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Allianz im Osten

GeschichteSci-Fi, Historisch / P12 / Gen
05.04.2021
20.04.2021
10
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06.04.2021 928
 
Die Ankunft der Perry-Expedition in der Bucht von Edo  im Juli 1853 kam alles andere als unerwartet.
Seit fast 10 Jahren hatten amerikanische Unterhändler erfolglos versucht mit der Bakufu in Verhandlungen zu treten, da Japans Häfen als Zwischenstop für Handelsschiffe nach China günstig gelegen und noch von keiner europäischen Kolonialmacht kontrolliert waren. Darüber hinaus war die Expedition niemals ein Geheimnis gewesen und Perry´s kleine Flotte musste auf dem Weg nach Edo zahlreiche Zwischenstops machen, darunter auch vor Ryukyu  und Satsuma. Dennoch waren der Shogun und seine Administration überrumpelt als die amerikanischen Schaufelrad-Dampfschiffe in die Bucht von Edo einfuhren, alle Signale zum Abdrehen ignorierten und Perry´s geschwärztes Flaggschiff Mississippi durch Salutschüsse die Feuerkraft ihrer modernen Paixhans-Kanonen demonstrierte. Höfliche diplomatische Kanäle zu öffnen war nun die einzige Alternative zu einem Angriff durch hoffungslos überlegenene Feinde auf Edo selbst.

Waren die ersten Bedingungen im Kanagawa-Vertrag von 1854 noch vergleichsweise moderat gewesen (Zugang amerikanischer Schiffe zu den Häfen von Hakodate und Shimoda, sowie ein amerikanisches Konsulat in letzerer Stadt) folgten 1858 die sogenannten Ansei-Verträge mit den USA, Großbritannien, Russland, Frankreich und den Niederlanden, die das Shogunat dazu verpflichteten nun auch die Häfen von Edo, Kobe, Nagasaki, Niigata und Yokohama für die Schiffe, Waren und Bürger ihrer "Partnernationen" zu öffnen und den Ausländern dort weitreichende Privilegien für Handel, Grunderwerb, Exterritorialität und Zollfreiheit zu gewähren.  Natürlich waren diese Ungleichen Veträge in allen Gesellschaftsschichten extrem unbeliebt und galten als solch eine Demütigung für die Nation, dass gerade viele Nicht-Adelige und junge Adelige dem Shogun vorwarfen in seiner offiziellen Pflicht als "Großer Feldherr, der die Barbaren zurück hält" völlig versagt zu haben. Unter dem Slogan "Ehrt den Kaiser, vertreibt die Barbaren" gewann die nationalistische Sozialbewegung der Sonnō jōi massiv an Zulauf und setzte sich für eine Wiederherstellung der kaiserlichen Macht an, damit unter dieser die Ausländer wieder vetrieben würden.

Diese Ereignisse führten dazu, dass Kaiser Kōmei im Jahr 1863 zum ersten Mal seit Jahrhunderten mit den bestehenden Protokollen brach und einen offiziellen Befehl an den amtierenden Shogun - Tokugawa Iemochi - erteilte: Die Verteibung der Barbaren aus Japan. Natürlich war das Shogunat in keiner Position diesem Befehl Folge zu leisten, doch es steigerte die Popularität einer kaiserlichen Wiedereinsetzung unter den Tokugawa-Kritikern ungemein. Während die kaiserliche Familie weiterhin in Kyoto  von den Soldaten des Shogun bewacht wurde, hatten sie genug Möglichkeiten mit rebellischen Kräften außerhalb in Kontakt zu treten und Verhandlungen für eine Allianz mit diesen zu trefen.

Die 1850er und 1860er Jahre waren eine Zeit von wechselhaften Kleinkriege zwischen der Tokogawa-Bakufu, den verschiedenen Fraktionen der Sonnō jōi und den miteinander rivalisierenden ausländischen Kolonialmächten in Japan. Gerade die Tozama Daimyo wurden wichtige Unterstützer der Sonnō jōi  und rekrutierten scharenweise Ronin für Aufstände gegen das Shogunat oder für Angriffe auf Ausländer und Tokugawa-Loyalisten. Die folgenden Strafexpeditionen durch ausländisches Militär und die Bakufu-Truppen konnten die Lage nur bedingt beruhigen, als der Shogun nun dauerhaft die Kontrolle über verschiedene rebellierende Fürstentümer im Süden und Westen von Japan verlor.  Tokugawa Iemochi  und seine Regierung setzten nun alles an den Aufbau eines modernen und effizienten Militärs um die Rebellion nieder zu schlagen, wobei Frankreich zur wichtigsten Partnernation wurde. Im Gegenzug etablierte sich Großbritannien als wichtigster (wenn auch inoffizieller) Unterstützer der rebellierenden Fürsten, die mitterweile selbst eingesehen hatten dass sie gegen den Shogun und gegen die Ausländer gleichzeitig nicht gewinnen konnten. In die Häfen, welche jeweils von der Shogun-treuen Regierung und den Kaiser-treuen Rebellen kontrolliert wurden, legten nun stetig ausländische Schiffe an, die nebst allen Arten von Millitärgütern auch Offiziere, Ausbilder, Ingenieure und Kaufleute aus Europa und Amerika ins Land brachten.

Das Schicksalsjahr kam 1866, als sowohl Kaiser Kōmei durch Pocken als auch Shogun Tokugawa Iemochi durch Beriberi starben, um jeweils von Kaiser  Mutsuhito  (später bekannt als Meiji) und Shogun Tokugawa Yoshinobu beerbt zu werden. Noch entscheidener war die Tatsache dass der Mori-Clan von Chōshū  und der Shimazu-Clan von Satsuma als die beiden mächtigsten Fraktionen unter den aufständischen Tozama Daimyo dank der Vermittlung durch Sakamoto Ryōma von Tosa endlich ihre alten Rivalitäten beilegten und sich zur Satsuma–Chōshū-Allianz (kurz Satchō -Allianz) zusammen schlossen. Diese Partnerschaft erwies sich als äußert erfolgreich, als sie nicht nur die Offensiven von Tokugawa-Truppen zurück schlugen und langsam in Richtung Kyoto marschierten sondern auch weitere Tozama Daimyo als Verbündete gewannen. Die drei prominentesten Anführer der Satchō -Allianz wurden Saigō Takamori aus Satsuma, Ōkubo Toshimichi aus Satsuma und Katsura Kogorō aus Chōshū, welche später als Die Drei Großen Adeligen der Restauration in die Geschichte eingingen.

Im Januar 1868 hatten die Verbündeten der vorrückenden Satchō -Allianz den Kaiserlichen Palast in Kyoto übernommen und der damals 15-jährige Kaiser Meiji erklärte offiziell eine neue Ära unter der Herrschaft seiner Familie. In Reaktion darauf erklärte Shogun Tokugawa Yoshinobu sich öffentlich zu Verhandlungen, Kompromissen und Reformen bereit, insbesondere zu einer gemeinsamen Regierung von Kaiser, Shogun und sämtlichen Daimyo. Doch die Hardliner der Satchō -Allianz insitierten auf nicht weniger als dass die Tokugawa sämtliche Titel, Ämter und Ländereien verlieren würden. Dies führte endlich zum sogenannten Boshin-Krieg, der angesichts der Umstände vergleichsweise kurz verlief. Bereits im Mai 1868 kapitulierte Tokugawa Yoshinobu im belagerten Edo. Dagegen dauerten die Kämpfe gegen die hartnäckigen Tokugawa-Loyalisten und die ihre Sache unterstützenden Daimyo der Nördlichen Allianz länger. Deren letzten Überreste wurden im Juni 1869 bei der Schlacht von Hakodate zerschlagen, wo sie mit Hilfe von französischen Militärberatern die unabhängige Republik Ezo ausgerufen hatten.

Das Tokugawa-Shogunat existierte nicht mehr. Nun  begann die Zeit des neuen Japanischen Kaiserreich.
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