Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Eine Nacht im August

von FlyAway22
GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P12 / Het
Kriminalhauptkommissar Peter Faber Kriminalhauptkommissarin Martina Bönisch
05.04.2021
02.05.2021
7
23.761
4
Alle Kapitel
8 Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
11.04.2021 1.177
 
Jedes Zeitgefühl war ausgeblendet. Jede Empfindung, die nichts mit dem Hier und Jetzt zu tun hatte, war unwichtig und aus dem Kopf verbannt. Konnte man wirklich jemandem so verfallen, dass jede schreckliche Erinnerung der letzten Jahre plötzlich vergessen war? Befreit durch die Magie eines Kusses?

Diese Gedanken gingen Faber durch den Kopf, als er noch immer an Martina geschmiegt, auf dem Boden des Büros lag. Es können nur einige Sekunden gewesen sein, die vergangen waren. Aber es kam ihm vor, als war es die schönste Ewigkeit, die er sich jemals hätte vorstellen können. Er war nicht nur ihren Lippen verfallen, sondern auch ihrer Seele. Nicht erst seit Heute, nicht erst seit Gestern, nein, schon seit Jahren. Sie war sein Fels in der Brandung, seine Orientierung, seine Stimme der Vernunft und das Einzige, was in all den schlimmen Momenten seiner persönlichen Tragödie, Bestand hatte. Sie war immer da.

Wie weich, wie unglaublich weich sind diese Lippen? Wie hingebungsvoll? Er hätte sie so gern angesehen und doch wollte er seine Augen nicht öffnen. Es hätte nur dieses Gefühl zerstört. So konnte er sich wenigstens einbilden, dass es niemals enden würde. Er hatte insgeheim Angst aus einem Traum zu erwachen und dann war alles nicht echt.

In Martinas Gedanken sah es nicht anders aus. Es war ganz eigenartig. Sie hatte in den letzten Jahren viele Männer kurz gekannt, oder auch leider nicht gekannt. Meist war sie nur auf der Suche nach etwas, was ihr für kurze Zeit das Gefühl gab, zu leben. Aber egal mit wem sie in dieser Zeit zusammen war, es ließ sich mit dem heutigen Empfinden nicht vergleichen. So wie sie jetzt gerade fühlte, hatte sie ewig nicht mehr gefühlt. Niemand hatte sie bisher so tief berührt, wie er. Vielleicht lag es an seiner Lebensgeschichte. Er hat viel erlebt, viel gelitten, das hat ihn zweifellos geprägt. Vielleicht ist es aber auch genau das, was ihn jetzt so tiefgründig erscheinen lässt.

Die Beiden hielten sich anfänglich nur ganz sachte aneinander fest, aber inzwischen war es enger und intensiver geworden.
Ein Blitz erhellte plötzlich den ganzen Raum und ein extrem lauter Donner durchbrach die knisternde Stille. Es war, als würde dieses Sommergewitter sich mit diesen zwei Begleitern, endgültig verabschieden wollen.

Faber und Martina wurden durch dieses Geräusch aus ihren Gedanken und auch aus ihrem Kuss gerissen. Beide hatten ihre Augen geöffnet und sahen sich nun gegenseitig an. Sie versuchten gegenseitig zu ergründen, was der andere wohl fühlte, aber es gelang weder ihm, noch ihr.

Ihre Gesichter hatten einen Ausdruck, der fast schon hilflos wirkte, als wären sie unfähig sich aus der aktuellen Situation heraus zu wagen. Wenn ihre Gedanken sprechen könnten, dann würden beide jetzt vermutlich sagen: "Was haben wir da bloß gemacht?"

Faber ertrug diese Spannung nicht länger und löste sich vorsichtig von Martina, nicht ohne seine Hand noch einmal kurz über ihre Wange gleiten zu lassen. Es wirkte fast ein wenig entschuldigend.

Er ließ von ihr ab, setzte sich neben ihr auf und blickte ins Leere. Sein Herzschlag war so laut, dass man ihn hören konnte. Martina blieb flach auf dem Rücken liegen und starrte einige Sekunden nur an die Decke. Beide versuchten irgendeine Form der Fassung zu finden. Hauptsache verstehen was geschehen ist. Es war so unwirklich alles.

Faber stöhnte kurz auf und strich sich mit der flachen Hand durchs Gesicht, rieb sich über seine Augen. Dann ließ er sie wieder sinken und starrte ebenso leer, wie eben noch. Sein Atem ging etwas unregelmäßig und ihm war die Aufwühlung anzumerken. Martina schaute zu ihm. Sie beobachtete ihn kurz und erhob dann langsam ihren Oberkörper. Behutsam legte sie eine Hand auf Fabers Schulter. Sie sah ihn an. Als sie merkte, dass er offenbar versuchte, ihre Geste zu ignorieren, fasste sie etwas fester zu. Sie zwang ihn damit, sich ihr zuzuwenden.

Seine Augen waren traurig und die Züge seines Gesichtes unsicher, als er Martina ansah. Sie nahm wahr, dass es ihm nicht gut ging. Es war fast so, als könne sie jede seiner Empfindungen und Gedanken spüren, weil es auch ihre Eigenen waren. Aus einem Impuls heraus, lehnte Martina ihren Kopf gegen Fabers Schulter. Als wolle sie ihm damit sagen, dass es ihr genauso geht, wie ihm. Sie waren mit der Situation klar überfordert. Beide wussten, dass es dieses Mal nicht stark ausgeprägte Handlungen eines Rollenspiels waren, bei dem jeder noch wusste, wer er war. Es war ihnen aus den Händen geglitten.

Während Martina hoffte, in den nächsten Augenblicken irgendwie mit ihm gemeinsam wieder Herr der Lage zu werden, hielt Faber diese Nähe nicht aus.

"Ich muss zu unser'm neuen Hauptverdächtigen.", sagte Faber erschöpft und um eine selbstsichere Stimmlage bemüht.

Ruckartig stand er auf und ließ Martina allein auf dem Boden zurück. Er war bereits zwei Schritte Richtung Tür gegangen, als Martina ihn rief.

"Faber...", sagte sie und wollte energisch klingen. Aber es gelang ihr nicht. Vielmehr klang es, als ob sie mit aller Gewalt versuchen würde, sich selbst zu belügen. Vielleicht war es besser, wenn diese Zweisamkeit so aprubt beendet werden würde?

Faber drehte sich kurz um und schaute traurig zu ihr.
Er war nicht fähig mit ihr zu sprechen. Der Ausdruck einer Augen sprach Bände. Fast, als würde er sie stumm bitten, das jetzt so zu akzeptieren und ihn gehen zu lassen. Als wöllte er ihr klar machen, dass er jetzt nicht in der Lage war, sich dem zu stellen.

Hätte Martina sich jetzt nicht selbst so hilflos damit gefühlt, wäre sie jetzt vermutlich aufgestanden und hätte etwas gesagt, etwas getan, oder überhaupt irgendwie reagiert. Aber sie kam zu der Überzeugung, dass Faber vermutlich Recht hatte. Sie wandte ihren Blick von ihm ab, stand auf, drehte sich ihrem Schreibtisch zu und musste sich leicht daran stützen. Faber beobachtete sie kurz dabei, drehte sich um und ging aus dem Büro.

Martina hörte seine Schritte, die sich entfernten. Sie hielt kurz inne mit geschlossenen Augen und war überrascht, als sich die Schritte kurz darauf noch einmal näherten. Nebenan ging die Tür auf. Faber ging geraden Weges auf die Fensterfront seines Büros zu. Dort stand noch immer der Stuhl, auf dem er vor so vielen Stunden gesessen hatte. Über der Lehne dieses Stuhls, hing einsam sein Parka. Er schnappte sich das alt geliebte Kleidungsstück und zog es sich über. Noch einmal ging sein Blick zu Martina, die ihn auch dieses Mal stumm verstand. Ohne seinen Parka, konnte er nicht denken. Das hatte er ihr schon öfter gesagt. Er nickte ihr kurz zu, dann entfernte er sich tatsächlich aus dem Büro.

Martina ging ans Fenster und sah Faber kurz darauf vor dem Eingang des Präsidiums. Er blieb stehen. Es war ein ganz eigenartiger Moment. Martina kam es vor, als ob Faber genau wüsste, dass sie nun hier steht und ihn sehen konnte. Aber sie wartete vergeblich darauf, dass er womöglich hochschauen würde. Er besann sich kurz, ging weiter und verschwand im Dunkel der Nacht.

Martina ließ sich auf ihren Bürostuhl niedersinken und wandte sich ihrem Schreibtisch zu. Sie stützte sich mit ihren Ellbogen auf und vergrub ihr Gesicht in den Händen.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast