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Erinnerungen

OneshotAllgemein / P12 / Gen
05.04.2021
05.04.2021
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Warmer Frühlingswind blies zart ein Paar Blätter in die Höhe und ließ sie kurz umhertanzen, bevor sie schließlich wieder langsam zu Boden segelten. Dieses Spiel der Natur hatte Thomas in den vergangenen zehn Jahren mehr als genug beobachtet. Doch immer noch konnte er seinen Blick nicht von diesem faszinierenden Kreislauf abwenden, denn er hatte das Gefühl, als wolle ihn dieser an irgendetwas erinnern. Irgendetwas Wichtiges, das niemals in Vergessenheit hätte geraten sollen. Tommy schüttelte den Kopf. Seit er vor fast elf Jahren an einem ähnlichen Tag wie diesem aus dem Aufzug stieg, hatte er keinen einzigen Tag vergessen. Vergessen hatte er sein Leben vor dem Labyrinth. Insgeheim bezweifelte er zwar, dass es besonders schön gewesen war, mit allem was damals in der „Außenwelt“ vor sich ging. Trotzdem fing er jedes Mal bei diesem Thema beinahe an innerlich zu kochen, da er sich fühlte wie ein beschissenes Experiment. Und so wollte er sich niemals wieder fühlen. So hilflos und verlassen. Bei diesem Gedanken lief dem dunkelhaarigen, muskulösen Mann ein eiskalter Schauer über den Rücken und er schüttelte sich unwillkürlich. Als könne er all diese Gedanken, die er so lange verdrängt hatte, einfach wieder zurück in die Tiefen seines Gedächtnisses schieben, um sie schlussendlich nie wieder spüren zu müssen. Doch so einfach war das leider nicht.

Seufzend und schweren Herzens drehte er sich um und stapfte mit schlurfenden Schritten ins Haus zurück. Es war nicht groß, das waren sie alle nicht. Doch niemand, der dort Lebenden, war jemals etwas anderes gewöhnt gewesen, geschweige denn wusste, wie man größere Häuser baute. Jahrelang hatten sie alle mitgeholfen, um unweit vom Strand, an dem sie damals ihr erstes Lager aufgebaut hatten, eine Siedlung zu bauen, in der sie alle wohnen konnten. Im Grunde lief alles wie im Labyrinth, erinnerte sich Thomas. Und es lief gut. Im Laufe der Zeit waren manche weiter ins Landesinnere gezogen, doch die Meisten waren hier geblieben. Unter anderem wohl auch, weil viele sich der Gruppe zu sehr angehörig fühlten, als dass sie plötzlich ihr eigenes Ding durchziehen konnten. Dieser Gedanke brachte Tommy dann doch zum Lächeln und er wagte es, noch ein wenig mehr in seinen Erinnerungen zu kramen. Erinnerungen an Zeiten, die weder schön noch friedlich waren. Zeiten, in denen ein Menschenleben nichts wert war und man sich bis aufs Blut gegenseitig bekriegte und bekämpfte. Aber auch Zeiten, die Teamgeist und Solidarität voraussetzten und Freunde zur Familie machten. Ganz plötzlich musste Thomas an seine eigene Familie denken. Sie war nicht besonders groß, doch sie war alles, was er hatte und er war unglaublich stolz auf sie. Er musste an Brenda denken, die er eine Weile nach der Flucht geheiratet hatte und die er über alles in seiner kleinen Welt liebte. Mittlerweile hatten sie eine Tochter. Ein dunkelblondes Mädchen, mit einem ansteckenden Lachen und glitzernden, blauen Augen. Manchmal, wenn er sie ganz genau ansah, erinnerte sie ihn an jemanden, den er vor langer Zeit einmal gekannt hatte. Doch es war kein wehmütiges Gefühl. Eher löste es Stolz in ihm aus. Thomas dachte nun an seine Freunde. Er hatte immer gut auf sie aufgepasst, so wie er es versprochen hatte. Auch wenn er manchmal das Gefühl gehabt hatte, dass es eher umgekehrt gewesen war. Minho und Gally wohnten immer noch quasi nebenan, während Bratpfanne, oh Gott wie Tommy diesen Namen hasste, etwas weiter in die Mitte zog, um immer noch seinem größten Hobby nachgehen zu können – für alle zu kochen. Und mittlerweile war sein Essen sogar mehr als genießbar. Früher hatte es immer nur eine Person gegeben, die dieses freiwillig gegessen hatte. Thomas wurde schwer ums Herz. Er machte sich immer noch Vorwürfe, nicht genug getan zu haben, um Chuck zu retten. Wenn er sich anstrengte, sah er manchmal noch dessen blaue Augen vor sich, in denen so viel Hoffnung gewesen war.

Die Gedanken des Mannes, der wehmütig vor sich hin starrte, schweiften zu allen, die er im Laufe ihrer Flucht aus dem Labyrinth vor zehn Jahren, verloren hatte. Er ging sie alle der Reihe nach durch, wie er es früher so oft getan hatte. Chuck, Alby, Teresa, Winston und all die anderen Unschuldigen, die ihre Leben lassen mussten. Ein Gesicht erschien vor Tommys innerem Auge und trieb im augenblicklich die Tränen hinauf. Es war jemand, dessen Anblick Thomas die letzten Jahre mehr oder weniger gut verdrängt hatte. Nicht etwa, weil er etwas gegen diese Person hatte, Schreck nein. Er hatte es getan, weil er der Person einst ein Versprechen gegeben hatte, nicht um sie zu weinen und sich auf seine Zukunft zu konzentrieren. Und das obwohl der mittlerweile erwachsene Junge lange daran gezweifelt hatte, ob er jemals eine Zukunft haben könnte mit diesem Loch in seinem Herzen. Er würde es nie zugeben, musste er doch stark sein, doch er machte sich immer noch große Vorwürfe. Er hätte ihn retten können. Er hätte Newt retten können. Newt, den Jungen, der von Anfang an an Tommys Seite gestanden hatte und der nie auch nur eine Sekunde lang an ihm gezweifelt hatte. Was würde Thomas nur dafür geben, um Newts Lächeln nur noch ein einziges Mal sehen zu können, ihm zu sagen, dass er nie nur sein bester Freund war, sondern noch viel mehr. Das hatte er bloß leider erst eingesehen, als es für Newt bereits zu spät war. Er verschwand von dieser Erde, ohne auch nur ein einziges Mal das Gefühl spüren zu können, wirklich frei zu sein. Und trotzdem hatte der blonde Junge ihm immer den Rücken gestärkt, selbst dann, als er bereits wusste, dass es für ihn selbst vermutlich keinen Ausweg mehr geben würde. Er wäre nicht einmal auf die Idee gekommen, zu jammern oder sich selbst zu bemitleiden. Das unter anderem war es, was Thomas an seinem Freund so bewundert hatte, und es noch immer tat. Newt stand immer für seine Freunde ein, komme was da wolle, und gab, ohne jemals ein Blatt vor den Mund zu nehmen, seine eigene Meinung preis. Tommys Herz schmerzte, als er sich an das strahlende, schelmische Lächeln seines ehemaligen besten Freundes erinnerte. Er hatte nie den Mut gehabt, ihm zu sagen, wie er wirklich fühlte. Selbst nicht, als das Ende schon greifbar nahe war. Der hochgewachsene, muskulöse Mann könnte sich dafür selbst ohrfeigen. Er machte sich selbst Jahre später noch Vorwürfe und malte sich aus, wie Newt wohl reagiert hätte auf die alles entscheidenden drei Worte. So viel Bedeutung in drei solch kleinen Worten.

Thomas lief eine heiße Träne über die Wange. Er machte sich jedoch nicht die Mühe sie sorgfältig wegzuwischen, sondern beschleunigte seine Schritte und ging auf eine Kammer voller Gerümpel im hinteren Teil des kleinen Hauses zu. Genau wusste er nicht was er eigentlich suchte, war er doch nur einer Art Eingebung gefolgt. Nachdem er ein wenig in alten Sachen gekramt und  bereits längst verloren geglaubte Dinge gefunden hatte, hielt er plötzlich wie durch ein Wunder einen alten, gelblichen Umschlag in den Händen. Er öffnete ihn und zog ein etwas zerknittertes Blatt Papier heraus. Schon bei den ersten Worten darauf, brachen Erinnerungen und Gefühle auf den jungen Mann nieder, die er seit vielen Jahren nicht mehr gespürt hatte. Schlagartig wurde ihm klar, was er da in den Händen hielt. Es war Newts Abschiedsbrief. Die letzten Worte, die der Junge für ihn, seinen besten Freund, zumindest glaubte Tommy, das gewesen zu sein, niedergeschrieben hatte. Thomas wusste nicht, was Newt für ihn empfunden hatte und würde es auch niemals erfahren, doch in diesem Augenblick war er einfach nur unendlich dankbar, in der Lage zu sein, diesen Brief zu lesen und sich zu erinnern. Warum nur hatte er das so lange nicht getan? Erinnerungen waren doch etwas Gutes. Sie hielten Geschichten und deren Helden am Leben. Und genau das sollte Newt eigentlich sein. Am Leben.

Der Dunkelhaarige saß lange einfach still auf dem Boden und starrte auf den Zettel in seiner Hand. Wie gerne hätte er jetzt die Stimme des Absenders und dessen Grinsen vor sich gehabt. Doch das ging leider nicht. Aber etwas anderes ging. Warum vor den alten Zeiten weglaufen? Sie waren nun mal passiert. Ändern würde sich daran jetzt sowieso nichts mehr. Thomas fasste einen Entschluss. In Zukunft würde er so oft wie möglich an früher denken. An die Lichtung, an W.I.C.K.E.D und natürlich an ein gewisses Lachen. Denn keines dieser Dinge dürfte jemals wieder in Vergessenheit geraten. Dafür waren sie ein zu großer Teil der Gegenwart und seines gesamten Lebens. Ohne all diese Ereignisse hätte er Newt und die anderen nie kennengelernt und könnte nicht von sich selbst behaupten, er hätte den Weltuntergang überlebt. Ganz klar, es waren schreckliche Zeiten gewesen, doch war er eigentlich ziemlich froh, die Gegenwart erleben zu können. Und dazu gehörte nun mal auch die Vergangenheit mit ihren Erinnerungen. Und Thomas würde sich erinnern. An diesem und an jedem anderen Tag, bis auch er seinen verlorenen Freunden nachfolgen konnte.
 
 
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