sie wirklich dabei sein sollte.
„Komm Kate, du sitzt neben mir“, meinte Alexis und zog die junge Frau zum Tisch.
„Ich kann auch später etwas essen“, sagte Kate leise und an Rick gewandt.
„Blödsinn“, widersprach er sofort. „Natürlich essen Sie mit uns, Kate.“
„Danke.“ Es war ihr anzumerken, dass sie das Gefühl hatte, ein Fremdkörper zu sein.
Die vier setzten sich, ließen es sich schmecken und unterhielten sich. Nun ja, eigentlich unterhielten sich die drei Castles, wobei sie Kate immer wieder mit einbezogen. Vor allem natürlich Alexis. Die beiden Erwachsenen merkten, dass Kate lieber zuhörte und akzeptierten das.

„Ich helfen Ihnen abzuräumen“, bot Kate an, als Martha aufstand.
„Nein Kate, ich möchte das du mir beim Baden hilfst und mich ins Bett bringst“, bat Alexis.
„Gehen Sie ruhig, Kate“, nickte Martha, als Kate zögerte. „Meine Knochen freuen sich, wenn ich mal nicht vor der Badewanne knien müssen.“
„In Ordnung.“
Alexis gab ihrem Dad und auch Martha einen Kuss und wünschte ihnen eine gute Nacht, dann zog sie Kate die Treppe hoch. Aber langsam.

Rick half seiner Mutter das Geschirr abzuräumen und in die Spülmaschine zu stellen. Von oben war das plätschern von Wasser, Alexis Lachen und die ruhige Stimme von Kate zu hören.
„Sie ist eine besondere junge Frau, Richard. Wie sie auf Alexis eingeht … das ist großartig.“
„Ja, das stimmt.“
„Bist du eifersüchtig?“, erkundigte sich Martha, weil Ricks Stimme einen seltsamen Unterton hatte.
„Oh Gott, nein“, lachte Rick. „Ich freue mich. Allerdings wird mir dadurch auch mal wieder vor Augen geführt, dass Alexis eine jüngere Bezugsperson fehlt. Oder einfach eine Mutter.“
„Mhm, da mag was dran sein. Alexis hat wirklich einen Narren an ihr gefressen. Ich wollte nicht fragen, während Kate hier war … aber wie habt ihr euch kennengelernt? Und was hat es mit ihren Schmerzen auf sich? Sie schaut so unendlich traurig aus, so verloren. Als hätte sie großen Kummer.“
„Das ist noch untertrieben, Mutter.“ Rick berichtete Martha, was er bisher über Kate wusste. Was im Prinzip nicht wirklich viel war, da sie keine Einzelheiten erzählt hatte. „Woher die Schmerzen stammen, weiß ich nicht. Allerdings bin ich mir sicher, dass sie sich nicht einfach nur gestoßen hat, wie sie es Alexis erzählte.“
„Meinst du, ihr Vater hat damit zu tun?“
„Ich befürchte es.“
„Arme Kate.“ Martha sah ihren Sohn an. „Ich bin stolz auf dich, Richard.“
„Wieso?“
„Weil du zur Abwechslung mal an jemand anderen gedacht hast.“
„Autsch, das tat weh. Aber das habe ich wohl verdient. Ich war ziemlich von mir eingenommen, oder?“
Martha zuckte mit den Schultern. „Nun ja, zumindest hattest du bisher nicht unbedingt einen Blick für die Menschen um dich herum. Schon gar nicht für die, die Probleme haben.“
„Den Blick für Kate hatte Alexis“, gab Rick zu. „Ich habe alles, was um unseren Tisch herum passierte, einfach ausgeblendet. Bis Alexis mich auf Kate aufmerksam machte und meinte, ich müsse ihr helfen. Sie weinte und dies, laut Alexis, schon eine ganze Weile. Als  ich Kate sah, legte sich ein Schalter bei mir um und ich wollte mehr über sie wissen und ihr nach Möglichkeit helfen.“ Rick zuckte nachdenklich die Schultern. „Eigentlich ziemlich verrückt. Schließlich kenne ich sie nicht. Ebenso gut könnte sie eine Serienkillerin sein.“
Martha lachte. „So viel Menschenkenntnis traue ich mir selbst noch zu, um sicher zu sein, dass Kate Beckett keine Serienkillerin ist.“
Rick grinste. „Okay, das war wohl etwas weit hergeholt.“
„Irgendwie müssen wir ihr helfen, Richard. Es ist ja schön, wenn sie für diese Nacht ein Dach über dem Kopf hat, aber was ist mit morgen und die Zeit danach? Sie scheint mir sehr stolz zu sein und wird es ablehnen, weiter unser Gast zu sein. Nicht ohne Gegenleistung.“
„Vermutlich nicht, aber mir fällt nichts ein, was sie für uns tun könnte.“
„Mir momentan auch nicht“, meinte Martha nachdenklich. Doch in ihrem Kopf formierte sich bereits eine Idee. „Oh höre mal.“
Beide lauschten andächtig, als Kate ein Schlaflief für Alexis sang.

Kurze Zeit später kam Kate wieder nach unten. „Alexis schläft.“
„Sie haben eine wunderschöne Stimme, Kate.“
Kate errötete ein wenig. „Danke Rick.“
„Danke, dass Sie sich heute so um Alexis gekümmert haben. Sie hatte so viel Spaß wie lange nicht.“
„Mir hat es auch viel Spaß gemacht. Sie ist ein so liebes und intelligentes Mädchen.“
„Ja, das ist sie“, nickte Rick und man hörte ihm den Vaterstolz an.
Kate schluckte und kämpfte gegen die Tränen. Ihr Vater war auch einmal stolz auf sie gewesen. Sowohl Martha als auch Rick hatten die Veränderung bemerkt.
„Ich ziehe mich zurück“, erklärte Martha. „Ich muss unbedingt noch etwas in dem Skript für das neue Theaterstück lesen, damit ich mich morgen bei der Probe nicht blamiere.“ Das war nur die halbe Wahrheit, in Wirklichkeit wollte sie ihren Sohn und Kate allein lassen, weil sie das Gefühl hatte, sie würde sich ihm anvertrauen.
Rick durchschaute seine Mutter und nickte ihr leicht zu.
„Schlafen Sie gut, Martha.“
„Danke, meine Liebe. Sie auch.“
Einen Moment schwiegen Kate und Rick, bis er fragte.
„Möchten Sie vielleicht noch etwas trinken, Kate. Oder würden Sie sich lieber zurückziehen?“
Und in den traurigen Gedanken ertrinken? „Ein Glas Wein würde ich gerne noch trinken.“ Sie spürte Ricks zögern und musste wider Willen lachen. „Ich bin zwanzig, also durchaus alt genug für Wein.“
Rick senkte beschämt den Blick. „Tut mir leid. Sie sehen so jung aus.“
„Nun, das nehme ich doch mal als Kompliment.“
„War auch eines“, erwiderte Rick mit einem leichten Lächeln. „Ein Glas Wein also. Kommt sofort. Nehmen Sie doch Platz.“ Rick eilte in die Küche und während er die Flasche öffnete, sah er, wie Kate sich sehr vorsichtig hinsetzte. Sie musste wirklich starke Schmerzen haben. Am liebsten würde er sie direkt darauf ansprechen, wusste aber nicht, ob das eine gute Idee war. Also würde er auf eine günstige Gelegenheit hoffen.
„Danke“, lächelte Kate leicht, als Rick das Glas vor ihr auf den Tisch stellte.
Sie hatte sich auf die Couch gesetzt und Rick überlegte, wo er sich hinsetzen sollte, entschied sich aber ebenfalls für die Couch, die groß genug war, um Abstand zu halten, damit sich Kate nicht bedrängt fühlen würde.
„Gerne.“ Er hob sofort sein Glas. „Auf unsere Begegnung.“
Wieder dieses leichte Lächeln, was nur ihren Mund umspielte. „Danke, dass ich heute Nacht hierbleiben darf.“
Das war Ricks Stichwort. „Kate, wenn Sie sprechen möchten. Über was auch immer … ich höre Ihnen zu.“ Kates Augen füllten sich mit Tränen. „Ich wollte Sie nicht zum Weinen bringen“, meinte Rick betroffen.
„Das ist nur … Sie sind alle so nett zu mir gewesen, sind es immer noch. Obwohl Sie mich überhaupt nicht kennen.“
„Nun“, meinte Rick mit einem Schmunzeln. „Meine Mutter meinte, Sie wären keine Serienkillerin und auf ihre Menschenkenntnis konnte man sich eigentlich immer verlassen.“
Auch Kate musste schmunzelte. „Nein, keine Sorge. Das bin ich nicht. Und ich werde auch nicht morgen früh mit Ihrem Tafelsilber verschwunden sein.“
„Wäre auch kompliziert“, entgegnete Rick. „Wir haben gar keins.“ Er legte seine Hand auf ihre. „Erzählen Sie mir, was passiert ist, Kate.“
„Meine Mum … sie ist ermordet worden. Heute vor einem Jahr. Die Polizei meinte, es hätte was mit Bandenkriminalität zu tun.“
Kein Wunder das sie so traurig ist  „Sie glauben daran nicht?“
„Ich weiß es nicht. Die Polizei hat die Ermittlungen auf Eis gelegt. Meine Mum war Anwältin, vielleicht hatte es etwas damit zu tun. Wir waren zum Essen verabredet. Mum, Dad und ich. Aber Mum kam nicht.“ Kate wischte sich eine Träne fort. „Sie kam nie wieder nach Hause.“
„Oh Kate, das tut mir so leid.“ Sanft strich Rick mit dem Daumen über Kates Hand.
„Dad kommt damit nicht klar. Er begann zu trinken. Erst wenig, dann immer mehr. Bis er seinen Job verlor. Er ist Alkoholiker, Rick, aber er gesteht sich das selbst nicht ein.“ Sie nahm einen Schluck Wein.
„Was ist mit Ihnen, Kate? Was haben Sie gemacht. Vor dem Tod Ihrer Mum, meine ich?“
„Ich war an der Stanford und habe Jura studiert. Bis letztes Jahr März, dann war kein Geld mehr da, um die Gebühren zu bezahlen. So zog ich wieder zu Dad, obwohl ich lieber eine eigene Wohnung gehabt hätte, aber … nun ja.“
Auch dafür war kein Geld da „Und was tun Sie jetzt?“
„Jobben.“ Sie erzählte ihm, was sie tat und Rick wusste, irgendwas musste ihm einfallen, um ihr zu helfen.
„Und was ist heute passiert?“ Kate zuckte zusammen, die Erinnerung musste wirklich schlimm sein. „Sie müssen es mir nicht erzählen.“
„Doch, Rick. Es tut gut, darüber zu sprechen. Ich bin nach Hause gekommen, habe das Fenster geöffnet, weil die Luft so stickig war … und auch nach Alkohol gerochen hat. Dann kam … mein Vater aus seinem Zimmer.“ Ihn Dad zu nennen schaffte Kate nicht. Nun erzählte sie Rick, was weiter passierte.
„Das ist unglaublich“, meinte Rick. „Wie kann ein Vater das nur tun? Ich begreife es nicht.“
„Er ist krank“, meinte Kate. „Und solange er sich das nicht selbst eingesteht, wird er sich nicht ändern.“
„Werden Sie ihn noch einmal aufsuchen?“
Kate schüttelte sofort den Kopf. „Das kann ich nicht. Ich müsste es, um meine Sachen abzuholen, aber ich kann es nicht. Vermutlich würde er mich eh nicht reinlassen.“ Ihr liefen die Tränen nun einfach so runter. „Ich stehe vor dem Nichts, Rick. Was soll ich denn jetzt bloß tun?“
„Sie haben uns, Kate. Wir werden Ihnen helfen. Sie sind nicht mehr allein.“
Kate lächelte und wischte sich die Tränen fort. „Unsere Begegnung … sie war mein Glück im Unglück. Das werde ich Ihnen und Martha niemals vergessen, Rick.“ Kate wollte sich etwas anders hinsetzen, hatte aber ihre Schmerzen ganz vergessen und stöhnte auf.
Rick hätte sich ohrfeigen können. Nachdem Kate ihm erzählte hatte, was passiert war, hätte er sofort reagieren müssen.
„Ziehen Sie ihr Shirt hoch, Kate. Ich will mir das anschauen.“
„Nein, es ist nichts …“ Der Schmerz unterbrach ihren Widerspruch.
„Hochziehen.“ Kate tat es und Rick zuckte zusammen, als er das Hämatom sah, welches die Größe seiner Hand hatte. „Du meine Güte, Kate. Sie müssen zu einem Arzt. Dort hätten sie längst hingemusst. Wir fahren sofort ins Krankenhaus.“
„Aber …“
„Keine Widerrede. Es könnte eine Rippenfraktur vorliegen und mit der ist nun wirklich nicht zu spaßen.“ Rick stand auf.
„Ich bin sofort zurück und wagen Sie es nicht, einfach zu verschwinden. Verstanden!?“
„Mach ich nicht“, versprach Kate. „Wohin sollte ich denn auch gehen?“
Das klang wieder so traurig und verloren, dass Rick sie am liebsten in den Arm genommen hätte. Tat er natürlich nicht, stattdessen lief er die Treppe hoch, klopfte an Marthas Zimmertür und trat schneller ein, als sie Herein sagen konnte.
„Mutter, hast du vielleicht eine Jacke für Kate?“
Martha legte ihr Skript beiseite und sah ihren Sohn überrascht an. „Wieso? Will sie etwa gehen? Jetzt? Das darfst du auf keinen Fall zulassen, Richard.“
„Nein, ich bringe sie ins Krankenhaus. Ich habe ihre Seite gesehen und fürchte, eine oder mehrere Rippen könnten zumindest angebrochen sein. Oder sogar schlimmer. Während er ihr kurz erzählte, wie es zu der Verletzung gekommen war, war Martha bereits zu ihrem Schrank gegangen und holte eine Jacke hervor, die … zur Erleichterung von Rick … nicht so verrückt aussah, wie die andere Kleidung seiner Mutter.
„Danke.“„Ich lege mich jetzt schlafen, Richard, aber schau ruhig rein wenn ihr zurück seid, ja? Vielleicht bin ich noch wach.“
„Mach ich, Mutter. Ich wünsche dir eine gute Nacht.“
Rick verließ das Zimmer und eilte wieder nach unten und war erleichtert, weil Kate tatsächlich noch auf der Couch saß.
Er half ihr beim Aufstehen und in die Jacke, dann nahm er seine Jacke, das Portemonnaie und seinen Schlüsselbund, bevor sie sich auf den Weg machten.

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Unsere Martha hat Kate natürlich gleich ins Herz geschlossen. Wie sollte es auch anders sein ;-)

Habt ein schönes Wochenende, am Montag folgt dann auch schon Kapitel 3
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