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Adler unter Tage

von Yueve
OneshotDrama, Romance / P12 / MaleSlash
Bilbo Beutlin Thorin Eichenschild
05.04.2021
05.04.2021
1
1.931
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05.04.2021 1.931
 
Disclaimer: "Der Hobbit" und die darin vorkommenden Figuren sind geistiges Eigentum von J. R. R. Tolkien. Der Dialog entstammt zu einigen Teilen aus "Die Schlacht der fünf Heere" von Peter Jackson. Diese Geschichte dient keinem kommerziellen Zweck und ist ausschließlich der Unterhaltung gedacht. Sie beabsichtigt keinerlei Verletzungen des ursprünglichen Eigentums- oder Kopierrechts.


Adler unter Tage


Die Faszination für die unterirdischen Gewölbe Erebors wird vermutlich für alle Ewigkeiten währen. Endlich kann er dem Licht der Fackeln, das sanft die Gänge in die Farbe des Sonnenuntergangs hüllt, etwas Warmes abgewinnen. An das Echo, das seine Schritte hinterlassen, wird er sich noch gewöhnen müssen, sowie den dumpfen Abprall an den steinernen Mauern, der jedes Geräusch einen melodischen Nachklang verleiht.

Und doch ist es so ruhig, so unheimlich und friedlich ruhig zu gleichen Teilen. Das Tropfen von Gold höhlt den Moment aus, der ihm zuvor so voll und beinahe erdrückend schien. Doch das Gewicht auf seiner Brust bleibt das erdrückende Gefühl, noch immer nicht frei atmen zu können, obwohl doch alles gut ist. So gut es eben sein kann.

Nun ist er allein. Allein in den Gängen, die ihm so weitläufig und gleichzeitig beengend vorkommen, dass er sich zwischen Unwohlsein und Geborgenheit wiegt. Vielleicht gereift diese Wahrnehmung irgendwann zu Vertrautheit. Gerade jetzt kommt es ihm so vor, als wäre dem fast so, als wäre er kurz davor, sich so weit von Beutelsend im Inneren des einsamen Berges heimisch zu fühlen.

Sich hier zu verirren, von Höhle zu Höhle zu wandern, ohne jemals an einen Ort zu gelangen, der ihn nicht in einen weiteren Gang führt, der aus einer niemals versiegenden Quelle von Licht beleuchtet wird, stellt sich als ewige Begleiterscheinung Erebors heraus. Zumindest für ihn.

Er weiß nicht, wo er ist oder sein könnte, als er sich umsieht und allein der leise Klang seines Atems von den Wänden zurückgeworfen wird. Doch aus einer der Höhlen, die in einem steinernen Torbogen mündet, dringt das Licht, ergießt sich orange und samten über den Pfad aus kaltgrauen Fels.

Als er dem gedämpften Echo und den zitternden Schatten folgt, erblickt er Thorin im Eingang des breiten Tunnels. Einen Moment lang steht er dort ungerührt, wie ein Denkmal seiner selbst mit nachdenklicher Miene, den Blick gesenkt und so weit entfernt, dass er unerreichbar scheint.

Doch es sind nur wenige Meter.

„Bilbo.“

Thorin bemerkt ihn nur kurz vor oder nach dem Entschluss umzukehren und ihn in seiner Melancholie verweilen zu lassen. Nicht aus Argwohn oder der Absicht, seine Gesellschaft zu vermeiden, sondern um ihm diesen stillen Augenblick zum Geschenk zu machen. Einen Moment der Ruhe, den jeder von ihnen verdient hat. Thorin wahrscheinlich mehr als jemand sonst.

Einen Herzschlag lang zögert er dennoch, kommt der Aufforderung jedoch nach, als er nichts außer Wohlwollen in Thorin Miene und seiner Haltung entdeckt.

„Ich bin froh, dass du da bist“, sagt Thorin mit tiefer, ernster Stimme und klingt als würde er es auch so meinen.

Es wird eine offizielle Krönungszeremonie geben. Ein Fest des Sieges und der Erleichterung, ebenso des Wohlstandes, wenn auch begleitet von der trauervollen Gewissheit über Verlust und dem Preis, den es zu zahlen galt, um das alles zu erringen. Es soll ein Fest der Einigkeit werden, die Bewohner der Stadt Dale als geladene Gäste und gefeierte Helden einer ruhmreichen und ebenso grausamen Schlacht, die sicherlich in Albträumen immer und immer wieder aufleben wird. Dieser Teil wird niemals verloren gehen.

Er seufzt und nickt, seinen eigenen düsteren Gedanken für eine vage Sekunde nachhängend, aber auch glücklich und erleichtert, dass sie beide hier stehen.

„Es sind noch einige Stunden“, sagt er und hört selbst den beschwichtigenden Klang in seiner Stimme.

Einen Augenblick lang ist es still zwischen ihnen, weil sie beide nichts weiter zu sagen wissen und der Moment ihnen auch in der Stille genügt und an Bedeutung gereicht.
Er währt lange genug, um Thorin zu betrachten, auch wenn er den Kopf ein wenig heben muss, um ihn im Ganzen zu erblicken. Er bemerkt die geflochtenen Zöpfe in seinem lackschwarzen Haar, die in seiner Erinnerung an manchen Tagen wie aus dem Nichts erschienen, auf einer Reise voller Entbehrungen und oft nicht genug Wasser, um sich ausreichend zu säubern.

Irgendwie verlangt es ihn dennoch danach, diese Stille aufzubrechen. Vorsichtig wie die zarte Hülle einer seltenen Frucht, um an ihr kostbares Inneres zu gelangen, das wertvoller ist als das gesamte Gold im Inneren dieser Festung.

Doch es ist Thorin, der spricht und seinem Blick nicht ausweicht, ihn sogar bewusst und aufrichtig sucht und festigt.

„Ich möchte zurücknehmen, was ich am Tor gesagt habe“, beginnt er und seine dunklen Augen werden dunkler, aber nicht finster. Seine Hand legt sich um Bilbos Arm, als wolle er ihn daran hindern, sich einfach abzuwenden, und doch hat die Berührung nichts Bedrängendes an sich, eher etwas Vertrautes und seltsam Inniges.

„Du hast nur getan, was ein wahrer Freund tun würde. Vergib mir, ich war zu blind, um es zu sehen.“

Er kann die Traurigkeit in seiner Stimme nicht ertragen, die Reue und Vergebung, um die er bei Gesagtem bittet, dem er Wort für Wort Glauben schenkt, aber die er ihm nicht schuldig ist und nach der er nicht verlangt. Daher beginnt er den Kopf zu schütteln, schluckt seine Worte hinunter und beginnt dann von Neuem.

„Nein, nein. Du musst dich nicht entschuldigen. Es war nicht deine Schuld, du warst nicht du selbst, nicht so, wie ich dich kennen und schätzen gelernt habe.“

Als Freund, möchte er noch sagen, flüstert es aber nur in Gedanken, weil es ihm auf einmal nicht wenig, aber auch nicht ausreichend scheint.

Thorin hält ihn nun mit beiden Händen an Ort und Stelle, hält ihn bei sich und macht es ihm unmöglich zu fliehen, selbst wenn Bilbo das auch nur im Ansatz wollen würde.

Ein Moment blutet in den nächsten, warm und vertraut, wie das Feuer der Fackeln um sie herum in die Dunkelheit fließt.

„Es tut mir so leid, dich jemals in solche Gefahr gebracht zu haben, dein Leben als etwas Entbehrliches angesehen zu haben oder deine Fähigkeiten oder gar deine Loyalität angezweifelt zu haben“, fährt er fort und klingt nun heiser, aber nicht rauer, klingt verletzlich, ehrlich und warmherzig.

Doch eben diese Ehrlichkeit und Verwundbarkeit, die in ihr schwingt, veranlasst Bilbo dazu, immer wieder den Kopf zu schütteln, so energisch, dass Thorin ihm die Hände um die Wangen legt, um ihn davon abzuhalten.

„Nein, Nein…“, wiederholt er ohne das Gefühl, dass es genug ist und sieht ihm in die Augen, hält sich an Thorins Gegenwart fest und verankert sich in seinem Blick.
Er ist ihm so unfassbar nah, dass er die Wärme spüren kann, die von ihm ausgeht, das Kaninchenfell seines Kragens, das seine Lippen streift, als er weiter zu sprechen beginnt.

„— ich bin froh mit dir durch all diese Gefahren gegangen zu sein, Thorin. Um jede Einzelne bin ich froh. Das alles ist so viel mehr, als einem Beutlin je zugestanden hat.“  

Er lächelt und sieht die Erwiderung in Thorins Gesicht. Seine Finger spielen mit dem gravierten kleinen Silberschmuck am Ende von einem der geflochtenen Zöpfe und er weiß nicht, warum er es tut, ob es albern ist und ihm unangenehm sein sollte.

In seiner Gegenwart fühlt er sich plötzlich so schmächtig Thorin gegenüber und gleichzeitig bedingungslos von ihm beschützt. Die Gewissheit, selbst hier unter dem Berg vollständig geborgen und in Sicherheit zu sein, ist ein Gefühl, von dem er glaubt, dass er es nur ihm zu verdanken hat. Dem König unter dem Berg.

Thorin streicht mit seinen Daumen über die flachen Erhebungen seiner Wangen, auf der noch immer kleine Schnittwunden verheilen, so vorsichtig und liebevoll, dass er es kaum spüren kann und die Intimität dieser Geste ihn doch erröten lässt.

„Hiernach…“, sagt er leise und lächelt dieses warme und winterliche Lächeln, das nur ihm gelingt und das Bilbo, so lange er lebt an feuerfarbene Sonnenstrahlen im Schnee erinnern wird.

„… solltest du zurück zu deinen Büchern gehen.“

Die Worte klingen nicht für den Bruchteil einer Sekunde verabschiedend. Mit jeder Silbe mehr zieht Thorin ihn an sich, hält ihn fester, ohne grob zu werden und ohne dass er es müsste.

„Geh zurück zu deinem Sessel, deinem Garten und pflanze deine Bäume. Sieh zu, wie sie wachsen und gedeihen.“

Ihm ist so warm, ohne sich zu verbrennen. Auszuweichen ist keine Option. Er lässt Thorin nicht aus den Augen, verliert sich in ihrer gemeinsamen Nähe, ohne auch nur einen Millimeter auszuweichen oder unaufmerksam zu werden. Er kann ihren Atem hören, der gleichmäßig zwischen ihnen Wärme erzeugt, als würden ihre Herzen nun vollkommen aufeinander abgestimmt im Einklang schlagen.

„Oder bleib einfach hier. Bei mir.“

Das Letzte ist so leise, dass er es kaum hören kann, aber er nickt sofort, gibt seine Zustimmung mit solcher Eile, als fürchte er den Verlust dieser Bitte kaum dass sie ausgesprochen ist.

„Thorin…“ Er kann nur seinen Namen sagen, als wäre dies die Antwort, nach der verlangt wurde. Wie ein Versprechen oder einen Eid, den er mit Freuden und ohne das Gefühl von Einbuße gibt, so freiwillig, wie er ihm in die Schlacht gefolgt ist.

„Meisterdieb…“ Es ist das erste, was ein wenig neckisch aus Thorins Mund klingt, aber ebenso bedingungslos ehrlich.

Sie lächeln gleichzeitig und gemeinsam, erteilen sich gegenseitig ihre Absolution, die unausgesprochen in den Weiten dieses Berges schwebt.

„Gäbe es nur mehr wie dich, die ein zu Hause höher werten als Gold, die Welt wäre ein besserer Ort. Dessen bin ich mir gewiss.“

Er spürt Tränen auf seinem Gesicht und wie Thorin sie wegwischt, bevor sie hinablaufen können. Er weiß nicht, worum er weint, aber er weiß, warum, bettet sich in diesen Moment voller Liebe und Versprechen, von denen er niemals geahnt hätte, sie auf seiner Reise zu finden. Dass ein Abenteuer - ein so gefährliches Unterfangen ihm am Ende auf diese Weise entlohnt, hätte er nie für möglich gehalten.

Und er weint angesichts dieser Erkenntnis und ist so dankbar, dass er fürchtet, daran zu vergehen. Er weiß was folgen wird und auf eine gewisse Weise hat er Angst davor. Er lächelt und holt tief Luft, stößt sie wortlos aus und will nur für eine Sekunde die Augen schließen, um sich ein wenig zu fangen, als Thorin ihn endgültig zu sich zieht und jedes Zögern und Zaudern in ihm erstickt.

Ihr Kuss ist rau und fest, ein Versprechen und ein Siegel, so zärtlich und bestimmt, dass nichts ihn hätte verhindern können. Auf einmal ergibt alles, was geschehen ist einen Sinn. Niemals hat etwas so viel Sinn ergeben wie dieser Augenblick.

Er löst sich für einen kurzen Moment nur um Thorin erneut zu küssen, einfach nur um aus stoischer Absicht nicht der Schwächere zu sein, ganz gleich, ob er sich auf Zehenspitzen stellen muss, um ihn zu erreichen und Thorin daraufhin beinahe lachen muss.

Obgleich diese Heiterkeit sie nicht voneinander zu trennen vermag, sorgt sie dafür, dass Bilbo sich erneut von ihm losmacht, nur um in ihrer Umarmung zu verweilen, sich standhaft zu fühlen, obwohl er fürchtet, dass ihm die Knie nachgeben. Thorin hält ihn aufrecht.

Er wird nicht von hier scheiden, ohne eine lange Zeit hier zu verbringen. Ein zu Hause, das es zu suchen galt, wenn auch nicht für ihn, aber für diejenigen, die ihm ans Herz gewachsen waren. Mehr noch als an Smaugs flammenden Zorn hatte er gefürchtet, sich an seinem eigenen Heimweh zu verbrennen. Nun, so entscheidet er, würde er sich bemühen, ein zweites Heim als das seine anzuerkennen. Nicht allein. Und das, obwohl er gefürchtet hatte, gebeugt vor Gram nach Beutelsend zurückzukehren, nur mit einer kleinen Truhe voll Gold, die ihm kaum Lohn oder Trost gewesen wäre. So wie es genau jetzt in diesem Augenblick währt, ist es vollkommen.
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