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Chimärenjagd

von Hopy1x2y
GeschichteSci-Fi, Liebesgeschichte / P12 / Het
03.04.2021
13.04.2021
41
65.042
3
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08.04.2021 1.849
 
Chloe

Der Taxifahrer warf mir einen seltsamen Blick zu, als ich in das Fahrzeug stieg. Ich gab ihm die Adresse, die mir durch Bryson glücklicherweise bekannt war. Er hatte mich ausdrücklich davor gewarnt, auch nur in die Nähe des Gebäudes zu gehen. Nun, ich hoffte doch sehr, dass man mich nicht als Katze identifizieren würde. Nach dem Gesicht des Fahrers zu urteilen, war es mir wohl gelungen, jeglichen Körpergeruch zu eliminieren.

»Arbeiten Sie zufällig in einer Parfümerie?«, fragte er, nachdem wir die halbe Strecke zurückgelegt hatten.

Ich knipste mein strahlendstes Lächeln an. »Nein, aber ich glaube, ich habe es heute ein klein wenig übertrieben.«

»Vielleicht ein bisschen«, erwiderte er und rieb sich die tränenden Augen.

Gut so! Meine Chancen stiegen, mit heiler Haut das Gebäude zu betreten und von dort wieder zu verschwinden. Während der ganzen Fahrt rief mir eine innere Stimme zu, den Wahnsinn sein zu lassen und umzukehren, aber etwas sagte mir, dass Bryson in Gefahr schwebte. Gaiden wurde bestimmt zu etwas gezwungen, und wie ich NESOM einschätzte, sollte er sicher nicht nur einen Freundschaftsbesuch abstatten.

Am Ziel angekommen, zahlte ich die Fahrt und gab ein gutes Trinkgeld. Zunächst wollte ich den Fahrer bitten, auf mich zu warten, aber für die Rückfahrt hatte ich kein Geld mehr und wer wusste schon, wie sich dieser Ausflug noch entwickeln würde. Vielleicht war in wenigen Minuten ein Rudel Wölfe hinter mir her - keine angenehme Vorstellung.

Ich war immer noch von einer stattlichen Duftwolke umgeben, denn auf der Straße warfen mir die Passanten irritierte Blicke zu. Mit weichen Knien betrat ich das Foyer des Hochhauses, in dem die Wölfe ihr Hauptquartier hatten. Das war genau der Ort, an dem ich  nicht sein wollte. Wenn der Pförtner hinterm Tresen Verdacht schöpfte, war es schon fast um mich geschehen. Er sah mir neugierig entgegen, sprang aber wenigstens nicht auf und griff mich an. Auch löste er keinen Alarm aus. Bisher lief es also nach Plan.

»Sie wünschen?«, fragte er und versuchte offensichtlich verzweifelt, den durchdringenden Parfümgeruch zu ignorieren.

»Könnten Sie bitte Bryson Skelton nach unten rufen? Sagen Sie ihm, seine Kusine wäre hier und möchte ihm etwas geben.«

Er nickte stumm und griff zum Telefon. Ich trat ein paar Schritte vom Tresen zurück, was dem Pförtnerwolf bestimmt sehr recht war, und sah mich im Foyer um. Eine Frau kam durch den Eingang, ging in Richtung der Aufzüge ... und stutzte. Mein Herz schlug mir bis hinauf in den Hals. Hatte sie etwas gemerkt?

»Verzeihung, aber sind Sie ... bist du zufällig Brysons Kusine?« Ich zermarterte mein Gedächtnis und fand keine Antwort darauf, wer sie war. Also nickte ich nur flüchtig. Sie deutete auf meine Kleidung. »Ich habe meine Sachen wiedererkannt. Bist du denn schon etwas zur Ruhe gekommen und hast dich von dem Scheusal erholt? Ich bin übrigens Francine, aber das hast du ja bestimmt schon erraten.«

Anscheinend hatte mir Bryson einiges verschwiegen, vor allem wusste ich nicht, wen sie mit 'Scheusal' meinte. »Ich bin Chloe. Ja, es ist alles in Ordnung. Danke, dass du mir ausgeholfen hast.«

Insgeheim hoffte ich, dass sich die Angelegenheit nun erledigt hatte und sie verschwinden würde, aber die Hoffnung trog.

»Ich konnte Bryson nicht erreichen«, sagte der Pförtner in diesem Augenblick. »Er ist bei Luna.«

»Das trifft sich doch gut«, mischte sich Francine erneut ein. »Ich wollte ohnehin meine Großmutter besuchen. Da kann ich dich doch mit nach oben nehmen.«

Das hatte mir gerade noch gefehlt. Ich konnte mir Schöneres vorstellen, als durch ein Hochhaus voller Wölfe zu laufen. »Das ist nicht nötig. Ich warte hier unten, bis er Zeit hat.«

»Ach, Unsinn! Luna wird sich bestimmt freuen, dich kennenzulernen. Sie hält große Stücke auf Bryson und würde es mir nie verzeihen, wenn ich seine Kusine hier unten stehen lasse. Keine Widerrede!«

Notgedrungen ließ ich mich von ihr zu den Aufzügen mitnehmen. Es war wohl doch eine blöde Idee gewesen, hierher zu kommen. Es fühlte sich so an, als würde man mich zu meiner Hinrichtung führen, als sich die Aufzugstür schloss und Francine den Knopf für die achte Etage drückte. Während der Fahrt nach oben bemerkte ich, wie sie witternd die Luft in die Nase sog. War ich aufgeflogen?

»Du scheinst ja Parfüm zu lieben«, sagte sie und lachte dabei leise. »Ich geb dir einen guten Rat - von Frau zu Frau. Weniger ist manchmal mehr.«

»Ja, ich habe es heute etwas übertrieben.« Immerhin wirkte mein Schutzschirm aus Duftstoffen. Es war nur die Frage, wie lange noch.

Mit einem leisen 'Pling' öffnete sich die Lifttür und mit Schrecken sah ich die beiden reichlich grimmig dreinschauenden Wölfe vor einer Wohnungstür stehen.

»Sagt bitte meiner Großmutter Bescheid, dass ich sie sehen möchte«, sagte Francine.

»Ich will wirklich keine Umstände machen«, versuchte ich aus der Sache ungeschoren rauszukommen. »Vielleicht kann Bryson kurz vor die Tür kommen ...«

»Papperlapapp! Du musst keine Angst haben. Luna mag die Anführerin des Rudels sein, aber sie beißt nur sehr selten«, wischte Francine meinen Einwand beiseite und grinste mich dabei an.

Ich hatte so meine Zweifel, ob Luna wirklich auf das Beißen verzichten würde, wenn sie herausbekam, dass ich kein Wolf war. Unterdessen hatte uns einer der Wachen angekündigt und meine Begleiterin zog mich hinter sich her. Wir betraten ein geräumiges Wohnzimmer und ich sah eine ältere Frau, die uns freudestrahlend entgegenkam.

»Francine! Das ist aber schön, dass du mal bei deiner alten Großmutter vorbeischaust. Wen hast du denn da mitgebracht?«

Ich sah Bryson, der in einem Sessel saß und dem fast die Augen aus dem Kopf fielen, als er mich erblickte.
»Ich bin Chloe«, sagte ich und versuchte mich an einem Lächeln, was mir aber wahrscheinlich völlig missglückte.

»Sie ist Brysons Kusine«, erklärte Francine. »Das arme Ding ist vor ihrem prügelnden Mann geflohen.«

Immerhin kannte ich jetzt den Grund, warum ich in der Stadt war. Wäre nur schön gewesen, wenn mich mein Wölfchen vorher darüber informiert hätte. Luna lächelte mich an und drückte mir die Hand. Sie roch derartig nach Wolf, dass ich mich zusammenreißen musste, um sie nicht anzufauchen. Es wäre mir an dem Ort wohl nicht gut bekommen.

»Aber Kusinchen, was willst du denn hier?«, fragte Bryson in diesem Augenblick und legte mir den Arm um die Schultern. »Du solltest dich doch etwas ausruhen, nach all dem, was du durchgemacht hast.«

»Nun mach ihr doch keine Vorwürfe«, sagte Luna. »Ich freue mich immer, wenn ich junge Wölfe kennenlerne. Es kommt so selten vor. Komm!«, sagte sie und zog mich zum Sofa. »Lass uns ein wenig plaudern. Ich möchte so viel wie möglich von dir erfahren. Vielleicht kann ich dir ja auch helfen. Wir unterhalten uns später über dieses Ding«, sagte sie zu Bryson und deutete dabei auf den Behälter, der auf dem Tisch stand und den ich nur zu gut kannte. »Nimm Francine mit und amüsier dich bei der kleinen Feier. Sprich doch auch mit Gaiden und sag ihm, dass ich es begrüßen würde, wenn er sich einer ärztlichen Untersuchung unterzieht.«

Immerhin hatte er das Thema schon angesprochen. Aber ich verdrängte den Gedanken daran sofort. Mein aktuelles Problem war ganz anders geartet. Was wollte Luna von mir? Sich nur mit mir unterhalten? Kam das öfter vor? Wie redeten Wölfe eigentlich mit einer Rudelanführerin? Gab es irgendwelche bestimmte Rituale, von denen ich nichts wusste? Das konnte doch alles nur schief gehen.

»Was willst du denn noch?«, fragte Luna in Brysons Richtung, weil der sich nicht von der Stelle rührte. »Ich werde deine Kusine schon nicht auffressen.« Sie lachte dabei, als hätte sie einen besonders guten Scherz gemacht. Ich hingegen dachte über eine Möglichkeit nach, mich unbeschadet aus der Affäre zu ziehen.

»Geh und sprich mit Gaiden!«, befahl Luna.

Bryson sah wohl keine Chance mehr, sich zu weigern, ohne Verdacht zu erregen. Er warf mir nur einen Blick zu, der Bedauern und Angst zugleich ausdrückte. Ich konnte es ihm nachempfinden. Mir ging es ähnlich.

»Nun erzähl mal«, sagte Luna und tätschelte mir vertrauensvoll den Oberschenkel. »Wo kommst du denn her und was hast du bisher so getrieben. Zu welchem Rudel gehörst du denn?«

Stockend begann ich zu berichten und erfand dabei alle möglichen Ereignisse und Namen. Ich achtete darauf, mich nicht zu sehr in Widersprüche zu verstricken und anscheinend gelang es mir, denn Luna hörte interessiert zu und nickte nur von Zeit zu Zeit. Manchmal warf sie einen erstaunten Ausruf ein oder bedauerte mich.

»Du verstehst dich mit Bryson sehr gut, wie mir scheint«, sagte sie schließlich nach einer Weile.

»Wir kennen uns seit unserer Kindheit.«

»Hmm«, sagte sie nur, stand auf, ging hinüber zu einem Sideboard und holte einen Gegenstand heraus. Erst als sie sich wieder zu mir umdrehte, erkannte ich, dass es sich dabei um eine Pistole handelte. »Ich wusste ja gar nicht, dass er mit einer Katze verwandt ist. Setz dich still und ruhig in den Sessel und versuch keine Tricks! Ich mag vielleicht auf dich alt wirken, aber mit einer Miezekatze wie dir nehme ich es noch allemal auf.«

Ich befolgte ihre Anweisung, da ich mir nicht schon wieder eine Kugel einfangen wollte. »Sie machen einen Fehler«, sagte ich und deutete auf den Becher, der immer noch auf dem Tisch stand. »Das Ding hat mir NESOM eingepflanzt und das haben die bestimmt nicht getan, um sich die Zeit zu vertreiben. In Brysons Wohnung habe ich zwei Typen von denen gefesselt, die mir erzählt haben, dass in diesem Moment einer von ihnen hier in unmittelbarer Nähe ist und Gaiden fernsteuert - sozusagen.«

Immerhin schien Luna nicht völlig abgeneigt zu sein, mir zu glauben. Weder schoss sie mich über den Haufen, noch rief sie nach ihren Wölfen, um mich in Stücke reißen zu lassen. Stattdessen ging sie zu einem Schreibtisch und drückte auf einen Knopf.

»Ich traue NESOM alles zu«, sagte sie. »Dennoch will ich mich mit eigenen Augen davon überzeugen, ob du die Wahrheit sagst - was ich bei einer Katze erst einmal nicht voraussetze.«

»Das ist ein ziemliches Vorurteil, meinen Sie nicht auch?«

»Nenn es lieber Lebenserfahrung«, erwiderte Luna. In dem Moment öffnete sich die Tür und die beiden Wachen betraten das Wohnzimmer. »Ihr passt auf, dass sich unsere Katzenfreundin nicht verabschiedet«, sagte sie zu den zwei Männern und deutete auf mich. »Und denkt daran: Sie ist mein Gast - vorerst. Ihr soll kein Haar gekrümmt werden, solange sie sich anständig benimmt und nicht zu fliehen versucht.«

Die beiden Kerle nickte unmerklich und fixierten mich mit ihren dunklen Augen, sodass ich lieber auf Abstand blieb.

»Ich spreche jetzt mit Bryson«, sagte Luna und wandte sich in Richtung Tür. »Danach entscheide ich, was mit dir geschieht.«

»Denken Sie daran, wer unsere wahren Feinde sind«, rief ich ihr nach, während sie die Wohnung verließ.

Die beiden Wächter standen starr und stumm im Raum, ließen mich aber keine Sekunde aus den Augen. »Habt Ihr ein Kartenspiel dabei?«, fragte ich, bevor ich mich hinsetzte. »Nein? Schade.« Sie reagierten nicht und sagten kein Wort, verzogen nicht einmal ihre Miene. »Ihr seid echt brave Wachhunde.«

»Treib es nicht auf die Spitze, Katzenvieh!«

Immerhin hatte ich einem der beiden Typen eine Reaktion entlockt. Allerdings sollte ich es nicht übertreiben, aber es war meine Art, viel zu reden, wenn ich nervös war. Und im Moment hatte ich eine Scheißangst.
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