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Das Wochenwortwagnis

Kurzbeschreibung
SammlungAllgemein / P16 / Gen
05.04.2021
18.09.2021
30
20.627
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05.04.2021 459
 
Ich hätte es besser wissen müssen.
In unserer Welt ist jeder von Ranken umwachsen. Sie sprießen nicht aus der Haut, haben keine erkennbaren Wurzeln und dennoch leben sie und wachsen und gedeihen und blühen.
Wissenschaftler haben schon vor hunderten von Jahren herausgefunden, dass man viel über eine Person herausfinden kann, indem man sich ihre Ranken anschaut – wie lang und kräftig sie sind, ob sie sich um einen Teil des Körpers konzentrieren, wie sie sich bewegen, in welchen Farben, Formen, Mengen sie blühen. Ihre wichtigste Eigenschaft ist für viele jedoch ihr Talent als Beziehungsbarometer.
Man stelle zwei Menschen gegenüber und beobachte, wie ihre Ranken reagieren. Verhalten sie sich ganz normal wie vorher? Strecken sie sich einander entgegen, um die Distanz zu überbrücken, oder ziehen sie sich zurück, sodass der Andere sie ja nicht berühren kann?
Die Ranken eines anderen Menschen zu berühren, das ist nämlich… das ist intim, deutlich intimer als ein Händeschütteln oder ein Kuss. Das gehört sich ungefragt und unerlaubt einfach nicht und von daher hätte ich es wirklich besser wissen müssen.
Es war nur…

Die Sache ist ja die, dass sich die Ranken meist unter die Kleidung zurückziehen, wenn sonst die Gefahr von unbeabsichtigten Berührungen besteht – in öffentlichen Verkehrsmitteln, auf Konzerten oder eben auch in Hörsälen.
Und dann war es nunmal so, dass er in der einen Vorlesung auf einmal vor mir saß und eigentlich hatte ich es lieber, wenn er auf einem Platz auf der anderen Seite des Saales war, wo ich ihn besser beobachten (und anschmachten) konnte, aber diesen Tag saß er nun also vor mir. Noch nie hatte ich es mir so lebhaft vorstellen können, einmal seine Ranken zu berühren – obwohl ich natürlich wusste, dass das tabu war – aber dann lugte an seinem Nacken auf einmal ein frischer grüner Trieb hervor. Ich versuchte wirklich, mich auf den Professor vorne zu konzentrieren, aber es kroch immer mehr von dieser Ranke aus seinem Shirt und wanderte über meine Stifte, meinen Block und war nur so wenige Zentimeter von meinen Händen getrennt und anstatt das Anständige zu machen und ihn anzusprechen (das hatte ich mich sowieso noch nie getraut) und darauf hinzuweisen, habe ich der Versuchung nachgegeben.

Ich wollte eigentlich ganz vorsichtig sein, es sollte nur der Hauch ein Berührung sein, aber selbst auf diesen kleine Kontakt reagierte die Ranke und schoss weiter nach vorne, sich eng um mein Handgelenk schlingend. Sie fesselte mich an ihn und er würde es gleich bemerken, er musste es bemerken, gleich würde er sich umdrehen und er würde entsetzt sein, er würde mich bloßstellen vor all unseren Kommilitonen, mich und meine Schwäche, meine Vermessenheit.

Er warf einen Blick zu mir nach hinten und lächelte mich an.


(444 Wörter)

Titel in Anlehnung an gleichnamigen Song von ASP

MiraM, 5.4.21
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