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The lady of iron toughts (3)

Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Romance / P18 / Gen
Dis Fili Kili OC (Own Character) Thorin Eichenschild
04.04.2021
15.01.2023
44
206.931
23
Alle Kapitel
97 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
12.11.2022 4.084
 
Ja, ihr seht richtig, ein neues Kapitel - und das nach knapp einer Woche und nicht einem Jahr :D
Seht es als mein Geburtstagsgeschenk an euch an :)

Lieben Dank für eure Rückmeldungen und viel Spaß beim Schmökern!
CasseyCass *-*

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Tess
Ich wollte dieses Baby endlich aus meinem Bauch raushaben. Ich hatte noch gut sechs Wochen vor mir und ich wollte es unbedingt, unbedingt da raushaben. Es war grauenvoll. Ich musste gefühlt alle Stunde aufs Klo, hatte Schmerzen im Rücken und den Beinen, konnte weder zu lange sitzen, stehen, laufen oder liegen und wenn ich mich auch nur zwei Millimeter zu weit nach vorn beugte, kippte ich vornüber. Abgesehen davon, dass ich mich unförmiger als ein Buckelwal fühlte. Immerhin war Jalina bei mir, die mich etwas ablenkte und ein Auge auf mich hatte, während Kili unterwegs war. Er konnte ja immerhin arbeiten, um seine Nervosität zu begraben, ich schaffte es kaum noch zum Klo, geschweige denn in den Krankentrakt. Abgesehen davon, dass ich dort eh nichts mehr ausrichten könnte. Ich könnte nicht mal einen eingerissenen Nagel flicken, so sehr saugte dieses Kind meine Macht auf. Oder naja… schloss mein Körper meine Macht um das Kind. Es war wie ein Schutzballon, ich könnte jede Treppe dieses Berges hinunterfallen, diesem Baby würde nichts passieren….

“Tess-” Jalina steckte den Kopf durch die Balkontür. “Die Königin ist da.” Judy? Ich dachte dieser komische Lord aus dem Osten sei hier und sie müsste Verhandlungen leiten- Meine Freundin trat auf den Balkon und lächelte Jalina knapp zu, ehe sie sich zu mir drehte. Sofort wusste ich, dass irgendetwas nicht stimmte. “Danke, Jalina”, keuchte ich und stemmte mich hoch. Fixierte Judy. “Was ist los? Du siehst aus, als sei jemand überfahren worden.” Ich hatte eigentlich witzig sein wollen, doch statt zu grinsen, brach Judy in Tränen aus, kaum dass Jalina die Balkontür wieder geschlossen hatte. Und Judy weinte nicht nur etwas, sie war innerhalb von Sekunden in Tränen aufgelöst, sie heulte wie ein Schlosshund, wie es so schön hieß. “Ach du liebes bisschen”, murmelte ich und umarmte sie. Judy sank gegen mich und wäre ich nicht hochschwanger, hätte ich sie festgehalten, bis sie fertig gewesen wäre, aber so führte ich sie zur Bank und zog sie an mich. “Es wird alles gut”, wisperte ich und strich über die Haare, “was auch immer passiert ist, wir kriegen das wieder hin-” Jalina schob leise ein paar Taschentücher auf den Beistelltisch, war aber so diskret, einfach wieder zu gehen - ohne der aufgelösten Königin in meinen Armen, einen schrägen Blick zuzuwerfen.

“Tess, ich weiß nicht, was ich falsch gemacht habe”, schluchzte Judy. “Ich weiß nicht, wie das passieren konnte-” “Was denn, hm?”, fragte ich. “Erzähl mir, was los ist, Jiji.” “Gott, Tess, ich schäme mich so…” “Nein, nein. Nein, dazu wird kein Grund bestehen, dessen bin ich mir sicher. Los, sag mir, was passiert ist-” Judy atmete zitternd ein und setzte sich etwas auf. Ihre Augen waren gerötet, ihre Finger zitterten unentwegt und als ich danach griff, waren sie eiskalt. Meine Freundin griff nach dem Taschentuch und wischte sich über die Wangen, was nur wenig brachte, weil sofort ein paar Tränchen nachrollten. Sie seufzte etwas, atmete ein paar Mal tief ein, richtig nervös, ehe es aus ihr herausbrach: “Thorin hat eine Affäre.” Mir klappte wortwörtlich der Mund auf, ich starrte Judy an, als wären ihr fünf Köpfe gewachsen, von denen jeder eine andere Sprache sprach. Weshalb meine Reaktion auch genauso ausfiel: “Was?”, fragte ich baff. “Hast du Affäre gesagt?” Sie nickte. “Mit WEM zur Hölle?” “Dreimal darfst du raten.” Ich riss die Augen auf. “Nein! Nicht Breeda.” Weiteres Nickn. “Ich habe sie gesehen”, flüsterte Judy. “Er hat wochenlang Lord Salysan vorgeschoben und erst als ich den während einer ihrer vermeintlichen Treffen außerhalb des Singvogels getroffen habe, habe ich Verdacht geschöpft. Er hat mich gestern versetzt und dann bin ich auf gut Glück dahin…”

Erneut schluchzte Judy auf und ich griff geistesabwesend nach ihren Fingern. “Ich habe es geahnt und dir nichts gesagt”, flüsterte ich. Oh shit… “Wovon redest du?”, fragte Judy mit erstickter Stimme. “Ich habe vor einigen Wochen Thorin in den Fluren getroffen und er meinte, er sei auf dem Weg zu einem Termin mit Lord Salysan. Den ich nur wenig später auf dem Weg zum Geburtstag seiner Frau gesehen habe”, erzählte ich. “Ich… Ich habe das verdrängt, ich dachte, Thorin hatte vielleicht den Tag verwechselt oder so-” Judy sah auf ihre Finger und schloss dann die Augen. Ich hätte ihr davon erzählen sollen. Ich hätte auf mein Bauchgefühl hören und ihr davon erzählen sollen. “Davon aber mal abgesehen, ist das nicht deine Schuld”, murmelte ich. “Du kochst ihm nicht die falsche Suppe und er denkt sich “Jo, ich brauch’ ‘ne neue Frau”.” “Nein, aber irgendetwas muss ihn so an mir stören-” “Judy! Hör auf damit. Nicht du hast etwas falsch gemacht, er hat es! Man… Man heiratet doch nicht einfach aus Jux und Dollerei! Ihr habt deshalb nicht geheiratet! Und nenn mich naiv, aber wenn man heiratet, setzt man seine Ehe nicht nach weniger als zwei Jahren aufs Spiel.” “Er tut es”, meinte Judy müde. “Ja”, stimmte ich zu. Wieso?

“Wieso?”, fragte ich laut. “Ich habe Thorin nie als jemanden gesehen, der fremdgeht, also wieso?” “Wenn du darauf anspielen willst, dass Thorin verführt wurde”, brummte Judy, “so lass dir gesagt sein, dass dazu immer zwei gehören. Einer der verführt und einer der sich verführen lässt.”  “Und jetzt?”, fragte ich. “Ich weiß es nicht”, sagte sie ehrlich. Schüttelte den Kopf. “Ich weiß nicht einmal, was ich fühle. Ich bin todtraurig, dann fühle ich mich wie betäubt, dann wieder so, so, so sauer… Und versteh mich nicht falsch, ich weiß… Ich weiß, dass die richtige Entscheidung wäre, ihm die Hölle heiß zu machen und zu gehen. So viel Selbstwertgefühl sollte ich mir zugestehen-” “Aber?”, hakte ich nach. “Aber ich liebe ihn.” Judy sah mich traurig an. “Und ich will mich an dieser bescheuerten Idee festklammern, dass wir hier noch was retten können.” Hm. Damit er sie ein Jahr später erneut betrügen konnte? Betrüger wurden schneller rückfällig als so mancher Junkie… “Du stimmst mir nicht zu, hm?” “Ich… denke… dass ich ähnlich denken würde, wäre es Kili. Und ich will niemanden eine zweite Chance absprechen…” “Aber?” “Aber Judy… Thorin hat sich in der letzten Zeit echt viel rausgenommen, meinst du nicht?”

Sie wich meinem Blick aus. “Erst ignoriert er dich, ist abfällig, wirft eine Vase nach dir, verschwindet für Monate, belügt dich und jetzt geht er fremd. Ich weiß nicht, wie hoch deine Toleranzgrenze ist, aber meine wäre schon bei der Vase erreicht gewesen-” “Du denkst, ich bin in einer toxischen Beziehung und sehe es selbst nicht.” Ich hob die Schultern. “Bist du es und tust du es?” Judy stand auf und trat ans Geländer des Balkons. Ich setzte mich etwas anders hin und verzog das Gesicht. Hatte ich schon erwähnt, dass ich möglichst schnell un-schwanger werden wollte? “Wer weiß noch davon?”, fragte ich. “Nur du und ich. Naja und… Dwalin.” “Dwalin”, wiederholte ich. “Wieso Dwalin?” “Weil ich vor dem Singvogel in ihn reingerannt bin und mein emotionaler Zustand nicht gefestigt genug war, um mir eine Lüge auszudenken.” “Du weißt, er wird Thorin davon erzählen.” Judy nickte. Und begann wieder zu weinen. Stützte einfach den Kopf auf die Handinnenflächen und schluchzte leise vor sich hin. Seufzend schnappte ich mir die Taschentücher und kämpfte mich auf die Beine. Ich schlang einen Arm um Judy und gab ihr einen Kuss auf die Haare. “Wir schaffen das”, murmelte ich, “wir kriegen das hin…” Sonst müsste ich mir mal den König vorknöpfen. Und mit einer wütenden, schwangeren Lady wollte der sich sicher nicht anlegen.

Judy
Nach dem Gespräch mit Tess ging ich zu Circe. Keine Ahnung, wie ich Nayn in seiner Situation gerade helfen sollte, wenn ich gerade selbst ein totales Wrack war. Aber ich musste vorbeischauen. Salia, der mich wie immer begleitete, schien zu wissen, dass mir irgendetwas schief lag, traute sich aber nicht zu fragen. Ich hatte ihn gebeten, Thorin nicht von meinem Ausflug zu erzählen und er war der Bitte nachgekommen. Dafür warf er mir immer wieder dieses kritischen Blick zu. Als würde ich jede Sekunde explodieren. Naja und ich sah verheulter aus als irgendjemand sonst im Berg. Der schrecklichste Moment, seit ich Thorin und Breeda gesehen hatte, war als er nach Hause gekommen war. Er hatte nach Alkohol und Breedas blumigen Parfüm gerochen. Das hatte ich vorher nie wahrgenommen, aber gestern Abend… da schon. Ich hatte mich schlafend gestellt und Thorin hatte sich einfach zur Seite gedreht und war eingeschlafen; heute Morgen war ich aufgestanden, bevor er wach war. Ich wüsste gar nicht, wie ich ihm begegnen sollte.

Und dass er noch nicht nach mir gesehen hatte, zeigte, dass Thorin offenbar selbst an der Sache zu knabbern hatte. Wenn wir uns morgens verpassten, tauchte er spätestens in seiner Mittagspause auf, um mir Hallo zu sagen - egal, wo ich mich gerade auch rumtrieb. Aber heute nicht.. Da kamen uns auf der Treppe zu Circe ein paar Soldaten entgegen, deren Gesichter mir total fremd waren und die sich ziemlich rüpelhaft benahmen. Obwohl Salia mich etwas abschirmte - und man mir als Königin eigentlich den Weg freizumachen hatte - polterte die Truppe hinauf und an uns vorbei. Einer der Zwerge rammte gegen mich und ich taumelte gegen die Wand, was Salia ein empörtes “ACHTUNG!” schreien ließ. “Entschuldigen Sie, Miss”, grinste einer der Zwerge und aus irgendeinem Grund, machte mich dieser Satz gerade richtig, richtig  wütend. Als hätte man meine Achtung nicht bereits genug in den Sand getreten…

“Eure Hoheit”, sagte ich ruhig und der Zwerg drehte sich um. “Wie bitte?” “Es heißt: Eure Hoheit. Ich bin Eure Königin.” Die Truppe wurde mit einem Mal deutlich leiser. “Und als Eure Königin wundere ich mich etwas, wieso Soldaten des Throns lieber angetrunken durch die Gänge taumeln, statt ihrer Arbeit nachzukommen.” “Wir gehören zur Kohorte von Lord Lobozor”, sagte der Rempelei-Zwerg. “Das hebt nicht Euren Status als königlichen Soldat auf”, erwiderte ich. “Ihr werdet hier ausgebildet und vom König geehrt, wenn ihr diese Ausbildung beendet, und geht dann in die verschiedenen Königreiche hinaus. Richtig soweit? Gut. Das bedeutet, wenn euer Lord gerade keine Arbeit für euch hat, checkt ihr mit dem zuständigen Hauptmann ob ihr für den Tag entlassen seid. Habt ihr euch bei Sir Friga gemeldet?” Einhelliges Kopfschütteln. “Dann würde ich annehmen, dass ihr das schleunigst nachholt. Der König kann euch eure Titel verleihen. Er kann sie euch aber auch wieder nehmen.” “Ja, Eure Hoheit.” “Gut.” Ich drehte bei und ging weiter, Salia dicht hinter mir. “Mit Verlaub, Eure Hoheit, das war etwas hart”, murmelte er. “Achja?” “Ja.”

Salia räusperte sich etwas. “In den östlicheren Königreichen ist es Gang und Gebe bis in die frühen Morgenstunden zu arbeiten - naja und zu feiern. Viele Soldaten haben bis in die Mittagszeit hinein ihre freien Stunden und in denen dürfen sie nun mal tun und lassen, was sie wollen. Ich wette Lord Lobozor war bis heute Morgen in irgendeinem Bordell, Sir Rorek, das war der Zwerg eben, und seine Männer mussten zwangsläufig mit und hatten erst gegen vier Uhr frei. Ergo dürfen sie jetzt auch noch angetrunken durch die Gänge schlendern…” Ich atmete schwer ein und aus. “Danke, jetzt fühle ich mich jetzt erst richtig mies”, brummte ich. Er seufzte etwas. “Entschuldigung. Ich will nur ehrlich mit Ihnen sein.” Ich nickte. Das wusste ich. “Hat Ihre gereizte Stimmung etwas mit gestern Abend zu tun?”, fragte Salia vorsichtig. “Sie kamen mir da in der Eingangshalle entgegen und ich hatte irgendwie das Gefühl, dass Sie am liebsten die Zeit zurückdrehen würden-” Da hatte er gar nicht mal so unrecht. Ich blieb stehen und drehte mich zu Salia. Er war ein süßer Zwerg, sehr sympathisch und ein verflucht guter Krieger. “Haben Sie eine Partnerin, Salia?”, fragte ich leise. “Oder einen Partner?”

“Nein, aktuell nicht, Eure Hoheit. Ich hatte schon… Bekanntschaften, aber momentan bin ich nicht in einer Partnerschaft.” Ich nickte leicht. “Weshalb sind diese… Bekanntschaften geendet?”, hakte ich nach. “Manchmal passen zwei Personen einfach nicht zusammen, Eure Hoheit.” Er hob die Schultern. “Ja, schon richtig”, murmelte ich. “Ich weiß nur nicht, woran man sowas erkennt…” Salia zögerte mit einer Antwort. “Eure Hoheit, ich weiß nicht, was ich Ihnen sagen soll…” “Gar nichts”, murmelte ich. “Haben diese Fragen etwas mit gestern Abend zu tun?” Ich schwieg und Salia seufzte ein weiteres Mal. “Hören Sie, Eure Hoheit, was auch immer gestern passiert ist, Sie stehen da drüber. Sie sind die Königin, Judy- Es gibt nichts, was Sie in die Knie zwingen kann. In Ordnung?” Er fing meinen Blick ein und der Soldat sah mich so aufmunternd an, dass ich ihm fast glaubte. Ich legte Salia eine Hand an den Oberarm und erwiderte sein Lächeln, obwohl ich lieber geheult hätte. “Es wird alles wieder gut werden”, schob er nach und legte seine Hand über meine. “Und nun kommen Sie, da wartet ein kleiner Junge auf Sie.” Salia schob mich die letzten Meter bis zu Circe und durch die Tür hindurch. “Ich bin genau hier, wenn Sie etwas brauchen, Eure Hoheit.” “Danke, Salia.”

Amira sah mich leicht geschockt an, als ich eintrat, fragte jedoch nicht nach meinen Augenrändern und die Tränenspuren, als ich sie darum bat. Nayn saß stumm auf seinem Bett und hatte definitiv keinen Redebedarf, weshalb ich mich irgendwann einfach nur neben ihn auf den Boden setzte. Sein Vater wollte ihn natürlich zu sich nehmen, was ich - ebenfalls natürlich - verhindern wollte. Leider gab’s keine nahen Verwandten, die den Jungen zu sich nehmen konnten oder wollten, weshalb ich irgendwie eine Pflegefamilie finden musste. Nur dann könnten Thorin und Lord Nagko eine Vollmacht ausstellen, die den Vater als unzulänglich beschrieb und Nayn zur Adoption durch Fremde freigeben würde. Ich fühlte mich, als würde ich einen Viehhandel betreiben und nicht einem Zwergling helfen, aber mir fiel auch partout keine Alternative ein. Naja und bis dahin durfte Nayn hier bleiben. Die Freundin seiner Mutter, die den Kleinen hier abgegeben hatte, hatte selbst zwei Kids und arbeitete - ergo konnte sie sich nicht auch noch um ihn kümmern. Es klopfte leise und ich sah vom Boden hoch zu Amira. “Du hast Besuch”, sagte sie. “Ist es Thorin?” “Nein.” Sie schüttelte den Kopf. Hm. Ich kämpfte mich auf die Beine und ging nach noch vorn, nur am liebsten sofort umzudrehen.

Ich hatte ja gehofft, dass Dwalin die Sache auf sich beruhen lassen würde, aber da hatte ich mich offenbar getäuscht- Stumm sahen wir uns an, bis der Krieger sich endlich räusperte. “Wie geht es dir?”, fragte Dwalin. “Ich bin okay”, sagte ich sofort. Wohl etwas zu schnell, denn Dwalin lüpfte bloß eine Augenbraue. “Nur um das klar zu stellen”, sagte er dann, “ich stehe nicht hinter dem, was der König da tut. Ich bin wahrlich kein unbeschriebenes Blatt, aber das-” “Nicht”, unterbrach ich ihn. “Ich habe den ganzen Tag versucht, das letzte bisschen Würde beizubehalten und das ging nur, weil ich nicht darüber geredet habe-” Bis auf Tess einmal abgesehen. Ich schloss kurz die Augen und schluckte meine Tränen hinunter. Schüttelte den Kopf. “Ich habe mich schon oft verarscht gefühlt und schon oft hintergangen. Aber das hier sind neue Dimensionen.” Dwalin senkte nur den Kopf. “Es tut mir Leid, Judy. Ehrlich.” “Und das glaube ich dir. Weshalb ich dich bitten würde, das für dich zu behalten.” Er sah mich unter seinen buschigen Augenbrauen hindurch an und ich kniff die Augen warnend zusammen. “Das bleibt unter uns, Dwalin”, wiederholte ich. “Das ist meine Ehe und ich werde das klären. Niemand sonst. Abgesehen davon, dass es meine Stellung gefährdet.”

Dwalin nickte. “Keine Sorge, von mir erfährt niemand etwas. Aber Judy-” “Nicht mal Thorin.” Nun verstummte er. “Du weißt, dass ich dir das nicht versprechen kann.” “Dwalin-!” “Ich bin dem König unterstellt und zur Ehrlichkeit verpflichtet. Wenn ich ihn sehe, muss ich ihm erzählen, dass ich ihn gesehen habe. Und du auch.” Ich blinzelte nur. “Ich weiß noch nicht, wie ich damit umgehen soll”, flüsterte ich. “Ich bin total überfordert mit dem Ganzen und gehe Thorin den ganzen Tag bereits aus dem Weg, weil ich keine Ahnung habe, wie ich ihm begegnen soll. Ich muss entscheiden können, wann ich ihm davon erzähle.” “Du bist noch hier, ich würde sagen, du weißt bereits, wie du damit umgehst”, knurrte Dwalin. “Du bist selbstbewusst genug, um sofort deine Taschen zu packen und gehen zu können, aber du bist geblieben. Das heißt, du willst darüber reden und du willst dich damit auseinander setzen. Du brauchst nur einen Anstoß.” “Oh nein, wehe! Du wirst mir nicht irgendwas in den Mund legen oder mir einreden, nur um deine eigenen Taten rechtfertigen zu können”, fauchte ich.

Ich stemmte die Hände in die Hüfte und drehte mich etwas weg. Das war alles so scheiße. “Ich weiß, dass er dich liebt, Judy”, sagte er leise, “weshalb ich nicht verstehe, wieso er das tut. Du hast alles Recht zu fühlen, was du fühlst und zu tun, was du für richtig hältst. Doch er liebt dich. Davon bin ich überzeugt.” Mein Kinn begann zu zittern und obwohl ich mich seit Tess echt bemüht hatte, nicht zu weinen, konnte ich nicht mehr verhindern, dass mir die Tränen über die Wange rollten. “Wenn das Liebe ist”, flüsterte ich tränenerstickt, “dann will ich sie nicht länger.” Dwalin nickte, als könnte er mich tatsächlich nachvollziehen, was natürlich nicht stimmte. Ich wischte mir unter den Augen entlang, hielt den Kopf aber weiterhin weggedreht. “Ich danke dir für deinen Besuch, Dwalin, aber ich wäre dir dankbar, wenn du jetzt gehen würdest”, flüsterte ich. “Natürlich.” Er wirkte, als würde er noch etwas sagen wollen, ließ es jedoch sein. Er verbeugte sich nur und ging. Und ich war mir ziemlich sicher, dass sein nächster Weg zum König führen würde.

Thorin
Seine Augen waren auf seinen Ehering gerichtet, den er seit gefühlten Stunden zwischen den Fingern drehte. Thorin hatte er sich noch nie so… so… schäbig gefühlt. Er war selbst mal jung gewesen und hatte als junger Prinz mit vielen Frauen geflirtet. Aber er war nie - nie! - fremd gegangen. Egal wie betrunken Thorin auch gewesen war und egal wie sehr seine Gegenüber ihn auch gelockt hatte - war er in einer Partnerschaft gewesen, hatte er das dementsprechend gespiegelt und jede Avancen abgeblockt. Weshalb er sich absolut nicht erklären konnte, wie das gestern hatte passieren können. Er hatte gleich nach den ersten zehn Minuten gehen wollen, aber Breeda hatte ihm ein Bier bestellt und das hatte er nicht abweisen wollen… Ihm entwich ein Schnauben. Was war das denn für eine bescheuerte Ausrede? Die nahm er sich ja selbst nicht ab. Die Wahrheit war doch: Hätte er Rückgrat bewiesen, wie er es seiner Frau schuldete, hätte er Breeda nach dem Namen des Verräters gefragt und wäre gegangen, wenn sie den nicht geliefert hätte. Doch er war geblieben, er hatte getrunken, war irgendwann immer lockerer geworden und als Breeda gemeint hatte, sie könne ihm den Namen nicht in aller Öffentlichkeit sagen, hatte er zugestimmt, mit aufs Zimmer zu gehen.

Thorin ballte die Hand zur Faust und drückte sie gegen die Stirn. Er war heute noch nicht zum Arbeiten gekommen, weil er kaum einen klaren Gedanken fassen konnte. Er hatte innerhalb von Sekunden die Ehe mit Judy gegen die Wand gefahren. Seit Stunden dachte er darüber nach, wie er dieses Problem lösen könnte, doch ihm fiel einfach nichts ein. Er musste es Judy erzählen und dann war ziemlich klar, was passieren würde: Sie würde gehen. Er sollte die Scheidungspapiere schonmal aufsetzen. Thorin fluchte innerlich. Sie hatten so um ihre Beziehung kämpfen müssen, sie hatten so viel durchgemacht und nun ließ er sich von seiner Ex-Verlobten verführen, für die er Null empfand. Ob es für Judy einen Unterschied machen würde, dass er nicht mit Breeda geschlafen hatte? Vielleicht. Nichtsdestotrotz hatte er sie geküsst und es war für mehrere Sekunden äußerst leidenschaftlich geworden, bis er die Reißleine gezogen hatte. Bei Durin… Könnte er doch nur die Zeit zurückdrehen… “Du siehst scheiße aus.” Thorins Kopf ruckte hoch, doch es war nur Dwalin. Zum Glück. Judy hätte er jetzt nicht ertragen. Er war richtig froh gewesen, dass sie heute Morgen bereits aufgestanden war, als sein Wecker geklingelt hatte. Sie wunderte sich wahrscheinlich schon, wo er blieb. Normalerweise sah er nach ihr spätestens gegen Mittag.

“War lange unterwegs”, murmelte Thorin und fuhr sich durch die Haare. “Ja, habe ich gehört. Im Singvogel nicht wahr?” Der König kniff die Augen zusammen. “Ja-?” “Mit Breeda.” Er biss die Zähne zusammen. “Möglich.” Dwalin schüttelte den Kopf und kickte endlich die Tür hinter sich. “Ich weiß, du bist mein König, aber ich bin auch dein bester Freund und als dieser darf ich dir sagen: Du bist mit Abstand der dümmste Zwerg im ganzen Berg.” “Erzähl mir etwas Neues.” Dwalin musterte ihn kurz. “Judy weiß es.” Thorin spürte, wie er kalkweiß wurde. “Was?”, wisperte er. Sein Krieger nickte kurz. “Sie hat euch gestern gesehen, ich bin ihr im Flur begegnet. Sie war der Grund, weshalb ich ins Lokal bin, ich wollte mich überzeugen. War eigentlich mit Dori im Zwitschernden Vogel verabredet-” Thorin fuhr sich übers Gesicht. “Ich meine die gute Nachricht ist, sie ist noch im Berg”, meinte Dwalin, “und nicht geflüchtet. Andererseits habe ich sie eben gesehen und ich bin mir nicht sicher, ob sie das nicht noch nachholt.” Das könnte Thorin ihr nicht verübeln. Er legte die Finger vor den Mund. “Was ist passiert?”, fragte Dwalin leise. “Wie konnte das passieren?” “Ich weiß es nicht”, murmelte Thorin.

“Warst du betrunken?” “Ja, aber nur bedingt.” “War es Lust?” “Ich bespreche mit dir nicht das Liebesleben meiner Frau.” “Nun, wenn ihr bis jetzt eines hattet, wäre es umso skurriler, dass du mit deiner Ex ins Bett bist.” “Bin ich nicht. Ja, wir haben uns geküsst und es wurde…” Thorin brach ab. “Aber ich habe nicht mit ihr geschlafen.” “Hm, vielleicht hilft dir das tatsächlich.” “Ist das ein Witz für dich?”, fragte Thorin gereizt. “Nein, mit Sicherheit nicht. Aber das ist der einzige Weg, mit dem ich diesen Mist hier gerade ertrage. Ich war bei Durin echt nicht Judys größter Anhänger. Sie war ein aufmüpfiges Kind, als wir sie kennen gelernt haben und verflucht selbstverliebt, als ihr euch liiert habt. Aber abgesehen davon, dass du an ihrer Seite unendlich glücklich bist - zumindest nahm ich das bis heute an - ist sie eine großartige Königin. Sie unterstützt dich, sie gibt dir Kontra, sie inspiriert dich und sie setzt sich für unsere Leute ein. Sie verdient besseres als das. Sie verdient besseres, als deinen Ego-Trip.” “Ego-Trip?”, wiederholte Thorin. “Denkst du echt, ich bin zu Breeda, weil ich mir als König eine Geliebte nun mal leisten kann?” “Ich habe keine Ahnung wieso du getan hast, was du getan hat. Deswegen bin ich ja hier. Ich will dir helfen, deine Ehe zu retten. Also sag mir, wie das passieren konnte.”

Thorin stand auf und fuhr sich durch die Haare. “Sie hat mir nach Dis’ Tod geschrieben”, begann er. “Als ich noch in Moria war. Die ersten Briefe habe ich weggeworfen, aber dann irgendwann habe ich doch mal reingesehen… Fili war sogar mal dabei. Anfangs hat sie mir nur immer wieder ihr Beileid gewünscht, doch dann begann sie Erinnerungen an Dis zu teilen und ich konnte mich total damit identifizieren. Versteh mich nicht falsch, Judy hat auch mit mir geredet und sich bemüht, aber sie kannte Dis einfach noch nicht gut genug. Nach einem Abend hatten sich unser gemeinsamen Erinnerungen an sie erschöpft und ich… Dwalin, ich hatte Angst, meine Schwester zu vergessen. Und Breeda war die einzige, die mir helfen konnte, sie in meinem Kopf am Leben zu erhalten-” “Was war mit mir, hm? Mit Kili und Fili? Deine Familie, Thorin! WIR hätten deine erste Anlaufstelle sein sollen, nicht sie!” “Ich weiß”, murmelte Thorin. Er war eben doch egoistisch. Er hatte eine so tolle Familie und sie war nicht genug gewesen… “Irgendwann wurde schreiben zu mühsam, weshalb ich sie im Verlies besucht habe und dort wurde es irgendwann zu eng, weshalb wir zum Singvogel sind.” “Zu eng”, wiederholte Dwalin vielsagend und Thorin seufzte. “Nicht SO.”

“In Ordnung, wenn Fili die Briefe mitbekommen hat, geht die Sache seit du in Moria warst. Das ist fast sechs Monate her.” Thorin blieb vor dem Fenster stehen und sah hinaus. “Ja”, murmelte er nur. Über den Bergen brauten sich Regenwolken zusammen. Morgen würde es sehr schwül werden- “Ich kann nichts machen, außer sie um Verzeihung zu bitten”, flüsterte Thorin. “Du musst ihr vor allem zeigen, dass sie dir noch immer etwas bedeutet”, schob Dwalin nach. “Wenn sie dir das nicht glaubt…” Thorin nickte. “Ja, ich weiß”, sagte er leise. Wenn sie ihm nicht glaubte, bräuchte er tatsächlich die Scheidungspapiere.
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