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Escape

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / Het
OC (Own Character)
06.04.2021
15.04.2021
6
15.538
2
Alle Kapitel
14 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
08.04.2021 2.464
 
Kurz vorab: In diesem Kapitel hat Präsident Snow seinen ersten Auftritt und mir ist erst später aufgefallen, dass er bei den 100. Hungerspielen ein ziemlich alter Greis sein müsste, wenn er denn überhaupt noch am leben ist. Ignorieren wir diesen Fakt also und stellen ihn uns ein paar Jährchen jünger vor :)

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III


Willkommen im Kapitol






»Bella, Bella, dein Name sagt alles über dich, meine Schöne, aber man kann so viel mehr aus dir herausholen!«

Meine Stylisten sind zwei aufgedrehte Frauen, die nach meinem Geschmack viel zu viel reden. Mir fallen keine Worte ein, um ihr Aussehen zu beschreiben. Es ist zu bunt, zu auffallend, zu aufgesetzt und einfach von allem zu viel.

Sie sind gerade dabei mir jedes einzelne Haar aus meinem Körper zu reißen, das sie stört und benutzen tausende Cremes und andere Pflegemittel. Irgendwann habe ich aufgehört zu zählen, die wievielte Creme auf meine Haut gestrichen wurde.

Als sie zufrieden auf mich herabblicken, fühle ich mich wie eine komplett neue Person. Meine Haut hat sich noch nie so weich angefühlt, aber ich verstehe nicht, was das Ganze bringen soll. Für den Tod herausgeputzt werden. Irgendwie ironisch.

»Estelle wird sich nun darum kümmern, dass du besonders gut beim Publikum ankommst. Los, los, meine Hübsche!« Eine der beiden Frauen hilft mir von der Liege aufzustehen und führt mich durch eine Tür in einen Raum voller verschiedener Stoffe. Langsam verstehe ich. Sie wird sich wohl um mein Kostüm für die Eröffnungsparade kümmern.

Estelle ist eine Frau, die sich nicht weiter von den anderen beiden Stylistinnen unterscheidet. Sie redet bloß weniger, was mir relativ gelegen kommt.

Sie nimmt meine Maßen und probiert mit ein paar Stoffen etwas aus, was genau weiß ich auch nicht. Zwar habe ich zu Hause in Distrikt 8 Uniformen hergestellt, aber das bringt mir nicht viel, da ich lediglich für die Herstellung zuständig war und nicht für das Design.

Irgendwann legt sie die Stoffe weg und nickt mir zu. »Ich hab was tolles für dich, Bella, es wird dich perfekt präsentieren, ich verspreche es dir.« Sie streichelt mir über meine rotbraunen Haaren. »Perfekt. Du passt perfekt zu diesem Outfit. Super, meine Liebe. Glaube mir, das wird super.«

Bestimmt. Ich habe das trügerische Gefühl, dass es alles andere als super wird.

Die anderen beiden Stylistinnen holen mich wieder ab und Estelle winkt mir zum Abschied zu.

Ich hätte nicht gedacht, dass ich das jemals sage, aber ich bin tatsächlich froh, als ich sehe, dass Stephanie auf mich wartet, um mich in unser Appartement zu bringen. Die Stylistinnen sind zwar nett und machen mir am laufenden Bande Komplimente, aber sie sind sehr aufgedreht und gesprächig. Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendeiner der Tribute sonderlich angetan von ihnen ist. Vorausgesetzt sie sind alle so und ich habe nicht einfach nur eine Niete gezogen.

Der restliche Tag verläuft wie im Flug. Wir lernen unser Apartment kennen, in dem wir für die nächsten Tage leben werden und dürfen erneut die köstlichen Speisen des Kapitols genießen. Am Abend falle ich sofort ins Bett und schlafe ein. Der Tag war anstrengend und viel zu viel für mich.

So ist es am nächsten Tag schon so weit: Die Parade. Es wird das erste Mal sein, dass mich das ganze Kapitol live sieht. Ich werden den Präsidenten kennenlernen und all die anderen Tribute. Meine Aufregung versuche ich gar nicht erst zu verstecken.

Safara führt Cameron und mich zurück in die Halle vom vorherigen Tag, wo wir unsere Kostüme angezogen bekommen. Ich habe von meiner Stylistin ein sehr buntes Kleid bekommen, bei dem ich nicht wirklich definieren kann, was es darstellen soll. Der Rock und die Ärmel sind aufgepufft und an meinem ganzen Körper befinden sich Schleifen aus den unterschiedlichsten Materialien und mit den unterschiedlichsten Mustern. Cameron sieht ähnlich aus, nur dass er einen Anzug trägt und kein Kleid. Das einzige, das mir an meinem Kostüm gefällt, ist meine Frisur. Meine Haare wurden gewellt und halb hochgesteckt. Die Schleifen mit denen meine Haare festgesteckt sind, sind zwar nicht so mein Fall, aber an sich steht es mir ganz gut.

»Das ist doch lächerlich«, sagt Cameron angewidert und zupft an seinem Anzug herum. »Das soll doch ein Witz sein, schau dir an wie ich aussehe!«

Ich schaue bloß an mir herunter und zucke mit den Schultern. »Du hast ja Recht, aber wir können daran nichts ändern.«

Safara und Stephanie gesellen sich zu uns und führen uns zu unserer Kutsche. Die meisten anderen Tribute sind bereits da und mir fällt auf, dass alle Stylisten des Kapitols das Thema verfehlt haben. Nur bei wenigen Distrikten kann ich erkennen, was es überhaupt darstellen soll.

Die Tribute bleiben alle für sich und lassen sich von ihren Stylisten die Kostüme zurecht zupfen, um für ihren großen Auftritt „perfekt“ auszusehen. Eigentlich fühlt es sich gar nicht so an als würden wir gerade zum allerersten Mal aufeinandertreffen. Es gleicht mehr der Live-Übertragung der Ernten. Die einzige Interaktion zwischen uns besteht aus flüchtigen Blicken und Einschätzungen, wie groß die Gefahr ist, die von uns ausgehen wird.

Ich lasse meinen Blick über meine Mittribute schweifen, während Estelle vor mir kniet und die Schleifen am Rock des Kleides richtet. Die Körper der beiden Tribute aus Distrikt 1 sind von oben bis unten von hellblauen und weißen Diamanten bedeckt. Das Mädchen trägt ein Diadem auf ihrem perfekt gewellten Haar und sieht mit hoch erhobenem Kinn aus wie eine Eisprinzessin. Sie strahlt Erhabenheit und Stolz aus und ich weiß, dass das Kapitol sie lieben wird.

Distrikt 2 wurde mit Rüstungsteilen ausgestattet und mit grauem Pulver, das wahrscheinlich an Asche erinnern soll, überstreut. Die hellvioletten Haare des Mädchens, die mir bei der Ernte sofort ins Auge gestochen sind, sind kaum noch erkennbar und beinahe komplett grau. Ich verstehe nicht, was ihr Stylist sich dabei gedacht hat. Sollen die Tribute doch herausstechen und den Einwohnern des Kapitols auffallen. Er hat es geschafft ihr Erkennungsmerkmal zur Nichte zu machen und ich kann an ihrem missgünstigen Blick erkennen, dass sie das ebenfalls genau weiß.

Ihr Mittribut hingegen sieht aus wie ein Hüne. Das Kostüm hebt seine Muskeln hervor und er weiß wie er sich bewegen muss, um sie perfekt in Szene zu setzen. Er macht mir Angst. Und in mir macht sich das ungute Gefühl breit, dass dieser Junge mein Leben mit nur einem Handgriff beenden könnte.

Die restlichen Distrikte haben ähnlich lächerliche Kostüme bekommen wie ich und Cameron, die sie wie extravagante Schaufensterpuppen aussehen lassen oder wie Lumpen an ihnen herunterhängen. Sehr eindrucksvoll. Unsere Wirkung auf das Kapitol wird praktisch vorbestimmt, bevor wir überhaupt selbst etwas dazu beitragen konnten.

Ich laufe um unsere Kutsche herum, um einem der beiden anmutigen Rappen über die weiche Schnauze zu streicheln. Eines muss ich dem Kapitol lassen: Sie haben wunderschöne Pferde. Es betrachtet mich aus warmen Augen und stößt seine Schnauze gegen meine Hand, als ich kurz Inne halte. Ich lächle und kraule ihm durch die flaumigen Haare. »Du passt überhaupt nicht hier her«, flüstere ich ihm zu und streiche ein letztes Mal durch die seidige Mähne.

»Bella, was machst du? Es geht gleich los!«, ertönt Stephanies gestresste schrille Stimme. Sie tippelt zu mir und zieht mich, weg von dem Rappen, zurück zur Kutsche. Cameron ist bereits eingestiegen und ich tu es ihm nach, nachdem ich Stephanies lästigen Arm abgeschüttelt habe.

»Und immer schön winken und dem Kapitol zeigen, dass ihr die liebenswürdigsten Tribute seid, ja?«

Ich verdrehe bei Stephanies Rat bloß die Augen und hoffe, dass die Parade in den nächsten Augenblicken beginnt. Mein Wunsch wird tatsächlich erhört und die erste Kutsche setzt sich in Bewegung.

Irgendwann fährt auch unsere Kutsche mit einem Rucken los. Ich muss mich festhalten, um nicht nach vorne zu fallen, wobei das erstbeste, das ich erreiche, Camerons Arm ist. Er schaut überrascht zur Seite und ich entschuldige mich stumm mit einem verlegenen Lächeln.

Plötzlich erreicht meine Ohren das laute Jubeln und Kreischen des Publikums und ich beginne wie aus Reflex abrupt zu winken. Ich beschließe mit den Gedanken nicht mehr so abzuschweifen. Im Endeffekt würde es mir nur nützen. Ich mache mir dann nicht über jede Kleinigkeit Gedanken und würde mir selbst einige peinliche Momente ersparen. Das kann ich mir in der Arena auch nicht erlauben.

Es ist ein unglaubliches Gefühl alle Augen auf sich zu haben und im Mittelpunkt zu stehen, aber ich kann es nicht richtig genießen. Die ganze Zeit sind meine Gedanken bei dem Fakt, dass sie mich nur bejubeln, weil ich vermutlich sterben werde. All diese Leute werden es genießen meinen Tod zu sehen. Ich versuche den Gedanken loszuwerden, aber er hat sich hartnäckig in meinem Hinterkopf festgesetzt.

Ich werde aus meinen Gedanken gerissen, weil Cameron mich kaum merklich mit seinem Ellbogen anstößt. Ich schaue zu ihm herauf und er beugt sich zu mir, um mir etwas ins Ohr zu flüstern.

»Lächeln, Bella.« Ich will mich schon genervt abwenden, da zieht er mich wieder zu sich. »Sie müssen dich mögen, Bella, sonst bist du schneller tot, als du denkst. Dein Leben hängt von all diesen Leuten ab, also bring sie verdammt nochmal dazu dich zu mögen!«

Ich weiß, dass Cameron Recht hat, aber ich kann nicht Lächeln. Nicht mit diesen schlimmen Gedanken.

Ich fange an zu winken und zwinge mich zu einem Lächeln, aber meine Mundwinkel ziehen sich automatisch nach unten.

»Ich krieg‘s nicht hin, Cameron«, zische ich und atme tief durch. »Ich versuch‘s ja, aber es geht nicht!«

Cameron lächelt mich an und greift nach meiner Hand. »Denk an deine Familie, deine Schwester.«

Beim Gedanken an Cathleen könnte ich anfangen zu heulen. Ich vermisse sie so sehr, ich will ihr das nicht antun. Sie wird mit meinen Tod nicht klarkommen. Trotzdem kann ich lächeln, als ich an sie denke. Cathleen wie sie lacht und glücklich ist, wie sie mich umarmt, wie stolz sie war, wenn sie eine gute Note geschrieben hat. Ich blende alles aus und denke nur noch an sie und es hilft. Ich kann breit und ehrlich lächeln.

Ich spüre wie Cameron sanft meine Hand nimmt und sie drückt und leistet mir so mehr Beistand, als er wahrscheinlich ahnt.

Unser Wagen kommt als einer der Letzten in dem Halbkreis der Kutschen zum Stehen. Ich verdränge den Gedanken an Cat, um mich auf die Rede des Präsidenten konzentrieren zu können. Präsident Snow tritt an die Kante des Podests und somit ins Sichtfeld des Publikums und der Tribute. Das Publikum rastet nun komplett aus und jubelt seinen Namen immer und immer wieder. Ich hingegen verspüre nur Hass und Ekel. Weiß ich doch, dass dieser Mann Schuld daran ist, dass ich jetzt hier stehe und in dieser gottverdammten Situation bin.

»Willkommen«, erhebt er die Stimme. »Willkommen, Tribute. Willkommen im Kapitol.«

Er sagt noch ein paar Worte, aber ich beschließe ihm nicht zuzuhören. Seine Worte haben für mich keine Bedeutung.

»Und möge das Glück stets mit euch sein.« Mit diesen letzten heuchlerischen Worten setzen die Wagen sich wieder in Bewegung und verschwinden in zwei Reihen am Podest vorbei ins Gebäude.

Augenblicklich tauchen Safara, Stephanie und die Vorbereitungsteams neben uns auf und helfen uns von der Kutsche.

»Was war los mit dir, Bella? So viele Emotionen habe ich in so kurzer Zeit noch nie in einem einzelnen Gesicht gesehen!« Safara mustert mich besorgt und legt mir die Hände auf die Schultern.

»Alles gut, ich hatte nur ein paar… Dinge in meinem Kopf«, sage ich und ziehe meine Mundwinkel zu einem Lächeln nach oben.

Safara mustert mich noch kurz zweifelnd, lässt mich dann aber los. »Nun gut… Es war nicht so schlimm, wie ich erwartet habe. Überleg‘ dir nur schon mal, was du sagst, wenn sie dich im Interview etwas in der Art fragen.«

Ich nicke nur und wende mich dann Cameron zu. »Ähm… ich wollte mich nur bedanken. Du hast mir echt geholfen.«

Cameron lächelt und tut es mit einer schnellen Handbewegung ab. »Nicht der Rede wert.«

Ich lächle ihn ehrlich gemeint an und blicke dann zu Safara, die uns zeigt in welche Richtung wir laufen müssen, um zurück zum Apartment zu gelangen.

Dort angekommen ist der Tisch bereits mit vielen Speisen gedeckt, die sogar noch umfangreicher als am vorherigen Abend und im Zug sind.

»Morgen beginnt das Training«, bemerkt Safara. »Gibt es irgendwelche Waffen mit denen ihr bereits umgehen könnt?«

Ich nicke zögerlich. »Als Kind hat mein Vater mir gezeigt, wie man Messer wirft. Aber ich weiß nicht, ob ich das noch kann, das ist Ewigkeiten her.«

Safara nickt und scheint relativ zufrieden. Ihr Blick wandert zu Cameron, doch er schüttelt den Kopf. »Ich weiß nur, wie man Feuer macht und sowas, nur so überlebenstechnische Dinge. Aber eine Waffe hatte ich noch nie in der Hand.«

»Immerhin«, sagt Safara. »Besser als nichts.«

Ein paar Augenblicke starrt sie auf den Tisch, ohne etwas zu essen und scheint angestrengt nachzudenken. Irgendwann blickt sie auf und ihre Augen treffen sofort auf meine. »Bella«, sagt sie eindringlich und zeigt mir so, dass ich jetzt dringend zuhören sollte. »Probier die Messer aus, damit du wieder ein Gefühl dafür kriegst. Wenn du‘s noch gut kannst, prahl‘ auf keinen Fall mit deinem Talent, das macht dich bei den Karrieros nur unbeliebt und sie werden es auf dich absehen. Geh auf jeden Fall auch zu den Stationen, die auf Überleben abzielen. Überleben zu können, ist wichtiger als alles andere und wir wissen nicht wie es in der Arena mit Vorräten aussieht. Aus dem Grund brauchst du übrigens auch Sponsoren, also mach dich nicht unbeliebt, Bella.«

Ich nicke. Ich verstehe ihre Ratschläge und kann sie nachvollziehen, also werde ich sie befolgen. Ich bin manchmal vielleicht etwas rebellisch, aber ich bin auch nicht dumm.

Jetzt wendet sie sich meinem Mittribut zu. »Auch wenn du von Überleben schon Ahnung hast, geh hauptsächlich zu diesen Stationen. Probier auch ein paar Waffen aus, damit du dich wenigstens ein bisschen verteidigen kannst, aber verschwende deine Zeit nicht bei dem Versuch etwas zu perfektionieren. Das schaffst du in dieser kurzen Zeit nicht. Verstanden?«

Er nickt und widmet sich wieder seinem Essen. Damit ist für Safara alles besprochen und das Gespräch ist beendet.



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Jetzt sind wir schon beim dritten Kapitel angelangt :)
Ich habe die Parade bewusst nicht sehr ausführlich beschrieben. Ich persönlich mag ewig lange Beschreibungen der Parade nicht so sehr, wenn nicht gerade etwas spannendes passiert und die Handlung nicht maßgeblich weiter bringt. Ich habe es also darauf begrenzt, Bellas Meinung und Gefühle zum Kapitol (und ein bisschen den anderen Tributen) hervorzuheben, die Beziehung zwischen ihr und Cameron zu vertiefen. Hoffentlich war es euch nicht zu knapp :)
Im nächsten Kapitel kommen wir dann schon zum ersten Trainingstag und ihr lernt ein paar der Tribute kennen!
Ich weiß noch nicht genau, wann ich das Kapitel hochlade. Findet ihr es gut, wenn ich alle zwei Tage hochlade oder geht euch das zu schnell? Kurze Rückmeldung wäre lieb :D
Und vielen lieben Dank für die beiden Reviews zum letzten Kapitel! Ihr macht mich happy
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