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Eine Nacht im August

von FlyAway22
GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P12 / Het
Kriminalhauptkommissar Peter Faber Kriminalhauptkommissarin Martina Bönisch
05.04.2021
18.04.2021
5
15.613
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07.04.2021 3.680
 
In der Dortmunder Abendluft liegt ein sanfter Wind. Die Uhr schlägt aus der Ferne Mitternacht, als Faber und Martina auf dem Dach des Präsidiums verweilen. Die letzte, halbe Stunde hatten sie fast nur geschwiegen. Noch immer lehnte Martina mit ihrem Kopf an Fabers Schulter. Faber selbst hatte offenbar gar nicht gemerkt, dass auch er seinen Kopf zu ihr gelehnt hatte, sodass sie sich sachte berührten. Seine Augen funkelten und sein Mund formte ein zufriedenes Lächeln. Einige Male in den letzten Monaten hatte er das Gefühl, exakt diesen Gesichtsausdruck zu haben, immer wenn Martina in seiner Nähe war. Er dachte dann immer, dass sie es doch eigentlich bemerken müsste. Überhaupt spürte er, wie sehr er sich selbst veränderte.

Nach Grafs Tod fühlte er sich zunächst leer. Seine jahrelange Hoffnung, ihn für den Mord an seiner Familie büßen zu lassen, hatte sich leider nicht erfüllt. Es dauerte eine Weile, bis er das für sich richtig verarbeitet hatte. Aber so nach und nach, ging es ihm besser. Es kam ihm vor, als wäre eine tonnenschwere Last von ihm abfallen. So viel Zeit war vergangen, seitdem er damals nach Dortmund zurückkehrte. Es sind dunkle und unschöne Erinnerungen, die ihm in den Sinn kommen. Immer da wo das Chaos regierte, war er mittendrin. Er hatte sich das wahrhaftig nicht ausgesucht, aber er wurde zum Wahnsinn getrieben. So, als konnte er gar nicht anders.

Einzig positiv im Schatten der Erinnerungen ist die Frau, die gerade neben ihm sitzt. Schon als er sie zum allerersten Mal sah, war er von ihr angetan. Sie war für ihn Licht und Stimme in der Dunkelheit. Jemand der ihn davon abhielt, völlig verrückt zu werden, oder sich aufzugeben. Sie war ein Mensch, ein wirklicher Mensch, mit eigenen Schwächen und Sorgen, aber auch mit so viel Wärme und Mitgefühl. Diese Wärme war es, die sie für ihn so faszinierend machte. Sie hatte die Fähigkeit, ihn so zu akzeptieren, wie er war. Sie verurteilte ihn nicht, wie so viele Andere, als den Wahnsinnigen.
Im Nachhinein ist er sich sicher, dass er sie bereits damals geliebt hat. Doch damals hatte er für solche Emotionen und Regungen keine Kraft.

Es ist schon verrückt. Gerade jetzt, wo er endlich frei ist, wo er nicht mehr von der Vergangenheit gefangen ist, würde er sich nichts mehr wünschen, als dass sie ihn und seine Gefühle irgendwie bemerkt. Dass sie ihn als Mann wahrnimmt und nicht als Kollege. Und dennoch hatte er gleichzeitig auch Angst davor. Immerhin hatte er so lange nicht wie ein normaler Mensch gelebt. Vielleicht hat er die Liebe bereits verlernt? Und selbst wenn sie seine Gefühle erkennt, war er sich unsicher, ob sie diese jemals erwidern würde. Einige Male in der gemeinsamen Zeit, glaubte er zu erkennen, dass sie etwas für ihn empfindet, aber es kam nicht zu einer ernsthaften Annäherung. Außer einmal vielleicht. Faber erinnerte sich an eine Nacht, wie die heutige. Hitze über Dortmund. Er und Martina in einem Auto. Damals ergriff sie plötzlich und ohne Vorwarnung die Initiative und versuchte ihn zu küssen. Aber im Gegensatz zu heute, waren sie damals ziemlich abgefüllt. Beide waren einsame Menschen, sie brauchten einander und trotzdem war es der falsche Zeitpunkt. Er blockte sie ab.

Er wollte nicht, dass sie einen Schritt zu weit gehen und es danach bereuen würden. Er wollte auch nicht, dass es auf ewig zwischen ihnen stünde und dass es womöglich eine Zusammenarbeit unmöglich machte. Denn auch wenn er auf Vieles in den letzten Jahren keine Antwort hatte, eines wusste er immer. Der Tag an dem er sie verlieren würde, wäre der letzte Tag seines Lebens.

"Oh...", sagte Martina kurz und beendete Fabers Gedankengänge.

Sie griff sich an die Nase und blickte in den Himmel. Faber tat es ihr nach und bemerkte einen kleinen Regentropfen, der auf seine Stirn fiel.

Es fielen weitere, kleine Tropfen und plötzlich lag über ganz Dortmund ein silbriger Schimmer und ein angenehmer Geruch trat in die Nase. Dieser Geruch, wenn nach wochenlanger Trockenheit, endlich alles mit einem Hauch Feuchtigkeit belegt wird. Beide schlossen ihre Augen, hielten ihre Gesichter gen Himmel und lauschten dem Regen. Alles wirkte so magisch. Es fehlte nur noch ein wenig romantische Musik und schon hätte es das perfekte Szenario für einen Liebesfilm gegeben.

Erst als der Regen etwas stärker wurde, lösten sie sich vollständig aus ihrer aneinander gelehnten Haltung.

Kurze Zeit später betraten sie wieder das Büro. Martina ging zum Fenster und schaute zu, wie der Regen an die Scheiben tröpfelte. Faber stellte sich in etwas Abstand neben sie und schaute ebenfalls nach draußen. Ein paar Sekunden Stille, bis aus heiterem Himmel ein starker Donner einsetzte. Es schien so nah zu sein, dass Beide einen Schritt zurückschreckten und sahen, wie ein Blitz den Nachthimmel erhellte. Sie schauten sich an und mussten lächeln.

"Geht ja ganz schön was los jetzt.", sagte Martina.
Immer noch lächelnd schaute Faber zu ihr.

Einen Moment lang trafen sich wieder ihre Blicke. Sie hielten inne, bis Faber fragte: "Und...was machen wir jetzt?"
"Keine Ahnung.", antwortete Martina etwas verzögert.

Ihr einziger Grund heute Nacht hier zu sein, war der sich abzulenken. Nachdem ihr Leben im Augenblick wieder etwas in Schräglage war, schien es ihr das Sinnvollste zu sein, sich mit Arbeit zu beschäftigen. Dass sie Faber hier antrifft, hätte sie vielleicht erwarten können. War ja schließlich nicht das erste Mal. Sie freute sich sogar, dass er da ist. Die Zusammenarbeit mit ihm war jahrelang eine Berg-und Talfahrt. Er hielt sie auf Trab. Egal wie umstritten seine Ermittlungsmethoden auch sind, sie konnte meist sehr gut damit umgehen. Natürlich hatte sie ihm auch oft ihre Meinung gesagt und ihm die Grenze gezeigt, aber sie hatte ihn immer geschätzt.

"Woll'n se denn nicht nach Hause?", fragte Faber.

Martina verwarf kurzweilig ihren letzten Gedanken und war sich nicht sicher, was sie nun antworten sollte.
Spontan fiel ihr nur ein zu sagen: "Ich hab kein' Schirm dabei."

Sie wollte einfach nicht über die Lippen bringen, dass sie nicht wieder nach Hause gehen wollte. Faber war ihre Antwort auch so genug. Er nickte, schmunzelte und sagte: "Dann werd' ich uns mal noch'n Kaffee machen."

Er drehte sich um und ging in die Küche.

Martina setzte sich hinter ihren Schreibtisch und lächelte Faber nach. Nun war sie es, die sich an die heiße Sommernacht vor einigen Jahren erinnerte. Damals war es kein Kaffee, sondern Unmengen an Bier, die sie gemeinsam getrunken hatten. Und sie waren nicht hier, sondern an einem Imbiss. Sie hatte sich damals unendlich einsam gefühlt. Die Scheidung war gerade über die Bühne gegangen, ihre Söhne hatten sich von ihr abgewandt und das Team war gespalten wie nie. Es war, als würde ihr Leben den Bach runtergehen. Nichts funktionierte mehr richtig, nicht einmal die Arbeit. Faber war in dieser Nacht damals nicht irgendein Kollege, oder ihr Chef. Er war fast wie ein guter Freund, mit dem man gern zusammen war. Und, mit dem man mal eben kurz zu weit gehen könnte? Nach dem Bier am Imbiss, fanden sie sich im Auto wieder. Sie unterhielten sich, lachten, schwiegen auch mal, da ist es nicht unnatürlich, dass man kurz die Kontrolle verliert. In die Dunkelheit der Nacht, beugte sie sich damals zu ihm und versuchte ihn zu küssen. Vermutlich hatte er damals Recht, als er sie davon abhielt. Es war weder die richtige Zeit, noch der richtige Ort. Damals hatte sie ihn zum ersten Mal so richtig als Mann wahrgenommen. Vielleicht lag das vor allem daran, dass er aufgrund der Hitze überwiegend auf seinen Parka verzichtet hatte. Dieses Kleidungsstück ist der Inbegriff seiner psychischen Belastung. Wann immer er ihn trägt, hat man das Gefühl, es ist die Vergangenheit, die er einfach nicht los wird. Würde er sie loswerden, wäre vielleicht vieles anders.
Heute Nacht empfindet sie es wie damals. Er ist einfach nur ein Mann. Kein Psycho-Wrack. Ein Mann den sie durchaus attraktiv findet, aber nie gewagt hatte, sich das wirklich einzugestehen. Außer vielleicht still und heimlich.

Faber kam zurück ins Büro, stellte erneut Kaffeetassen auf den Tisch und setzte sich zu Martina. Was würde nun weiter geschehen? Würde es  gleich erneut ein belangloses Gespräch werden, so wie vorhin?

Martina schien die Frage mit einer unbewussten Geste zu beantworten. Als sie den ersten Schluck Kaffee nahm, fiel ihr Blick auf einige Fotos, die auf ihrem Schreibtisch lagen. Sie zog sie mit einem Finger näher heran und schaute nachdenklich darauf. Es waren Fotos vom Tatort ihres aktuellen Mordfalls.

Eine junge Frau, die tot auf dem Boden lag. Ihre Augen stehen offen. An ihrem Hals sind deutliche Spuren zu sehen. Als hätten alle sie jemand mit allen 10 Fingern gewürgt. Auch an ihren Handgelenken waren verfärbte Stellen zu sehen. Das Make-Up ihres Gesichtes zeichnete sich noch ab. Es war verwischt, sowie auch die rote Farbe, auf ihren Lippen.
Der Tatort selbst allerdings, war sehr ordentlich. Sie wurde in ihrer Wohnung aufgefunden. Nichts rings herum deutete auf Spuren hin, die mit dem Verbrechen in Verbindung gebracht hätten werden können.
Martina zog weitere Fotos daneben. Es waren drei Fotos mit drei verschiedenen Männern. Einer davon war ihr Ehemann, der wohl das größte Motiv gehabt hätte, sie umzubringen. Sie hatte ihn nicht nur mit einem anderen Mann betrogen, sondern auch um das gemeinsame Geld gebracht. Er jedoch hatte angeblich ein Alibi. Ein weiterer Mann war ihr Geliebter. Sie hatte ihn sehr lange hingehalten und hinsichtlich ihrer Ehe nicht ganz die Wahrheit gesagt. Aber reicht das als Motiv für einen Mord? Der dritte Mann war ein guter Freund, den sie bereits seit Kindertagen kannte. Er wurde bislang nur als Zeuge befragt und galt nicht als verdächtig. Sehr emotional hatte er über seine tote Freundin gesprochen und ihm war sichtlich anzumerken, dass er von ihrem Tod getroffen war. Bei der Vernehmung hatte er gesagt, dass nur der Geliebte der Täter sein konnte. Offenbar kannten auch sie sich schon länger. Die Männer mochten sich nicht besonders. Aber es kamen auch Arbeitskolleginnen des Opfers in Frage. Sie hatte es sich wohl mit mehreren Menschen in ihrem Umfeld verscherzt.

Egal wie oft das Team in den letzten Wochen schon mit verschiedenen Zeugen gesprochen hatte, es kam keine brauchbare Spur zustande. Es hätte ebenso gut auch ein Täter sein können, den sie noch gar nicht auf dem Schirm hatten. Eine Frau, die ein so bewegtes Leben geführt hatte, könnte sich tatsächlich mehrere Feinde gemacht haben.

"Und? Sind sie auf 'ne Idee gekommen?", fragte Faber plötzlich.
Martina blickte zu ihm und zuckte mit den Schultern. "Nicht wirklich..."

"Wenn der Ehemann vielleicht doch kein wasserdichtes Alibi hat...ist der dann wirklich so dumm und geht das Risiko ein, dass jemand quatscht? Immerhin hat er das größte Motiv.", setzte Martina nach.

"Ja aber vielleicht war er einfach doch kurz kopflos. Der Mord war schließlich, definitiv nicht geplant. Da sprechen die Umstände einfach dagegen...", warf Faber plötzlich ein.

"Wir dreh'n uns im Kreis.", sagte Martina, beugte sich vor und stemmte ihre Arme verschränkt auf den Schreibtisch.

Faber neigte sich ihr zu und schaute ihr fest in die Augen. "Irgendwie habe ich die ganze Zeit das Gefühl, dass die Lösung des Falls wahnsinnig einfach ist.", sagte er sehr ruhig und gefasst.

Noch einen Moment lang sahen sie sich intensiv an. Es war als würden sie tief in den Augen ihres Gegenübers etwas suchen. Es herrschte erneut eine seltsame Magie in diesem Moment, die von einem Donnern und einem kurz darauffolgenden Blitz unterbrochen wurde. Das Licht flackerte kurz.

Martina stand auf und ging ein paar Schritte hin und her. Sie fuhr sich mit den Händen durchs Gesicht und schaute plötzlich zu Faber, der noch immer vor ihrem Schreibtisch saß.

"Ich bin Ende 20. Ich habe dich jung geheiratet, weil ich damals schwanger war. Ich habe das Kind noch vor der Geburt verloren. Ich habe keine Motivation gehabt, für nichts. Ich habe keine Ausbildung gemacht, ich habe ständig wechselnde Jobs wahrgenommen und bin überwiegend unausstehlich zu meinen Kollegen. Ich bin unzufrieden mit der Situation. Im Grunde hab ich dich nie wirklich geliebt, wir haben nur aus Not geheiratet. Aber die Ehe hat halt Vorteile. Du hast einen guten Job, verdienst gutes Geld und wir haben eine schöne Wohnung. Aber das alles reicht nicht. Ich liebe dich nicht, suche nach etwas anderem. Also suche ich mir einen Liebhaber, lasse sogar ganz offensichtlich zu, dass du davon erfährst. Ich lebe seit Ewigkeiten ein Doppelleben und gebe dir nicht mehr das, was eine Ehefrau ihrem Mann geben sollte. Und dann...was machst DU dann in dem Moment, als du erfährst, dass ich das gemeinsame Konto geplündert habe, um mit einem anderen Mann abzuhauen?"

Faber ist noch immer sitzen geblieben. Fasziniert hat er Martina beobachtet, während sie versucht hat, voller Eifer einen möglichen Tathergang, mit dem Ehemann als Täter durchzuspielen. Als er vor fast 10 Jahren hier auftauchte und sie zum ersten Mal in ein Rollenspiel einbinden wollte, hatte sie sich schwer damit getan. Diese Methode, stellenweise mit vollem Körpereinsatz die Taten zu rekonstruieren, ist anfangs durchaus befremdlich. Aber irgendwann war sie voll dabei und fing auch oft selbst zuerst damit an.

Allerdings tat Faber sich nach wie vor schwer mit der Vision, dass der Ehemann der Täter sein sollte. Es war zu einfach.

"Dann komme ich nach Hause, finde dich vor, stelle dich zur Rede und dann zoffen wir uns. Wir streiten, ich werfe dir unser gemeinsames Leben an den Kopf, dann bring ich dich zum heulen und dann erwürg ich dich...", sagte Faber völlig emotionslos und ohne jede Form von Hingabe für diese Idee.

Martina ließ ihre Körperhaltung erschlaffen, stemmte ihre Hände in die Hüften und schaute Faber an, als hätte er gerade eine Seifenblase vor ihren Augen zerplatzen lassen.

"Ich weiß wie gut der Ehemann ins Bild passen würde, aber das macht trotzdem am Ende keinen Sinn. Der arme Kerl war einfach nur sauer, dass das Leben so gelaufen ist. Der hat alles ertragen in den Jahren, hat immer Hoffnung auf Besserung gehabt. Der wäre vermutlich froh gewesen, wenn er der Ehe jetzt ein Ende setzen können, auf vernünftiger Ebene.  Das ist kein Typ für diese Form von Rache, trotz der Sache mit der Kohle.", sagte Faber.

Martina konnte sich den Ehemann auch nicht als Täter vorstellen, aber der Rest erschien ihr ebenfalls nicht sinnig zu sein.

"Ja, aber angenommen du bist der Geliebte. Dann warst du doch verdammt leichtsinnig. Du hast kein Alibi, gibst offen zu, sauer auf mich gewesen zu sein. Du wurdest sogar wenige Stunden vor der Tat im Treppenhaus vor der Wohnung von ein paar Nachbarn gesehen. Es wäre doch leicht, dass die Polizei auf dich kommt.", setzte Martina nach und setzte sich auf die Kante ihres Schreibtisches.

Faber konnte und wollte darauf nicht eingehen. Er war in Gedanken versunken. Immer wieder glitt sein Blick über die Fotos. Es folgte eine minutenlange Stille. Nur der sachte Regen war noch immer zu hören.

Auf einmal stand Faber auf und stellte sich Martina gegenüber und forderte sie mit einer unscheinbaren Handbewegung auf, sich zu erheben. Sie folge seiner Geste und schaute ihn ratlos und sinnsuchend an.

"Du bist mir sehr wichtig. Ich kenne dich seit Jahren. Insgeheim habe ich immer etwas für dich empfunden, aber es gab nie etwas zwischen uns. Freundschaft, immer nur Freundschaft", begann Faber sein Rollenspiel.

Martina erkannte, welche Version Faber versuchen wollte und fand sich plötzlich in den Gedanken des Opfers wieder.

"Du bist mir sehr vertraut. Ich hab dir immer alles gesagt. Ich hab dir von meiner unglücklichen Ehe erzählt, die ich nie führen wollte."

"Und ich war in all den Jahren geduldig. Ich hab dir zugehört und hab mir insgeheim gewünscht, dass du erkennst, dass ich der Richtige für dich bin. Ich hab gehofft du beendest deine Ehe und dann biste frei für mich.", fuhr Faber fort.

"Du hast mir nie gesagt, dass du mich liebst. Du hast geschwiegen. Warum hast du geschwiegen?"

Fabers Gesichtsausdruck füllte sich zunehmend mit Emotionen. Sein Blick war sehr intensiv auf Martina gerichtet. Er schaute ihr ganz fest in die Augen.

"Ich hab nie geschwiegen. Ich hab dir Zeichen gegeben, wieder und wieder. Du musst doch gesehen haben, was du mir bedeutest.", sagte er mit einem sehr gefühlsbetonten Klang in seiner Stimme.

Ein weiterer Donner war zu hören, ein Blitz sorgte für ein erneutes Flackern des Lichtes.

Faber trat einen Schritt auf Martina zu. Sie beobachtete jede Regung in Fabers Gesicht. Sie hatte ein Gefühl, wie sie es schon früher häufig hatte, wenn sie sich so gegenüber standen. Meinte er noch immer den Täter? Oder das Opfer? Sprach er wirklich von zwei fremden Menschen, deren Leben wir versuchen zu ergründen, oder meinte er längst sie beide?

Martina konnte nicht länger darüber nachdenken, da Faber sein "Spiel" vorantrieb.

"Ich komm zu dir, weil ich erfahren hab, dass du einen Geliebten hast. Ich hab euch geseh'n und es hat mir einen Stich versetzt. Du willst neu anfangen, aus deiner Ehe ausbrechen, aber warum nicht mit mir? Ich will Antworten von dir."

"Ich habe mit niemandem darüber sprechen wollen. Wollte, dass es ein Geheimnis bleibt.", setzte Martina fort.

"Niemandem? Bin ich vielleicht ein Niemand für dich? Ich kenne dich so lange. Du bist das Wichtigste für mich. Ich liebe dich schon die ganze Zeit und für dich bin ich nur ein Niemand?", Faber verdeutlichte seine Worte, indem er sie wuterstickt aussprach. Er war wirklich ein Meister, wenn es darum ging, diesem Spiel die volle Glaubwürdigkeit zu verleihen.

"Ich fange an zu weinen, bin schockiert. Ich kann deine Gefühle für mich nicht fassen. Ich war blind in all den Jahren, habe es nie gemerkt."

Faber legt seine Hände auf Martinas Wangen. Mit seinen Daumen streichelt er sachte darüber.
Das Opfer hatte verweinte Augen und ein stark verwischtes Make-Up. Von Fabers Spiel mitgerissen, traten Martina tatsächlich Tränen in die Augen. Und sei es auch nur, weil es ihr im Moment selbst nicht gut ging und eine solche Situation Emotionen auf den Plan ruft.

Faber und Martina stehen sich hautnah gegenüber, spüren den Atem des anderen und es kommt ihnen vor, als könnten sie gegenseitig ihren Pulsschlag wahrnehmen. Auch wenn sie sich schon oft in diese unrealen Welten begeben hatten, so nah waren sie sich dabei noch nie gekommen. Und noch nie war die unreale Welt so real.

"Bitte sage mir, dass du mich auch liebst. Sage mir nicht, dass du mit diesem anderen Kerl verschwindest. Nimm mir nicht jede Hoffnung." Fabers Stimme wird leiser und flehender.

"Ich kann dir das nicht sagen, weil...", Martina stockt. Sie wollte eigentlich sagen, dass sie nichts für ihn empfindet, aber irgendwie ging das nicht. Sie fühlte sich zunehmend nicht mehr in das Opfer ein. Auch wenn sie sich darum bemühte.

Faber behielt noch die Kontrolle über das Rollenspiel. Es war so oft seine einzige Chance, die Dinge so zu leben und zu sagen, wie er wollte, ohne dass es konkret auf ihn bezogen werden konnte.
Er nahm seine Hände von Martinas Wangen und packte blitzschnell ihre Handgelenke. Martina wirkte überrumpelt und ließ sich mitreißen.

Faber drückte Martina mit voller Kraft an ihren Handgelenken zu Boden. Instinktiv versuche sie sich zu wehren, aber es gelang ihr nicht. Sie lag auf ihrem Rücken, Faber kniete über ihr. Seine Hände umschlossen noch immer ihre Handgelenke, die diese zu Boden drückten. Martina wehrte sich nicht mehr, lag einfach nur da und verfolgte selbst paralysiert Fabers Handlung, aber auch er schien in einer Art Starre gefangen zu sein. Hin und hergerissen zwischen dem eigenen "Ich" und dem "Ich" des Täters, wusste er nicht mehr, wer er war.

Im "Ich" des Täters hätte er sie jetzt vor Wut gewürgt. Grenzenlose Enttäuschung wäre das Motiv gewesen. Verschmähte Liebe. Er hätte sie gewürgt und erneut gehofft. Er hätte versucht sie zu küssen und sie hätte sich gewehrt, daher auch der verschmierte Lippenstift. Er hätte wieder aufgegeben und die Tat vollzogen. Nur fester zudrücken, bis du dich nicht mehr wehrst und dann hätte ich dich verloren. Aber nicht nur ich. Auch der Andere hätte dich verloren.

Aber das "Ich" des Täters, war nicht das "Ich", was Faber jetzt sein wollte.
Denn auch er liebte die Frau, die vor ihm lag und er könne nie etwas tun, was ihr weh tut. Es gibt nichts, was er sich sehnlicher gewünscht hätte, als so nah bei ihr zu sein. Solle er dem, was er sich jetzt wünscht, einfach nachgeben? Hatte er überhaupt noch die Kontrolle darüber?

Er versuchte Martinas Blick zu deuten, aber es war unmöglich. Sie war wie in einer ohnmächtigen Erwartung gefangen. Egal was nun geschehen würde, sie ließe es geschehen.

Der Druck, den Faber mit seinen Händen auf Martinas Handgelenke ausgeübt hatte, ließ nach. Sie bewegte sich nicht. Ihre Arme blieben neben ihrem Kopf angewinkelt, ruhig liegen. Sie atmete leicht erschöpft.
Faber strich mit einer Hand von ihrem Arm, über ihre Schulter, zu ihrem Gesicht. Seine Finger glitten über ihre Wange, streichelten sie.

Sie sahen sich in die Augen. Noch eine Sekunde war es, die Faber brauchte, um den Mut zu fassen das zu tun, was er nun tatsächlich tat. Er näherte sich ihr, bis seine Lippen, ihren Mund berührten. Nur ganz sanft und zaghaft, wie bei einem allerersten Kuss. Es war ein unglaubliches Gefühl, was er in diesem Moment verspürte. Kurz überkam ihn ein Moment von Unsicherheit, aber er wollte es einfach nicht beenden. Er wollte, dass dieser Augenblick niemals endet. Er wollte nicht, dass diese Nacht jemals endet.

In Martina entfachten die unterschiedlichsten Gedanken, die aber alle keine Chance hatten, an die Oberfläche zu kommen. Ihr war, als ob sie angenehm versinken würde. Unfähig und unwillig aus dem Hier und Jetzt auszubrechen, fügte sie sich diesem Kuss auf eine Art und Weise, die sie selbst so nicht kannte. Ihre Augen waren geschlossen, sie genoss dieses Gefühl.

Die Zeit schien still zu stehen.
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