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Familiensache

GeschichteRomance, Thriller / P18 / Gen
05.04.2021
02.05.2021
7
7.546
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Dieses Kapitel
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11.04.2021 1.049
 
Thalia war erleichtert.
Priska schmeckte der Eistee anscheinend, denn ihr Glas war schon fast leer, und sie schien sich auch gut mit Vergil zu verstehen.
Sie war wohl doch nicht so schwierig, wie Primus immer behauptete; es war nun einmal sein persönlicher Eindruck und dieser war sicherlich durch die Probleme in der Beziehung geprägt.
Und zu dazu gehörten immer zwei.
Thalia war mittlerweile überzeugt, dass die Fehler nicht nur bei Priska lagen, sondern auch bei Primus, selbst wenn sie bisher noch kaum Fehler an ihrem Verlobten entdecken konnte, außer dass er nur ungern seine Meinung äußerte und eben seine Partnerin betrogen hatte.
Aber Thalia hatte auch Schuld daran.
Immerhin hatte Primus ihr gestanden, dass er in einer Beziehung lebte und sogar Kinder hatte, als sie ihre Affäre begannen.
Doch Thalia war so verliebt gewesen, dass es ihr zu ihrer Schande egal war.
Primus war ihr Erster, in jeder Hinsicht…
„Essen! Essen!“, rief Vyvyan lautstark, als er aufgeregt mit einem Brotkorb und einem Schälchen mit Kräuterbutter angelaufen kam, während Cyril und Primus ihm gemächlicher mit weiteren Schüsseln folgten.
Thalia konnte sich das liebevolle Lächeln nicht verkneifen, als sie ihre kleine Familie betrachtete… und hatte sofort ein schlechtes Gewissen gegenüber Priska.
Doch die schien es entweder nicht zu merken oder nicht zu stören. Gut.
„Oh, das sieht ja schon von hier aus lecker aus! Kann ich euch denn irgendwie noch helfen?“, erkundigte sich Vergil gerade.
Primus schüttelte lächelnd den Kopf.
„Danke, Vergil, das Lob solltest du aber deiner Schwester gegenüber äußern, denn sie hat all die köstlichen Sachen gemacht – ich werde lediglich das Grillgut auf den Grill schmeißen und hoffentlich nicht anbrennen lassen“, erwiderte er.
Thalia spürte, dass sie rot wurde.
Klar, sie hatte das Brot gebacken, die Kräuterbutter sowie Salate gemacht und sämtliches Grillgut mit einer hausgemachten Marinade versehen, aber das war doch nichts Besonderes!
„Na dann, dann sollten wir vielleicht lieber vorsorglich Pizza bestellen –  ich kenne deine Kochkünste ja noch von zuhause“, bemerkte Vergil augenzwinkernd.
„Ach, halt die Klappe! Du hast dich jedenfalls nie beschwert!“, erwiderte Thalia und verpasste ihrem Bruder einen leichten Klaps auf den Arm. Musste er so etwas jetzt ausgerechnet vor Priska sagen? Primus hatte immer davon geschwärmt, was für tolle Gerichte seine Ex kredenzte.
„Ich zieh dich doch nur auf Schwesterchen – du warst schon immer eine ausgezeichnete Köchin, es wird sicher alles köstlich schmecken“, meinte Vergil nun versöhnlich und tätschelte ihre Hand.
Bildete sich Thalia das ein oder hatte Priska gerade tatsächlich geschnaubt?
„Oh, da bin ich aber sehr gespannt“, bemerkte Priska freundlich lächelnd zu Thalia; sicher hatte sie sich das Schnauben nur eingebildet.
„Ich hoffe, es schmeckt dir“, murmelte Thalia verlegen.
„Oh, bestimmt. Was gibt es denn alles?“, erkundigte sich Priska.
„Also, das hier ist Joghurt-Brot, dann haben wir einen Sauerkraut-Salat sowie einen grüne Bohnen-Salat, zudem noch Kartoffelsalat mit Brühe und Schmand und einen Pasta-Salat mit Balsamico-Vinaigrette“, erklärte Thalia und zeigte auf die verschiedenen Schüsseln, die von Primus, Vyvyan und Cyril auf den Tisch gestellt worden waren.
„Oh, das klingt ja alles fabelhaft – ich werde einfach alles einmal durchprobieren… Und was gibt es für Grillgut?“, wollte Priska weiter wissen.
„Garnelen-Spieße, Kräuter-Saiblinge, Lachs, Champignons, Hähnchenflügel, Hamburger, Nürnberger Würstchen, was ich allerdings noch holen muss…“, zählte Primus gerade auf. Dann wandte er sich an seinen zukünftigen Schwager: „Vergil  möchtest du auch ein Bier?“
Priska sah überrascht in die Runde. „Oh, ihr habt Bier? Ich dachte bei euch gibt es keinen Alkohol“, kommentierte sie.
„Alkoholfreies Bier“, erläuterte Primus sofort und  verschwand im Haus.
Thalia hatte das Gefühl, sie müsste das näher ausführen. „Alkoholfreies Bier ist sehr gesund – es ist isotonisch steckt voller B-Vitamine, ohne die schädlichen Nebenwirkungen des Alkohols“, stellte sie klar.
Priska lehnte sich wieder ein wenig vor und Thalia entging nicht, wie der Blick ihres Bruders erneut zum üppigen Dekolletee der  anderen Frau wanderte.
Thalia konnte es ihm nicht verübeln; Priska war wirklich schön und hatte eine gute Figur.
„Oh, da habe ich ja schon wieder etwas dazu gelernt. Scheint so, als würde dieser Tag für mich nicht nur köstlich, sondern auch informativ werden“, sagte Priska.
Thalia lachte nervös. „Tut mir leid, ich hoffe, ich langweile dich nicht mit meinen Infos, aber ich absolviere zur Zeit ein Fernstudium in Ökotrophologie, also Ernährungswissenschaft“, sprudelte es aus ihr hervor.
Priska winkte ab. „Ach, überhaupt nicht! Ich finde es schön, mit einer Expertin auf diesem Gebiet reden zu können – Kochen ist meine Leidenschaft!“, gestand Priska.
„Ach, als Expertin würde ich mich nicht gerade bezeichnen, doch ein bisschen Ahnung habe ich schon“, erwiderte Thalia und spürte, wie sie wieder rot wurde.
In Priskas Gegenwart fühlte sie sich einfach wie ein kleines, dummes Mädchen. Dabei hatte die andere Frau ihr bisher nichts als Freundlichkeit und Akzeptanz entgegengebracht!
Aber Thalia befürchtete, dass ihre Sicht auf Priska durch Primus‘ Erzählungen geprägt war.
Klar, sie hatte die Verletzung seiner rechten Hand gesehen, nachdem ihm Priska mit einer Gabel angegriffen hatte, doch wenn Thalia ehrlich war, konnte sie Priska irgendwie verstehen.
Immerhin musste die andere Frau herausfinden, dass ihr Partner sie betrog.
Das war sicher traumatisierend. Und wenn Thalia ehrlich war, so machte es sie ganz sicher nicht stolz etwas mit einem vergebenen Mann angefangen zu haben.
Aber sie hatte sich sofort von Primus angezogen gefühlt, als sie und ihr Bruder den Architekten kontaktiert hatten, damit er einige Umbauten an Thalias und Vergils Elternhaus durchführte.
Und anscheinend war Primus in seiner Beziehung mir Priska nicht mehr glücklich gewesen, sonst hätte er doch nichts mit Thalia angefangen, oder?
Das war etwas, was Thalia besonders wurmte.
Sie war die andere Frau.
Aber Primus hatte ihr in den paar Monaten, die sie zusammen waren, einen Antrag gemacht doch Priska während der jahrelangen Beziehung nicht…
Vielleicht war das auch der Grund, warum Thalia ihren Zwillingsbruder zum Geburtstagsgrillen an Vyvyans Ehrentag mit Primus‘ Familie eingeladen hatte… Vergil hatte noch nie eine Freundin gehabt, und Thalia würde es nicht schlecht finden, wenn ihr Bruder mit Priska zusammen käme.
So bliebe alles in der Familie und Thalia müsste nicht so ein schlechtes Gewissen gegenüber der anderen Frau haben.
Und sie fand Priska wirklich sympathisch; eine schöne, attraktive Frau, die anscheinend wusste, was sie vom Leben erwartete. Und sie war die Mutter von solch wunderbaren Jungs, wie Cyril und Vyvyan.
Thalia hoffte wirklich, dass sie beide Freundinnen werden konnten.
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