Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Allianz im Osten

GeschichteSci-Fi, Historisch / P12 / Gen
05.04.2021
20.04.2021
10
7.603
4
Alle Kapitel
8 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
07.04.2021 1.047
 
Im Machtwechsel nach dem Boshin-Krieg war die siegreiche kaiserliche Partei pragmatisch genug um viele nützliche bzw. prominente Mitglieder der Bakufu weiterhin in der neuen Regierung zu beschäftigen und in der Tat verlegte Kaiser Meiji seinen Hof von Kyoto in die ehemalige Shogun-Residenz von Edo, welches nun in "Tokio" ("Östliche Haupstadt") umbenannt wurde. Sogar der abgesetzte Shogun Tokugawa Yoshinobu durfte sich ins komfortable Privatleben zurück ziehen, während sein Adoptivsohn Tokugawa Iesato später eine prominente politische Figur werden sollte. Die entscheidenen Machtpostionen wurden nun freilich von Mitgliedern des kaiserlichen Hofadels und führenden  Samurai aus den Fürstentümern Satsuma, Chōshū, Tosa und Saga (welche im Boshin-Krieg die wichtigsten Kämpfer der kaiserlichen Partei gewesen waren) geführt.

Doch diese neue Meiji-Oligarchie fand sich bald selbst darüber gespalten wieder, auf welchen konkreten Kurs Japan nun weiter steuern sollte. Nicht wenigen war es vor allem darum gegangen die Tokugawa und deren Günstlinge an den Schalthebeln der Macht abzulösen, während sie an der Auflösung des feudalen Ständestaates wenig Intresse hatten. Auf der anderen Seite waren überraschend viele gebildete und intellektuelle Mitglieder der Samurai-Führungsklasse sich bewusst dass Japans Regierungs- und Verwaltungssystem reformiert werden musste, wenn man jemals den europäischen Großmächten auf Augenhöhe begegnen wollte. Das schloss auch die Frage ein, wie das Militär aufgebaut und geführt wurde. Die in der Tokugawa-Ära entstandene Philosophie des Kriegeradels als alleinige Waffenträger hatte sich  in den Unruhen der 1860er Jahre als unpraktisch erwiesen, in welchen alle Parteien darauf angewiesen waren Soldaten von außerhalb der Samurai-Klasse zu rekrutieren und Männer von einfacher Geburt, wie Hijikata Toshizō, zu berühmten Offizieren aufgestiegen waren.

Von 1868 zu 1873 erwirkten die Reformer bereits Fortschritte wie den allgemeinen Beschluss zur Auflösung des Feudalsystems (welche in der "Erklärung der Fünf Artikel" veröffentlicht wurde),  die Umwandlung der von den Daimyo beherrschten Fürstentümer in modern verwaltete Präfekturen, die Verschmelzung von Hofadel (Kuge) und Daimyo zu einer gemeinsamen Erbadelsklasse (Kazoku) und die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht. Letzter Beschluss beendete effektiv den Status der Samurai als privilegierte Kriegerklasse und wurde von deren Mitgliedern teils mitgetragen und teils abgelehnt.

Einer der mächtigsten und berühmtesten Gegner dieser Reformen war Saigō Takamori, einer der Drei Großen Adeligen der Restauration, welcher zwar grundsätzlich ein starkes, modernes Militär befürwortete, aber allgemein eher ein Traditionalist war. Dennoch beugte  Saigō sich lange Zeit diesen kaiserlichen Beschlüssen und war in seiner hohe Position in der Meiji-Oligarchie entscheidend an deren Umsetzung beteiligt. Seine beiden prominentesten Kollegen/ Gegenspieler waren die Reformer Ōkubo Toshimichi und Kido Takayoshi. Diese hatten 1871-1873 in der Iwakura-Mission die Länder Europas und Nordamerikas bereist, wo sie darinn bestärkt wurden sich für eine konstitutionelle Monarchie und eine (beschränkte) parlamentarische Demokratie in Japan einzusetzen.

Zurück in Japan gerieten Ōkubo und Kido mit Saigō  gleich in einer neuen Sache aneinander.  Während der Abwesenheit Ōkubos und Kidos hatten sich die politischen Spannungen zwischen der isolationistischen Regierung von Korea und dem um politisch-wirtschaftliche Beziehungen bemühten Japan verschärft.  Nach langen Debatten hatte  Saigō die Mehrheit der Regierung von dem Plan überzeugt, die Koreaner zur Tötung eines japanischen Gesandten zu provozieren und so mit einem legitimen  Casus Belli einen militärischen Feldzug zur vollständigen Unterwerfung Koreas unter  japanischen Einfluss zu starten. Davon erhoffte Saigō  sich durchaus auch ein Ventil und eine Aufgabe für jene Samurai, die durch die Reformen ihre Beschäftigung und Einkünfte verloren hatten. Ōkubo und Kido jedoch konnten die Regierug zum Umschwenken auf eine simple Demonstration der Stärke (vergleichbar der Perry-Expedition) überreden, worauf Saigō  alle seine Posten  in der Regierung nieder legte.

Von 1873 zu 1877 verbrachte Saigō  nun in seiner heimischen Satsuma-Präfektur mit dem Aufbau einer privaten Militärschule namens Shi-gakkō, in welcher er seine persönliche Vision einer modernen Samurai-Armee zu verwirklichten suchte. Diese Schule zog in der Tat so viele unzufriedene Ex-Samurai an, dass sie schon bald mehr als 100 Zweigstellen in der gesamten Satsuma-Präfektur hatte und offene Unterstützung von der Präfektur-Regierung in Kagoshima genoss. Die Ausbildung der Shi-gakkō war eine Mischung aus modernem Militärunterricht wie zeitgemäße Kampfstrategien und eine Artillerieschule, Traditionalismus wie Schwertkampf und die  Philosophie des Bushidō sowie reaktionäre Indoktrination über die Notwendigkeit der Samurai als Führungselite über die Massen und über die Notwendigkeit einer militärischen Unterwerfung von Korea.  Die  Shi-gakkō entwicklte sich in Satsuma zu einer politischen und paramilitärischen Massenbewegung, mit dem Wissen und der Unterstützung der regionalen Behörden, die selbst von unzufriedenen Ex-Samurai durchsetzt waren.


Saigō mochte keine Rebellion gegen den Kaiser beabsichtigt haben, aber durch sein Wirken aggierte die Regierung von Satsuma ab 1876 effektiv unabhängig von Tokio und sorgte dort für entsprechende Besorgnis. Die entsandten kaiserlichen Ermittler wurden in Kagoshima verhaftet und so lange gefoltert bis sie erklärten für ein Attentat auf Saigō  entsandt worden zu sein. Dies moblisierte in ganz Satsuma viele Menschen zu einer offenen Rebellion und die folgenden Versuche der kaiserlichen Marine das Arsenal in Kagoshima zu sichern endeten mit der Übernahme mehrer Militäreinrichtungen durch die Shi-gakkō-Studenten. Nachdem Saigō  sich schließlich bereit erklärt hatte die Rebellion anzuführen entschied man sich auch in Tokio nach einigen ergebislosen Verhandlungen zu einer vollen Militärintervention.

Die sogenannte Satsuma-Rebellion dauerte von Ende Januar 1877 bis Ende September 1877. Trotz hoher Verluste auf beiden Seiten erwies sich letzlich die vorwiegend aus einfachen Wehrpflichtigen bestehende Kaiserliche Armee im taktischen Einsatz mit modernen Feuerwaffen und Artillerie als überlegen gegenüber Saigō ´s Samurai-Milizen. Saigō, der in der entscheidenen Schlacht von Shiroyama verstarb, wurde in weiten Teilen der Bevölkerung posthum zum tragischen Helden für die ehrenhafte Samurai-Tradition von Japan verklärt und lange Zeit rankten sich Volksmythen um sein angebliches wundersames Überleben. Auf der anderen Seite wurde der zum kaiserlichen  Minister für Innere Angelegenheiten aufgestiegene Ōkubo Toshimichi - der von Haus aus selbst ein Samurai aus Satsuma war - für seine Rolle in der Niederschlagung der Rebellion von vielen Zeitgenossen zu einem Verräter an seiner Heimatregion und seiner sozialen Klasse erklärt. Manche Historiker vertreten die Ansicht dass es das gescheiterte Attentat auf Ōkubo durch Saigō-Loyalisten im Jahr 1878 war, welches den machtvollen Minister endgültig dazu motivierte für den Rest seine Lebens eine Politik zu fördern, welche den Eroberungs-Fantasien von Saigō zuwider laufen und dessen ganze Ideologie vor dem japanischen Volk diskreditieren sollte...
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast