Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Bloody Hay

GeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P12 / Gen
Aramis Athos D'Artagnan Porthos
03.04.2021
07.04.2021
3
6.917
2
Alle Kapitel
4 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
03.04.2021 2.193
 
Strafarbeit – Was für Art und Weise den Tag zu verbringen...
Aramis schmunzelte kopfschüttelnd während er seinen Blick zu dem blauen Himmel außerhalb des Stalles schweifen ließ und mit einer eleganten Bewegung den nächsten Pferdeapfel aufgabelte.
Es war unendlich friedlich im Stall. Kein Mensch war zu sehen und alle Pferde waren zum Grasen auf den kleinen Paddocks, die sich im hinteren Teil der Garnison befanden. Das Stroh raschelte, wann immer er mit der Gabel hindurch fuhr und der typische, scharfe Geruch frischen Pferdemists stieg ihm in die Nase. Auch wenn die Arbeit hart war, so störte Aramis sich nicht daran, war sie doch zutiefst befriedigend. Irgendwann schlug dann doch die sommerliche Nachmittagshitze voll zu, denn trotz aufgekrempelter Ärmel stand Schweiß auf seiner Stirn und lief seinen Rücken hinunter, was Aramis nicht weiter störte.
Lediglich die Tatsache, dass sein Brüder nicht hier waren, trübte die Leichtigkeit des Seins und der Wunsch, sie und ihre Gesellschaft um sich zu haben, keimte in seinem Herzen. Doch leider hatten sie anderweitig zu tun.
Aramis liebte diese Form der Strafarbeit und er wusste, dass auch Treville wusste, wie gerne er sich in den Ställen aufhielt. Wie sooft zuvor hatte Treville ihm die Möglichkeit gegeben, für ein paar Stunden von der Bildfläche zu verschwinden, ohne sein Gesicht zu verlieren. Zugegeben, ich hätte mich niemals von dem Roten Gardisten so reizen lassen dürfen, dass ich handgreiflich geworden bin. Wären meine Brüder hier gewesen, dann wäre es sicher anders gekommen…
Aramis seufzte, als er wieder aus der Stalltür starrte. Aber dann hätte ich die Gelegenheit für gute, ehrliche Handarbeit verpasst. Er spürte, wie der stete Rhythmus der Arbeit seinen Ärger besänftigt und seine Emotionen ins Gleichgewicht gebracht hatte. Dennoch, Porthos, Athos und d’Artagnan würden die ganze Situation sicher noch unterhaltsamer machen.
Als der letzte Strohballen aufgeschüttelt und verteilt war, schnappte Aramis sich ein Halfter samt Führstrick und ging voller Vorfreude hinaus zu den Paddocks.
„Solitario!“
Der Kopf des braunen Berber-Hengstes schoss augenblicklich hoch und große Augen blickten ihn aufmerksam an.
„Na komm, mein Kleiner!“
Das Pferd setzte sich in Bewegung  und kam langsam auf Aramis zu. Seine feuchte Nase legte sich zur Begrüßung in die Senke zwischen Aramis‘ Schlüsselbein und Hals und schnüffelte herum. Seit er den Hengst das erste Mal gesehen hatte, war dies die Art und Weise, wie sie einander begrüßten. Als Antwort nahm der Scharfschütze beide Ganaschen in seine Hände und fuhr sanft den Konturen des massiven Kopfes bis zu den weichen Nüstern nach. Und wie immer musste Aramis versonnen in sich hinein lächeln, als er die suchenden Lippen des Tiers spürte.
„Hey, lass das!“
Bevor der Hengst zwicken konnte, löste Aramis sich aus der vertraulichen Umarmung und stellte sich neben ihn. Er legte seine rechte Hand behutsam zwischen die Ohren des Tieres und übte eine leichten Druck aus. Sofort senkte das Pferd seinen Kopf und fuhr willig in das Halfter.
„Guter Junge!“ Aramis war ein klein wenig stolz darauf, wie gut er den gedungenen Hengst erzogen hatte und strich ihm lobend über den schwarzen Mähnenkamm.
Am durchhängenden Strick gingen die beiden zurück zum Stall. Die Hitze des Tages reflektierte an den Ziegelwänden der Garnison und ihre Schritte wirbelten den Staub des trockenen Weges auf. Es hatte seit Wochen nicht mehr geregnet und selbst das Gras an der Hausmauer hatte sich dem eintönigen Wüstenbraun ergeben.
„Na? Strafdienst oder Mission?“ grinste ihm Serge, bewaffnet mit einem großen Korb voller Zwiebel, im Vorbeigehen zu.
Aramis blieb mit Solitario stehen und schwieg.
Auch Serge war stehen geblieben und stellte mit einem Seufzer den schweren Korb ab. Bedächtig nahm er sein Taschentuch heraus und wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Strafdienst also! Was hast du jetzt schon wieder angestellt?“
Aramis schüttelte lediglich den Kopf und grinste. „Ah, du weißt, man muss die Feste feiern, wie sie fallen. Solitario benötigt ohnehin eine kleine Auffrischung bei seinen Kampfmanövern, also werden wir uns in aller Ruhe in die Reitarena begeben und ein wenig Trockentraining machen.“
„Wie kommst du voran mit ihm?“
„Gut! Naja - besser. Du weißt, wie schwierig er sein kann, aber die ganze Arbeit macht sich mittlerweile bezahlt. Er hat ordentliche Fortschritte gemacht und steht wirklich gut an den Hilfen.Mittlerweile reagiert er auch sehr gut auf die anderen Pferde. Ich glaube, er vermisst sie sogar, wenn sie nicht da sind. Allerdings kann er immer noch ein wenig temperamentvoll oder ängstlich sein, wenn etwas Unerwartetes passiert.“ Aramis strich stolz über den glänzenden, kräftigen Hals. „Aber es kann nur besser werden.“
„Ich wusste, dass du ihn hin bekommst, Junge. Weiter so! Heute gibt es Eintopf mit frischem Speck, da hast du also etwas, auf das du dich samt deinen drei Kumpels nach dem Training freuen kannst. Aber wage es ja nicht, dich in diesem Aufzug an den Tisch zu setzen!“
„Was?“ Aramis hob mit gespieltem Entsetzen seine Hände und Augenbraue. „Ich schaue immer gut aus!“
Serge lachte , hob ächzend den schweren Korb auf und machte sich wieder auf den Weg Richtung Küchentrakt. Aramis war keine zwei Schritte weit gekommen, als ihn die Stimme von Serge erneut zurück hielt.
„Und wenn du den Jungen siehst – sag ihm ich warte schon seit einer halben Stunde auf meine Eier. Wenn er morgen frisches Brioche haben will, dann soll er sich gefälligst beeilen.“
„D‘Artagnan? Wo soll er sein?“
„Im Hühnerstall! Was weiß ich, was er schon wieder so lange treibt, ständig muss man sich mit dem jungen Gemüse herumärgern. Wenn du willst, dass etwas erledigt wird, dann mach es selber.“ Serge verzog missbilligend die Nase, ehe er sich wieder umdrehte und kopfschüttelnd auf den Weg machte.
Aramis kehrte in den Stall zurück. Die dicken Mauern und kleinen Fenster machten das Innere des Stalls zu einer erfrischenden Oase und Aramis ließ den Frieden des Ortes auf sich wirken. Zwei Schwalben machten sich in der Ecke der ersten Box an ihrem Nest zu schaffen und vier hungrige Mäuler streckten sich ihnen erwartungsvoll entgegen. Bald würden sie wieder in den Süden aufbrechen und das Ende des Sommers einläuten und jede von ihnen würde auf ihre eigene Reise gehen. Vier kleine Vögel, die ihren Weg gehen müssen. "Möget ihr immer zueinander zurückfinden", flüsterte Aramis ihnen mit einem Augenzwinkern zu.
Solitarios Hufe hallten in der leeren, sauber gekehrten Stallgasse wieder. Zwei Stallburschen waren gerade dabei, mit einer großen vollgeladenen Schubkarre Heu zu verteilen und wie selbstverständlich schnappte Solitario sich im Vorbeigehen ein paar Büscheln des willkommenen Mahls. Genüsslich kaute er zu Ende, während Aramis den Hengst in der Mitte der Stallgasse stellte und ihn von beiden Seiten her mit Halteseilen anband. Auch wenn der Hengst für ein stattliches Musketierpferd eine Spur zu klein war, so glich seine Kraft und Eleganz diesen winzigen Makel vollständig aus. Gerade als Aramis noch einmal den herben Pferdeduft in seine Nase zog, hörte er von hinten aufgeregtes Gekreische und Geschreie. Solitario zuckte zusammen, aber Aramis gelang es, ihn schnell zu beruhigen.
Aramis ließ das Pferd stehen, wissend, dass er ihn kurz allein lassen konnte, und eilte hinaus. Noch ehe er einen Schritt aus dem Stall getreten war, sauste ein Huhn zwischen seine Beine und brachte ihn beinahe zum Stolpern.
„Hey! Was ist...?“
„Schau nicht so blöd, fang es wieder ein! Los!“ D‘Artagnan, keinen Meter hinter dem Huhn, krachte in Aramis hinein und stieß ihn gegen die angelehnte Tür. „Entschuldige!“, rief er Aramis zu und hastete dem Huhn hinterher.
„Aua!“ Aramis hielt sich seine Hüfte, die als erste mit der Holztür auf Tuchfühlung gegangen war, aber als er d‘Artagnan mit wehendem Haar im Zickzack hinter dem aufgeregt flatternden Huhn in einer Staubwolke nachlaufen sah, konnte er dem Jungen einfach nicht böse sein, sondern begann schallend zu lachen.
Hektische Stallarbeiter und außer Dienst befindliche Musketiere hatten sich dem Tumult angeschlossen und als Aramis sich umsah, bemerkte er, dass scheinbar alle Insassen der Geflügelvoliere über den Vorplatz des Stalls und dem Innenhof der Garnison verstreut waren. Selbst der Hofhund hatte sich dem munteren Treiben angeschlossen und stob aufgeregt bellend immer wieder in das Chaos aus Federn, Flügeln und Gegacker hinein. Augenblicklich war Aramis klar, warum Serge immer noch auf seine Eier wartete und er wusste mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, wer den nächsten Strafdienst ausfassen würde.
„Verdammt, Aramis, hilf mir doch endlich!“, fauchte d‘Artagnan Aramis atemlos an, während er bereits wenig erfolgreich dem nächsten Huhn hinterher rannte.
„Tut mir leid, mein Freund! Ich habe Severo in der Stallgasse hängen, aber ich schicke dir gleich Hilfe. Diesen Kampf wirst du sicher gewinnen!“, neckte Aramis seinen jungen Freud. Noch immer vor sich hin grinsend ging er zurück in den Stall und deutete den beiden Stallburschen, die gerade dabei waren, die leere Schubkarre in einen offenen Verschlag neben dem Solitario stand, zu schieben.
„Hey, ihr Zwei! Lasst das jetzt, ich kümmere mich später um die Abendfütterung, helft um Himmels Willen d‘Artagnan dabei die Hühner einzusammeln!“
Die Angesprochenen sahen Aramis mit großen Augen an. Doch als in diesem Moment das erste Huhn in die Stallgasse geflogen kam, legte sich augenblicklich ein riesiges Grinsen über ihre Gesichter. Sie sahen sich kurz an und ohne ein weiteres Wort zu verlieren ließen sie die Schubkarre stehen, die Heugabeln an Ort und Stelle fallen und stürzten sich auf das Huhn. Doch das dumme Ding flatterte zwischen Solitarios Beine, der augenblicklich zu tänzeln anfing.
Aramis fasste ins Halfter.
„Woah!“, brummte er in jenem tiefen Ton, der immer schon eine beruhigende Wirkung auf das Tier gehabt hatte. Das Huhn hatte gottlob beschlossen, wohl angespornt durch das laute „Putt – Putt – Putt!“ der Stallburschen wieder ins Freie zu flüchten.
Solitario schnaubte erregt, ließ sich aber soweit beruhigen, dass er zu tänzeln aufhörte.
Der Lärm vor der Stalltür wurde wieder lauter, es krachte und schepperte und aufgeregte Stimmen wurden in die Stallgasse geweht. Solitario legte die Ohren an und versteifte sich wieder, aber Armis ignorierte die Anspannung, die durch den Pferdekörper lief und fing demonstrativ ruhig an, die Mähne zu verlesen. Gerade als der Hengst den Kopf erneut entspannt senkte, flog ein weiteres Huhn kreischend in die Stallgasse und landete ausgerechnet auf der Krupp des Pferdes. Solitario zuckte zusammen und begann erneut zu tänzeln.
„Weg da!“ Aramis wurde nun doch ein wenig hektischer als er versuchte, das Huhn mit einer fahrigen Handbewegung zu verscheuchen. Das Huhn blieb stur sitzen und krallte sich, wohl um Halt zu finden, in die Hinterhand des Pferdes. Der Hengst keilte aus.
„Woah!“, konzentrierte Aramis sich nun weniger auf das Huhn als vielmehr auf Solitario. Den Hufen des aufgeregten Tiers ausweichend legte Aramis seine Hand auf den versteiften Hals des Tiers. Gottlob funktionierte es, auch wenn der Hengst weiterhin scharf durch die Nüstern blies.
In diesem Moment raste ein weiteres Huhn in die Stallgasse, dicht gefolgt von einem laut kläffendem Hofhund. Das Huhn auf Soltarios Krupp begann erneut zu gackern und mit den Flügeln zu schlagen und angelockt von der Bewegung flatterte das zweite Huhn auf die scheinbar rettende Erhöhung. Als Antwort warf Solitario sich im Halfter nach hinten und zerrte an den Stricken, die ihn festhielten.
„Verdammt!“ Aramis versuchte verzweifelt, den Haken des Halteseils zu lösen, ehe Solitario sich losreißen oder sich mit dem Halfter strangulieren würde. Er griff gerade beherzt zum Karabiner, als der Hund plötzlich  gegen die bebenden Hinterbeine des Hengstes schlitterte und unter ihm zum Liegen kam. Solitario schoss mit einem Satz nach vorne und riss Aramis, dessen Hand im Halfter festhing, mit sich. Die Haltestricke gaben nicht nach und der Sprung wurde jäh beendet. Ein scharfer Schmerz fuhr durch Aramis Finger, aber er ließ nicht los, sondern versuchte weiterhin krampfhaft, das Halfter zu lösen.
Die Hühner flatterten nun um Solitarios‘ Kopf und der Hund kam laut bellend unter dem Hengst zum Vorschein. Das Pferd verlor nun endgültig die Nerven. Solitario stieg und riss erneut nach hinten. Eine halbe Tonne Lebendgewicht warf sich gegen die Haltestricke und endlich gelang es Aramis, seine Hand aus dem Halfter zu ziehen. Plötzlich rissen die Stricke aus ihren Halterungen und Solitario wurde durch das abrupte Nachgeben auf die Hinterhand geworfen. Um nicht vollends das Gleichgewicht zu verlieren, arbeitete der Hengst mit ausschlagenden Vorderbeinen bis es ihm gelang, sich wieder aufzurichten, wobei er gnadenlos auf Aramis zudriftete.
„Nein!“ Aramis hob beide Hände und spürte das volle Gewicht des Pferdes.
Verzweifelt versuchte er, sich gegen das Pferd zu stemmen, wusste aber im Bruchteil einer Sekunde, dass es ein völlig sinnloses Unterfangen war. Wie in Zeitlupe krachte Aramis durch die Wucht des Pferdekörpers rücklings nach hinten in den Heuverschlag.
Aramis schlug hart am Boden auf, sein Aufprall lediglich ein wenig gedämpft durch das am Boden liegende Heu. Ein durchdringender Schmerz schoss siedendheiß durch seinen Körper. Er wollte atmen, aber er bekam keine Luft in seine Lungen. Sein Herz schlug krampfhaft in seiner Brust und kalter Schweiß brach aus. Seine Sinne schärften sich für einen Augenblick und wie wenn sich die Zeit selbst verlangsamen würde sah Aramis die Schwalben über sich kreisen, roch die Würze des Heus, hörte eine aufgeregte Stimmen nach Solitario rufen und schmeckte das Kupfer seines Blutes in seinem Mund. Etwas wirklich Furchtbares war geschehen, doch Aramis konnte es nicht greifen. Sein Geist tastete nach einer Erklärung, aber alles was er wusste war, dass er sich wünschte, nicht allein zu sein.
Dann stand seine Welt still und Dunkelheit umfing ihn.
Review schreiben
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast