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Ein neuer Anfang

von MrsLivi
GeschichteAllgemein / P12 / Gen
Ben Beckman der Rote Shanks
03.04.2021
21.04.2021
12
17.641
 
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03.04.2021 1.322
 
Liv hatte es gewusst. Nein sie hatte es eigentlich nur geahnt, aber es war klar, dass es irgendwann darauf hinauslaufen würde. Schon als sie vor zehn Jahren die erste Diagnose bekommen hatte, brach für sie eine Welt zusammen. Mit einundzwanzig erlitt sie ein schweres Nierenversagen und keiner wusste, wieso das so war. Doch war die Ursache noch komplizierter, noch schlimmer. Sie hatte eine Autoimmunerkrankung, die ihren eigenen Körper angriff. Jetzt, zehn Jahre später lag sie schwer verletzt erneut im Krankenhaus. Sie hatte in den letzten Jahren gelernt, mit ihrer Krankheit zu leben und eigentlich lief auch alles gut, wirklich gut sogar. Besser als die Ärzte es vermutet hatte. Zu gut, weil sie zu „unbeschwert“ damit umgegangen war. Als Livs Hals zu schmerzen begann tat sie es als einfache Erkältung ab. Erst als sie Schwierigkeiten beim Essen bekam und wenig später auch beim Atmen nahmen die junge Frau und ihre Ärzte den Hals genauer unter die Lupe. Diagnose: Lymphkrebs. Was dann folgte war alles andere als angenehm oder schön. Operationen und Chemo-Therapie waren dann lange Zeit an der Tagesordnung. Doch auch davon erholte sie sich wieder. Es ging ihr mit der Zeit immer besser und dann sogar so gut, dass Liv wieder mit ihrer Leidenschaft anfangen konnte. Sie war in einem Mittelalterverein und konnte mit zwei Schwertern und auch mit der Armbrust sehr gut umgehen. Mal davon abgesehen, dass sie auch sehr häufig mit ihrem Pferd dort anzutreffen war. Trotz ihrer Krankheit und der eigentlich nicht mehr vorhandenen Gesundheit lebte sie ihr Leben weiter. Ihre Freunde und ihre Familie waren ihr dabei natürlich eine große Unterstützung.

Die junge Frau stand grad an der Taverne und trank zusammen mit einem langjährigen Freund einen Met. „Ich denke mal“, begann Björn, „dass es morgen bei dem großen Schaukampf wirklich lustig wird. Immerhin haben sich wieder jede Menge Kämpfer und Kriegerinnen angemeldet. Und es gibt zwanzig Reiter, die auch mitmischen. Ich freue mich schon wahnsinnig.“ Dann wurde sein Lächeln milder. „Ehrlich Liv, ich bin verdammt froh, dass du wieder da bist. Ohne dich wäre es nicht mehr dasselbe.“ Grade als die junge Frau antworten wollte erklang hinter ihr die Stimme des Veranstalters. „Liv-Kleines. Wie geht es dir? Das waren ja ein paar echt unerfreuliche Nachrichten, die da an mich getragen wurden.“, begrüßte der ältere Mann sie und wuschelte ihr durch die langen schwarzen Haare. „Gismo, schön dich zu sehen.“, erwiderte Liv und umarmte ihn freundschaftlich. Der Alte musterte sie eingehend und sehr aufmerksam. „Was möchtest du, Gismo?“, hakte sich Björn in das Gespräch ein. „Hmm…“, machte dieser jedoch nur und ging dabei einmal um Liv herum. „Hör auf damit. Ich bin keine Skulptur, die du bewundern kannst.“ Genervt stoppe die Schwarzhaarige das Tun des Veranstalters. „Entschuldige, aber du hast dich kaum verändert, Kleine. Deine Haare sind immer noch eine Augenweide, du bist durchtrainiert und wirkst mehr als bereit für den Kampf. Das Einzige, was sich verändert hat ist deine Ausstrahlung, aber das ist ja normal. Und du wirkst irgendwie … müde, schlapp. Ich glaube, du musst wirklich wieder mehr unter Leute. Zum Glück bist du ja jetzt hier.“ Mit einem Zwinkern und einem schelmischen Grinsen verschwand Gismo wieder. Irgendwo hatte er tatsächlich Recht. Wenn man nicht wusste, was alles passiert war, dann sah Liv einfach wie jemand aus, der seit Wochen nicht richtig geschlafen hatte. Oder seit Wochen schon auf einem Mittelaltermarkt lebte. Doch versuchte Liv nicht weiter an das Vergangene zu denken. Sie wollte wieder nach vorn sehen, das Leben wieder genießen und sich nicht von ihren Krankheiten beherrschen lassen. Wenn sie gewusst hätte, dass alles anders kommen würde …
Liv feierte mit ihren Freunden bis in den Abend hinein. Es wurde zusammen getanzt, gelacht, gesungen und musiziert. Nichts deutete auf die bevorstehende Katastrophe hin, die sie am nächsten Tag ereilen würde. Es war bereits halb drei Uhr morgens, als die Schwarzhaarige in ihr Zelt ging und sich mehr oder weniger auf das Feldbett fallen ließ. Sie war es wirklich nicht mehr gewöhnt, mit allen so lange zu feiern und dass, obwohl sie doch recht gut durchgehalten hatte. Doch wusste die junge Frau auch, dass es anders gewesen war. Dass da mehr machbar war, immerhin war es ja nicht immer so gewesen. Geweckte wurde sie von der nassen Schnauze von Doktor, dem Hund des Schmiedes, der neben ihr sein Lager aufgeschlagen hatte und auf den sie hin und wieder aufpasste. Also stand sie auf, knuddelte mit dem schon in die Jahre gekommenen Hund und machte sich dann ihr Frühstück. Und dann ging sie zu ihrem Hengst. Immerhin musste er ja für den heutigen Schaukampf vorbereitet werden und morgen war noch ein kleines Turnier geplant. Den gesamten Vormittag verbrachte Liv zusammen mit anderen Reitern und Kriegern, die an dem großen Turnier teilnahmen, um zu trainieren und sich aufeinander einzustimmen. Dann machten sie sich alle gemeinsam auf zum Mittagessen. Eine kurze Pause und dann ging es los.

Liv war ein wenig nervös, doch überwog ihre Freude auf die bevorstehenden Kämpfe. Das Turnier steuerte grade auf seinen Höhepunkt zu. Die Reiter hatte sich mit eingemischt und wirkte auf Besucher wie eine richtige Schlacht. Die große Wiese war zum Großteil von Tribünen umgeben, nur hier und da gab es Durchgänge, damit die Krieger, Reiter und alle Helfer schnell an Ort und Stelle waren. Die Schwarzhaarige mochte diese Location, im Schatten der großen Schlossruine war es auch jetzt im Sommer immer noch aushaltbar und für Mensch und Tier ein wenig angenehmer als in der prallen Sonne. Liv hatte ihren Hengst grade gewendet und ritt einen Angriff auf einen Kollegen aus einem anderen Verein, als es plötzlich einen ohrenbetäubenden Knall gibt. Ehe sie überhaupt wusste, was passiert war, lag sie auf dem Boden. Durch das nachhaltige Dröhnen ihn ihren Ohren nahm sie alles nur extrem leise und gedämpft wahr, ihr war schwindelig und der Sturz vom Pferd hatte ihr die Luft aus den Lungen gepresst. Jeder, der auf dem Schauplatz gewesen war rannte wild durcheinander, versuchte die Pferde und auch die Hunde einzufangen und zu beruhigen. Die Verletzten wurden in Sicherheit gebracht und die anwesenden Rettungskräfte wurden durch weitere unterstützt. Eine der Tribünen war kaum noch vorhanden und hier und da züngelten kleine Feuer. Doch bekam die junge Frau davon nicht wirklich mit. Sie lag am Boden und versuchte ihren Kopf vor Tritten den von Mensch und Tier zu schützen. Immer wieder wurde sie getreten oder man trat direkt auf sie. Ein unheilverheißendes Knacken und ein unbeschreiblicher Schmerz in ihrem Bein waren das Letzte, woran sie sich erinnern konnte.

Drei Tage später erwachte die Schwarzhaarige wieder; benommen, geschwächt und schwer verletzt. Sie lag auf der Intensivstation im Krankenhaus. Liv hatte etliche Prellungen und Knochenbrüche, eine schwere Hirnerschütterung und einen angebrochenen Halswirbel. Ihre Ohren waren durch die Explosion geschädigt und es war noch nicht klar, ob sie je wieder richtig würde hören können. Doch das Schlimmste waren die Metastasen, die die Ärzte überall in ihrem Körper entdeckt hatten. Der Krebs hatte gestreut, die Chemo war wirkungslos gewesen und es waren die wichtigsten Organe bereits befallen. Sie würde sterben, qualvoll in einem Krankenbett. Ihre Lunge war kaum noch in der Lage, ihre Funktion zu erfüllen. Die Rückenschmerzen, die Liv manchmal hatte, kamen von kleinen Tumoren an ihrer Wirbelsäule. Und dass ihre Nieren so gut wie nicht mehr selbstständig arbeiteten gab ihrem Organismus den Rest. Aber sie hatte keine Schmerzen. Sie war ständig von einer Art Wolke umgeben, durch die sie alles nur gedämpft und verzögert wahrnahm. Ihre Freunde und ihre Familie sah sie nur durch eine Scheibe, sie durften nicht zu ihr, durften sich nicht von ihr verabschieden … oder sie sich von ihnen. Doch hatte sie jedem Einzelnen eine persönliche Nachricht hinterlassen, sich von ihm per Sprachaufnahme verabschiedet und so ihren Frieden gefunden. Sogar ihren Hengst, der das ganze unbeschadet überstanden hatte, durfte sie ein letztes Mal sehen. Mit einem letzten, erleichtert klingendem Seufzer schloss sie ihre Augen, entließ ihre Seele, auf dass sie irgendwann einmal wieder mit ihren Freunden zusammen feiern konnte.
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