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Lucifer - Der tiefe, tiefe Fall

GeschichteMystery, Übernatürlich / P12 / Gen
Amenadiel Chloe Decker Ella Lopez Lucifer Morningstar Mazikeen OC (Own Character)
05.04.2021
08.04.2021
2
8.835
3
Alle Kapitel
5 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 
05.04.2021 4.580
 
Anmerkung: Es ist wichtig, die Saga Lucifers in dieser Reihenfolge chronologisch zu lesen, um alles verstehen zu können: 1. Lucifers grenzenlose Wut 2. Lucifer: Überrascht und Verwirrt, um diesen Part hier genießen zu können. Danke!

PROLOG

Einst war Samael, der glänzende, alles überstrahlende Morgenstern, zwar Zweitgeborener, nach dem ersten Engel überhaupt, Amenadiel, seines Vaters liebster und schönster Sohn und Erzengel.
 Geboren aus der wahren Liebe seines Vaters, des Gottes zu seiner Göttin aller Schöpfung. Samael bekam von seiner geliebten Mutter den Spitznamen Lucifer, weil er der Lichtbringer war und immerzu sein sollte.
 Er war pflichtbewusst, ernst und stolz. Aber als sein Dad sich seinem neuen Projekt zuwandte, Adam und Eva, sowie auch noch erwartete, daß Samael das Knie vor ihnen beugte, wie es von all seinen Geschwistern verlangt wurde, ging das entschieden zu weit.
 Es gab noch viele andere Gründe für die Rebellion, aber das war der berüchtigte und famose Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Es kam zur Schlacht.
 Infolgedessen wurde Lucifer zusammen mit den Mitverschwörern aus dem Himmel verbannt, um in alle Ewigkeit die Hölle zu regieren. Gegen seinen Willen muß er die Bösen im Inferno bestrafen. Er fühlt sich zum Folterknecht degradiert.
 Nun hasst er seinen Vater abysmal und mit großer Passion. Er sorgte dafür, daß das erste Paar aus dem Paradies befördert wurde.
 Schnell aber ist er chronisch unterfordert in der Hölle und entfleucht immer wieder verbotenerweise auf die Erde. Genauso oft wird er in die Hölle zurückgejagt.  Stets an seiner Seite, die ihm durch einen Blutschwur verbundene Mazikeen Smith, Leibwächterin, Dämonin und Kopfgeldjagd liebend.
 2011 schlägt Lucifer dann wieder einmal in Los Angeles auf, eröffnet seinen Nachtclub 'Lux'. Er ahnte nicht, daß das Jahr 2016 eine schicksalshafte Wende brächte. Er erweist Gefallen und kassiert Gegengefallen. Dank seines besonderen Mojos kennt er die tiefsten Wünsche eines jeden.
 Als aber sein Schützling ermordet wird, lernt er Detective Chloe Decker vom LAPD kennen, mit weitreichenden Folgen. Er wird nie mehr derselbe sein ...



Dramatis Personae:

Lucifer Morningstar
Chloe Decker
Mazikeen Smith
Amenadiel
Linda Martin
Raniel
Ella García
Dan Espinoza
Trixie Espinoza
Er höchstpersönlich, uvm.

Antagonisten:

Lu Goizeko Izarra
Robiel
und andere

Die Sieben Provinzen der Hölle:

Abaddon
Abyssium
Armageddon
Carnivoria
Gehenna
Megiddo
Sodomia ( Hauptstadt: Sardonia ) sowie Lucifers höchstpersönlicher Bereich, wo sein Palast verortet ist. Stellam matutinam lucet ex horizon — leuchtender Morgenstern des Himmels.








1. Kapitel Resurrection Shuffle ( Kapitel 51 der fortlaufenden Geschichte )

Behold the Angel of Light
the greatest of them all.

The Prince of the stars and the sun
towers over the Archangels
second only to God himself.

Granted incomprehensible power
yet his jealousy rages -
he wants to rule all creatures,
to be king of all the world.

Cast from heaven the Angel falls
into a world of despair and gloom
sulphur and fire surround his throne.

Yet the dragon continues his game
his quest for power has not come to an end;
he wanders the Earth
searching for prey.

Blinding rays beam from his garments
his smile covers the entire Earth
he offers gifts of wealth and power
as he sits upon his throne.

Watch the multitudes accept his gifts
as they unsuspectingly rush to their doom.

Zachary Zuccaro


WHO WANTS TO LIVE FOREVER

There's no time for us
There's no place for us
What is this thing that builds our dreams, yet slips away from us

Who wants to live forever
Who wants to live forever
Oh ooo oh
There's no chance for us
It's all decided for us
This world has only one sweet moment set aside for us


Who wants to live forever
Who wants to live forever
Ooh
Who dares to love forever
Oh oo woh, when love must die

But touch my tears with your lips
Touch my world with your fingertips
And we can have forever
And we can love forever
Forever is our today

Who wants to live forever
Who wants to live forever
Forever is our today
Who waits forever anyway?

Queen

Denn da durch einen Menschen der Tod gekommen ist, so kommt auch durch einen Menschen die Auferstehung der Toten.

1 Korinther 15:21


Chloe saß wie betäubt neben Lucifers Leiche. Sie war unendlich leer. Konnte nicht mehr weinen. Sie hielt seine Hand, die zunehmend an Wärme einbüßte. Nie mehr mit ihm reden, ihn halten, von ihm gehalten werden. Streicheln, sich lieben und streiten. Denn sie beide standen sich in Sturheit und Starrköpfigkeit in nichts nach.
 Sie blickte sich mit ihren rotgeränderten, geschwollenen Augen um. Ihre Lippen zitterten. Ihr war so unendlich kalt, obwohl sie noch lebte. Am Rande des Zusammenbruchs mutmaßte sie hier in der Hölle zu sein. Nur wo zum Teufel? Sie zuckte zusammen. Den Teufel gab es nicht mehr. Sie hatten beide solch einen langen Weg zusammen zurückgelegt und nun war Lucifer einfach so tot?
 Wie konnte sein Dad das zulassen? Er hatte ihn doch schon einmal von den Toten zurückgeholt. Oder war das nun endgültig? Sie schluchzte voller Schmerz auf. Sie dachte, daß es ihr das Herz und die Brust zerrisse.
 Obendrein saß sie hier in dieser Geröll- und Felswüste fest. Ganz allein. Die Temperatur war zwar angenehm, aber sehr trocken — diese Luft. Weit und breit war niemand und nichts zu sehen. Wie sollte sie hier wegkommen? Zurück auf die Erde? Würde sie auch Trixie niemals wiedersehen? War das ebenfalls ihr Ende? Stürbe sie hier an der Seite Lucifers?
 Sie krabbelte auf allen vieren wieder ganz nah zu Lucifer, oder vielmehr seinem zerschmetterten Körper. Sie betrachtete Lucifers Antlitz mit äußerster Intensität. Die Schuldgefühle drohten sie zu zerdrücken. Nur wegen ihrer Wirkung auf ihn war er gestorben. Sie schob ihre rechte Hand unter seinen Nacken und fühlte die zerborstenen Wirbel seines gebrochenen Genicks. Sie erschauderte in endlosem Grauen. Seine Schwingen waren unter ihm, verdreht und hinüber.
 Sie hob ihn an der rechten Schulter an, fetzte die letzten Stoffreste seines Hemdes weg. Wieso war er so schwer? Warum fühlten sich Tote immer schwerer an als wenn sie noch lebten?
 Eine trocknende, dicke Blutschicht bedeckte den Teil seines Kreuzes, der von diesem Felsgrat aufgeschlitzt worden war. Sein Gesicht war ja auch in Mitleidenschaft gezogen. Chloe sah auf ihre Bluse herab, die sich schon teilweise versteifte, weil reichlich von Lucifers Blut sie getränkt hatte.
 Sie zuckte erneut heftig zusammen, weil sie die zerstörten Rückenwirbel als eine Art von mehreren Buckeln bei ihm überdeutlich sehen konnte. Ihr war auf einmal äußerst übel. Nun stützte und hob sie Lucifers Kopf mit beiden Händen an, aber er baumelte nur schlaff herunter und dies wäre noch ausgeprägter gewesen, wenn sie ihn eben nicht gehalten hätte.
 Sie legte vorsichtig und behutsam Lucifers Kopf erneut auf den steinharten Boden. Sie wünschte, sie hätte ein Kissen und eine Decke für ihn. Sie drehte sich schnell weg und erbrach heftig Magensaft und Galle. Was hätte sie auch rauskotzen sollen? Sie hatte nichts gegessen. Kein Hunger plagte sie, aber quälender Durst.
 Nun war sie sich dessen gewiß, daß sie hier an seiner Seite sterben würde. Das wäre zumindest ein kleiner Trost hier bei ihm zu sein — vereint im Tode.
 Chloe kniete sich hin, legte den Kopf in den Nacken und schrie ihre Verzweiflung gen Horizont. «Warum?» brüllte sie. «Neeeein!» Wie sollte sie diesen Verlust nur verkraften, selbst wenn sie wie durch ein Wunder hier herauskäme?
 Sie hievte sich über Lucifers Körper und legte sich auf seinen Brustkorb, schmiegte sich an ihn. Tot hin oder her. Sie wollte quasi in seinen Armen sterben, wenn sie denn schon abnippeln sollte, dachte sie mit bitterem Galgenhumor.
 Sie umfaßte Lucifers Wangen mit ihren zitternden Fingern. Ihre Lippen bebten. Sie liebkoste seine kalte Haut, fühlte seine harten Stoppeln, küßte ihn sehr zärtlich auf den Mund. Keine Reaktion natürlich. Sie weinte erneut heftig. Ein Teil von ihr wunderte sich, daß sie noch soviel Flüssigkeit in sich hatte, um noch diese Zähren produzieren zu können. Ihre Tränen tropften auf Lucifers Gesicht. Sein Ausdruck sah neutral aus. Sie konnte nicht einschätzen, ob er vor seinem abrupten Tod noch gelitten und sich  hatte quälen müssen.
 Sie strich ihm mit ihren Händen über seinen Hals und dann wanderten diese auf seine Brust. Dort verweilten und verharrten sie dann.
 «Lucifer! Ich liebe dich so sehr! Ich habe niemanden jemals so geliebt wie dich und werde auch niemals wieder jemanden so lieben wie dich!» Sie legte ihren Kopf auf Höhe seines Herzens.
 Chloe war unvermittelt irritiert. Ihre Hände fühlten sich ungeheuer heiß an. Was ist jetzt los? wunderte sie sich. Sie sah auf diese und riß erstaunt sowie ängstlich die Augen auf. Ihre Hände, die gesamten Innen- und Außenflächen, alle zehn Finger glühten als ob sie kleine Sonnen darin verborgen hätte. Was hatte das zu bedeuten?
Sie ließ sie auf Lucifer liegen. Sie konnte sich nichts davon rational erklären. Sie folgte ausschließlich ihrer Intuition.

Lucifer schwebte schwerelos in einem körperwarmen Meer. Das Wasser glitt in beruhigenden, funkelnden Wellen um ihn herum. Er ließ seine Augen geschlossen, weil er nicht sehen wollte, wo er war. Außerdem war ihm bewußt, daß das intensive Glitzern ihn zu blenden trachtete.
 Zurück zu den Toren des Himmels? Hatte er sie womöglich durchschritten? Er konnte sich nicht mehr genau entsinnen — im Moment jedenfalls, hoffentlich temporär — was zuletzt vorgefallen war. Er wußte nur mit Sicherheit eines. Was es auch gewesen war; grausame, Torturen entsprechende Schmerzen waren damit untrennbar verbunden.
 Er war nackt und brauchte nicht zu schwimmen, sich überhaupt zu rühren, weil das Wasser ihn trug. Er seufzte tief aus dem Bauch heraus. Diese Wärme ermüdete ihn auf angenehmste Weise, wirkte ebenso beruhigend. Er konnte nämlich noch das Nachspiel von extrem aufwühlendem Stress spüren, der ihm massiv zugesetzt haben mußte.
 Die Hölle roch noch nie nach Schwefel. Das war ein menschliches Vorurteil, der Propaganda geschuldet. Aber Schwefel war Lucifer die allerliebste Metapher — auf seinen eigenen Seelenschmerz bezogen.
 Unerklärlicherweise war es nun so, als ob ein bedrohlicher Sturm aufzog und sich seiner bemächtigte. Schwefelhaltiger Hagel, der wie eine Feuerwelle auf ihn geschossen wurde. Hilflos hin- und hergeworfen.
 Sein ureigener düsterer Abyssus tat sich auf, drohte ihn zu verschlingen. Lucifers Unruhe wuchs. Er ballte die schmerzenden Finger zu Fäusten und schlug auf das Wasser ein, sodaß es nur so um ihn herum aufspritzte. Er schrie heiser auf, bis er lediglich ausschließlich noch leise wimmern konnte.
 Der heftige Donner seines Inneren ließ geflügelte, magentafarbene Blitze vor seinen Augen manifestieren. Vater! Vater! Vater! wiederholte er verzweifelt im Geiste.
 Ungestümer Zorn ließ Lucifer sich aufbäumen. Wie spitze Pfeile versanken seine erneuten Schreie in der ihn umgebenden grenzenlosen Weite sowie unermesslichen Tiefe.
 Diese maßlose Wut sättigte jedoch nicht seine entfesselte Angst nicht zu wissen was los war. Die ganze Klaviatur der Variablen sämtlicher seiner Emotionen wurde heimgesucht. Fulminant und furios schwankte und kippte er zwischen all diesen fragilen, unheimlich instabilen Stimmungen. Er verachtete sich sogar, weil er nicht umgehend eine gewiße Selbstbeherrschung zurückerlangt hatte.
 Letztendlich öffnete er doch noch die verschlossenen Flügel seiner Seelenfenster und sah nur eine entgrenzte Wasserfläche. Eine nasse Wüste, soweit der Blick reichte ... Absolut trostlos und trist. Wolkenloser, leerer Himmel bis zur Krümmung des Horizontes. Weit und breit kein Festland zu sehen. Was zur Hölle tat er hier bloß? Er rätselte und erhielt keinerlei Antwort seines offenbar zur Zeit unzuverlässigen, fiebernden Gehirns.
 Eine Ebene, ein Ozean, daß das blaue Schimmern des Himmels reflektierte. Aber er selbst empfand sich als absolut lichtlos, als ob der Schacht der Nacht ihn dauerte. War sein inneres Feuer, seine lebhaften Flammen, von denen er immerzu energetisch gezehrt, verblasst sowie verloschen?
 Dieses sich hier Ausruhen bewirkte exakt das Gegenteil. Mattigkeit und zunehmendes Unwohlsein bedrängten ihn. Er war sich bewußt, daß irgendeine verheerende Bedrohung über seinem Haupte schwebte. Er konnte aber niemanden konsultieren. Chloe, Amenadiel und Maze waren absent oder nie hier gewesen.
 Es beleidigte zunehmend seine Ratio, daß er aus dem gesamten Komplex hier nicht schlau wurde. War ihm womöglich ein schlimmes Unglück widerfahren und er gestorben, weil Chloe bei ihm gewesen war? Ihn dadurch gegen ihren und seinen erklärten Willen verwundbar machte? Verflucht noch einmal! Wenn er sich nur endlich erinnerte!
 Lucifer erhob seinen Kopf aus dem Nass, mit funkelnden Augen. Kam sein Kampfgeist zurück? Er schöpfte Stärke aus der verzweifelten Hoffnung, die ihm nun eine Hand darbot und er schnappte nach jenem Knochengreifer.
 Er kam sich wie Leviathan höchstpersönlich vor, als er eine Strömung wahrnahm und sich nun mit ihr treiben ließ. Er mußte wieder in Bewegung kommen.
 Zu seiner Bestürzung sah Lucifer, daß der Himmel unvermittelt vom Modus des Tages in die Nacht wechselte, ohne den Hauch einer Dämmerung. Dieser klandestine Teil der vierundzwanzig Stunden investierte Dunkelheit in all die sanften Wellen um ihn herum. Wie ein schwarzer Spiegel wirkte die fluide Oberfläche nun.
 Widerwillig trug er dazu bei, das sich das Salzwasser auch noch vermehrte, als ihm Tränen über das Gesicht liefen. Er wollte sie wegwischen und dann sah er zu seinem Entsetzen, daß es Blut war. Sein Blut? Es roch nach Eisen und ihm.
 Im Windschatten einer aufkeimenden Panik fragte er sich, was die Menschen nun von ihm, dem Erzunterweltler schlechthin halten würden, wenn sie ihn so sähen. Oder seine celestialen Geschwister.
 Güte, Gnade und Barmherzigkeit versus Verwirrung, Zorn und Rache. Dieses Ambivalente, in sich Zerfetzte rieb Lucifer total auf.

Wie eine Gloriole sprang das illuminierende, pulsierende, warme Phänomen von Chloes tremorerschütterten Händen wie ein Halo auf Lucifers destruierten Körper über. Es umhüllte ihn — all die Konturen seiner Physis wie ein Kleidungsstück aus reinweißem Licht. Heilendes Licht?
 Chloe hatte die Lippen leicht geöffnet, die Augen weit aufgerissen und ein ungläubiges, staunendes Ächzen entschlüpfte ihrem Mund.
 Seine Halswirbel repositionierten sich in die anatomisch verträgliche, lebensbejahende Position, seine gebrochenen Flügel und all die Frakturen seines Rückgrats knirschten laut, als sie heilten. Ein Geräusch, das Zähneschmerzen verursachen konnte, aber Chloe eine prickelnde Gänsehaut schenkte.
 Seltsamerweise blieben die Schnittwunden in seinem Antlitz aber bestehen. Lucifers Lungen dehnten sich, sein Mund öffnete sich weit, seine Nasenflügel flatterten unkontrolliert und mit einem initialen tiefen Röcheln tat er wieder den ersten, erlösenden Atemzug. Beim zweiten und dritten schien es ihm bereits wesentlich leichter zu fallen. Seine Augenlider blieben aber noch geschlossen. Seine Finger und Zehen zuckten wild. Ja, Schuhe trug er nicht mehr. Bei seinem Sturz hatte er sie offenbar verloren. Nun sah Chloe mehr als deutlich an seinem entblößten Brustkorb, wie das Zwerchfell und seine pektorialen Muskeln arbeiteten,  dieser sich visuell absolut klar erkennbar hob und senkte. Noch wollte Chloe dem so Offensichtlichen nicht trauen. Lucifer lebte — tatsächlich wieder?
 «Lucifer! Lucifer! Wach bitte auf, mein geliebter Schatz! Wach auf!» hauchte sie, ihr Herz in den Eisenklammern der anästhesierenden Angst. Sie strich und rüttelte sehr behutsam an seiner Schulter. Er stöhnte vernehmlich, bewegte sich nun deutlich unruhiger.

 In jenem Stillen Ozean, der nicht unserer Sphäre entstammte, war Lucifer dazu übergegangen, grimmig und sehr entschlossen mit kräftigen Zügen seiner langen, muskulös definierten Arme zu schwimmen. Er hoffte, so endlich vorwärts zu kommen und eventuell irgendwo anzulanden.
 Das Wasser wogte angenehm um und an seinem unbekleideten Leib, schmeichelte seiner Haut. Was nutzte ihm die perfekte Nachtsicht, wenn es absolut nichts zu sehen gab außer dräuender, sich zusammenballender Finsternis. Befand sich irgendwo überhaupt Land? Oder war er nun dazu verdammt immerzu voranschwimmen zu müssen? Der Marathonschwimmer! Lucifer lachte abgehackt. Das klang unnatürlich und bizarr in seinen scharfen Ohren, eher wie ein hoffnungsloser Schrei.
 Aus dem vermeintlichen Nichts heraus explodierte grellweißes, Pein verursachendes Licht unmittelbar vor Lucifers Augen und trafen wie spitze Dartspfeile auf seine überstrapazierten Retina. Er kniff die Augen mit verzerrtem Gesicht zu und legte noch schützend den rechten Unterarm davor. Flimmernde Nachbilder plagten ihn noch. Brennend und äußerst schmerzhaft. Er fluchte lautlos. Was war das nur?
 Auf einmal schien ihn etwas oder jemand unter die Wasserlinie zu ziehen, als ob seine Füße in Beton gegossen wären. Er keuchte auf, hatte aber das bestimmte Gefühl, daß seine Lungen nur partiell mit Sauerstoff gefüllt seien. Strampelnd und wild um sich schlagend sank er schnell und sehr tief. Der Druck auf sein Atemsystem und seinen Schädel wuchs enorm sowie exponentiell. Gleich käme ihm das Gehirn zu den Ohren heraus. Ich ersticke! tobte es in ihm.
 Plötzlich lag er an Land, unerklärlicherweise. Röchelnd atmete er wieder den allerersten Atemzug, wie ein Neugeborener, das ach so deliziöse Oxygen.
 Wie aus weiter Ferne rief ihn irgendeine vertraute, weibliche Stimme — immer und immer wieder. Sein Name, in drängendem Ton. Ein sachtes Rütteln an seiner Schulter ließ ihn entrückt aufs Angenehmste erschaudern. Es war wie ein stimulierender, elektrischer Schlag. Wie damals, als Linda ihn aus der Hölle via Defibrillator in seinen Körper zurückholte. Nur war dieser "Schlag" hier berauschend, betörend, becircend.

Mühsam versuchte Lucifer die verklebten langen Wimpern seiner brennenden Augen voneinander zu lösen, sodaß er etwas sehen konnte. Er gab ein merkwürdig knarrendes Geräusch von sich. Nun blickte er direkt mit seinen nackten Augen, bar jedes Schutzes, der Bewußtlosigkeit entrissen in die tränenumflorten Seelenfenster Chloes. Ein heftiges, widerstreitendes Mienenspiel tobte und raste entfesselt auf ihrem Antlitz. Schluchzen, Lachen, Seufzen, tiefer Schmerz, hell lodernde Freude, alles zugleich. Ihre offen gezeigten Emotionen ließen ihr Gesicht wie eine einzige Wunde der Fragilität wirken. Ihre Lieblichkeit war wie eine wärmende Sonne auf Lucifers Sein und Haut.
 Ihr Gesicht war ganz dicht schwebend über Lucifers. Seine Lider klimperten heftig. Er versuchte das Bleischwere abzuschütteln.  So kaputt, erschöpft, unendlich müde. Aber er kämpfte heftig dagegen an. Antagonistisch agierte er und wollte seine punktuelle Konzentration bemühen.
 «Chloe!» krächzte er. Vom Klang seiner eigenen Stimme war Lucifer äußerst befremdet und erschrocken. Die Heftigkeit von Chloes Reaktionen ging unvermindert weiter.
 «Oh mein Gott!» schluchzte sie laut auf. Ihr Herz raste. Sie war offenbar Zeugin eines Wunders geworden und das durch ihre eigene Hand. Hatte Lucifers Dad eingegriffen? Deus ex miraculus? So mußte es wohl sein. Chloe konnte sich jedenfalls nicht entsinnen qua Handauflegens jemals Wunderheilerin gewesen zu sein. Sie kraulte behutsam und sehr zärtlich seine unverletzte rechte Wange.
 «Du lebst! Bin ich froh! Du lebst!» seufzte Chloe nun leichten Herzens ihn anlachend, von beseelter Fröhlichkeit erhaben erhoben. Lucifer runzelte irritiert und verständnislos die Stirn.
 Sehr seltsam! dachte er. Tot, wie? Und jetzt lebend, was ...? All dieses Grübeln jedoch wurde abrupt vertagt, als er scheinbar plötzlich wuchtig seinen Körper spürte. Ja, er hatte ein materielles Behältnis für seine Seele, Psyche und Geist. Diesen bekam er nun sehr peinbeladen präsentiert. Es war, als ob das Immaterielle, Essentielle seiner selbst zuerst zurückgekehrt war und jetzt erst das Körperempfinden mit Zeitverzögerung.
 «O scheiße!» fluchte Lucifer lauthals. Er knurrte. Sein Leib fühlte sich an, als ob er von drei Goliaths als auch Gog sowie Magog auf handfeste, kräftige Art und Weise mehrmals durchgeprügelt worden wäre. Hol mir doch einer die Rotte Höllenhunde! Er kam sich vor wie ein über Gebühr benutzter lebendiger Punchingball. Ohne daß es ihm gestattet gewesen wäre Gegenwehr zu leisten.
 Er spürte seine Beine mehr als deutlich, obwohl sie sich ein wenig taub anfühlten. Zerberus kaute wohl auf seiner Tibia herum. Er wollte zumindest durch Abstützen seiner Arme seinen Oberkörper aufrichten, aber scharfe, beißende Schmerzen ließen ihn zurücksinken. Er stieß alle möglichen Verwünschungen aus und es trieb ihm die Tränen in die Augen.
 «Bei der miesen Hure Babylon! Tut das weh! Am Arsch tut das weh!» zischte Lucifer.
 «Bleib erst einmal liegen, Lucifer! Wieviel weißt du noch?» Ihre angenehm kühlen Hände lagen auf seinen bebenden nackten Schultern.
 «Ein schwarzmagisches Duell zwischen Izarra, Robiel und uns ging nach hinten los. Wir sind in die Hölle gestürzt und ich habe dich mit meinem Leib geschützt.» Lucifer klang vermeintlich sachlich und kühl, aber sein leichtes Zittern verriet, wie tief erschüttert er sein mußte.
 «Wir prallten auf, ich verlor das Bewußtsein, dann Filmriß!»
 «Lucifer, nur weil ich dich verwundbar mache, bist du gestorben. Dein Genick war gebrochen, deine Schwingen sowie dein Rückgrat an mehreren Stellen irreversibel zerstört. Du warst tot!» wisperte Chloe ob dieser Unfassbarkeit.
 Lucifer stockte kurz der Atem. So etwas hatte er bereits befürchtet, aber es dann verbal bestätigt zu bekommen, war noch einmal eine komplett andere Dimension.
 «Ich war ... tot. Warum lebe ich dann?» Lucifer fehlte einfach die Energie, diese Worte feurig auszustoßen. Deswegen klang er etwas monoton.
 «Dein Dad hat mir offenbar eine heilende Fähigkeit verliehen. Mit meinen Händen konnte ich deine tödlichen Verletzungen rückgängig machen. Mit sehr hellem, weißen Licht, das dich komplett umschirmt hatte.»
 Lucifer seufzte. «Ja, Dad ist manchmal wunderbar», gestand er zu seinem eigenen Erstaunen ein. «Aber warum tut mir dann noch der ganze Körper so weh?»
 «Nun ja!» setzte Chloe zu einer Antwort an, mit deutlichem Unbehagen. «Ich war in der Lage, deine letalen Wunden zu heilen.» Chloe zuckte ratlos und entschuldigend mit den Schultern. Lucifer sah nun, daß Chloes Bluse an der Vorderseite voll mit getrocknetem Blut war.
 «Wessen Blut ist das auf deiner Bluse?» fragte er beklommen.
 «Deins, Lucifer. Ich bin dank dir vollkommen unverletzt. Ich liebe dich so unendlich. Ich hätte nicht gedacht, daß diese Liebe und Passion noch steigerungsfähig wäre, aber sie ist es!» Chloe lächelte voller Sommerwärme, als sie Lucifers Hand nahm und sie streichelte.
 «Also», schlußfolgerte er, «alle anderen Verletzungen müssen wohl von selbst abheilen», brummte Lucifer.
 «Laß mich schnell deinen Körper inspizieren», entgegnete Chloe. Vorsichtig tastete sie seine Rippen und Bauch sowie Beine ab, hob ihn dann an. Er half etwas mit, aber stöhnte laut, als der Schmerz aufflammte.
 «Du hast großflächige Hämatome und Kontusionen, au! Außerdem hat dieser scharfe Grat deinen Rücken links aufgeschlitzt, aber nicht zu tief, ebenso deine linke Wange. Diese Art Schnittwunden haben heftig geblutet, auch auf mich, wie du ja gesehen hast, aber sind nun verkrustet.»
 Lucifer war restlos begeistert. Daher also der pochende und brennende Schmerz in seiner Wange und seinem Rücken. Und dann Blutergüsse und heftige Prellungen. Er winkelte sein linkes Bein an und übte im Liegen leichten Druck auf seinen Fuß aus. Dadurch auch auf seinen pulsierenden, gepeinigten Knöchel.
 «Aah!» Er biß die Zähne zusammen. «Verdammte Höllenkacke!» ließ er die unschönen Wörter über seine rissigen Lippen perlen. «Mein Knöchel ist verstaucht und mein Nacken ist im Klammergriff eines hackenden Spechts, ebenso mein Kopf!» stieß er hervor.
 «Mindestens eine Distorsion und ein Schleudertrauma der Halswirbelsäule», sinnierte Chloe nachdenklich.
 «Woher kennst du all diese Fachwörter?» wunderte sich Lucifer trotz der Tortur, die sein Leib ihm verursachte. Vielleicht konnte ein kleiner Plausch ihn etwas ablenken.
 «Das ist eines meiner kleinen Geheimnisse, das ich dir noch nicht verraten habe», lächelte Chloe traurig. Sie strich ihm über die Brust.
 «Nach 'Hot Tub High School' und nachdem mein Vater ermordet worden war, war ich wirklich und wahrhaftig verloren. Ich habe dann zwei Semester Medizin studiert, an der UCLA, bis ich merkte, daß das nichts für mich war und ich mich letztendlich doch an der Polizeiakademie beworben hatte und genommen wurde. Das ist alles», schloß Chloe.
 «Du bist eine bemerkenswerte und erstaunliche Frau, Detective!» erhellte sich Lucifers Antlitz strahlend. Ihm war bewußt, daß sie hier in der Hölle mitten in der Einöde nicht bleiben konnten. Chloe brauchte Trinken und Nahrung, mußte mal schlafen. Sie benötigten beide ein Obdach, Schutz und Erholung.
 Die Hölle war jedoch ein riesiges Reich und momentan wußte Lucifer nicht, wo sie exakt verortet waren. Das beunruhigte ihn zutiefst. Schließlich waren die Todfeinde nicht besiegt, hatten Ressourcen und unschätzbare Vorteile, über die sie beide momentan nicht verfügten. Aber das Weitläufige seines Reiches kam Lucifer und Chloe ebenso entgegen. Denn die Antagonisten wußten ebensowenig wo sie wohl waren.
 Lucifer versuchte erneut sich zu strecken, aufzustehen, irgendetwas. Aber er war ein einziger verkrampfter Schmerz, eine leidende Zone, unglaublich steif. Jetzt gäbe er ein Vermögen für ein heißes Bad. Das würde seine Muskeln lockern und den Schmerz lindern.
 «Ich fühle mich so schuldig, Lucifer», stöhnte Chloe.
 «Warum?» fragte Lucifer erstaunt.
 «Ohne mich wärest du nicht in dieser unangenehmen Lage derartige Schmerzen erleiden zu müssen!»  Das schien sie sehr heimzusuchen. Sie saß dicht bei ihm. Er konnte wenigstens mit etwas Mühe seine Arme heben. Mit seinen Händen hielt er ihren Kopf dergestalt fest, daß sie ihn ansehen mußte.
 «Du hast dir das nicht ausgesucht, Chloe! Genausowenig wie deine Körpergröße oder Augenfarbe! Ich will das nicht mehr hören, meine heißgeliebte Chloe!» verkündete er mit empathischem Nachdruck.
 «Aber du bist wegen mir ...!» setzte sie an und Lucifer unterbrach sie umgehend.
 «Nein! Nein, Chloe! Jederzeit wieder. Hörst du mich? Ich würde ohne mit der Wimper zu zucken immer wieder mein Leben für dich opfern, wenn das unumgänglich ist um dich zu retten!» Ein profunder Ernst und greifbare Melancholie griffen von ihm auf sie über wie eine linde Frühlingsbrise.
 «Aber ich kann nicht ohne dich leben! Was wäre das Leben noch wert, wenn du darin nicht mehr vorkämest?» Chloes Stimme drohte zu brechen.
 «Dasselbe gilt für mich. Ich liebe dich so sehr und kann, will nicht ohne dich leben. Das wäre derart freudlos! Deswegen stürbe ich nur wenn dies alternativlos wäre!» Lucifer schluckte schwer. Wenigstens konnte er nun sitzen.
 Chloe schmiegte sich sehr vorsichtig in seine Arme, rieb ihre Wange an seiner intakten Backe, rutschte dann mit ihrem Kopf auf die Höhe seines Herzens. Sie lauschte dem regulären Rhythmus seines pochenden, so bedeutsamen Organs. Das war eine derart traumhafte Symphonie, die sie tranquil beglückte. Babumm ... babumm ... babumm. Der dynamische, vitale Beweis, daß Lucifer lebte und sie hatte ihn gerettet. Sie spürte seine warme Hand auf ihrem Rücken, als er sie derart umarmt hielt.
 Beide erschraken heftig, als jemand sich ihnen von der Seite näherte, von ihrem toten Winkel herkommend. «Kann ich euch offenbar Gestrandeten helfen?» fragte sie eine sehr freundliche Stimme. Erstarrt vor Schreck sahen beide auf den Neuankömmling.
 


ÜBERSETZUNGEN

Siehe, der Engel des Lichts
der größte von allen.

Der Prinz der Sterne und der Sonne
Thront über den Erzengeln
an zweiter Stelle nur nach Gott höchstselbst

Unverständliche Macht gewährt
doch seine Eifersucht tobt -
er will alle Kreaturen regieren,
König der ganzen Welt sein.

Aus dem Himmel geworfen fällt der Engel
in eine Welt der Verzweiflung und Finsternis
Schwefel und Feuer umgeben seinen Thron.

Doch der Drache setzt sein Spiel fort
sein Streben nach Macht ist noch nicht zu Ende;
er durchwandert die Erde
auf der Suche nach Beute.

Blendende Strahlen werden von seiner Kleidung reflektiert
sein Lächeln bedeckt die ganze Erde
Er bietet Geschenke des Reichtums und der Macht
wie er da auf seinem Thron sitzt.

Siehe, wie die breite Masse seine Gaben annimmt
als sie ahnungslos in ihr Verderben eilen.

Zachary Zuccaro


WER MÖCHTE FÜR IMMER LEBEN

Wir haben keine Zeit
Es gibt keinen Platz für uns
Was ist das was unsere Träume errichtet und uns dennoch entgleitet?

Wer möchte für immer leben
Wer möchte für immer leben
Oh ooo oh
Es gibt keine Chance für uns
Es ist alles für uns entschieden
Diese Welt hat nur einen süßen Moment für uns reserviert

Wer möchte für immer leben
Wer möchte für immer leben
Oh
Wer wagt es, für immer zu lieben
Oh oo woh, wenn die Liebe sterben muss

Aber berühre meine Tränen mit deinen Lippen
Berühre meine Welt mit deinen Fingerspitzen
Und wir können für immer haben
Und wir können für immer lieben
Für immer ist unser Heute

Wer möchte für immer leben
Wer möchte für immer leben
Für immer ist unser heute
Wer möchte denn schon für ewig warten?

Queen
 
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