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Chimärenjagd

von Hopy1x2y
GeschichteSci-Fi, Liebesgeschichte / P12 / Het
03.04.2021
13.04.2021
41
65.042
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03.04.2021 1.701
 
Chloe

Zufrieden betrachtete ich den aufgeschichteten Holzstapel direkt neben dem offenen Kamin und wischte mir den Schweiß von der Stirn. Die nächsten Tage würde ich die vorhergesagte Kaltfront neben einem prasselnden Feuer verbringen können, eingemummelt in einer warmen Decke. Dazu eine schöne heiße Tasse Tee und etwas zu lesen ... ich konnte es kaum erwarten.

Überhaupt war es mir im letzten Jahr gelungen, aus der heruntergekommenen Blockhütte ein behagliches Heim zu schaffen. Es war harte Arbeit gewesen und ich hatte viele Stunden im benachbarten Dorf Handlangertätigkeiten durchgeführt, um notwendige Einrichtungsgegenstände zu kaufen, die ich nicht in Eigenregie herstellen konnte. Doch nun war alles so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Die Vorratskammer war ebenfalls gut gefüllt und ich würde für eine recht lange Zeit nicht mehr in das Dorf fahren müssen. Selbst die wenigen Menschen, denen ich dort begegnete, verursachten mir Unbehagen.

Das lag natürlich an dem Wesen meiner Art, die von der Veranlagung her Einzelgänger waren. Ich suchte nur dann die Nähe von Artgenossen, wenn es Zeit zur Paarung war. Aber diese spezielle Zeit des Jahres lag noch in weiter Ferne. Ich erinnerte mich auch nicht gerne an die zurückliegenden Ereignisse, weil mein ganzes Denken dann nur noch darauf gerichtet gewesen war, ein passendes Gegenstück zu finden. Jedes Mal nahm ich mir danach vor, mich nicht mehr von den Hormonen zu etwas zwingen zu lassen, aber jede Gegenwehr war hoffnungslos. Möglicherweise gab es eine medizinische Behandlung dagegen, aber wie sollte ich so etwas einem menschlichen Arzt begreiflich machen?

Ich verscheuchte die Gedanken an die Zukunft, weil ich es doch nicht verhindern konnte, und strich lieber durch das gemütliche Heim. Mit den Fingerspitzen liebkoste ich die weiche, warme Decke auf dem Sofa und hätte beinahe zu schnurren begonnen - eine weitere Eigenheit meiner Art. Aus der Ferne drangen mir Motorengeräusche an die Ohren. Zunächst ignorierte ich sie. Die Straße war weit entfernt und ein normaler Mensch hätte kein Geräusch vernommen, aber schließlich wurde ich unruhig, als sich die Fahrzeuge näherten. Es führte nur ein kleiner Waldweg zur Hütte, in der ich untergeschlüpft war. Ich hatte sie vor einigen Monaten bezogen und seitdem hatte sich niemand hier blicken lassen, von ein paar Wanderern abgesehen.

Ich huschte ans Fenster und spähte nach draußen. Noch konnte ich nichts sehen, aber die Geräusche waren eindeutig lauter geworden. Mittlerweile war ich mir sicher, dass sich die ungebetenen Gäste meinem Standort näherten. Für einen Moment versuchte ich mir einzureden, dass es harmlos sein würde und die Typen sich nur verfahren hätten, aber schon schüttelte ich den Kopf über mich selbst. Zu oft hatte ich nun schon Berichte über eine Gruppe gehört, die Jagd auf meinesgleichen machte. Vielleicht war ich während der Arbeit im Dorf unvorsichtig gewesen oder jemandem aufgefallen. Jedenfalls musste ich hier verschwinden. Sofort!

Ich raffte ein paar Vorräte zusammen und stopfte sie in einen kleinen Rucksack. Nachdem ich in eine dicke Jacke geschlüpft war, sah ich mich noch einmal in der Hütte um, auf deren Instandsetzung ich so viel Mühe verwandt hatte. Es widerstrebte mir, einfach so von hier zu verschwinden. Erneut fragte ich mich, ob ich mir zu viel Sorgen machte, und lauschte nach draußen. Die Geräusche waren nun in unmittelbarer Nähe und es gab keinen Grund, mein Glück herauszufordern. Ich öffnete die Tür und verließ die Hütte.

Bemüht, keine Spuren zu hinterlassen, schlich ich in den Wald hinein und verbarg mich im Dickicht hinter einem Baumriesen. Von dort hatte ich einen guten Blick auf die Blockhütte und den Waldweg. Insgeheim hoffte ich noch immer, dass es blinder Alarm war, doch diese Hoffnung zerstob sofort, als ich die drei offenen Transporter erblickte. Es waren mehr als ein Dutzend Männer, bewaffnet und in meinen Augen nicht sehr vertrauenserweckend. Das allein wäre schon schlimm genug gewesen, doch erschrocken registrierte ich, dass die Kerle drei oder vier Hunde mit sich führten. Sie wussten also, wen sie hier anzutreffen hofften.

Tränen der Wut schossen mir in die Augen, als ich mich von der Hütte abwandte und tiefer in den Wald hineineilte. Vor wenigen Minuten hatte ich mich noch auf Winterabende vor einem prasselnden Kaminfeuer gefreut und nun stand mir wieder eine Flucht bevor.

Ich hatte noch keine Meile zurückgelegt, als es mir kalt über den Rücken lief. Es lag nicht nur an dem Kläffen der Hunde, das ich hinter mir hörte. Ich traute mir durchaus zu, diese dummen Tiere in die Irre zu führen. Schließlich kannte ich mich in dem Waldgebiet sehr gut aus. Was mich aber erschreckte, war die Erkenntnis, dass ich auch zu meiner linken Seite lautes Gebell hörte. Kreiste man mich ein? Waren sich die Schweinehunde ihrer Sache so sicher gewesen, dass sie mich nicht nur mit einer Gruppe jagten? Wo und wann hatte ich einen Fehler begangen?

Ich wandte mich nach rechts und verdoppelte meine Anstrengung, während ich nach einem Ausweg suchte. Den Versuch, die Köter mittels des nahe gelegenen Flusses abzuschütteln, konnte ich vergessen. Ich benötigte einen Alternativplan, und zwar schnell. Doch als ich auch noch von rechts infernalisches Kläffen hörte, da wurde mir bewusst, dass ich in der Falle saß. Sie hatten mich tatsächlich eingekreist. Unerbittlich näherten sich meine Verfolger, und als das Bellen in unmittelbarer Nähe ertönte, stoppte ich ab und riss mein Jagdmesser aus der Gürtelschlaufe. Ich fand gerade noch die Zeit, mich mit dem Rücken an einen großen Baum zu stellen, als auch schon die ersten beiden kalbsgroßen Hunde aus dem Dickicht brachen. Eigentlich sollte diese Rasse das Jagdwild aufspüren, verbellen und am Platz halten, aber diese Exemplare schienen daran kein Interesse zu haben. Vielleicht lag es an dem, was sie an mir witterten, möglicherweise waren sie vom Jagdfieber gepackt und wollten ihre Beute zur Strecke bringen - jedenfalls griffen sie an.

Auch in mir ging eine Veränderung vonstatten, die ich nur zu gut kannte. Meine menschliche Hülle, die mein inneres Wesen abschirmte, fiel von mir ab und ließ meine Urinstinkte an die Oberfläche dringen. Es war fast so, als würde alles um mich herum in Zeitlupe ablaufen. Die Hunde sprangen mich an, ich wich dem ersten Angreifer aus und zog dem anderen Köter das Messer quer über die Flanke. Mit einem Winseln fiel er zu Boden und leckte seine Wunde. Der erste Hund hatte sich herumgeworfen und schoss erneut auf mich zu, während zwei weitere Artgenossen von der linken Seite auf mich zustürmten.

Einem konnte ich ausweichen, stich nach dem Zweiten, aber der Dritte biss mir in den Oberschenkel. Es war das Letzte, was er in diesem Leben tun würde, denn ich jagte ihm mein Messer zielsicher ins Herz, sodass er zuckend zu Boden fiel. Immerhin hielt ich damit die Angreifer auf Abstand, aber der Schmerz im Bein sagte mir nur zu deutlich, dass meine Flucht hier beendet war. Es war nur eine Frage der Zeit, bis mich die Bestien in Stücke reißen würden. Die Mistkerle, von denen sie abgerichtet worden waren, hatten sie in Killer verwandelt. Schon brachen drei weitere Hunde aus dem Dickicht hervor, bellten und winselten, hochgradig erregt und berauscht vom Blutgeruch.

Bei mir fielen die letzten menschlichen Wesenszüge. Ich fauchte und zischte wie eine in die Enge getriebene Raubkatze, bevor mir der Instinkt den einzig möglichen Fluchtweg zu nutzen befahl, der mir noch offen stand: nach oben. Ich drehte den Hunden für Sekundenbruchteile den Rücken zu, sprang mit dem gesunden Bein ab und bekam so eben den untersten Ast zu fassen. Ich zog mich gerade nach oben, als einer der Angreifer vorschoss und nach meinem Bein schnappte. Er verbiss sich in meiner Hose, doch bevor sich seine Artgenossen ihm anschließen konnten, trat ich ihm mit dem freien Fuß zielsicher auf die Nase. Aufjaulend fiel er auf den Boden zurück und ich nutzte die Gelegenheit, um mich nach oben zu ziehen.

Das Messer war mir bei der Kletterei entfallen und lag nun auf dem Boden, direkt neben dem Baumstamm. Zitternd klammerte ich mich an den dicken Ast und versuchte schließlich, mich weiter nach oben zu arbeiten. Vergeblich. Schmerzen und Erschöpfung machten es mir unmöglich, mich auf einen höheren Ast zu ziehen. Unter mir war die Meute auf ein gutes Dutzend Exemplare angewachsen, die um ihren toten Artgenossen herumliefen und mich dabei nicht aus den Augen ließen. Hin und wieder sprang einer von ihnen in die Höhe und ich hörte das Klicken seiner Kiefer, als er nach mir schnappte und mich nur knapp verfehlte. Aber ich war in Sicherheit - vorerst.

Wie lange klammerte ich mich am Ast fest? Zehn Minuten? Fünfzehn? Noch länger? In Armen und Beinen spürte ich die ersten Krämpfe und die Wunde blutete auch immer noch, schwächte mich weiter.

»Platz! Ruhig!«, hörte ich nach einer gefühlten Ewigkeit menschliche Stimmen rufen.

Wie durch dichten Nebel sah ich ein halbes Dutzend Männer aus dem Wald kommen. Die Hunde zogen sich etwas vom Baum zurück, behielten mich aber immer noch im Auge und winselten vor Erregung.

»Schaut euch nur an, was das Miststück getan hat!«, rief einer der Kerle empört aus, derweil er dem Hund, den ich getötet hatte, einen verächtlichen Tritt verpasste.

»Reg dich nicht künstlich auf, Jason«, sagte einer der Männer, während er umständlich ein Gewehr vom Rücken nahm. »Wenn wir die Belohnung haben, kauf ich dir einen neuen Köter.«

Der Angesprochene knurrte nur etwas Unverständliches, bevor er zum Baum hintrat und mich ergreifen wollte. Ich fauchte laut und biss ihm in die Hand, als sie in meine Reichweite kam.

»Verdammt! Elendes Dreckstück!«, rief er aus und hielt die Hand an seinen Körper gepresst. »Mach schon, Doug! Schieß sie endlich von dort runter!«

»Immer mit der Ruhe.«

Ich sah, wie der Mann das Gewehr auf mich anlegte, und noch einmal kehrte das Leben in mir zurück, als mein Gehirn die Gefahr registrierte. Ich griff nach einem Ast über mir, wollte mich trotz der Schwäche und des Blutverlustes hochziehen, als ich einen scharfen Schmerz im Rücken fühlte. Zischend versuchte ich die Stelle zu erreichen, doch nach wenigen Augenblicken wurden meine Glieder so schwer wie Blei. Die ganze Welt begann sich zu drehen und ich verlor den Halt. Hart schlug ich auf dem Boden auf und spürte, wie warmes Blut über mein Gesicht rann. Ich merkte kaum noch, wie mich schwielige Hände vom Boden hochrissen.

»Miss Cramer wird sich freuen«, hörte ich eine raue Stimme sagen, gefolgt von einem heiseren Lachen. Danach hörte und sah ich nichts mehr.
 
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