Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Familiensache

GeschichteRomance, Thriller / P18 / Gen
05.04.2021
02.05.2021
7
7.546
7
Alle Kapitel
19 Reviews
Dieses Kapitel
4 Reviews
 
 
05.04.2021 1.021
 
Priska betrachtete ihr Spiegelbild.
Sie sah gut aus, jedenfalls ihrer Meinung nach.
Hoffentlich sah er das genauso; hoffentlich war es noch nicht zu spät ihn umzustimmen.
„Jungs, kommt schon, es ist Zeit, dass wir uns auf den Weg machen!“, rief sie ihren zwölf und neun Jahre alten Söhnen, Cyril und Vyvyan, zu, während sie sich mit ihren langen, schlanken Fingern durch die hüftlangen, schwarzbraunen Locken fuhr; ihre Nägel hatte sie zuvor sorgfältig manikürt und mit einem glitzernden, erdbeerroten Nagellack versehen, denn er hatte diese Farbe immer an ihr gemocht, weswegen sie sogar einen passenden Lipgloss gewählt hatte.
„Okay, Mama“, antwortete ihr Ältester, Cyril.
Priska atmete einmal tief durch, bevor sie das Badezimmer der kleinen Wohnung verließ, in die sie und ihre Söhne gezogen waren, nachdem sie herausfinden musste, dass er mit diesem kleinen Luder schlief.
Es war ein warmer, sonniger Nachmittag im Juni und Priska und ihre Jungs waren zum Grillen zu ihm eingeladen, denn es war Vyvyans Geburstag und ihr Jüngster war schon immer sein Liebling gewesen; kein Wunder, war Vyvyan doch sein leiblicher Sohn.
Die Fahrt zu dem ansehlichen Haus, in dem er wohnen geblieben war und das er einst einst zusammen mit Priska entworfen hatte, dauerte knapp fünfzehn Minuten.
Bevor sie ausstieg, kontrollierte Priska noch einmal ihr Make-up im Rückspiegel; alles war okay, trotz der über dreißig Grad im Wagen: der hellblaue Lidschatten akzentuierte das Blau ihrer „Hazel Eyes“ und bildete einen schönen Kontrast zu dem ebenfalls in ihrer Iris enthaltenen Grün- und Brauntönen, der schwarze Lidstrich im Stil der 1950/1960er (die er so liebte) saß perfekt und durch das korallenfarbene Rouge wurden die hohen Wangenknochen ihres ovalen Gesichts betont. Sogar der Lippgloss war noch genauso geblieben, wie sie ihn aufgetragen hatte, trotz des kontinuierlichen Herumkauens auf ihrer Unterlippe während der Fahrt.
Bevor Priska, flankiert von ihren Söhnen, an der Tür klingelte, strich sie noch einmal ihr hellblaues Sommerkleid glatt; für ihren Geschmack hatte es zuviel Spitze und Rüschen, doch er hatte es ihr gekauft, also trug sie es heute um ihn zurückzugewinnen, denn noch war es nicht zu spät; er kannte das kleine Luder erst seit einem halben Jahr, Priska hingegen schon fast sein ganzes Leben.
Und dann stand sie ihm von Angesicht zu Angesicht gegenüber – zum ersten Mal seit zwei Monaten, obwohl die Jungs seit der Trennung jedes Wochenende bei ihm verbracht hatten; normalerweise ließ sie die beiden aussteigen und wartete, bis sich die Haustür öffnete. Nachdem die Jungs im Haus verschwunden waren, fuhr Priska alleine nach Hause und verbrachte Freitagabend bis Sonntagnachmittag mit ihren besten Freunden: Johnny Walker, Jack Daniels und Jim Beam.
Aber nun hatte er ihr ein Friedensangebot gemacht und sie ebenfalls zum Grillen eingeladen; vielleicht bereute er schon die Affäre mit dem kleinen Luder… Oder auch nicht.
Denn besagtes kleines Luder versteckte sich doch tatsächlich hinter ihm im Flur und lächelte ekelhaft freundlich.
Priska hätte ihr am liebsten die Zähne ausgeschlagen, wenn sie nicht so ein friedliebender Mensch gewesen wäre.
„Priska! Cyril! Vyvyan! Wie schön, dass ihr da seid“, flötete das kleine Miststück auch schon und Priska spürte, wie sich ihr der Magen umdrehte.
„Finde ich auch. Der Grill ist schon angeheizt – kommt doch rein“, ergänzte er nun ebenfalls, nervös lächelnd und öffnete die Tür ein Stück weiter.
„Papa!“, riefen Priskas Jungs auch sofort in unisono und stürzten sich auf ihn; natürlich fing er die beiden in seinen starken Armen auf, Arme, die einst auch Priska gehalten und vor allem Bösen beschützt hatten, bevor das kleine Miststück in sein Leben trat.
Mit hoch erhobenem Kopf folgte Priska ihren Söhnen, umarmte ihn kurz und förmlich und hielt dem kleinen Miststück mit gespielter Höflichkeit ihre Hand hin.
„Thalia, nehme ich an? Ich bin Priska. Freut mich dich endlich kennen zu lernen – meine Jungs haben mir schon soviel von dir erzählt“, säuselte sie, ganz bewusst das vertrauliche „Du“ wählend um die eindeutig jüngere Frau in ihre Schranken zu verweisen.
„Oh, hallo Priska. Die Ehre ist ganz meinerseits! Primus, Cyril und Vyvyan haben immer in den höchsten Tönen von Ihnen- oh, äh, ich meine DIR! - gesprochen“, stammelte das Miststück nervös kichernd und bewies somit, dass es nichts weiter als ein dämliches, kleines Gör war.
Zudem kotzte es Priska an, wie das Miststück seinen Namen aussprach, so als würde sie ihn immer noch in sich spüren, seine Lippen auf ihrer Haut…
„Bitte, geht doch schonmal in den Garten. Kann ich euch etwas zu trinken anbieten?“, unterbrach Primus ihre Überlegungen. Wahrscheinlich wusste er, was ihr durch den Kopf ging. Sie hatten schon immer diese besondere Verbindung gehabt, sie, Primus und PatrickPatrick… Cyrils Vater. Der Arme hatte kurz nach der Geburt seines Sohnes dem Druck der Gesellschaft nicht standgehalten und schließlich Selbstmord begangen…
„Oh, wenn du schon fragst, eine Margherita für mich, für Cyril eine Cola und für Vyvyan Apfleschorle“, antwortete Priska mit einem kühlen Lächeln.
Sie konnte den überraschten Blick sehen, den das kleine Miststück Primus zuwarf.
Kein Wunder.
In ihrem knöchellangen, gelben Sommerkleid mit grünem und bordeauxfarbenem Paisley-Muster sowie flachen, beigen Riemchen-Sandalen, großen, hellblauen Augen und schulterlangen, hellbraunen Locken, wirkte das Luder, wie die Unschuld vom Lande.
Als ob.
Hätte diese kleine Schlampe Primus damals nicht verführt, würde Priska noch hier in diesem Haus leben, müsste sich hier nicht wie ein Gast fühlen, während sich diese kleine Schlampe wie die Hausherrin aufspielte!
Was fand Primus nur an ihr?
Klar, sie war sicher etwa acht bis zehn Jahre jünger als Priska, doch sicher nicht knackiger.
Priska achtete sehr auf ihre Figur und eine gesunde Ernährung.
Viel Gemüse, Mineralwasser, Kräutertees, Laufen und Yoga gehörten dazu.
Klar, das kleine Luder hatte auch eine super Figur, wirkte jedoch  dadurch, dass sie einen Kopf kleiner als Priska war, automatisch zierlicher, aber in Priskas Augen war es der Körper eines unterentwickelten Mädchens, während Priska den Körper einer gut entwickelten, schlanken Frau hatte.
Aber wo die Liebe hinfiel…
„Tut mir leid, Margherita können wir nicht anbieten – Thalia trinkt keinen Alkohol – aber meine Verlobte hat einen ganz leckeren Eistee zubereitet“, erwiderte Primus.
Priska klappte die Kinnlade herunter.
Sie sollte diesen Tag ohne Alkohol überstehen und zudem hatte er sich mit der kleinen Schlampe verlobt?
Priska musste sich setzen.
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast