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Lockdown 1

OneshotDrama, Familie / P6 / Mix
Kira Beckmann Richard "Ringo" Beckmann
05.04.2021
05.04.2021
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Lockdown 1

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Dieser Oneshot gehört eigentlich zu einer unveröffentlichten FF über Ringo, Kira und Yannick. Er lässt sich aber meiner Meinung nach auch ohne Kenntnis der Hauptstory lesen.
Was man wissen sollte: Yannick und Ringo wohnen mit zwei Kindheitsfreunden von Yannick - Melanie und Tim - im Haus von Yannicks Großeltern in der Nähe von Bocholt. Kira hat wie in der Serie in Mailand studiert, ist aber viel mehr in Kontakt mit Ringo und Yannick. Sie ist mit Fabian zusammen; dieser ist ein Kölner Kommilitone von Ringo und Yannick und spielt mit ihnen Volleyball. Mickie ist nach dem halben Jahr in Florida wieder zurück gekommen und lebt gemeinsam mit Tobias und Stinker in der Beckmann-Wohnung.

Disclaimer: Dies ist eine Fangeschichte. Die Serie und die Figuren gehören UFA Serialdrama/RTL.  Aber wenn Ringo, Kira und Yannick bei mir auf der Matte stehen und wollen, dass ich etwas über sie schreibe, wer kann sich schon gegen die Terror-Twins plus Anhang zur Wehr setzen? ;)
Trotzdem möchte ich nicht, dass diese Geschichte ohne mein Einverständnis irgendwo anders gepostet wird.
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10.03.2020

Seit den ersten Meldungen von dem Corona-Ausbruch in Italien, liefen bei Yannick, Ringo, Melanie und Tim jeden Tag in Tims Zimmer die Nachrichten. Kira war ausgerechnet jetzt wieder in Mailand. Stur wie sie war, hatte sie darauf bestanden dort zu bleiben, weil sie gerade eine Ausstellung am Vorbereiten war. Aber nach den neuesten Meldungen war es mit Ringos Geduld zu Ende. Er pfefferte die Fernsehbedienung in die Ecke und ging in die Küche zum Telefonieren.

Sauer lief er auf und ab, während er darauf wartete, dass Kira ran ging. Yannick, Melanie und Tim beobachteten ihn. „So, du hörst mir jetzt mal zu!“, schnauzte Ringo ohne Begrüßung in sein Handy. „Du packst deine Sachen und siehst zu, dass du da raus kommst! Deine Ausstellung wird sowieso nicht stattfinden. Auch nicht nächste Woche. Es dauert nicht mehr lange und die machen die Grenzen dicht. Du…“, er wurde offenbar unterbrochen und fuhr dann leiser fort, „Mann, wir machen uns doch einfach nur Sorgen um dich. Und wenn du nicht hierher kommen willst, dann eben zu Fabian oder Tobias. Es hält dich doch nichts in Mailand. Und hier wärst du sicher“, nach einem Seitenblick der anderen, „sicherer.“ Er hörte Kira kurz zu und nickte dann erleichtert. „Okay, schreib uns, wenn du ankommst – wir kommen dich zum Bahnhof holen.“

Mit einem erleichterten Ausatmen legte er auf. „Sie kommt?“, hakte Yannick und stand auf, um zu ihm in die Küche zu gehen. Melanie und Tim folgten ihm. Ringo setzte sich erschöpft an den Tisch. „Ja, endlich. Wie kann man nur so stur sein. Hoffentlich bekommt sie überhaupt noch eine Verbindung.“

Melanie setzte sich jetzt ebenfalls hin und die anderen beiden folgten ihr. „Wir müssen dann aber jetzt einiges besprechen“, sagte sie, „Kira sollte zwei Wochen in Quarantäne.“

Ringo sackte zusammen. „Quarantäne? Kira?“, stöhnte er.

„Das wird ein harter Brocken“, stimmte jetzt auch Yannick zu.

„Ihr könntet unser Bad mit benutzen, damit sie eures für sich hat“, schlug Tim vor, „und Essen könnten wir ihr vor die Tür stellen.“

Yannick schüttelte den Kopf. „Das wird nicht funktionieren. Kira wird durchdrehen.“

„Und was schlägst du vor?“, fragte Ringo.

Yannick sah ihn herausfordernd an und Ringo lehnte sich seufzend mit verschränkten Armen zurück. „Ernsthaft?“

Yannick hob die Schultern. „Was denn sonst? War doch bei uns immer so.“

Tim runzelte die Stirn. „Könnt ihr uns mal aufklären?“

Yannick hob den Mundwinkel. „Wir beide gehen mit Kira in Quarantäne.“

Melanie begann zu lachen, was ihr einen pikierten Blick von Ringo und Yannick einbrachte. „Sorry“, sagte sie, „aber ihr drei seid echt unschlagbar.“ Sie versuchte ihr Lachen zu unterdrücken und wurde dann schließlich ernst. „Okay, Tim und ich kochen für euch. Wir stellen das Essen in die Treppe.“

„Aber könnten wir uns nicht anstecken, wenn wir ihr Geschirr dann abwaschen?“, fragte Tim.

„Es gab da doch diese Info-Hotline vom Gesundheitsamt“, meinte Yannick, „vielleicht sollten wir die mal anrufen.“

„Gute Idee, warte mal gerade.“ Melanie griff nach Zettel und Stift. „Machen wir eine Frageliste, damit wir nichts vergessen.“

Auf der Liste standen bald einige Fragen und Yannick übernahm es, dort anzurufen. Währenddessen bereitete Ringo Kiras Zimmer vor. Beim Abendessen sprachen sie noch mal alle Details durch und dann konnten sie nur noch auf Kiras Nachricht warten.

Die kam noch gegen Abend als SMS. „Morgen fährt der letzte Zug nach Österreich, aber ich darf durch Österreich nur noch durchreisen, ohne Zwischenstopp. :((„

Ringo warf sich in seinem Stuhl zurück und gab es an Yannick weiter. Dieser las kurz. „Dann soll sie sich halt einen Mietwagen holen“, sagte er und begann schon zu tippen. Kurz darauf klingelte Ringos Handy, Yannick nahm ab und stellte auf laut. Ehe Kira etwas sagen konnte, kam er ihr zuvor. „Ich weiß, dass du nicht gerne fährst – aber das ist ein Notfall.“

„Warum kann mich nicht einer von euch abholen?“, fragte Kira weinerlich, „ihr könnt alle besser fahren, als ich.“

Da riss Ringos Geduldsfaden und er griff nach dem Handy. „Jetzt hör mir mal zu: DU wolltest unbedingt so lange da unten bleiben. Das hast DU dir selbst eingebrockt! Jetzt nimm dir einen Leihwagen, setz dich rein, mach schön, was die Grenzbeamten dir sagen und in 5 Stunden bist du in München. Wir holen dich da ab. Nach Italien kämen wir doch gar nicht mehr rein. Sei froh, wenn du noch da raus kommst!“

Er gab Yannick das Handy zurück, stand auf und verließ den Raum. Yannick übernahm das Gespräch. „Du hast es gehört“, sagte Yannick, „wir treffen uns morgen Mittag in München. Du packst das. Wirklich.“

Kira schniefte. „Danke.“

„Buch dir jetzt einen Leihwagen und dann geh schlafen“, riet Yannick ihr, „wir sehen uns morgen. Bis dann.“

„Bis dann“, schniefte Kira wieder und dann legte sie auf.

„Kira kann echt froh sein, dass sie euch beide hat“, stellte Melanie fest.

Yannick hob mit einem schiefen Lächeln die Schultern. „So funktioniert das halt bei uns.“

***

Wenig später kam Yannick in den Garten. Ringo hatte sich eine Hacke genommen und bearbeitete den Boden. Yannick setzte sich das Mäuerchen und beobachtete ihn. „Wir fahren also morgen nach München?“

Ringo hielt inne und lehnte sich auf die Hacke. „Länger sollte sie wirklich nicht am Stück fahren müssen.“

„Finde ich auch“, sagte Yannick.

Sie teilten ein Lächeln, bevor Ringo zur Planung über ging: „Kannst du schon mal auf‘s Navi sehen? Ich mache auch nachher den Proviant fertig, aber ich kann gerade einfach nicht stillsitzen.“

Yannick sah ihn ernst an. „Du machst dir echt Sorgen, mh?“

Ringo erwiderte seinen Blick. „Ist das ein Wunder? Sie ist meine Familie… ich meine, du auch, aber...“ Yannick lächelte. „Ich versteh das schon.“

Ringo sah erleichtert aus. „Danke“, sagte er ehrlich.

Jetzt wurde Yannicks Lächeln breiter. „Kein Ding.“ Er stand auf. „Ich geh dann mal auf‘s Navi sehen. Mach nicht mehr zu lang. Wir müssen früh los, wenn wir vor Kira in München sein wollen.“

Jetzt musste Ringo wirklich grinsen. Auch das hatte Yannick erraten. „Ne, ich komm gleich“, sagte er, „ich mache nur noch das Stück hier fertig.“

Mit einem Lächeln ging Yannick hinein.

***

Kurz nachdem sie am nächsten Morgen losgefahren waren, kam von Kira die Nachricht, dass sie jetzt auch losfahren würde. Ringo saß am Steuer, während Yannick auf Kiras Nachricht antwortete. „Sag ihr, sie soll sich melden, sobald sie über die Grenzen ist“, sagte Ringo.

„Mach ich“, antwortete Yannick und tippte weiter. Schließlich steckte er das Handy ein und lehnte sich zurück. „Dass wir uns echt mal innerhalb der EU Sorgen darum machen müssen, über die Grenzen zu kommen...“, sagte er.

Ringo sah nur kurz zu ihm. „Naja, die wollen ja den Virus aufhalten, nicht die Leute. Hoffen wir mal, Kira legt sich nicht mit denen an.“

Yannick musste widerwillig lächeln. „Ich hoffe mit dir.“ Er richtete sich auf. „Soll ich das Radio anmachen?“

Ringo schüttelte den Kopf. „Ne, lass mal, sind im Moment ohnehin nur schlechte Nachrichten.“

Yannick ließ sich zurück sinken. „Was dagegen, wenn ich schlafe? Dann bin ich fit für die Rückfahrt.“

Ringo lächelte kurz. „Ne, mach nur.“

Yannick ließ seine Sitzlehne ein Stück runter, legte seine Jacke über sich und war schon kurz darauf eingeschlafen. Er wachte nur kurz auf, als sein Handy piepste. Kira hatte geschrieben, dass sie über die österreichische Grenze war. Die Erleichterung der beiden war groß. Die deutsche Grenze sollte eine erheblich einfachere Hürde darstellen. Yannick drehte sich wieder um und schlief weiter. Erst als Ringo in einer Raststätte zum Tanken raus fuhr, wachte er wieder auf und streckte sich.

Danach blieb Yannick wach und kurz vor München erhielten sie die Nachricht, dass Kira sich endlich auf deutschem Boden befand. Hätte Ringo nicht am Steuer gesessen, wären sie sich wahrscheinlich vor Erleichterung um den Hals gefallen. Statt dessen legte Yannick Ringo kurz die Hand auf das Bein. „Jetzt haben wir sie bald.“ Ringo lächelte nur.

***

Wenig später parkten sie in der Nähe der Firma, wo Kira den Leihwagen abgeben musste. Es dauerte noch eine Weile und Yannick war fast schon wieder eingedöst, als Ringo rief, „da ist sie!“ Seine Stimme überschlug sich fast. Etwas mühsam parkte Kira den Leihwagen vor der Firma und sprang heraus. Sie hatte das Auto der beiden ebenfalls entdeckt.

Auch Ringo und Yannick stiegen aus und dann lagen sie sich in den Armen. Kira begann zu weinen. „Ich hab echt gedacht, ich schaff‘s nicht. Ich konnte doch nicht ahnen, dass das so schlimm wird.“

Yannick strich ihr über den Kopf. „Das konnten wir alle nicht.“

Kira klammerte sich an die beiden und es rollten noch mehr Tränen. Ringos Augen sahen auch verdächtig feucht aus.

Es dauerte eine Weile, bis Kira gefasst genug war, um ihr Gepäck um zu laden und den Leihwagen zurück zu geben. Yannick übernahm das Steuer und etwas außerhalb von München fanden sie eine nette Parkbank, auf der sie erst einmal eine Essenspause einlegten. „Und warum müssen wir unbedingt hier draußen essen?“, fragte Kira, „es ist echt kalt.“

Ringo und Yannick tauschten einen Blick. Über die Quarantäne hatten sie noch nicht mit Kira gesprochen. Yannick räusperte sich und Kira sah fragend vom einen zum anderen. „Was ist?“, fragte sie misstrauisch.

„Naja“, begann Yannick, „du könntest den Virus haben und solltest besser niemanden anstecken.“

Jetzt legte Kira ihr Brötchen zur Seite. „Ernsthaft?“, fragte sie, „ihr glaubt echt, ich könnte den Virus einschleppen? Ich bin topfit!“

„Das haben andere auch gesagt und die hatten trotzdem den Virus“, erklärte Ringo ruhig.

Kira verschränkte bockig die Arme, bis ihr etwas einfiel und sie sie wieder locker ließ. „Und was ist mit euch? Euch müsste ich dann doch auch anstecken können?“

Wieder tauschten die beiden einen Blick und dann erklärte Yannick ihr den Plan von der gemeinsamen Quarantäne. Kira war hin und her gerissen zwischen fassungslos und gerührt. „Und das heißt, ich darf zwei Wochen lang nirgendwo hin?“

„Genau, auch nicht zu Melanie und Tim“, erklärte Ringo.

Kira stöhnte. „Gott wie langweilig.“

„Die Aufregung von heute sollte ja mal für zwei Wochen reichen“, erwiderte Ringo bissig.

Kira streckte ihm die Zunge raus, biss aber dann wieder nachdenklich in ihr Brötchen. „Ihr wisst schon, dass ihr die beste Familie seid, die man sich vorstellen kann?“

Wieder ging ein Blick zwischen ihrem Bruder und Yannick hin und her und Kira lächelte, während sie wieder in ihr Brötchen biss. Selbst sie hatte begriffen, was die beiden bereit waren, für sie zu tun.

Während der Rückfahrt telefonierte Kira zuerst mit Fabian, dann mit Tobias und Mickie. Dann schlief sie erschöpft ein. Ringo döste und Yannick konzentrierte sich auf die Straße. Er war dankbar, dass Kira sicher in ihrem Auto saß. Jetzt mussten sie nur noch die nächsten beiden Wochen überstehen.

***

Die Ankunft Zuhause war merkwürdig. Melanie und Tim hatten das Auto gehört und waren ans Fenster gekommen, um mit ihnen zu sprechen. „Wir haben eine Kaffeemaschine und einen Wasserkocher für euch oben besorgt“, erklärte Melanie, „und wir waren noch mal kaufen. Ihr habt jetzt oben einen kleinen Vorrat an allem möglichen.“

„Nur mit dem Klopapier müsst ihr sparsam sein“, fügte Tim hinzu und erntete dafür irritierte Blicke.

Melanie hob die Schultern. „Da draußen sind ein paar Irre unterwegs, die Klopapier bunkern. Keine Ahnung, was die sich davon versprechen.“

„Vielleicht meinen die, ein besonders sauberer Hintern schützt sie vor dem Virus“, erwiderte Ringo.

Kira runzelte die Stirn. „Und was machen wir, wenn wir keins mehr haben?“

„Melanie und ich fahren abwechselnd zum Laden, bis wir welches ergattern“, versprach Tim.

„Ihr seid Engel“, sagte Yannick, „was würden wir nur ohne euch tun?“

„Euch durch völlig überfüllte Läden drängen und euch fragen, warum die Leute noch nicht gehört zu haben, dass Abstand halten gegen Ansteckung helfen soll; ein Jahresvorrat Klopapier jedenfalls nicht“, erwiderte Melanie ironisch, „und jetzt geht mal hoch. Ihr seid doch sicher müde.“

„Wir stellen euch nachher was warmes zu Essen in die Treppe“, versprach Tim.

„Also, an den Service könnte ich mich gewöhnen“, konnte sich Kira nicht verkneifen.

Ringo rempelte sie an. „Jetzt sei mal etwas dankbarer. Hier reißen sich gerade alle für dich den Arsch auf.“

Kira schrumpfte einige Zentimeter. „Ja, ich weiß.“ Sie sah zu Melanie und Tim. „Danke.“

Melanie lächelte. „Wenn wir jetzt nicht zusammen halten, wann dann?“

Ringo hob den Mundwinkel. „Wir wissen das echt zu schätzen.“ Er sah zu den anderen beiden. „Und jetzt kommt. Ich bin echt müde.“

Als sie kurz danach die Treppe hoch kamen, blieben sie stehen. Melanie und Tim hatten ein kleines Regal in den Flur gestellt und es mit Knabberkram und Hygieneartikeln gefüllt. Daneben stand ein kleiner Tisch mit Kaffeemaschine und Wasserkocher. Tee, Kaffee und eine Obstschale gab es ebenfalls. Yannick und Kira schluckten gerührt. „Die sind echt die besten“, sagte Yannick.

„Ja, das wissen wir jetzt“, erwiderte Ringo ganz pragmatisch, „können wir jetzt mit dem ganzen Kram rein?“ Er deutete auf Kiras Gepäck.

Kira griff nach einer ihrer Taschen. „Du hast echt keinen Sinn für Drama“, zog sie ihn auf.

Das brachte ihr einen Klaps von Ringo ein. „Ich hab dich als Schwester – das ist Drama genug.“

Sie streckte ihm die Zunge raus. Dann gähnte sie. „Ich glaube, ich lege mich erst mal hin.“ Damit machte sie sich auf in ihre Dachkammer und blieb wieder gerührt stehen. Auch ihr Bett war bereits bezogen. Darauf lag ihre Schlafkleidung und Melanie und Tim hatten ihr noch ein kleines Päckchen Bonbons darauf gelegt. Sie ließ ihre Taschen stehen, zog ihre Sachen aus, schlüpfte in ihre Schlafsachen und kroch unter die Decke. Sie war noch nie so erleichtert gewesen, wieder hier zu sein. Die Welt da draußen war plötzlich wirklich unheimlich geworden. Schnell kuschelte sie sich tief unter die Decke und vergoss ein paar Tränen der Erleichterung.

***

In den nächsten Tagen richteten Yannick, Ringo und Kira sich in ihrem vorübergehenden Leben ein. Ringo und Yannick arbeiteten weiterhin im Garten, aber jedes Mal sprachen sie sich mit Melanie und Tim ab, um ihnen nicht zufällig am Eingang in die Arme zu laufen. Kira verbrachte viel Zeit im Bett, skypte mit Fabian oder zeichnete Entwürfe.

Am Freitag kam Tim zu Ringo und Yannick in den Garten und blieb mehrere Meter von ihnen entfernt stehen. „Sie schließen die Schulen“, verkündete er.

Sofort ließen Ringo und Yannick ihre Arbeitsgeräte sinken. „Das wird ja echt immer krasser“, stellte Yannick fest.

„Und unheimlicher“, fügte Ringo hinzu.

„Ich rufe noch mal bei Mama, Papa und Oma an“, sagte Yannick und legte seine Hacke zur Seite.

Tim wich ihm mit großem Abstand aus, damit er ins Haus konnte und sah dann zu Ringo. „Wir sollten uns wohl langsam darauf einstellen, dass es eine ganze Weile anders sein wird, als wir es kennen“, stellte er fest.

Ringo nickte nachdenklich. „Da müssen wir wohl durch.“

***

In den nächsten Tagen kamen aus sämtlichen Bundesländern Absagen von Veranstaltungen und auch die meisten Geschäfte mussten schließen. Meistens wurde nach den abendlichen Nachrichten mit Melanie und Tim geskypt, um sich über die neuesten Entwicklungen auszutauschen. Die beiden waren in der Zwischenzeit noch mal kaufen gewesen und hatten ebenfalls einen kleinen Vorrat angelegt. Die Situation war zu unvorhersehbar – da wollten auch sie wenigstens ein paar Sachen mehr im Haus haben.

Am Dienstagabend konnte man Kira heftig aus ihrem Zimmer Husten hören. Alarmiert sahen Ringo und Yannick sich an und Ringo ging hoch zu ihr, um nach ihr zu sehen.

Etwas später kam er runter. „Kein Fieber, aber ziemlich heftiger Husten“, sagte er.

„Lässt sie sich testen?“, fragte Yannick.

Ringo hob die Schultern. „Vielleicht sollten wir erst mal abklären, wie das überhaupt abläuft.“

Yannick drehte sich zu seinem Notebook und fand innerhalb kürzester Zeit die Hotline-Nummer vom Gesundheitsamt. Sofort wählte er sie auf seinem Handy und stellte auf Lautsprecher, damit Ringo mithören konnte. Er erklärte der Dame an der Hotline, wie die Situation war und diese gab ihnen hilfreiche Tips und Informationen.

Als sie später mit Kira sprechen wollten, war diese bereits am Schlafen, also verschoben sie es auf das Frühstück am nächsten Tag. Sie saßen, wie an den Tagen zuvor, gemeinsam in Ringos Zimmer und aßen.

„Ich bringe dich heute zu einer Drive-In-Teststation in Bocholt“, erklärte Ringo Kira ohne Einleitung.

Irritiert runzelte Kira die Stirn. „Und was soll ich da?“

Ringo verdrehte genervt die Augen. „Du warst in einem Risikogebiet und du hustest. Das reicht ja wohl aus, um dich testen zu lassen.“

Empört verschränkte Kira die Arme. „Und das entscheidest du einfach so alleine?“

„Nein, nicht alleine….“, erwiderte Ringo und sah kurz zu Yannick.

„Schön, dass ihr euch so einig seid“, erwiderte Kira sauer.

„Jetzt komm schon, Kira“, mischte Yannick sich ein, „es ist das einzigst Vernünftige. Oder willst du wirklich nicht wissen, ob du den Virus erwischt hast oder nicht?“

Kira schmollte. Dann seufzte sie. „Na gut, dann machen wir halt den Test. Kann ja nicht so schlimm sein.“

Yannick lächelte. „So gefällst du mir.“

***

Die Fahrt durch die leeren Straßen war unheimlich. Auch Kira sah schweigend aus dem Fenster. Der Ernst der Lage konnte nicht deutlicher sein. Vor dem Drive-In mussten sie fast zwei Stunden warten. Sie redeten nicht viel. Das mulmige Gefühl war fast greifbar im Auto. Dann wurden sie schließlich herein gewunken. Irritiert beobachteten die beiden, die Person, die in voller Schutzkleidung auf das Auto zu kam. Ringo deutete zu Kira, die hinter ihm saß und zögernd öffnete diese ihr Fenster. Ihre Daten wurden abgefragt, damit sie der gefaxten Überweisung des Dorfhausarztes, den sie am Morgen noch angerufen hatten, zugeordnet werden konnte.

Dann musste Kira den Mund weit öffnen und die Person in Schutzkleidung steckte ihr ein Wattestäbchen in den Rachen. Kira zuckte zusammen und war froh, als die Person sich mit dem Stäbchen entfernte. Ringo sah besorgt zu ihr. „Kannst du mich einfach von hier wegbringen?“, bat sie, „das hier ist gruselig. Als wäre man in einem Katastrophenfilm gelandet.“

Ringo konnte ihr da nur zustimmen. Schweigend fuhren sie zurück. Erst als sie vor dem Haus ausstiegen, zog Ringo seine Schwester wortlos in die Arme. Aber Kira drückte ihn weg. „Lass das, du sollst dich doch nicht anstecken.“

Melanie öffnete das Fenster. „Wie war‘s?“, wollte sie wissen.

Ringo hob die Schultern. „Wie im falschen Film. Wir waren in einer Tiefgarage und eine vermummte Person hat Kira ein Wattestäbchen in den Rachen gesteckt.“

Melanie sah zu Kira, die ziemlich mitgenommen aussah. „Leg dich am besten gleich hin. Egal, was du hast, ruh dich aus, wir bringen dir nachher etwas Hühnersuppe.“

„Danke“, sagte Kira nur und ließ sich dann von Ringo hinein bringen.

***

Die Hühnersuppe aß Kira noch, danach legte sie sich schlafen. Dafür lagen Ringo und Yannick lange wach. „Das macht einem erst klar, wie gefährlich dieses Ding ist, dass die da so vermummt sind“, sagte Ringo düster.

Yannick griff nach seinem Arm. „Kira ist jung. Sie schafft das. Und wir auch.“

Ringo versuchte ein schiefes Lächeln. „Was würden wir nur ohne dich machen?“

Yannick grinste. „Wahrscheinlich würdet ihr euch anschreien, damit der jeweils andere nicht merkt, wieviel Sorgen ihr euch um ihn macht.“

Ringo grinste. „Touché.“

Yannick rückte näher zu ihm und legte seinen Arm um ihn. „Komm, wir sollten schlafen. Bringt ja nichts, wenn wir vor Schlafmangel zusammenklappen.“

***

Den gesamten nächsten Tag zog Kira sich zurück. Sie ließ sich nur Essen bringen, schickte aber ihren Bruder und Yannick direkt wieder weg. Die Angst, ihnen eine möglicherweise tödliche Krankheit gebracht zu haben, saß tief. Sie versuchte zu schlafen und lenkte sich an ihrem Handy ab. Als Yannick und Ringo am Abend versuchten sie via Videochat zu erreichen, schob sie Müdigkeit vor. Sie wollte nicht vor ihnen in Tränen ausbrechen, wohl wissend, dass sie sich nicht in ihre Arme werfen konnte.

Ringo hatte den Tag nur überstanden, weil er sich in die Gartenarbeit gestürzt hatte und Yannick hatte nicht viel mehr machen können, als schweigend Beistand zu leisten.

Die Erlösung kam am nächsten Morgen. Kira hatte gerade ihr Frühstück beendet, als der Anruf vom Gesundheitsamt kam: Sie war negativ. Kein Corona. Sie fing schon an zu Weinen, bevor sie aufgelegt hatte. Sie versuchte sich zu beruhigen, bevor sie hinunter ging, aber als sie vor Ringo stand, flossen schon wieder die Tränen. Bestürzt sah Ringo sie an. „Haben sie angerufen? Hast du Corona?“ Kira schüttelte den Kopf. „Ist nur ein normaler Husten. Kannst du mich jetzt bitte in den Arm nehmen?“ Dem kam Ringo gerne nach. Und Kira weinte lange in seinem Arm.

Als Yannick ins Zimmer kam, saßen die beiden auf dem Bett und Kira hatte sich etwas beruhigt. Ringo hatte ihm per SMS Bescheid gegeben. Yannick setzte sich zu ihnen und umarmte Kira. Dieser kamen schon wieder die Tränen. „Ich hatte echt Schiss, dass ich euch den Scheiß mitgebracht habe.“

Yannick fuhr ihr über den Rücken. „Ist doch gut, dass es erst mal nicht so aussieht.“

Ringo warf ihm einen mahnenden Blick zu, aber der Schaden war schon angerichtet. Kira zog  sich zurück. „Was heißt erst mal?“, fragte sie mit gerunzelter Stirn.

„Naja, die zwei Wochen sind ja noch nicht um“, sprang Ringo ein, „wir müssen immer noch abwarten.“

Kira zog ein Gesicht. „Das heißt, ich kann das immer noch bekommen?“

Ringo presste die Lippen zusammen und sah auffordernd zu Yannick. „Theoretisch schon“, sagte dieser ehrlich.

Kira stand auf, um sich von den beiden zu entfernen, aber Ringo griff nach ihrer Hand. „Jetzt bleib hier. Wenn dann ist es eh zu spät.“

Kira sah immer noch hilflos aus, aber jetzt griff auch Yannick nach ihrer anderen Hand. „Es bleibt dabei, dass wir das zusammen durchstehen.“ Kira sackte auf das Bett zurück. „Mann, warum musste ich auch ausgerechnet jetzt in Mailand sein?“, seufzte sie.

***

Am Mittag stand neben einer neuen Packung Hustensaft auch ein Kuchen in der Treppe. Melanie und Tim versorgten sie vorzüglich. Auch Kiras Stimmung hob sich wieder. Der Husten hatte sogar schon etwas nachgelassen und sie unterhielt sich per Videochat mit Melanie, während sie in Ringos Zimmer saßen und Kuchen aßen.

„Danke für die Sachen“, sagte sie gerade.

Melanie lächelte. „Kein Ding. Aber die Situation ist echt Käse.“

Kira musste grinsen. „Habt ihr deshalb Käsekuchen gebacken?“

Melanie lachte. „Ne, der Quark musste aufgebraucht werden.“

„Wie sieht‘s denn da draußen bei euch aus?“, wollte Yannick aus dem Hintergrund wissen.

„Strange; wie im Film“, erwiderte Melanie, „im Laden überall Abstand halten. Manche Leute tragen Masken. Die Apotheke hat einen Extra-Schalter für Leute mit verdächtigen Symptomen...“, sie hielt kurz inne und wechselte das Thema, „wie geht‘s deinen Eltern und Gertrud? In einer Großstadt muss das ganze doch noch um einiges schlimmer sein.“

Kira hatte das Handy jetzt zu Yannick gedreht, als dieser antwortete. „Ich hab gestern mit ihnen gesprochen. Papa ist im Home-Office und Mama erledigt jetzt sämtliche Einkäufe für Oma und ihre Mitbewohnerin, damit sie nicht raus müssen. Zum Glück sind sie zu zweit. Ich will gar nicht wissen, wieviele alte Menschen jetzt alleine Zuhause sitzen.“

Melanie seufzte. „Ja, Tim und ich sind auch schon am reden, wie wir andere hier in der Umgebung unterstützen können.“

„Wenn wir irgendwie helfen können, sagt Bescheid“, erwiderte Yannick.

Melanie lächelte. „Machen wir. Übersteht ihr erst mal eure Quarantäne.“

***

Am späten Abend  kam ein Anruf von Tobias. Sie hatten ihn per SMS informiert, dass Kiras Ergebnis negativ war. Dafür klang Tobias angeschlagen. „Mich hat‘s  erwischt“, sagte er zu Ringo. Dieser runzelte die Stirn. „Wie erwischt?“

„Na, Coro.na“, erklärte Tobias, „Mickie ist zum Glück gleich zu Ute und Britta gezogen.“

Ringo setzte sich auf. Damit hatte er nicht gerechnet. „Und wo hast du das her? Du warst doch nicht verreist.“

Tobias seufzte müde. „Moment, ich geb dich mal weiter“, hörte Ringo ihn sagen, dann dauerte es einen Moment und Ringo wurde an Mickies Handy weiter geleitet. „Hey“, meldete diese sich, „sorry, Tobias geht‘s nicht so gut.“

„Kein Ding, der soll sich mal gut erholen“, erwiderte Ringo, „aber wie ist er denn jetzt an den Virus gekommen?“

„Da war ein Mandant bei ihm – natürlich ohne ihm zu sagen, dass er gerade aus Ischgl zurück gekommen ist“, erzählte Mickie, „Eva und Huber-Bau stehen auch unter Quarantäne. Stinker habe ich hier.“

„Aber wenn Tobias jetzt das Ergebnis bekommen hat, ist er doch schon ein paar Tage in Quarantäne. Warum habt ihr nichts gesagt?“, entgegnete Ringo.

Mickie seufzte. „Weil ihr mit Kira schon genug Sorgen hattet. Wenigstens ist die negativ.“

„Aber bei euch anderen ist alles gut?“, fragte Ringo.

„Im Moment sind alle außer Tobias okay.“ Sie seufzte. „Mann, ihm geht‘s schlecht und ich kann mich nicht mal um ihn kümmern.“

„Tobias übersteht das schon“, sagte Ringo, „sieh lieber zu, dass du gesund bleibst.“ HIV und Corona war bestimmt kein Spaß.

Mickie versuchte zu lächeln. „Mach ich. Oh, es hat gerade geklingelt. Das ist bestimmt Britta mit Essen aus dem Schiller. Mach‘s gut.“

„Du auch“, erwiderte Ringo und legte auf. Nachdenklich legte er das Telefon zur Seite. Er starrte immer noch vor sich hin, als Yannick zur Tür herein kam. Stirnrunzelnd sah er Ringo an. „Alles okay?“

Ringo sah auf. „Mach die Tür zu.“ Irritiert kam Yannick den Wunsch nach und Ringo lehnte sich mit einem Seufzen zurück. „Tobias hat‘s erwischt. Ein Mandant hat den Scheiß-Virus in die Kanzlei geschleppt. Tobias ist krank und alle aus dem Büro in Quarantäne.“

Yannick setzte sich auf das Bett. Das musste er erst mal verdauen. „Scheiße.“

Ringo nickte und sah auf. „Wir sagen Kira nichts davon.“

Yannick nickte zustimmend. „Finde ich auch besser.“

Ringo atmete durch, er fühlte die Anspannung in sich. „Ich würde jetzt echt gerne Joggen gehen, aber das lasse ich wohl besser.“

Yannick stand auf. „Komm, Sport können wir auch hier auf dem Grundstück machen.“

Ringo hob belustigt die Augenbraue. „Im Dunkeln?“

Yannick hob die Schultern. „Scheiß drauf. Wir stehen alle unter Strom. Komm schon.“

Das musste er Ringo nicht noch mal sagen. Kurz darauf waren sie in Sportkleidung draußen auf der Wiese.

***

Selbst Melanie und Tim hatten sie nichts von Tobias gesagt. Sie wollten nicht, dass einer von ihnen sich bei Kira verplapperte. Aber so langsam fiel ihnen die Decke auf den Kopf. Während Melanie und Tim emsig dabei waren, eine Nachbarschaftshilfe auf die Beine zu stellen, konnten sie nur Gärtnern und ein paar Sachen für die Uni vorbereiten.

Am Mittag kam ein großes Paket für Kira an. Sie hatte sich online Material bestellt, um alleine in ihrem Kämmerlein, wenigstens Handtaschen entwerfen zu können. Das sahen Ringo und Yannick zumindest positiv – denn Kira versuchte jetzt wirklich trotz allem, den Kontakt zu meiden.

Gelangweilt saßen Ringo und Yannick vor dem Abendessen in ihrem Zimmer und sahen einen Film, als Tim anrief. Ringo sah auf seine Uhr. „Ist noch etwas früh für‘s Essen.“ Yannick hob die Schultern und nahm ab. „Hey“, meldete er sich und stellte auf laut.

„Hey“, meldete sich Tim, „sag mal könntet ihr euch vorstellen, die Telefonzentrale für unsere Nachbarschaftshilfe zu machen? Melanie meinte, dass ihr vielleicht froh wärt, wenn ihr was zu tun habt und uns würdet ihr damit entlasten. Wir sind ja ständig am Rumfahren und dann noch die Anrufe zu händeln, ist echt viel.“

Yannick und Ringo wechselten einen Blick und Yannick lächelte erleichtert. „Ja, machen wir gerne. Was steht denn genau an?“

„Die Leute rufen an und geben euch ihre Einkaufslisten und ihre Adresse durch. Das schickt ihr dann an uns weiter und wir machen den Rest“, erklärte Tim.

Ringo beugte sich vor. „Was hältst du davon, wenn wir euch noch die Logistik machen – also die beste Reihenfolge zur Auslieferung?“

„Ja, gerne“, erwiderte Tim sofort, „wir sind übrigens mit zwei Autos unterwegs. Melanie benutzt das von ihren Eltern. Wenn ihr also für sie und für mich jeweils einen Plan macht, wäre das super.“

„Für wieviele Dörfer macht ihr das denn, dass da so viele zusammen gekommen sind?“, fragte Yannick.

„Wir haben hier und in den fünf umliegenden Dörfern Zettel ausgehangen und in die Briefkästen geworfen. Jetzt wollen wir natürlich auch allen helfen, die sich melden.“

„Okay, dann leitet euer Festnetz einfach weiter auf mein Handy“, erwiderte Yannick, „dann machen wir für euch die Orga.“

Tim bedankte sich und Yannick sah zu Ringo. „Sieht so aus, als hätten wir endlich was zu tun. Ich am Telefon, du die Logistik?“ Ringo lächelte schief. „Läuft.“

***

Die Anrufe kamen. Manchen Leuten war es peinlich, um Hilfe zu bitten, aber das konnte Yannick ihnen schnell ausreden. Am späten Nachmittag bekam Ringo dann die Adressen und tüftelte für Tim und Melanie eine Liste aus. An manchen Abenden reichte es, dass sie nur mit einem Wagen fuhren, an anderen fuhren sie mit zwei. Klopapier brachten sie mit, wann auch immer sie welches ergattern konnten. Das kam dann mit zu den Einkäufen, wenn einer der alten Leute etwas bestellte. Ansonsten wäre die Wahrscheinlichkeit zu groß, dass sie genau dann keines mehr bekommen würden, wenn es gerade jemand brauchte.

Yannick sah mit Erleichterung, dass Ringo sich auf die Programmierung eines Programms konzentrierte, das die Logistik übernehmen würde. Auch ihm selbst tat es gut, etwas zu tun zu haben und hin und wieder kam auch Kira herunter, um sich Yannicks Handy zu leihen, damit sie auch mal etwas anderes zu tun hatte, als Handtaschen machen.

So verlief die zweite Woche ihrer gemeinsamen Quarantäne eigentlich gut, bis Kira am letzten Tag wütend herunter marschierte. „Wisst ihr was? Ich wollte gerade mal bei Tobias durchklingeln, um etwas zu Quatschen, aber er geht nicht ran. Also habe ich Mickie angerufen und wisst ihr, was sie mir gesagt hat? Dass Tobias wegen diesem Virus gestern Abend fast ins Krankenhaus musste. Sie war ganz verwundert, dass ich noch nicht wusste, dass er sich infi… wie auch immer, hat. Weil sie euch doch gestern direkt Bescheid gegeben haben!“ Wütend sieht sie vom einen zum anderen.

Ringo und Yannick tauschten einen Blick. „Mann, Kira...“, begann Yannick.

„Nichts, Mann, Kira!“, wütete diese zurück, „Tobias und Mickie sind unsere Familie. Wenn‘s denen scheiße geht, will ich das verdammt noch mal wissen!“

„Aber dir ging‘s doch selbst scheiße!“, gab Ringo zurück, „hätten wir das noch schlimmer machen sollen?“

„Ich hatte nur eine normale Erkältung!“, pfefferte Kira zurück.

„Und einen ganz gehörigen Lagerkoller!“, kam es jetzt etwas lauter von Ringo, „was hätte es denn gebracht, wenn du dann auch noch wegen Tobias ausgeflippt wärst?“

Kira öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Yannick trat einen Schritt vor und legte ihr die Hand auf die Schulter. „Wäre Tobias wirklich ins Krankenhaus gekommen, hätten wir dir Bescheid gesagt“, sagte er.

„Wirklich?“, fragte sie.

Yannick nickte. „Das haben wir gestern Abend vereinbart, als Easy uns geschrieben hat, dass es danach aussieht.“

Kira rollten einige Tränen über‘s Gesicht. „Ich weiß nicht, ob ich mit dieser neuen Welt klarkomme. Ich war noch nie so viel allein, wie in den letzten beiden Wochen.“

Jetzt legte Ringo seinen Arm um seine Schwester. „Aber das wird ja auch mal vorbei gehen. Und wir haben immer noch uns.“

Kira lächelte leicht.

Der Augenblick wurde von Yannicks klingelndem Handy unterbrochen. Entschuldigend löste er sich von den Zwillingen und ging ran, um die nächste Einkaufsliste entgegen zu nehmen. Kira lächelte zu Ringo hoch. „Wir werden das hier durchstehen, oder?“

Ringo strich ihr kurz über den Kopf. „Ja, werden wir.“

„Und Tobias?“, fragte sie.

„Ging es heute Morgen besser, als gestern Abend“, erwiderte Ringo, „und jetzt komm, es gibt gleich Mittagessen. Das letzte Mal in der Isolierzelle – ab morgen können wir wieder mit Melanie und Tim zusammen essen.“

„Oh, Gott, ich glaube, wenn ich morgen Melanie und Tim endlich wieder live sehen kann, lasse ich sie gar nicht mehr los“, plötzlich kehrte ein Strahlen auf Kiras Gesicht zurück, „schon krass, jemanden zu vermissen, obwohl man im selben Haus wohnt.“

Yannick, der wieder zu ihnen getreten war, lachte. „Morgen sollten wir vor allem erst mal für die beiden Kochen – als Dankeschön für die grandiose Versorgung in den letzten beiden Wochen.“

Kira lächelte spitzbübisch. „Dass überlasse ich mal lieber Ringo und dir. Wenn ich koche, wäre das eher eine Strafe, als ein Dankeschön.“ Dann breitete sie die Arme aus. „Und jetzt kommt her, meine beiden Lieblingsmenschen.“

***

Yannick und Ringo lagen am nächsten Morgen noch im Bett, als Yannicks Handy läutete. Grummelnd ging Yannick ran. Es war Tim. „Jetzt los, macht euch schon runter“, kam es gut gelaunt von ihm, „Melanie und ich müssen früh los und wir wollen noch mit euch frühstücken.“

Yannick setzte sich auf und gähnte. „Hättet ihr uns nicht gestern vorwarnen können?“

Tim gluckste. „Das hätte viel weniger Spaß gemacht. Jetzt kommt schon. Es steht alles bereit.“

Yannick sah zu Ringo, der ihn anblinzelte und grinste. „Gebt uns zehn Minuten. Und keine Garantie dafür, dass ihr nicht Kiras Krallen zu spüren bekommt.“

Tim lachte. „Wir erwachten eher, von ihr zu Tode gequetscht zu werden.“

Yannick grinste. „Das könnte auch passieren. Bis gleich dann.“ Er legte auf und sah zu Ringo. Einen Augenblick lächelten sie sich an. Sie hatten die Krise der letzten beiden Wochen überstanden. „Sieht so aus, als würde ein großes Frühstück auf uns warten“, meinte Yannick dann, „weckst du Kira?“

Jetzt richtete sich auch Ringo auf und beugte sich für einen kurzen Kuss vor. „Du verarztest mich danach?“, fragte er dann.

Yannick lachte auf und stupste ihn an. „Ich wette, sie wird vor uns die Treppe runter sein.“

Ringo grinste. „Da könntest du Recht haben.“ Er beugte sich noch mal für einen Kuss vor und stand dann auf.

Yannick kramte noch nach Sachen im Schrank, als Ringos Handy eine eingehende SMS ankündigte. Yannick warf einen Blick darauf und sah, dass sie von Mickie war. Sofort griff er nach seinem Handy und rief sie an. „Hey“, grüßte er, „wie sieht es bei euch aus?“

„Tobias geht‘s besser“, berichtete sie, „er hat mich eben angerufen, ob ich ihm was zu Essen vor die Tür stellen kann. Er ist aufgewacht und hatte endlich wieder richtig Hunger.“

Yannick lächelte. „Das ist echt gut“, sagte er, „wir rufen heute Abend mal bei Tobias an. Vielleicht ist ihm ja auch wieder nach Sprechen zu Mute.“

Mickie lächelte. „Ja, versucht es einfach. Nicht dass er noch depressiv wird. Die ganze Zeit allein und wenn dann geht nur Sina zu ihm rein – in voller Schutzausrüstung. Echt gruselig.“

„Da werden wir uns wohl vorerst dran gewöhnen müssen“, erwiderte Yannick, „war genauso, als Ringo und Kira zum Test waren.“

„Hoffen wir mal, dass es schnell vorbei ist“, sagte Mickie.

„Ja, hoffen wir es“, erwiderte Yannick und sah auf die Uhr. In drei Minuten hatte er versprochen unten zu sein. „Du, ich muss langsam Schluss machen. Mach‘s gut.“

„Ja, du auch“, erwiderte Mickie.

Yannick schlüpfte schnell in seinen Jogging-Anzug und verließ das Zimmer, um Richtung Bad zu gehen, als Kira an ihm vorbei flitzte. Sie hatte Ringo genötigt, sie zuerst ins Bad zu lassen und konnte es jetzt nicht erwarten, nach unten zu kommen. Froh drückte sie Yannick an sich und lief dann auch schon weiter. Yannick schüttelte mit einem Lächeln den Kopf und ging ins Bad zu Ringo.

Kira stürmte währenddessen in die Küche und fiel Melanie um den Hals. „Gott, ich hab echt manchmal gedacht, dass die ganze Welt da draußen aufgehört hat, zu existieren“, sagte sie. Melanie erwiderte lachend die Umarmung. „Ne, die hat sich nur gerade echt verändert. Aber wir sind alle noch da.“

Tim kam herein und Kira drückte ihn ebenfalls schnell an sich, wenn auch nicht so lange wie Melanie. Und da kamen auch schon Yannick und Ringo herein. Es wurde ein großes Hallo. Melanie und Tim umarmten Yannick und legten Ringo kurz die Hand auf den Arm. Dann setzten sie sich gemeinsam an den Tisch.

Yannick erzählte von seinem Gespräch mit Mickie und Melanie und Tim erzählten, was so in der Welt da draußen los war. „Wir sind am Überlegen, mal zu sehen, wo wir so selbstgenähte Masken herbekommen“, erzählte Melanie, „gerade weil wir so viel Einkaufen gehen, dachten wir, dass es vielleicht nicht schlecht ist, sich da etwas besser zu schützen.“

„Wie soll denn sowas aussehen?“, fragte Kira.

Melanie nahm ihr Handy und tippte kurz darauf herum, ehe sie es Kira hinhielt. Kira sah mit gerunzelter Stirn darauf. „Und damit wollt ihr herum laufen? Gerade schick ist das ja nicht.“

Ringo verdrehte die Augen. „Es geht ja auch nicht darum, ob die Dinger schick aussehen. Die sollen schützen. Eine Schweißbrille oder so sieht ja auch nicht schick aus.“

Kira grummelte etwas vor sich hin. Einige Sekunden kaute sie weiter, dann griff sie nach ihrem Handy. Sie rief ein Bild auf und hielt es Melanie und Tim hin. „Ginge der Stoff?“, fragte sie, „von dem habe ich noch was übrig. Und ich könnte noch Farben bestellen, die zu euren Klamotten passen.“

Melanie und Tim sahen sie irritiert an und Kira ging in die Defensive. „Ja, was denn jetzt? Wollt ihr so Gesichtsverunstalter oder nicht?“

Melanie räusperte sich. „Du könntest die machen?“

Jetzt war Kira wirklich beleidigt und verschränkte die Arme. „Na, klar kann ich das. Ich habe Design studiert. Schon vergessen? Und wenn ich die mache, sehen die wenigstens schicker aus, als das da.“ Sie deutete in Richtung Melanies Handy.

Ringo und Yannick hatten während dem ganzen Austausch nur versteckt ein Grinsen ausgetauscht und da Melanie und Tim immer noch zu baff waren, übernahm Yannick jetzt. „Also ich hätte gerne zwei/drei Masken made by Kira“, sagte er, „ich habe nämlich vor bei den Einkaufsfahrten zu helfen.“

Ringo sah zu ihm auf und Yannick erwiderte nur mit einem Schulterzucken. Dann sah er zu Kira und diese lächelte. „Um halb zehn ist Gesicht vermessen angesagt.“ Sie sah zu Melanie und Tim. „Wie sieht‘s aus?“ Jetzt lächelten die beiden auch. „Gerne“, sagte Melanie, „wir hätten nur nicht damit gerechnet, dass du dich so schnell auf Masken verlegst.“

Kira hob die Schultern. „Was soll man schon sonst viel in diesen verrückten Zeiten machen. Ich werd gleich mal Stoffe bestellen und nach Schnittmustern suchen.“

***

Während Kira sich nach dem Frühstück ihrer neuen Mission widmete und Melanie und Tim losfuhren, räumten Ringo und Yannick die Küche auf. „Einkaufen kann ich übrigens auch gehen“, sagte Ringo, „nur zu den Leuten fahrt besser ihr den Kram. Leute, die vor Dankbarkeit in Tränen ausbrechen oder so sind echt nicht mein Ding.“

Yannick lachte auf. „Die Terror-Twins wie sie Leib und Leben. Kann ja nicht angehen, dass sie Hilfe nach Hilfe aussehen lassen.“

Dafür bekam er von Ringo einen Knuff auf den Hinterkopf, aber auch dieser grinste. Yannick beugte sich vor und küsste ihn kurz. „Jedenfalls bin ich froh mit euch Vieren im Lockdown zu sitzen und niemandem sonst. Dass wir das hinbekommen, haben wir ja schon die letzten beiden Wochen gesehen. Und jetzt sollten wir mal gucken, was an Vorräten da ist, damit wir nachher ein feudales Mittagessen auf den Tisch stellen können.“

Ringo griff nach Yannicks Taille, um ihn heran zu ziehen. „Schaffen wir noch was anderes vor halb zehn?“

Wieder lachte Yannick und legte das Geschirrtuch auf Ringos Schulter ab, um ihn mit beiden Händen heran zu ziehen und ausführlich zu Küssen. „Beeilen wir uns mit der Küche“, meinte er, nachdem er sich ein Stück von Ringo gelöst hatte.

***

Der Tag verlief ruhig. Kira vermaß ihre Gesichter und betätigte einige Online-Bestellungen. Beim Mittagessen saßen sie entspannt beieinander und alberten herum. Dann zog sich Kira in ihre Dachkammer zurück und kam später mit einer fertigen Maske raus in den Garten. „So, komm her, mein Versuchskaninchen“, sagte sie grinsend zu Yannick, „ich muss sehen, wie sie geworden ist.“

Gerne stellte sich Yannick dafür zur Verfügung. Er kam zu ihr herüber und wollte nach der Maske greifen, aber Kira brachte sie schnell in Sicherheit. „Doch nicht mit den Dreckspfoten!“ Sie deutete auf Yannicks dreckige Hände. „Dreh dich um.“ Gehorsam tat er wie ihm geheißen und Kira streifte ihm die Maske über. Dann musste er sich wieder zu ihr drehen und sie zupfte an der Maske, um zu sehen, wie sie saß. „Hier muss ich noch was verbessern“, stellte sie an einer Stelle fest, ansonsten war sie zufrieden und nahm Yannick die Maske wieder ab.

Fröhlich lief sie wieder rein und Yannick und Ringo sahen sich zufrieden an. Am Abend bekam Yannick die fertige Maske und Kira kündigte für den nächsten Tag eine Großproduktion an. Sie hoffte, dass auch schon die ein oder andere Stoffbestellung eintrudeln würde.

Da Yannick als einziger schon eine Maske besaß, fuhr er am nächsten Morgen kaufen. Melanie und Tim nutzten den Tag, um sich ihrer Arbeit zu widmen und Ringo saß am Morgen an seinem Rechner. Als es klingelte, flitzte Kira nach unten und kam kurz darauf mit einem Paket wieder hoch. An Ringos offener Tür blieb sie stehen. „Der Postbote hat darauf bestanden, selbst zu unterschreiben, statt mich das machen zu lassen. Komischer Typ.“

Ringo verdrehte die Augen und drehte sich zu ihr um. „Das ist, damit ihr euch nicht zu nah kommt und dabei eventuell ansteckt“, erklärte er.

Das leuchtete auch Kira ein. Trotzdem konnte sie sich ein, „Mann, ist ja echt anstrengend“, nicht verkneifen.

Ringo hob die Schultern. „Müssen wir uns dran gewöhnen.“

Kira legte kurz den Kopf schief, wollte sich dann aber nicht weiter die Laune verderben lassen. Sie deutete auf das Paket. „Da sind ein paar Stoffe dabei, die ausgezeichnet zu deinen Chinos passen.“

Ringo runzelte die Stirn. „Ich hatte doch gar keine bestellt.“

„Yannick hat mir aber verraten, dass du auch mit Einkaufen gehst. Also bekommst du auch welche“, sie grinste ihren Bruder an, als hätte sie eines seiner Geheimnisse erfahren und Ringo verdrehte die Augen. „Mach, was du willst.“ Sie lächelte. „Mach ich auch.“ Damit verschwand sie nach oben.

***

Am Abend saßen sie zu Dritt auf Yannicks Bett, um mit Tobias per Videochat zu telefonieren. Yannick saß mit seinem Handy in der Mitte und sie warteten darauf, dass Tobias ran ging. Kurz darauf nahm Tobias ab. „Hey, ihr“, begrüßte er sie, „wartet einen Augenblick, ich muss gerade das Gespräch mit Stinker beenden.“

Ringo runzelte die Stirn. „Mit Stinker?“, fragte er amüsiert.

„Ja, Mann“, erwiderte Tobias und drehte das Handy zu seinem Notebook, „wir skypen.“ Fröhlich bellte ihnen Stinker vom Notebook entgegen und Tobias erklärte weiter. „Er hat vorletzte Nacht die ganze Zeit gefiepst, die treue Seele. Mickie meinte, dass es ihm gut tun wird, zu sehen, dass es mir besser geht.“

Die Zwillinge und Yannick grinsten. Mickie hatte das mit Sicherheit nicht nur vorgeschlagen, weil es STINKER gut tat. Jetzt legte Tobias seine Hand an den Laptop-Bildschirm. „Wir sprechen Morgen nochmal. Mach Mickie nicht zu viel Ärger und friss nicht zu viel, wenn sie versucht, dich zu verwöhnen.“ Stinker bellte kurz zustimmend auf und dann unterbrach Tobias nach einem kurzen Winken die Verbindung, um sich seinen drei anderen Anrufern zu widmen. „Also ihr drei seid gesund?“

Sie nickten. „Gott sei Dank“, sagte er, „das hier ist echt kein Spaß.“ Er hustete. „Diesen Typen verklage ich.“

„Typen?“, fragte Kira irritiert.

„Na, diesen Mandanten, der mit den Schlamassel eingebrockt hat. Rennt zu mir in die Kanzlei, um sich rechtlich beraten zu lassen, weil sein Hotelfrühstück in Ischgl Scheiße war. Er hatte natürlich noch GAR NICHTS davon gehört, dass Ischgl ein Corona-Hotspot ist. Ich habe ihn sofort rausgeworfen, als das Stichwort Ischgl fiel, aber da war es schon zu spät.“ Er räusperte sich und wechselte das Thema. „Was macht ihr denn so?“

„Also ich nähe jetzt so Stoffmasken für‘s Gesicht“, begann Kira sofort begeistert, „aber echt schicke.“ Sie sah zu Yannick. „Zeig doch mal deine.“

Yannick lächelte und griff neben sein Bett, um sie für Tobias ins Bild zu halten, während Kira fortfuhr. „Ich kann euch auch welche schicken. Passend zu deinen Anzügen und so.“

Tobias lächelte über den Eifer. „Ja, gerne, mach mal.“ Alles, um Kira beschäftigt zu halten und so Masken waren ja durchaus sinnvoll. Dann sah er zu Ringo und Yannick und diese erzählten ihm, wie sie so ihre Tage verbrachten.

Sie sprachen, bis Tobias wirklich erschöpft war und wieder schlafen wollte. Danach riefen sie noch bei Mickie an, die sich ebenfalls über jeden telefonischen Besuch freute.

***

Während dem April kehrte etwas Gewohnheit in das neue Leben ein. Sie gingen öfters Spazieren, trugen jetzt Masken bei ihren Einkäufen und Kira hatte angefangen ihren Online-Shop auszubauen, um Taschen und Masken im selben Design anzubieten. Fast täglich kamen Pakete für sie – wenn sie schon nicht im Laden shoppen konnte, dann eben online. Von einer ehemaligen Mitbewohnerin hörte sie, wie hart der Lockdown in Mailand war und war dankbar dafür, dass es in Deutschland wenigstens keine Ausgangssperre gab.

In der zweiten Aprilhälfte begann für Ringo und Yannick coronabedingt verspätet das nächste Semester an der Uni – komplett digital. Für einige Unterlagen mussten sie mal an die Uni, aber ansonsten saßen sie jetzt für ihre Vorlesungen vor ihren Rechnern. Zwar gewöhnungsbedürftig, aber für zwei IT-Nerds keine große Herausforderung. Kira hatte ihr Studium zum Glück schon nach dem Bachelor beendet, um sich ganz ihren Taschen widmen zu können.

Tobias war in der Zwischenzeit wieder bis auf einige leichtere Nachwirkungen gesund und Mickie und Stinker waren zu ihm zurück gekehrt. Er machte jetzt Homeoffice und hatte wie angekündigt Klage gegen den unvorsichtigen Mandanten eingereicht. Das Wissen um die Gefahr, in die er Mickie hätte bringen können, saß tief.

Dann rückte der erste Mai näher und Kira begann unruhig zu werden. „Was ist denn mit unserem Maifest dieses Jahr?“, fragte sie beim gemeinsamen Frühstück und erntete dafür irritierte Blicke.

Ringo verdrehte die Augen. „Willst du jetzt ernsthaft sagen, dass dir nicht klar ist, dass das nicht stattfinden kann?“, entgegnete Ringo.

Kira sah ihn bockig von unten herauf an. „Aber wir sind doch an der frischen Luft und wir müssen ja auch nicht ganz so viele Leute einladen.“

Ringo lehnte sich zurück und verschränkte die Arme, während Yannick jetzt einsprang. „Glaubst du wirklich, dass angetrunkene Leute Abstand zueinander halten?“

„Dann gibt es eben keinen Alkohol“, erwiderte Kira, „aber ich muss endlich mal wieder was anderes sehen, als das hier.“ Sie deutete vage um sich.

„Also ich möchte hier keine Party, die möglicherweise zum Superspreading-Event wird“, sagte Melanie.

Kira runzelte die Stirn. „Super…. was?“

Ringo beugte sich vor. „Was Melanie nicht will, ist dass wir hier jede Menge Kranke produzieren, die dann noch mehr Leute anstecken.“

Bockig lehnte Kira sich mit verschränkten Armen zurück. Sie verstand ja, was die anderen sagten, aber trotzdem…

Melanie stupste sie an. „Wir können doch zu fünft ein großes Lagerfeuer machen und tanzen. Dagegen spricht doch nichts.“

Kira sah unbegeistert aus. So sehr sie ihren Bruder und Yannick liebte und Melanie und Tim mochte, sie brauchte einen Tapetenwechsel. Sie stand auf. „Ich geh mal raus an die Luft.“

Die anderen sahen ihr kurz nach, dann sah Tim mit hochgezogenen Augenbrauen zu Ringo und Yannick. „Lagerkoller?“

Yannick lehnte sich seufzend zurück. „Sieht so aus. Aber da muss sie durch. Müssen wir anderen schließlich auch.“

***

Erst zum Mittagessen tauchte Kira wieder auf. Ringo und Yannick waren den Tisch draußen am Decken. Melanie und Tim waren noch drinnen. Kira trat zu ihnen. „Ich fahre zu Fabian. Ich habe ihn ewig nicht mehr gesehen.“

Das hielten die beiden nicht mal für eine schlechte Idee. Trotzdem musste das ein oder andere bedacht werden. „Und wie hast du vor, dahin zu kommen?“, fragte Ringo.

Kira verschränkte die Arme. „Mit dem Zug. Ich hab nachgesehen. Es fahren zwar weniger, aber sie fahren.“

„Und du hast vor, im Zug eine Maske zu tragen?“, erkundigte sich Yannick.

Hier zögerte Kira kurz, aber dann verdrehte sie die Augen. „Ja, ich nähe mir halt eine, die zum Outfit passt.“

Ringo lehnte sich an den Tisch. „Und Fabian ist damit einverstanden?“

„Natürlich ist er das.“ Jetzt war Kira wirklich entrüstet. „Wir haben uns seit Januar nicht mehr gesehen und er hockt doch wie ihr auch nur die ganze Zeit Daheim vor dem Rechner und macht Kram für die Uni.“

Yannick lehnte sich mit einem schiefen Lächeln neben Ringo an den Tisch. „Das klingt doch gut“, sagte er, „aber dir sollte schon klar sein, dass auch Köln momentan komplett anders ist. Kein Shoppen, keine Parties...“

Kira seufzte. „Ja, ich weiß. Aber ich möchte wenigstens Fabian mal wieder sehen.“

„Okay, dann sag uns Bescheid. Wir bringen dich zum Bahnhof“, sagte Ringo und sah nach Bestätigung suchend zu Yannick. Dieser nickte. „Dann musst du wenigstens nicht auch noch in den Bus.“

Kira lächelte und machte einige Schritte auf sie zu, um kurz jedem der beiden jeweils einen Arm um zu legen. Dann zog sie ihr Handy aus der Tasche, drehte sich um und schoss ehe Ringo und Yannick etwas dagegen tun konnten ein Bild von ihnen drei. Schnell flogen ihre Finger über ihr Display. Das entrüstete „Ey, du wirst das jetzt nicht Posten“, von Ringo ignorierte sie. Mit einem Lächeln drückte sie auf Absenden und hielt den beiden das Handy hin. Dort war das Bild zu sehen - mit dem #besteFamilieEver.

Ringo und Yannick tauschten einen Blick und stürzten sich dann gemeinsam auf Kira. Quietschend wich diese aus und rannte los, aber auf ihren hochhackigen Schuhen kam sie nicht weit. Schnell hatten Ringo und Yannick sie eingeholt. „Wer hält sie fest, wer kitzelt?“, fragte Ringo. Sofort versuchte Kira sich zu befreien, aber Yannick hielt sie fest und Ringo zwickte sie in die Seite. Lachend kreischte sie auf.

Tim kam mit dem Suppentopf heraus und beobachtete sie grinsend. „Lasst sie leben“, rief er vergnügt. Lachend ließen die beiden von Kira ab und diese schnaufte. Dann  holte sie mit ihrer Handtasche aus und schlug verspielt nach den beiden. Sofort gingen diese in Deckung. In der Zwischenzeit war auch Melanie aus dem Haus gekommen und betrachtete das ganze grinsend. Dann klatschte sie in die Hände. „So, ihr Rasselbande, ab zum Händewaschen und dann gibt es Essen.“

Lachend kamen die drei an den Tisch und wollten sich setzen, aber Melanie sah sie streng an. „Zuerst Händewaschen.“

„Echt jetzt?“, fragte Ringo.

Melanie grinste. „Wie es sich für gute Kinder gehört.“

Die drei sahen sich murrend an und gingen dann tatsächlich hinein, sich die Hände waschen. Melanie und Tim sahen sich mit einem Grinsen an. „Wir haben es ganz gut getroffen, mit den Leuten, mit denen wir gemeinsam eine Krise überstehen, oder?“, fragte Tim. Melanie lachte und drückte ihm einen Kuss auf den Mund. „Ja,  das haben wir.“

***

Kira fuhr schon am nächsten Tag ab. Fabian freute sich auf sie und Ringo und Yannick waren sich sicher, dass sie bei ihm gut aufgehoben war.
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Den ersten Mai feierten sie dann nur zu viert. Sie grillten und saßen gemeinsam am Lagerfeuer. Irgendwann machte Melanie Musik an und sie tanzten ein bisschen, aber nur zu viert kam irgendwie nicht die gewohnte erster Mai Stimmung auf. Schließlich verabschiedeten sich Melanie und Tim ins Bett, während Ringo und Yannick noch am Feuer blieben. Sie legten sich auf ihrer Decke auf den Rücken und sahen in die Sterne.

„Ich kann Kira ja schon verstehen, dass ihr hier die Decke auf den Kopf fällt“, gab Yannick zu, „ich meine, im Moment genieße ich ja noch die Entschleunigung. Nicht durch die Uni hetzen und so. Aber wenn ich mir vorstelle, dass dieses Jahr nur so weiter geht, dann könnte ich mich zum ersten Mal wirklich nach einem Tapetenwechsel sehnen.“

Ringo drehte sich zu ihm. „Wir könnten ja Tagesausflüge machen.“

Yannick richtete sich ein Stück auf. „Wäre zwar kein Urlaub, aber zumindest kämen wir mal raus.“

„Wenn die Campingplätze öffnen, könnten wir einen Camper mieten, dann wären wir autark“, hatte Ringo auch dafür eine Lösung.

Yannicks Augenbraue schossen in die Höhe. „Du willst mit mir auf den Campingplatz?“

Ringo hob die Schultern. „Wir müssen halt das nutzen, was geht.“

Yannick lächelte schief und ließ sich zurück sinken. „Hast ja recht, das Überleben des anpassungsfähigsten.“ Er machte eine Pause, bevor er weiter sprach. „Wir bekommen das hier hin, oder? Wir hatten schlimmere Krisen, als Zuhause bleiben zu müssen und nur alleine irgendwohin fahren zu können.“

Ringo dachte an den Tod seiner Eltern. „Ja, hatten wir.“

Yannick konnte sehen, woran er dachte und richtete sich auf, um ihn zu küssen. Dann lächelte er kurz. Denn ihm war aufgefallen, dass Ringo bis jetzt keinmal ihre finanzielle Lage angesprochen hatte. Dafür übernahm er das jetzt. „Und wenn wir weniger Aufträge für Netzwerküberprüfungen bekommen, können wir an das Geld gehen, das wir für die Reise gespart haben. Ist zwar schade drum, aber wir werden‘s überstehen.“

Ringo ließ sich zurück fallen und drehte dann seinen Kopf zu ihm, um ihm in die Augen zu sehen. „Ja, werden wir.“

Yannick griff kurz nach seiner Hand und einen Augenblick verharrten sie, bis Yannick sich aufsetzte. Das Feuer war herunter gebrannt. Ringo setzte sich ebenfalls auf und beobachtete, wie Yannick neues Holz holte und nachlegte. Dann setzte er sich wieder zu Ringo und rückte an diesen heran. Trotz allem, empfanden sie eine gewisse Zufriedenheit mit ihrem Leben.

Sie konnten ja nicht ahnen, dass nach einem Sommer mit Wandertouren, Riesenrad und Campingurlaub  Corona noch immer nicht vorbei war. Aber letztendlich würden sie auch diese Probe überstehen.



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So, ich hoffe, es hat gefallen. ^_^ Ich fand es interessant, noch mal an die Anfänge von dem zurück zu gehen, was mittlerweile fast alltäglich ist. Masken im Supermarkt wird mittlerweile wohl kaum noch jemand befremdlich oder wie im falschen Film empfinden.

Falls es doch noch Fragen zum Background der Geschichte gibt, die sich nicht aus den Erklärungen oben ableiten lassen, gerne nachfragen. Vielleicht ist es ja tatsächlich etwas, was ich oben noch ergänzen sollte.

Fortsetzung? Eine Fortsetzung über den zweiten Lockdown werde ich nicht schreiben, da dies nicht ohne politische Diskussion möglich wäre und ich davon schon im RL aktuell zu frustriert bin. Darüber auch noch eine FF zu schreiben, wäre mir zu viel den Guten.
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