Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Eine Nacht im August

von FlyAway22
GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P12 / Het
Kriminalhauptkommissar Peter Faber Kriminalhauptkommissarin Martina Bönisch
05.04.2021
02.05.2021
7
23.761
4
Alle Kapitel
8 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
05.04.2021 2.539
 
Irritiert stand Faber im Gang vor den Büroräumen. Er konnte hören, dass sich offenbar jemand dort aufhält. Sofort fragte er sich, wer das wohl sein könne? Außer ihm, würde doch keiner zu später Stunde hier herumlungern, dachte er sich. Zögerlich ging er ein paar Schritte weiter Richtung Martinas Büro. Aus der geöffneten Tür trat Helligkeit heraus. Gerade als er fast in den Raum blicken konnte, hörte er, wie offenbar etwas zu Boden ging und zerbrach. Kurz darauf folgte mit wuterstickter, leicht zittriger Stimmlage, ein "Scheiß-Mist".

Faber ging sofort einen Schritt weiter und konnte nun in den Raum blicken. Zwar hatte er gerade Martinas Stimme erkannt, aber dass sie tatsächlich hier war, verwunderte ihn. Es ist schon ein Weilchen her, dass sie sich hier so spät am Abend noch begegnet sind. Irgendwie hatte er bei diesem Zusammentreffen gerade kein gutes Gefühl. Martinas Anblick war etwas verstörend für ihn. Sie saß hinter ihrem Schreibtisch und blickte leer auf den Boden, wo einige Scherben lagen und etwas Flüssigkeit blitzte. Offenbar war ihr ein Glas mit Wasser heruntergefallen. Ihr Gesicht war gerötet, einige Haarsträhnen waren locker aus der Dutt-Frisur gerutscht und es wirkte, als wäre sie innerlich sehr unruhig.

Martina schien Faber nicht zu bemerken, selbst als er dann auf sie zuging, zeigte sie keinerlei Reaktion. Faber hingegen bekam es jetzt schon irgendwie mit der Angst zu tun, je näher er trat. Als er unmittelbar vor ihr stand, richtete sie plötzlich ihren Kopf auf und schaute ihn an. Der Ausdruck ihrer Augen war undefinierbar. Eine Mischung aus Wut, Traurigkeit und Angst, trifft es wohl am ehesten. Kaum dass sie ihn angeschaut hat, schaute sie wieder zu Boden. Faber kniete sich hin und begab sich auf ihre Augenhöhe. Erst jetzt bemerkte er,  dass ihre Hände, die auf ihren Beinen ruhten, fahrige Bewegungen machten. Um dies irgendwie zu unterbinden, tat er in diesem Moment wohl instinktiv das Richtige. Er nahm ihre Hände, fügte sie zusammen und umschloss sie dann mit seinen Händen. Sie waren ganz kalt.

Faber versuchte Martinas Blick auf sich zu konzentrieren und sprach sie leise an: "Was is'n los?", fragte er.

Martina wirkte peinlich berührt. Sie hatte damit zu tun, ihre Fassung zu halten und antwortete in einem wütenden, aber traurigen Unterton: "Nichts ist los...ich hab nur dieses scheiß Glas fallen lassen."

Faber lächelte schwach und erkannte, dass sie belanglos tun wollte, um nicht preisgeben zu müssen, welche Umstände für ihren aktuellen Zustand verantwortlich sind. Auch wenn Faber zur Sorte derer gehört, die gelegentlich mal ins Fettnäpfchen treten, oder auch manchmal in allen Lebensangelegenheiten eher unbeholfen daher kommen, so wusste er, was er in diesem Moment zu tun hatte.

"Dann hol ich wohl erstmal besser 'ne Schaufel und 'nen Besen und ein frisches Glas Wasser.", sagte er zu ihr und vernahm glücklich ihren Blick.

Martina mühte sich ein Lächeln ab. Zwar ein Lächeln unter wässrigen Augen, aber immerhin.

"Lieber 'nen Kaffee", sagte sie dann und versuchte dabei möglichst locker zu wirken.

Faber gab ihr ein Lächeln zurück, löste seine Hände von ihr und merkte, dass sie etwas entspannter wirkte, als noch vor etwa 2 Minuten.

Während Faber in der Küche die Kaffeemaschine anstellte, nahm Martina sich ein Taschentuch aus ihrer Handtasche und tupfte sich das Gesicht ein wenig ab. Sei es nun die Feuchtigkeit, die ein wenig aus ihren Augen getreten war, oder auch das Resultat dieser schwülen Nachtluft, offenbar war es ihr ein Bedürfnis, beides notdürftig zu bereinigen.

Innerlich fragte sie sich, warum sie überhaupt ins Präsidium gekommen war. Sie könnte es sich jetzt sehr einfach machen und alles auf die Hitze schieben. Bei der Hitze kann man schließlich nicht schlafen. Was soll man also zuhause im Bett? Aber so einfach war es nicht. Es gab mehrere Gründe, warum sie nicht zuhause sein wollte.

Zum einen war Martina schon immer der Typ, der sich verbissen in die Arbeit gestürzt hat, wenn ein Fall sie sehr beschäftigte, oder auch, wenn ihr dies lieber war, als sich dem Privatleben zu stellen. Der aktuelle Fall ist ziemlich verworren. Eine junge Frau ist ermordet worden. Erwürgt. Bislang tappt das Team noch ziemlich im Dunkeln. Es gibt mehrere Optionen für eine Täterschaft. War es der Ehemann? War es vielleicht der Geliebte? Oder ein guter Freund? Die Frau führte ein sehr bewegtes Leben und offenbar, wurde ihr dies zum Verhängnis.

Ein weiterer Grund für Martinas Anwesenheit im Präsidium zu später Stunde, könnte auch der sein, dass sie vergeblich auf einen Rückruf ihres jüngeren Sohnes gewartet hat. Er hatte heute Geburtstag und sie hätte ihm zumindest gern gratuliert. Der Kontakt ist seit der Scheidung ziemlich eingefroren und auch wenn Martina sich das nur selten anmerken lässt, verletzt es eine Mutter natürlich dennoch sehr, wenn die eigenen Kinder kaum etwas mit ihr zu tun haben wollen.  Zuhause würde sie nur unnötig durch Fotos aus glücklicheren Tagen, daran erinnert werden.

Und vielleicht, zu guter Letzt, war auch ein kleiner Streit mit Sebastian Haller ein Grund dafür, warum sie sich einfach ablenken wollte. Er hatte ihr heute vorgeworfen, nicht zu wissen, wie man das Leben genießt. Martina sah keinen Sinn darin, sich für die Art und Weise, wie sie ihr Leben gestaltet, rechtfertigen zu müssen. Wenn sie ihre Arbeit halbwegs gut machen will, kostet es nun einmal Zeit. Martina war sich sicher, dass ein Partner das doch verstehen müsse. Und trotzdem beschlich sie der Gedanke, dass sie doch im Unrecht sein könnte. War das nicht auch der Grund, warum ihre Ehe nicht lief und sie den Draht zu ihren Kindern verloren hatte? Weil sie eben nie, oder nur sehr selten zuhause war?
Martina hätte sich auf diese Fragen gern eine sichere Antwort gewünscht, scheute sich aber auch davor, weiter darüber nachzudenken.

Inzwischen hatte Faber sogar schon die Scherben bereinigt. Martina hatte es gar nicht richtig bemerkt, so sehr war sie in Gedanken versunken. Sie nahm nun auch den Geruch von frischem Kaffee wahr, der aus der Küche herüber drang.
Keine Minute später kam Faber mit 2 Tassen auf sie zu und stellte sie auf ihrem Schreibtisch ab. Er zog sich einen Stuhl heran und setzte sich ihr gegenüber.

"Geht's wieder?", fragte er und nippte an seinem Kaffee.

Martina antwortete ihm zunächst stumm mit einem Nicken. Wieder lächelte sie schwach.
Dann beobachtete sie Faber für einen Moment.

"Haben Sie irgendwo Regen gefunden, oder ist das Haar so nass geschwitzt?", fragte sie ihn und deutete auf seinen Kopf.

Mittlerweile war das Haar zwar schon etwas angetrocknet, trotzdem sah man noch etwas von der Dusche, die er sich noch vor einer halben Stunde gegönnt hatte.

"Ich hab geduscht.", antwortete er.
"Geduscht?", entgegnete Martina schnell und warf ihm einen verdutzten Blick zu.
"Ja also zeitweise achte ich schon auf mein gutes Aussehen, Frau Bönisch."

Bei Fabers Antwort musste Martina nun richtig schmunzeln. Sie hatte Faber in den vergangenen 9 Jahren in den unterschiedlichsten Grau-und Brauntönen erlebt, selbstverständlich meist inklusive seinem Lieblings-Anhängsel, dem Parka. Je nach seiner aktuellen Stimmung mit gepflegtem, oder ungepflegtem Haar und Bart. Mit gesenktem Haupt, oder erhobenen Haupt. Sie hatte ihn in jeder denkbaren Stimmung erlebt und dachte immer, sie kenne ihn vollständig.
Jedoch musste sie gerade in der letzten Zeit Veränderungen an ihm feststellen. Er ist älter geworden. Das Grau in seinem Haar macht ihn fast sogar fast noch ein bisschen attraktiver. Er wirkt nicht mehr ganz so schlotterhaft und unaufgeräumt. Außerdem ist er überwiegend ausgeglichen. Keine unkontrollierten Ausbrüche, keine verrückten Aktionen. So wie er jetzt ist, geht er glatt als "normal" durch.

"Was machen 'se eigentlich so spät noch hier?, fragte Faber und riss Martina aus ihren Gedankengängen.

Martina nahm einen Schluck Kaffee und überlegte nach einer Antwort. Ausgerechnet diese Frage, musste er stellen. Sie wollte sich nicht einmal selbst eine Antwort darauf geben, geschweige denn einem anderen.
So antwortete sie knapp mit: "Weiß nich'..."

Faber erkannte, dass sie darüber nicht reden wollte, was er akzeptierte. Er hätte zwar zu gern die Antwort gewusst, oder auch den Grund, warum sie vorhin so verstört war, aber er war sich sicher, dass es besser wäre, nicht nachzubohren.

"Und Sie?", fragte Martina.

Faber schaute sie mit einem Blick an, der auch ohne Worte sehr eindeutig war.
"Ernsthaft jetzt?", antwortete er rhetorisch.

Tatsächlich konnte Martina sich darauf gut selbst eine Antwort geben.  Faber hat in den vergangenen Jahren mit Sicherheit mehr als die Hälfte aller Nächte nicht zuhause verbracht. Wer würde schon gern zuhause auf kahle Wände sehen und Leere spüren wollen.

"Wir sind schon Zwei.", sagte Martina und trank den letzten Schluck ihres Kaffee's aus.

Faber war über diese Aussage etwas verwundert. Hatte Sie etwa Probleme mit Haller? Dieser Gedanke war ihm leider nicht besonders unrecht. Er schämte sich ein bisschen dafür. Immerhin möchte er, dass Martina glücklich ist. Aber seitdem Haller in Martinas Leben getreten ist, verspürt Faber etwas, was er längst vergessen geglaubt hatte. Er war eifersüchtig auf den KTU-Leiter. Zugleich war er aber auch wütend auf seine eigene Ungeschicklichkeit. Er ärgerte sich darüber, wie unbeholfen er sich anstellte, Martina zu zeigen, dass sie ihm etwas bedeutet.

Nachdem auch Faber den letzten Schluck Kaffee aus seiner Tasse getrunken hatte, lehnte er sich zurück und fragte: "Und...was machen wir jetzt?"

Martina schaute ihn an, zuckte kurz mit den Schultern und antwortete: "Könnte bisschen frische Luft gebrauchen."

Wenige Minuten später fanden sich Faber und Martina auf dem Dach des Präsidiums wieder. Zuletzt standen sie gemeinsam hier oben, als sie noch auf der Jagd nach Markus Graf waren. Damals teilten sie sich hier eine Zigarette und ein kurzes Gespräch. Worauf würde es heute hinauslaufen?

"Frische Luft ist was anderes, oder?", sprach Faber Martina an.
"Naja, besser als gar nichts.", antwortete sie und nahm dabei zumindest ein schwaches Lüftchen wahr.

Martina ging einige Schritte auf dem Dach in Richtung des Randes, gefolgt von Faber.

"Sie werden mir doch keinen Unfug machen?", sprach Faber sie verwundert an.

Martina setzte sich auf den Rand des Daches und ließ ihre Beine hinunter baumeln. Sie drehte sich zu Faber um und es war, als würde sie stumm darum bitten, dass er sich zu ihr setzen möge.

Faber verstand die Aufforderung und nahm neben ihr Platz. Er scheute sie von der Seite an. Erneut fuhr ein laues Nachtlüftchen durch ihr Haar. Sie sah sehr nachdenklich aus. Er hatte das Gefühl, als ob sie etwas erzählen möchte und er sollte damit Recht haben.

"Haben Sie schon mal gedacht, alles im Griff zu haben? Dass dich nichts und niemand aus der Fassung bringt und du immer die Kontrolle behältst, egal was geschieht? Dass man quasi allmächtig ist, entgegen aller Gefahren?"

Martinas Blick ging Faber durch und durch. Die Antwort auf diese Frage, schien ihr sehr wichtig zu sein.

"Das dürfen Sie mich nun wirklich nicht fragen, Frau Bönisch.", fiel seine Antwort aus.

Faber dachte an das Psychospiel mit Graf. Mehrfach hatte er dabei um Kontrolle gerungen und sie doch verloren. Er dachte auch an viele andere Situationen im Laufe seiner Dienstjahre. Zum Beispiel vor 4 Jahren, als sie diesen Sprengstoffattentäter in der Bank gestellt hatten und trotz scheinbar aufkeimender Kontrolle, zuletzt doch alles in Schutt und Asche gelegt wurde. Letztlich war Faber klar, dass man eigentlich nie im Leben die vollständige Kontrolle hat.

Martina blickte in den Nachthimmel Dortmunds und sprach weiter:

"Wissen Sie, ich hab immer gedacht, dass ich als Polizistin eine wichtige Aufgabe erfülle und dass ich diese Aufgabe auch gut machen kann, weil man eine gewisse Macht hat. Ich dachte immer, dass ich gut geschützt wäre, oder dass mir nie etwas passieren würde."

Faber starrte sie verdutzt an. Das konnte sie doch nicht wirklich geglaubt haben. Vor allem nicht mit ihm als Chef. Da ist ein ruhiger Alltag zur Seltenheit geworden.

Martina verstand Fabers Blick, als sie ihn kurz ansah.

"Ich weiß, dass dieser Gedanke idiotisch ist. Als Polizist ist man immer irgendeinem Risiko ausgesetzt und trotzdem hab ich gedacht, dass mir nie etwas ernsthaftes zustoßen wird. Und dann stellt man von heute auf morgen fest, dass man sich in eine Seifenblase geflüchtet hat.", sagte sie mit enttäuschtem Klang in ihrer Stimme.

Faber glaubte allmählich zu erkennen, worauf seine Kollegin hinaus wollte. Die Ereignisse vor einem halben Jahr haben sie doch mehr geschwächt, als es zunächst schien. Von heute auf morgen fand sie sich in einem Chaos wieder. Sie hatte Angst um ihren Job, wurde sogar kurzzeitig suspendiert. Sie wurde in die Mangel genommen über diverse Social Media Plattformen. Von allen Seiten nur Druck und dann noch dieser nächtliche Überfall. Sie hatte ihm damals so leid getan. So gern hätte er sie einfach in seine Arme genommen, aber er wagte sie nicht einmal zu berühren.

"Hat das was mit ihrem Zustand von vorhin zu tun?", fragte er zaghaft.

Martina stockte ein wenig, bevor sie weitersprach. Ihre Worte wirkten ein wenig erstickt.

"Ich wollte hier her, weil ich gerade keinen anderen Plan hatte. Ich suchte nach einer Beschäftigung, nach Zuflucht. Ich bin einfach die paar Meter gelaufen um den Kopf frei zu kriegen, als ich plötzlich in der Dunkelheit ein Geräusch hörte. Ich drehte mich nicht einmal um. Wie automatisch bin ich einfach nur schneller gelaufen, bis ich irgendwann merkte, dass ich fast schon renne. Alles woran ich dachte war, dass mir gleich irgendjemand eine Hand auf die Schulter legt, mich womöglich überwältigt und ich absolut nichts dagegen tun könnte. Ich wollte nicht noch einmal das Gefühl dieser Hilflosigkeit verspüren. Ich bin bis zum Präsidium regelrecht gerannt, nur um dann festzustellen, dass da absolut niemand war. Es war nichts, überhaupt nichts. Ich hatte Angst vor Nichts!", donnerte es aus ihr heraus.

Martina hatte ihre Fassung verloren, um die sie sich vorher so bemüht hatte. Sie stämmte sich mit ihren Händen am Rand des Daches ab, krallte sich regelrecht fest. Über ihre Wangen liefen ganz sachte ein paar Tränen. Ihre Gesichtszüge wirkten so traurig und enttäuscht. Ja, sie war tatsächlich enttäuscht, dass sie in dieser Situation schwächelte.
Dabei war das doch einfach nur menschlich.

Faber, der im ersten Moment innerlich überfordert war, seine Kollegin so zu sehen, glaubte plötzlich genau das Richtige zu tun, indem er noch ein wenig an sie heranrutschte und einen Arm um ihre Schultern legte.

"Das ist doch alles nicht schlimm...", flüsterte er und zog sie an ihren Schultern zu sich heran.

Martina nahm seine Geste dankbar an und ließ ihren Kopf auf seine Schulter sinken, während Faber mit seiner anderen Hand behutsam über ihre Wange strich.

Sie blieben so gemeinsam schweigend sitzen und Faber fühlte sich in diesem Augenblick regelrecht lebendig. Wie lange hatte er darauf gehofft, sie so festhalten zu dürfen und diese Nähe mit ihr zu teilen. In seinen Gedanken hatte er sich das zwar immer anders ausgemalt, aber jetzt war er glücklich, dass er für sie da sein konnte.
Nach all den Jahren, in denen Martina Faber eindeutig mental überlegen war und für ihn eine Stütze darstellte, schien es nun so, als ob er inzwischen stabil genug sei, auf einer Augenhöhe mit ihr agieren zu können.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast