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Familiensache

GeschichteRomance, Thriller / P18 / Gen
05.04.2021
13.05.2021
10
10.997
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07.04.2021 1.100
 
Primus war skeptisch.
Er kannte Priska sehr gut, fast besser als sich selbst.
Und deswegen misstraute er auch ihrer Freundlichkeit, ganz besonders Thalia gegenüber.
Eigentlich war Primus dagegen gewesen, Priska ebenfalls zum Grillen einzuladen um Vyvyans Geburtstag zu feiern, doch Thalia hatte gemeint es wäre eine gute Idee, denn immerhin war sie die Mutter des Jungen und sollte an seinem Ehrentag dabei sein.
Also hatte Primus sie eingeladen.
Aber wenigstens würde Priska so an diesem Tag keinen Alkohol trinken können, denn seit Thalia bei ihm eingezogen war, gab es in diesem Haushalt keinen mehr.
Und Priska trank gewöhnlich mehr, als gut für sie war, und das nicht nur seit der Trennung, obwohl sie nun wohl schon nachmittags damit anfing, nicht erst wie früher zum Abendessen mit einem Aperitif, dann Wein und hinterher einem Digestif. Und während es für Primus dabei blieb, leerte Priska die Flasche noch am selben Abend, bis sie irgendwann vor dem Fernseher einschlief.
Von Cyril wusste Primus, dass sich Priska noch immer eine Flasche Wein am Abend gönnte, doch gab es zuvor nachmittags bereits ein paar Cocktails.
Und Primus fühlte sich schuldig, denn er hatte einfach immer schon stumm zugesehen, wenn Priska zu viel trank.  Schlimmer noch, er hatte nach einem Ausweg aus der für ihn immer unglücklicheren Beziehung gesucht, ohne Priska im Stich lassen zu müssen. Und dann hatte er es doch getan, als er ihr seine Affäre mit Thalia  beichtete und dass er mit der anderen Frau zusammen ziehen würde.
Sie hatten gerade beim Abendessen gesessen und Priska war ganz besonders guter Laune, weswegen Primus glaubte, dies wäre der richtige Augenblick.
Falsch gedacht.
Priska war zunächst ganz still und blass geworden, bevor sie einen Tobsuchtanfall bekam, in dessen Verlauf sie nicht nur das ganze Geschirr samt Abendessen vom Tisch fegte, sondern ihm zudem mit einer Gabel in die Hand stach.
Die Narben hatte er noch immer.
Anschließend hatte sie sich die Jungs geschnappt und war mit ihnen auf und davon. Wohin, wusste Primus nicht, doch Cyril hatte ihn noch spät in der Nacht angerufen und ihm mitgeteilt, dass es ihnen gut ging, damit sich Primus keine Sorgen machen musste.
Später fand er heraus, dass sich Priska zu seinem Cousin geflüchtet und wohl noch in derselben Nacht mit ihm geschlafen hatte, als Rache.
Am nächsten Morgen, als Primus im Büro war, war sie anscheinend zurückgekommen und hatte ein paar Sachen für sich und die Jungs gepackt.
Eine Woche später hatte Priska ihm mitgeteilt, dass sie wohl eine Wohnung für sich und die Jungs gefunden hatte, und Geld brauchte, denn Priska hatte schon seit Jahren nicht mehr gearbeitet.
Natürlich übernahm Primus die Miete für sie und überwies ihr und den Jungs jeden Monat eine großzügige Summe als Unterhalt, denn Priska war einen gewissen Lebensstandard gewöhnt.
Eigentlich hatte Primus ihr und den Jungs das Haus überlassen wollen um bei Thalia einzuziehen, doch das war anscheinend nicht in Priskas Sinne.
Tatsächlich war heute seit zwei Monaten das erste Mal, dass er sie in Person sah – jegliche vorherigen Kontakte hatten sich auf Telefonate beschränkt.
Und es berührte ihn mehr, als er sich eingestehen wollte, vor allem, als sie ihn zur Begrüßung umarmt hatte, er ihre vertrauten Kurven spüren und ihr vertrautes Parfüm riechen konnte.
Er kannte Priska, seit sie sechs war.
Damals war er acht gewesen, und seine Eltern hatten ihm und seinem drei Jahre jüngeren Bruder Patrick mitgeteilt, dass sie ab sofort eine Schwester hatten.
Zunächst war er gar nicht von der Idee begeistert gewesen, doch als er das damals viel zu dünne, kleine Mädchen mit wilden Haaren und großen Augen zu Gesicht bekam, wurde sein Beschützerinstinkt geweckt.
Und Patrick war sowieso hin und weg von ihr; kein Wunder, dass Primus‘ kleiner Bruder und seine Adoptivschwester im Teenageralter anfingen miteinander zu schlafen.
Zunächst war Primus von den beiden enttäuscht gewesen, als er es herausfinden musste, denn die beiden waren seine besten Freunde.
Doch je länger Primus darüber nachdachte, umso mehr konnte er es seinem kleinen Bruder nicht verübeln; Priska hatte sich wirklich prächtig gewickelt, war groß und schlank mit Kurven an den richtigen Stellen – und das schon mit fünfzehn.
Wenn Primus ehrlich war, so musste er sich eingestehen, dass er schon damals ein wenig in sie verliebt gewesen war.
Natürlich hielt Primus gegenüber seinen Eltern dicht, doch Patrick machte am Abend seines achtzehnten Geburtstags schließlich ein Geständnis, indem er seine und Priskas Beziehung outete.
Und natürlich nahmen die Eltern diese Beziehung nicht gerade wohlwollend auf, verlangten, dass sowohl Priska als auch Patrick auszogen, denn auch wenn die beiden nicht blutsverwandt waren, wollten sie so etwas unter ihrem Dach nicht dulden.
Da Primus seine Eltern kannte, wusste er, dass sie hofften durch diese Forderung die Beziehung zu unterbinden.
Doch dem war nicht so.
Tatsächlich suchte sich Patrick innerhalb eines Tages Arbeit und eine Wohnung und nahm Priska, die zu dieser Zeit bereits als Model arbeitete und ein Design-Studium absolvierte, mit, als er auszog.
Drei Jahre später war Priska schwanger, konnte nicht mehr als Model arbeiten und sämtliche Kosten lasteten auf Patricks Schultern, obwohl er die Schule geschmissen und weder Ausbildung noch Studium gemacht hatte.
Natürlich half Primus, der da bereits neben dem Architektur-Studium in der Firma seines Vaters arbeitete und ein wenig Geld verdiente, den beiden so gut er konnte, doch vier Wochen nach Cyrils Geburt nahm sich Patrick das Leben.
Er war gerade einundzwanzig.
Tatsächlich waren Primus‘ Eltern untröstlich ob ihrer harschen Forderung und gaben Priska die ganze Schuld, wollten weder ihr Enkelkind kennen lernen, noch dass Priska zur Beerdigung kam.
Sie tat es doch, ganz in schwarz, mit einem blond-gelockten Säugling im Arm, hielt sich aber im Hintergrund. An jenem Tag fuhr Primus nicht mit seinen Eltern nach Hause, sondern mit Priska.
Der Rest war Geschichte.
„Hey, Schatz, alles klar?“, erkundigte sich plötzlich eine melodische Stimme und riss Primus aus seinen Gedanken.
Thalia.
„Oh, ja, natürlich… Hier sind übrigens die Getränke für die Jungs – bring sie doch schon mal Cyril und Vyvyan – soll ich direkt die ganze Karaffe mit Eistee für Priska und uns mitnehmen?“, wollte er wissen.
Thalia nickte.
„Ja, es ist ein außergewöhnlich heißer Nachmittag und ich bin ziemlich durstig… Hoffentlich schmeckt deiner Ex der Eistee überhaupt… Es ist ja kein klassischer Eistee, sondern meine Variante“, gab Thalia zu bedenken und runzelte besorgt die Stirn.
Eine Welle der Zuneigung überschwemmte Primus augenblicklich und er nahm sie in die Arme.
„Er wird ihr schon schmecken, mach dir nicht so viele Sorgen, alles wird gut“, flüsterte er seiner Verlobten zu, während er ihre Schläfe küsste und wusste nicht, ob er die hübsche junge Frau in seinen Armen oder sich selbst beruhigen wollte.
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