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Chimärenjagd

von Hopy1x2y
GeschichteSci-Fi, Liebesgeschichte / P12 / Gen
03.04.2021
13.04.2021
41
65.042
3
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08.04.2021 1.140
 
Bryson

Während ich zu unserem Hauptquartier fuhr, musste ich die ganze Zeit die vielen verschiedenen Gedanken sortieren. Da waren die Gefühle, die ich für Chloe empfand, verbunden mit der Sorge um ihr Wohlergehen. Sie lebte in einer Stadt, in der eine große Zahl von Feinden hinter ihr her sein würde, sobald diese von ihrer Anwesenheit erfuhren - von den Gefahren durch NESOM ganz abgesehen.

Dann noch Gaiden. Natürlich freute ich mich darauf, einen meiner engsten Freunde wiederzusehen, aber was hatte man mit ihm während seiner Gefangenschaft angestellt? Ich sah noch dieses Ding vor mir, dass Stephen aus Chloe herausgeholt hatte und von dem wir nicht wussten, was es dort im Körper anrichtete. Ich würde jedenfalls ein langes Gespräch mit Gaiden führen, um herauszufinden, ob wir ihm völlig trauen konnten. Zudem würde ich ihm vorschlagen, sich von Stephen gründlich untersuchen zu lassen. Falls mein Freund es ablehnte, musste Luna es ihm befehlen.

Ich fuhr den Wagen in die Tiefgarage, die zu unserem Hauptquartier gehörte, und benutzte dort den Fahrstuhl, um in den siebten Stock zu fahren, wo sich der große Versammlungsraum befand. Chloe hätte sicher gelacht und gesagt, dass dort für jeden von uns bestimmt Beißringe und Tennisbälle liegen. Ich hätte geantwortet, dass ein Kratzbaum auf sie warten würde, wenn es nach mir ginge. Es war wohl nicht nur ihr Aussehen, das auf mich so anziehend wirkte, sondern ihre ganze Art, die sich so sehr von den Frauen unterschied, die ich bisher kennengelernt hatte.

Im großen Saal waren bereits rund zwei Dutzend Mitglieder unseres Rudels anwesend. Gaiden bildete den Mittelpunkt, doch als er mich sah, drängte er sich an allen vorbei und eilte auf mich zu.

»Sei mir gegrüßt, Bruder Bryson«, begrüßte er mich formell, bevor er mich umarmte. »Du alter Halunke! Ich hätte nie gedacht, dich noch einmal wiederzusehen.«

»Ich bin froh, dass du gesund bist. Ich konnte deine Spur nur bis zu einem Apartment zurückverfolgen, bevor ich sie verloren habe.«

Er plauderte einfach drauflos und erzählte mir, wie ihn die Kerle der Organisation geschnappt hatten und wie er schließlich entkommen war. »Die Typen waren echt nachlässig und dachten wohl, sie hätten mir genug von dem Betäubungsmittel verabreicht. Aber da lagen sie völlig falsch. Ich bin aus dem Fenster im dritten Stock gesprungen, zu einer Raststätte gelaufen und habe mich dort zwischen der Ladung auf einem Lastwagen versteckt, der gerade abfuhr. Als er das nächste Mal anhielt, bin ich abgestiegen und habe mich hierhin durchgeschlagen.«

»Was wollten die denn von dir?«

Er sah mich fragend an. »Wie meinst du das? Sie wollten mich umbringen, vorher aber noch ihrer sauberen Chefin vorführen. Da habe ich ihnen aber einen Strich durch die Rechnung gemacht.«

»Keine Experimente? Keine Operation?«

Gaiden lachte lauthals. »Wie kommst du denn darauf? Du solltest doch wissen, wie die Spinner vorgehen. Jedenfalls bin ich froh, hier zu sein, und so schnell verlasse ich das Rudel bestimmt nicht mehr.«

Lärmend beglückwünschten ihn unsere Kameraden und schlugen ihm anerkennend auf die Schulter, während ich gute Miene zum bösen Spiel machte. Vielleicht litt ich an Paranoia und etwas in mir wollte ihm glauben - aber ich konnte nicht. Ständig sah ich das widerliche Ding vor mir, das in Chloes Körper gewesen war.
*****
Die ganze nächste Stunde musste Gaiden immer wieder von seinen Erlebnissen und der Flucht berichten, die er von Mal zu Mal detaillierter schilderte. Mittlerweile waren fast fünfzig Mitglieder unseres Rudels anwesend, also über die Hälfte von denen, die sich in der Stadt niedergelassen hatten. Auch Luna hatte ihn willkommen geheißen und sogar eine kleine Ansprache gehalten, was sie sonst nie tat.

»Kann ich mit dir unter vier Augen reden?«, fragte ich sie, als sie im Begriff stand, den Saal wieder zu verlassen.

Sie sah mich einen Moment verwundert an, bevor sie ihre Zustimmung signalisierte. »Komm mit in meine Wohnung.«

Ich tastete noch nach dem Behälter in der Jacke, bevor ich mit ihr in den Aufzug stieg und ein Stockwerk nach oben fuhr. Ich war reichlich nervös, denn ich würde die Wahrheit sehr weit auslegen müssen - und das gegenüber der Rudelanführerin. Sie schätzte es begreiflicherweise nicht, wenn man sie anlog. Die beiden Wachen vor ihrer Wohnungstür öffneten diese zuvorkommend und ließen uns eintreten. Luna deutete auf einen Sessel.

»Nimm Platz, Bryson, und dann erzähl mir, was du auf dem Herzen hast.«

Ich griff in die Jackentasche, holte den Behälter heraus und platzierte ihn auf den Tisch vor mir. Luna nahm ihn in die Hand, betrachtete das Ding darin eingehend und zog eine Augenbraue nach oben.

»Was ist das? Woher hast du es?«

»Stephen hat es aus einer Leiche herausgeholt - einer Vogelchimäre.«

Luna stellte den Becher mit deutlichem Anzeichen von Ekel zurück auf den Tisch. »Und was hat es zu bedeuten? Warum willst du mit mir darüber sprechen?«

»Ich bin der Ansicht, dass NESOM mit den Objekten experimentiert. Deswegen haben sie Gaiden entführt und nicht getötet, als sie die Gelegenheit dazu hatten. Wahrscheinlich hängen das Ding und die Kapseln, die ich in der Wohnung gefunden habe, irgendwie zusammen.«

Luna verschränkte die Arme und sah mich lauernd an. »Du verschweigst mir doch etwas, oder? Wie kommst du auf diese Schlussfolgerung?«

»Ich habe einen Versuch gestartet und eine Blutprobe von mir mit der Flüssigkeit in den Kapseln kombiniert. Daraus entstand ein solches Vieh, wie du es hier im Behälter siehst.«

»Und jetzt vermutest du, dass die Kerle Gaiden damit ... kontaminiert haben? Zu welchem Zweck?«

»Das weiß ich nicht. Ich würde aber vorschlagen, dass er sich von Stephen genau untersuchen lässt. Ich weiß nicht, was dieses Ding in uns auslöst, aber NESOM ist ja nicht gerade dafür bekannt, uns wohlwollend gegenüberzustehen.«

»Nett ausgedrückt«, sagte Luna, stand auf und ging hinüber zum Fenster. Nachdenklich betrachtete sie die Straße weit unter ihr. »Bisher haben sie uns nur gejagt, um uns zu töten«, murmelte sie. »Doch was sie jetzt anstellen ...«

Ich wartete geduldig ab. Luna war bekannt dafür, dass sie keine vorschnellen Entscheidungen traf. Sie trug schließlich die Verantwortung für annähernd hundert Mitglieder ihres Rudels. Aber sie hasste andererseits die Menschen, besonders die Angehörigen von NESOM. Doch einen offenen Kampf mit der Organisation konnten wir uns nicht leisten, dafür waren wir viel zu wenige und zu schlecht ausgerüstet. Wir durften nicht auffallen, um nicht Aufmerksamkeit zu erwecken und einen gezielten Angriff auf uns heraufzubeschwören.

»Ich spreche mit Gaiden und fordere ihn auf, sich gründlich durchchecken zu lassen. Du als ein guter Freund von ihm wirst ihn zum Arzt begleiten.«

»Das werde ich. Ich schlage außerdem vor ...«

Ich konnte den Satz nicht beenden, denn die Wohnungstür wurde geöffnet und eine der beiden Wachen kündigte zwei Besucher an.

Lunas Augen leuchteten auf, als sie die erste Besucherin sah. »Francine! Das ist aber schön, dass du mal bei deiner alten Großmutter vorbeischaust. Wen hast du denn da mitgebracht?«

Mir stockte der Atem, als ich sah, wer nun den Raum betrat. Hatte sie völlig den Verstand verloren?

»Ich bin Chloe!«, sagte der Neuankömmling.
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