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Eine Nacht im August

von FlyAway22
GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P12 / Het
Kriminalhauptkommissar Peter Faber Kriminalhauptkommissarin Martina Bönisch
05.04.2021
02.05.2021
7
23.761
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05.04.2021 2.044
 
Eine unerträgliche Schwüle liegt in der Dortmunder Abendluft. Dieser Spätsommer gibt nochmal richtig Gas. Schon seit fast 2 Wochen immer zwischen 30 und 35 Grad, ohne Aussicht auf Abkühlung.

Die Zeit zeigt 21:30 Uhr an, als Hauptkommissar Peter Faber noch immer in seinem Büro sitzt und es scheint nicht so, als ob er die Absicht hat, heute noch nach Hause zu fahren. Es wäre wahrhaftig nicht die erste Nacht, die er im Präsidium verbringt und es würde vermutlich auch nicht die Letzte sein.

Er sitzt in einem Stuhl vor dem Fenster, die Beine übereinander geschlagen und die Füße auf der Fensterbank abgelegt.
Ein Ventilator spendet ihm ein schwaches Lüftchen. Sein Blick ist nachdenklich und irgendwie leer. Sein Parka hängt hinter ihm über der Stuhllehne. Egal wie sehr er dieses Kleidungsstück liebt, aber bei den aktuellen Temperaturen ist es ihm tatsächlich etwas zu viel des Guten.

Alle Anderen sind bereits gegangen. Klar,  für die anderen gibt es auch einen Grund, nach Hause zu gehen. Aber nicht für Faber. Für ihn gab es keinen Grund. Alles was auf ihn warten würde, wäre eine karge, unaufgeräumte Wohnung, vielleicht einige Konservenbüchsen im Küchenschrank und im Kühlfach paar Flaschen Bier. Das sind alles Dinge, die ihm das Büro ebenfalls bietet. Hier kann er sich wenigstens mit der Arbeit tarnen. Ohnehin nimmt das Ermitteln den größten und wichtigsten Bestandteil seines Lebens ein. Es ist etwas, was Bestand hat. An die Arbeit kann er sich klammern, wenn er sich nicht mit seinem eigenen Leben beschäftigen will. Gemordet wird schließlich immer. Wen kümmert da noch das eigene Glück?  Und trotzdem stellt er in letzter Zeit fest, dass die Arbeit nicht mehr das Einzige ist, was ihn berührt.

Faber senkt seinen Kopf und dreht sich vom Fenster weg. Sein Blick fällt auf den Schreibtisch im Büro nebenan. Sein Mund formt ein schwaches Lächeln und in seinen Augen liegt ein Funkeln. Es ist offensichtlich, dass er jetzt an Martina denkt. Jedoch scheint er den Gedanken an sie gleich wieder vertreiben zu wollen. Sein Blick wirkt plötzlich sehr traurig. Er nimmt die Füße von der Fensterbank, stellt den Ventilator ab  und vergräbt für einen Moment sein Gesicht in seinen Händen. Dabei Spürt er die Schweißperlen auf seiner Stirn und am Haaransatz. Überhaupt stellt er gerade fest, dass es einfach nur geradezu widerlich warm ist. Wie von einem Blitz aufgescheucht steht er auf, tritt mit seinem Fuß gegen den Ventilator und nuschelt in sich hinein: "Eh sinnlos".

Er geht aus seinem Büro hinaus auf den Gang, knöpft sich im Gehen sein Hemd auf und begibt sich auf den Weg zum Duschraum des Präsidiums.
"Alles, was jetzt hilft, ist eine lange, kalte Dusche", denkt er sich und wenige Minuten später, findet er sich unter einem angenehm, kühlen Schauer wieder. Seine Augen sind geschlossen, der Mund leicht geöffnet.

So wie das Wasser an seinem Körper hinunter rinnt, kommt es ihm vor, als ob es gleichzeitig Gedanken freisetzt, die er sich eigentlich verbieten will. Es ist, als würden die letzten anderthalb Jahre in seinem Kopf Revue passieren.

Markus Graf, der sein Leben zerstört hat, der seine Frau und seine Tochter auf dem Gewissen hat, trat wieder in sein Leben. Eine Fortsetzung des Psychospiels, was ihn so viel mentale Kraft gekostet hat. Alles was er von Graf wollte, war ein Geständnis. Die schmerzliche Wahrheit aus dem Mund dieses "Monsters" hören, damit der Tod von Frau und Kind gerächt werden könnte. Er war so nah dran, sein Ziel zu erreichen, bis ein Schuss alles zunichte machte. Ein Schuss, abgegeben aus der Waffe einer Frau, die ihm zu viel bedeutet, als dass er es ihr übel nehmen könnte. Als Martina die Waffe abdrückte und Graf den Tod brachte, nahm sie Faber zwar die Chance, jemals die Wahrheit von Graf zu hören, aber ihm war auch klar, dass Martina gar keine andere Wahl hatte. Woher hätte sie schließlich wissen sollen, dass Graf nicht selbst zur Waffe greift und abdrückt. Im Nachhinein betrachtet, hat Faber sogar das Gefühl, dass Martina ihn irgendwie befreit hat. Befreit von der Last, dass ein Markus Graf aus dem Hinterhalt heraus weiterhin sein Leben bestimmt und ihn quält. So schmerzlich es auch ist, dass seiner Familie nun niemals Gerechtigkeit geschieht, so ist es für Faber vielleicht die Chance zu einem neuen Anfang. Aber wieviel ist eine solche Chance wert für jemanden, der gar nicht mehr weiß, wie das normales Leben aussehen könnte?

Nach Grafs Tod musste Faber für sich erkennen, dass der nach wie vor, nur in der Arbeit Erfüllung findet. Und selbst dabei, lief es alles andere als gut. Ermittlungen am Limit, ein ständiger Tanz auf der Klinge. Staatsanwalt Mattuschek, der ihm im Nacken sitzt und seine Ermittlungsmethoden in Frage stellt. Vermutlich, leider zurecht, wie sich noch herausstellte.
Dass Faber oft zu weit geht, um sein Ziel zu erreichen, ist für niemanden mehr ein Geheimnis. Wie besessen von der Idee, einen Drogenhandel in einer Pizzeria auffliegen zu lassen, stürzte sich Faber in die Ermittlungen. Auch wenn bereits erhebliche Bedenken bestanden hatten, da es sich bei den Betreibern um Mitglieder der Mafia handelte. Martina hatte er für diese Aktion nicht gewinnen können. Überhaupt fühlte er sich von ihr so distanziert wie nie zuvor. Vielleicht wollte er das sogar? Vielleicht hatte das insgeheim auch noch mit der Sache um Graf zu tun? Faber konnte sich das selbst nicht beantworten. Es kam wie es kommen musste. Alles endete im Chaos und Faber mittendrin. Er hatte indirekt den Tod einer Jungen Frau zu verantworten und wieder führte dies zu einer Spaltung des Teams. Nora, die Faber während der riskanten Aktion unterstützt hatte, quittierte den Dienst und kehrte Dortmund den Rücken, nicht ohne vorher nochmal deutliche Worte an Faber zu richten. Diese Worte hatten ihn mehr getroffen, als er sich hatte anmerken lassen. Blieb noch die Hoffnung auf Martina. Würde sie ihn nun auch loswerden wollen? Allein der Gedanke daran, den einzigen Menschen zu verlieren, der ihm auf dieser Welt noch etwas bedeutete, riss ein Loch in sein Herz. Zunächst sah es auch so aus, als ob sich diese furchtbare Vision bestätigt. Was dann geschah, wird Faber nie vergessen. In all dem Schmerz und der Schuld, die sein Herz verspürte, war er Martina plötzlich ganz nah. Noch heute fühlt er Martinas Arme, die sich um ihn geschlungen hatten, so wie auch er noch immer ihren Körper fühlen konnte. In Gedanken hat er sich aus dieser Umarmung nie gelöst. Es war das erste Mal nach etwa zehn Jahren, dass ihm jemand so nah war. Die letzte Innigkeit hatte er noch mit seiner Frau und seiner Tochter erlebt. Danach fühlte er sich nur noch als lebendiger Toter. Er weiß gar nicht mehr, wie lange sie in dieser Umarmung verweilten und er weiß auch nicht mehr, ob sie danach etwas zueinander gesagt hatten, oder wie diese Nähe beendet wurde.  Es ist ein Moment gewesen, den er seitdem tief in seiner Seele trägt.

Im Hier und Jetzt, kam es ihm plötzlich gar nicht mehr so vor, als ob die Dusche die er sich gerade verpasste, kühl sei. Er fühlte trotz des kalten Wassers eine angenehme Wärme um sich. Trotzdem ließ er seine Gedanken noch ein wenig weiterschweifen und er erinnerte sich an die letzten Monate, die ihn sehr beschäftigten.

Nachdem er wieder einmal in seinen Ermittlungen zu weit gegangen war, hatte er wohl innerlich beschlossen, ein paar Gänge runterzuschalten. Das Leben neu zu ordnen, das war nun sein Plan. Ein neues/altes Auto kaufen schien ihm zu diesem Zeitpunkt ein erster, guter Schritt zu sein.

Mit einem Lächeln erinnert er sich an den Moment, als er seine Kollegin Bönisch mit diesem Auto vor ihrer Haustür abholen wollte und dann mit Entsetzen feststellen musste, dass sie offenbar eine neue Liebesbeziehung hat. "Naja, was heißt schon Liebesbeziehung bei Frau Bönisch?", dachte er bei sich. Im Laufe der Jahre hat Faber gemerkt, dass Martina sich eher auf kurzweilige Abenteuer konzentriert. Sei es nun das Zusammensein mit diversen Hotelbekanntschaften, oder Callboys. Nachdem sie jahrelang in ihrer Ehe keine Erfüllung fand, schien sie kein Interesse an einer festen Bindung zu haben. Wenn es wirklich darauf ankam, hat auch sie sich in erster Linie auf die Arbeit konzentriert. Wahrscheinlich ist das auch der Grund, warum sie so gut mit Faber harmonieren konnte. In der Einsamkeit fanden sie auf irgendeine Art zueinander.
Umso schlimmer war nun für Faber die Befürchtung, dass da jetzt wirklich eine ernsthafte Bindung zwischen Martina und dem KTU-Leiter Haller entstehen könnte.  Zwar hatte Faber den Mut gefunden, sie zumindest darauf anzusprechen, aber zu mehr war er nicht in der Lage. Ihm genügte fürs Erste Martinas Aussage, dass sie selbst nicht wüsste, ob diese neue Beziehung was Ernstes ist, oder nicht. Außerdem ging dieses Thema ohnehin unter, als Martina unverschuldet ins Visier der Presse und der rechtsradikalen Szene gerückt war. Er wird nie ihre traurigen Augen vergessen, als er sie in ihrer Wohnung aufsuchte, nachdem sie von ein paar vermummten Gestalten abends überfallen wurde. Noch nie hatte er sie so entsetzlich hilflos gesehen. Hilflos und zugleich enttäuscht. Denn ausgerechnet, als sie eine Schulter zum Ausweinen gebraucht hätte, war er ganz offensichtlich betrunken und nicht gerade das, was man sich in einer Krise an seine Seite wünscht. Faber musste erkennen, dass auch dieser Punkt an Haller ging, der selbstverständlich nüchtern, geschniegelt und gebügelt auftauchte, um Martina zu trösten. Faber erkannte, dass er es offenbar immer versemmelt, egal wie viel Mühe er sich gab. Er erinnert sich noch gut, wie ihm zumute war, als er Martina in Mitten von Feuer, Nebel, Gewalt und Hass wiederfand und er fürchten musste, dass ihr etwas geschieht. Angsterfüllt und verzweifelt, hörte er noch seine eigene Stimme, die in der Menschenmenge Martinas Namen laut ausrief. Noch nie hatte er sie beim Vornamen genannt. Diese Distanz hatten sie sich  immer bewahrt. Es gab kein "Du", außer es rutschte mal versehentlich über die Lippen, oder es war Teil eines ihrer berühmten Rollenspiele. Leider hatte Martina gar nicht gesehen, dass Faber sich so um sie sorgte, oder dass er nach ihr rief. Zu groß war der Tumult in dieser Nacht. Leider war diese Nacht kein Alptraum, aus dem er einfach aufgewacht wäre und festgestellt hätte, dass alles gar nicht real war. Das wäre doch das Schönste gewesen. Martina wäre noch "die Starke", die Faber trotz eigener, schlechter Verfassung, immer wieder auf die Beine geholfen hat. Es hätte keinen Angriff gegeben, keine Gewalt und vor allem, hätte es Haller nicht gegeben. Leider ist er realer, als Faber es sich je hätte vorstellen können. Schon ein halbes Jahr ist sie nun mit diesem Typen zugange. Mal enger, mal distanzierter, aber zumindest läuft die Sache noch.

"Wenn ihr ein Typ wie dieser gefällt, wie denkt sie dann wohl über mich?", dachte sich Faber still, während noch immer das Wasser aus der Dusche auf ihn herab rieselte. Er hatte so lange darunter gestanden, dass sein Körper die Wassertemperatur neutralisiert hatte. Es kam ihm nicht mehr wie eine Abkühlung vor, sondern nur noch mehr, wie unnötige, nasse Wärme.

"Scheiß Mist!", rutschte es ihm über die Lippen, als er die Dusche abstellte.

Er begann sich ein wenig abzutrocknen und zog ich seine verschwitzten Sachen wieder an. Wie wahnsinnig unsinnig das die ganze Duschaktion machte, fiel ihm erst auf, als er vor dem Spiegel stand. Er betrachtete sich einen Moment lang und schaute sich selbst tief in die Augen, versuchte darin zu lesen. Es kam ihm vor, als sähe er in das Gesicht eines unglücklich verliebten Narren, der tatsächlich zu glauben scheint, er könne mit schmutzigen Fingern und stumpfen Waffen, ein Geschöpf aus Gold erobern. Je länger er sich betrachtete, desto weniger konnte er es ertragen.

"N' echter Idiot biste!", sagte er zu seinem Spiegelbild und wandte sich ab.

Auf dem Weg zurück ins Büro hatte er das Gefühl, nichts mehr im Kopf zu haben. Als hätte er gerade bei seiner langen Dusche, alles was in seinem Gehirn gespeichert war, herausgespült. Wahrscheinlich würde er sich jetzt genauso leer und genervt von der Hitze in sein Büro zurück begeben, die Füße hochlegen und genau das Gleiche tun, wie noch vor 30 Minuten ungefähr. Doch er sollte überrascht werden. Als er fast am Büro angelangt war, hörte er von dort Geräusche hervordringen.
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