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Ein neuer Anfang

von MrsLivi
GeschichteAllgemein / P12 / Gen
Ben Beckman der Rote Shanks
03.04.2021
21.04.2021
12
17.641
 
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08.04.2021 1.663
 
„Sag Liv, was hast du eigentlich für heute zum Abendbrot geplant?“, wollte Timo wissen, als sie sich neben ihn gestellte hatte. „Wie es das Wort schon sagt: Brot mit Wurst und Käse. Wieso?“ Kurz schielte der Alte zu Shanks und Ben, bevor er seine Augen wieder auf die junge Frau richtete. „Naja, ich hatte gehofft, du machst etwas Besonderes, wenn wir Besuch haben.“, meinte er mit einem Lächeln. Die Schwarzhaarige legte kurz ihren Kopf schief und überlegte, bevor sie die beiden Piraten musterte. „Ich kann auch etwas anderes machen, nur haben wir nicht mehr viel da. Ich wollte morgen erst einkaufen gehen. Aber ich seh mal, was sich machen lässt.“, erklärte sie und verschwand hinter die große Durchreiche. „Brauchst du Hilfe? Ich hatte nicht vor, irgendwelche Umstände zu verursachen.“, erklang die Stimme von Shanks. „Nein, alles gut.“, antwortete Liv nur, doch konnte sie spüren wie sich ihre feinen Härchen aufstellten. Sie hatte mit dem Kaiser gerechnet, doch es sein Vize, der hinter ihr aufgetaucht ist. Überrascht blickte die junge Frau zu dem großen Piraten auf. „Ja? Was gibt es?“, wollte sie wissen, doch erhielt sie keine Antwort. Der Pirat sah sie einfach nur an, analysierte sie. Die junge Frau betrachtete den Gast noch einen Moment ausgiebig, bevor sich sie sich mit einem leichten Schulterzucken wieder dem Abendessen zuwandte. Liv spürte jedoch die Blicke des Schwarzhaarigen weiterhin auf sich ruhen. Ohne ihn anzusehen fragte sie nach einiger Zeit: „Gibt es einen Grund, warum du mich so beobachtest?“ Doch, wie schon zuvor, erhielt sie auch jetzt keine Antwort. Stattdessen hörte sie, wie Ben näherkam und drehte sich zu ihm um. Der mächtige Pirat stand direkt vor ihr, sodass die junge Frau ihren Kopf in den Nacken legen musste, um ihm in die Augen zu sehen. Seine hellen grauen Augen verbargen seine Gedanken und Gefühle, aber er musterte sie erneut. „Woher hast du die?“, fragte er letztlich und tippte dabei vorsichtig auf die Narbe in ihrem Gesicht. Kurz erschauderte Liv. Mit so etwas hatte sie nicht gerechnet. „Von einem Freund.“, erklärte sie nach kurzem Zögern. „Es ist beim Training passiert, aber das ist jetzt schon etliche Jahre her.“ „Ein Freund? Beim Training? Habt ihr mit scharfen Waffen trainiert?“ „Ja, natürlich. Wäre seine Streitaxt stumpf gewesen oder nur eine Übungswaffe aus Holz, hätte er mir wahrscheinlich das Gesicht zertrümmert. So habe ich nur diese Narbe davongetragen.“ Der Pirat nickte nur. Eigentlich hatte er sich für sein Verhalten entschuldigen wollen, doch war das nicht unbedingt seine Stärke. Die Schwarzhaarige schien sich aber daran nicht wirklich zu stören und so beließ es Ben dabei. Ihre Augen brachten den sonst so gefassten Mann aus der Fassung. Noch nie war er einem Menschen begegnet, der zwei verschiedenfarbige Augen hatte. Und dann blickte diese Liv ihn auch noch direkt an; ohne Scheu, ohne Angst, sondern freundlich und offen. Erneut wandte sie sich dem Abendessen zu, als Ben die Tätowierung an ihrem Hals auffiel. „Was ist das?“, wollte er wissen und tippt mit dem Finger auf das Tattoo. Überrascht zuckte die junge Frau zusammen und zog leicht den Kopf ein, ihre Hand auf der Stelle, wo der große Mann sie berührt hatte und blickte über die Schulter zu ihm auf. „Das ist eine Triskele. Sie hat verschiedene Bedeutungen. Zum einen kann sie für Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft stehen, aber auch für die Einheit von Körper, Geist und Seele oder für Geburt, Leben und Tod. Jede Bedeutung ist in meinen Augen wichtig und birgt ihre eigene Weisheit, daher das Motiv.“ Der Schwarzhaarige nickte nur. „Es sie noch sehr neu aus.“, meinte er. „Ja, sie ist grade mal ein Jahr alt und mit die jüngste meiner Tätowierungen.“

Sie hatte zwar etwas länger gebraucht, doch letztlich hatte Liv neben einem gemischten Salat auch kleine Hackbällchen, Käsewürfel, eine kleine Wurstplatte, etwas geräucherten Fisch und ein paar gekochte Eier auf den Tischgestellt. Außerdem noch etwas Gemüse und kleine Brotscheiben. Verhältnismäßig still aßen die Vier zu Abend, doch war es Ben, der auf seine ursprüngliche Beobachtung zurückkam. „Warum warst du vorhin eigentlich so nervös?“, wollte er ruhig wissen, seinen Blick fast ausschließlich auf Liv gerichtet. Diese sah ihn kurz an, dann zu Shanks und dann zu Timo, bevor sie letztlich Ben wieder ansah. „Du wärst an meiner Stelle auch nervös gewesen. Immerhin sind da zwei Männer im Haus, die mit mir reden wollen und von denen ich bisher die abenteuerlichsten Geschichten gehörte habe. Gesehen habe ich sie nur in der Zeitung oder auf Steckbriefen. Und genau diese zwei wollen aus heiterem Himmel mit MIR reden. Ich bin weder stark noch mächtig. Ich bin einfach nur eine Buchverkäuferin.“ Jetzt war es jedoch der Kaiser, der antwortete. „Nimm es mir nicht übel Liv, aber dein Körper straft deine Worte Lügen. Ich habe dich heute gesehen, wie du mit Mia nach Hause gegangen bist. Du trägst mehr als eine Narbe. Das sagt mir, dass du zumindest Kampferfahrung hast. Und damit bist du wahrscheinlich stärker als ich vermute.“ Ernst blickte die junge Frau dem Kaiser in die Augen. „Liv, nein…“, wollte Timo sie noch aufhalten, doch da hatte sie sich schon ihr Shirt über den Kopf gezogen und stand am Tisch. „Ja, ich trage viele Narben Shanks. Doch sie genau hin. Die meisten stammen nicht von Kämpfen gegen andere. Ich war sehr krank, wirklich krank und bin nur knapp mit dem Leben davongekommen.“ Der Rothaarige schluckte schwer. So aus der Nähe betrachtet fielen ihm natürlich die Muskeln der jungen Frau auf. Aber eben auch, dass viele Narben von vernähten Wunden stammten. Ohne, dass es ihm wirklich bewusst war, betrachtete er den mehr oder weniger entblößten Oberkörper der jungen Frau. An einer Stelle blieb sein Blick hängen. „Ähm … Liv … diese Narbe…“, begann er und deutete auf ihre linke Schulter. „Ein Reitunfall. Mein Pferd wurde durch einen Knallkörper erschreckt. Er hat mich abgeworfen und der Reiter hinter mir konnte nicht mehr ausweichen. Sein Pferd hat mich getreten.“ Ohne ein weiteres Wort zog sich die junge Frau ihr Oberteil wieder über den Kopf und aß weiter. Die Blicke der Männer ignorierte sie dabei vollständig, doch war es Ben, dessen Betrachtungsart sich geändert hatte. Er sah jetzt mehr in ihr, als noch vor einer Stunde. Er würde es wahrscheinlich nie laut aussprechen, doch hatte sie ihn überrascht und das schafften nicht viele Menschen.
„Liv, eine Frage habe ich aber noch.“, zog Shanks die Aufmerksamkeit wieder auf sich. „Woher kommst du?“ Der Blickwechsel, der daraufhin zwischen ihr und dem alten Timmothy stattfand, war für Shanks eine erste Bestätigung dessen, was er schon vermutet hatte: an der Geschichte mit der Schiffbrüchigen war etwas faul. „Wenn du erlaubst, dann würde ich beginnen.“, meinte der Alte vorsichtig und blickte ein letztes Mal zu Liv. „Vor etwa einem Jahr bin ich, wie jeden Morgen, zum Fischen rausgefahren. Ich hatte grad eine gute Stelle erreicht, als plötzlich etwas Großes von oben ins Wasser gefallen kam. Und dann ist Liv aufgetaucht … im wahrsten Sinne des Wortes.“, erklärte er. Der skeptische Blick von Ben war eigentlich Antwort genug, doch er setzte noch einen drauf. „Du willst uns also erklären, dass Liv aus dem Himmel gefallen ist. Und wie ist sie dorthin gekommen?“ Jetzt war es Liv, die antwortete. „Du kannst Fragen stellen. Ich hab gehört, du wärst so intelligent. Dann nutze deinen Verstand auch. Wie kommt man in den Himmel? Natürlich in dem man stirbt. Ich bin an Krebs gestorben und habe eine zweite Chance in einer anderen Welt bekommen.“ Und damit stand sie auf und verschwand aus der Wohnküche. Sie brauchte einen Moment für sich, dieser Unterton, den Ben eben an den Tag gelegt hatte, brachte sie schier auf die Palme. Als sie die Küche wieder betrat fehlte von dem schwarzhaarigen Piraten jede Spur. „Ben raucht draußen eine.“, war die einfache Antwort von Timo, die die junge Frau mit einem knappen Nicken zur Kenntnis nahm. „Bitte sehr Shanks. Lektüre für dich.“, erklärte sie und legte dem Kaiser eine Mappe auf den Tisch. Es war ihre gesamte Krankenakte, die sie von Sam erhalten hatte. „Du kannst sie gern lesen, doch ich will sie so wie sie ist wieder zurückhaben.“ Der Rote zögerte kurz, doch schließlich schlug er die Akte auf und begann zu lesen. Tatsächlich sagten ihm Orte oder Namen nicht wirklich etwas und auch das Datum war sehr seltsam, doch gab es ihm einen ungefähren Überblick. Sein Vize las da schon genauer, als er die Wohnküche wieder betrat. Es war doch zum Haare raufen. Diese Frau war so ganz anders und brachte ihn immer wieder an seine Grenzen. Ben durchschaute selbst vollkommen fremde Menschen spielend und innerhalb von wenigen Minuten, doch bei Liv versagte diese Fähigkeit. Sie war ihm ein Rätsel. Und das wurmte ihn. Es gab nur ein menschliches Rätsel, welches er akzeptiert und das war und blieb sein bester Freund und Kapitän Rothaar Shanks. Drei bis vier Wochen wollten sie hier ankern und diese Zeit würde Ben nutzen um zu verstehen, wer diese Liv war. Mit diesem Entschluss widmete er sich letztlich dieser Krankenakte und hoffte, dass diese ihm mehr verraten würde. Tatsächlich verriet sie ihm einiges, doch das war nicht unbedingt erbaulich. Die junge Frau hatte im Laufe ihres eher kurzen Lebens schon einiges durchmachen müssen. Sicher, das war aufschlussreich, doch ein Detail verbarg sich in dem komischen Datum. „Sag mal, wie alt bist du eigentlich?“, wollte Shanks wissen. Ben rechnete mit einer empörten oder beleidigten Reaktion, immerhin soll man Frauen nicht nach dem Alter fragen. Doch überraschte Liv ihn erneut. „Was schätzt du denn?“, wollte sie lächelnd wissen und richtete sich in ihrem Stuhl auf um dem Rothaarigen direkt ansehen zu können. Dieser hatte nur seinen Kopf leicht schief gelegt und musterte sie. „Sei mir nicht böse, aber ich würde schon denken, dass du so um die 27, 28 bist.“, meinte er. „Hach, das geht runter wie Öl.“, meinte die junge Frau nur kichernd. „Du liegst falsch.“ Fragend blickte sie zu Ben, doch dieser enthielt sich. Er war nie wirklich gut darin, das Alter von Leuten einzuschätzen und so beließ er es dabei. „Ich bin 31.“, grinste Liv.
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