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A winding path

von Eulchen68
GeschichteDrama, Freundschaft / P12 / Het
James "Krone" Potter Lily Potter OC (Own Character) Peter "Wurmschwanz" Pettigrew Remus "Moony" Lupin Sirius "Tatze" Black
03.04.2021
15.06.2021
25
80.542
21
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Dieses Kapitel
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03.04.2021 3.207
 
Huhu
Hier kommt meine zweite Geschichte!
Nachdem meine erste Geschichte nach einem Jahr zu Ende geht, mache ich direkt weiter. Bis Dienstag kommt hier jeden Tag ein Kapitel und dann werde ich jeden Dienstag und jeden Sonntag hochladen.
Ich freue mich über jeden neuen und alten Leser und wünsche euch so viel Spaß beim Lesen, wie ich beim Schreiben hatte.

Liebe Grüße
Die Eule
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1. Das vorletzte Jahr


An einem versteckten Bahnhof mitten im Londoner Bahnhof Kings Cross herrschte noch kein Chaos. Dieser Zustand würde sich in der nächsten Stunde jedoch ändern. Dann würden Kinder über das Bahngleis rennen, Eltern würden die Koffer in die rote Lokomotive heben, die schon auf den Gleisen bereit zur Abfahrt stand, und Jugendliche würden nach ihren Freunden suchen, die sie seit Wochen nicht mehr gesehen hatten. Noch war von all dem jedoch nichts zu merken. Die einzigen Geräusche, die zu hören waren, war das Ticken der Uhr, die über dem Bahngleis hing, und das leise Brummen, das der Zug machte, da er sich im Leerlauf befand.

Mitten in dieser Ruhe stand ein junges, dunkelblondes Mädchen und war gerade dabei, ihre Eule auf die Erde zu stellen, damit sie ihren Begleiter verabschieden konnte. „Wir sehen uns zu Weihnachten.“

„Pass gut auf dich auf“, erwiderte der junge Mann und strich sich die ebenso dunkelblonden Haare aus dem Gesicht, „ich möchte dich im Ganzen wiedersehen.“

„Du tust so, als würden sie mir in Hogwarts den Kopf abreißen, Jonathan“, spottete sie, doch nachdem er sie anblickte, als wäre das gar nicht so unwahrscheinlich, schloss sie ihn in eine kurze Umarmung, „was soll mir schon groß passieren?“

„Abgesehen von den ganzen Briefen zum Thema Nachsitzen und Duellieren auf den Schulfluren?“, fragte er und schüttelte den Kopf ganz leicht.

Sie lachte leise und zuckte mit den Schultern. „Ich komme schon klar und ich passe auf mich auf. Und ich habe Freundinnen, die auch auf mich Acht geben.“

„Dann sieh zu, dass du einen guten Platz im Zug bekommst“, sagte er ernst und mit einer lockeren Handbewegung scheuchte er sie in Richtung des Zuges.

Sie lachte leise, doch dann folgte sie seiner Anweisung. Bevor sie jedoch mit ihrem Koffer und der Eule im Zug verschwand, drehte sie sich noch einmal zu ihm herum. „Grüß Maurice von mir.“

„Mache ich“, versprach er nickend.

Sie wusste, dass er nicht mehr sagen würde, weshalb sie selbst noch einmal nickte und sich abwandte. Im Zug herrschte noch absolute Leere, trotzdem ging sie an einigen Abteilen vorbei und suchte sich eines in der Mitte des Waggons. Aus Erfahrung wusste sie, dass die Fahrt ruhiger würde, wenn sie sich nicht das erste Abteil neben der Tür nahm. Jeder würde seinen Kopf hineinstecken, um zu sehen, ob seine oder ihre Freunde dort saßen, und darauf konnte sie verzichten. In der Mitte eines Abteils hatte man immer die größte Chance auf eine ruhige Fahrt.

Nachdem sie ihren Koffer auf die Gepäckablage gehoben hatte, kramte sie in ihrer Umhängetasche nach einem Buch und legte es auf die Sitzbank. Wie jedes Jahr würde sie noch einige Zeit haben, um zu lesen, bevor die anderen Schüler hier auftauchten. Das war der eindeutige Vorteil daran, wenn man als Erste am Bahngleis war.

Lächelnd blickte sie noch einmal aus dem Fenster und winkte Jonathan. Er blickte sie einen Augenblick lang an, erwiderte das Winken und verschwand dann mit einem leisen Knall im Nichts. In den Weihnachtsferien würden sie sich wiedersehen und bis dahin würde sie, auch wie jedes Jahr, nichts von ihm hören. Sie schrieben sich keine Briefe mehr, seit sie in der zweiten Klasse gewesen war. Nicht, dass sie sich nichts zu sagen gehabt hätten, doch er legte Wert darauf, dass sie ihm alles Wichtige persönlich erzählte, und sie hielt sich daran.

Da nun nichts weiter vor ihr lag, als ein menschenleerer Bahnsteig, machte sie es sich auf der Sitzbank bequem und griff nach ihrem Buch. Schnell blätterte sie an die Stelle, an der ihr Lesezeichen lag und schlug die entsprechende Seite auf. Sie hatte die Geschichte gestern Abend begonnen, doch als es spät geworden war, hatte sie den Rest auf die Zugfahrt verschoben. Es dauerte nur einige Sekunden, dann war sie so vertieft, dass sie kaum noch etwas von ihrer Umgebung mitbekam. Nur am Rande nahm sie überhaupt wahr, dass die ersten Familien am Bahnsteig ankamen und sich von einander verabschiedeten. Als sie eine Eule schreien hörte, blickte sie für eine kurze Sekunde von ihrem Buch auf, doch dann war das Geräusch doch nicht so interessant gewesen, dass sie ihren Lesefluss dafür unterbrochen hätte.

Draußen vor dem Fenster wurde es zunehmend chaotischer und die typischen Szenen des Schuljahresbeginns spielten sich auf dem Gleis ab. Mütter drückten ihre Kinder ein letztes Mal an sich, Väter klopften ihren Söhnen auf die Schultern oder nahmen ihre Töchter noch einmal in den Arm, Jugendliche suchten nach ihren Freunden, Eulen kreischten, Katzen fauchten, Abschiedsworte wurden gebrüllt. Doch im Zug ließ sie sich davon überhaupt nicht stören. Das alles betraf sie nicht, weshalb sie sich auch nicht damit beschäftigen musste. Die Menschen, auf die sie wartete, würden sie, wie in jedem Jahr finden, darauf konnte sie sich verlassen.

Erst ein freudiges Auflachen riss sie aus ihrer Lektüre und schon im nächsten Moment wurde sie von irgendetwas umgerissen. Vor Schreck kniff sie die Augen zusammen und als sie sie wieder öffnete, war sie von roten, wirren Haaren umgeben. „Lily, du zerquetscht mich.“

„Tschuldige“, murmelte Lily direkt neben ihrem Ohr, doch sie machte sich nicht die Mühe, ihre Freundin wieder loszulassen, stattdessen drückte sie sie sogar noch fester an sich heran.

„Lily!“, lachte sie und schob die Rothaarige von sich weg, „setz dich hin und hör auf, mich zu erdrücken! Ich möchte lebend in Hogwarts ankommen.“

„Ah, du hast sie gefunden“, meldete sich eine männliche Stimme zu Wort und im nächsten Moment hatte sich ein blonder, junger Mann neben sie auf die Sitzbank fallen lassen. Wie immer blickte er ihr aufmerksam entgegen und sie stellte fest, dass er wieder einmal ziemlich blass wirkte, was die dunklen Narben in seinem Gesicht ungesund hervorhob. Trotzdem war er nicht hässlich, wie er von sich selbst immer behauptete. „Wie waren die Ferien?“

„Gegenfrage, warum bist du nicht bei dem Rest deiner kleinen Gruppe?“, fragte sie grinsend, „normalerweise verbringt ihr die erste Stunde der Zugfahrt doch damit, euch gegenseitig in den Armen zu liegen und euch zu sagen, wie sehr ihr euch liebt.“

„Jolene, du bist schrecklich“, kommentierte Lily, doch die Angesprochene zuckte nur mit den Schultern und musterte ihre Freundin einen Augenblick. Sie war braun geworden in den Ferien, doch das war kein großes Wunder, schließlich hatte Lily mit ihren Eltern in Spanien Urlaub machen wollen. Ihre Augen wiederum strahlten ihr wie immer dunkelgrün entgegen und sie konnte ein belustigtes Funkeln darin erkennen.

„Aber um deine Frage zu beantworten“, meinte der junge Mann grinsend, „die Anderen sind noch nicht im Zug, weshalb ich die Zeit habe, dich nach deinen Ferien zu fragen.“

„Ich verstehe“, sagte sie grinsend, „fühlst du dich einsam, Remus? So ohne deine Kumpels?“

„Da du meine Frage ganz offensichtlich nicht beantworten wirst, werde ich auf deine Sticheleien einfach nicht eingehen“, erwiderte Remus und stand auf, um Lily dabei zu helfen, ihren Koffer auf der Gepäckablage zu verstauen. Jolene beobachtete das Ganze einen kurzen Moment, bevor sie ihren Zauberstab aus dem Ärmel zog und den Koffer mit einem gezielten Schlenker nach oben transportierte.

„Ihr wisst schon, dass ihr Zauberer seid, ja?“, erkundigte sie sich grinsend, als Lily ihr einen dankbaren Blick zuwarf.

„Du weißt schon, dass Minderjährige in den Ferien nicht zaubern dürfen?“, stellte Remus die Gegenfrage.

„Lieber Herr Vertrauensschüler“, begann sie gönnerhaft und zwinkerte ihm zu, „da ich im Zug sitze, ist diese Regel schon außer Kraft gesetzt.“

„Das ist nicht ganz richtig“, erwiderte Lily und ließ sich auf die gegenüberliegende Sitzbank fallen, „eigentlich ist das eine Grauzone.“

„Und eigentlich ist mir das egal“, konterte Jolene lächelnd.

„So egal wie dir die Schulregeln sind, machst du Sirius manchmal echt Konkurrenz“, sagte Remus, doch er warf ihr direkt einen entschuldigenden Blick zu, als sie ihn wütend anfunkelte.

„Diesen Vergleich werde ich, zum Schutze deiner körperlichen Unversehrtheit, jetzt ignorieren“, sagte sie und Lily gluckste leise, was auch ihr einen bösen Blick bescherte, den ihre Freundin jedoch ignorierte, „und du brauchst gar nicht lachen. Hast du mal daran gedacht, dass Potter und der Rest hier auftauchen werden, wenn sie merken, dass ihr geliebter Remus bei uns ist?“

„Ach Drachenmist“, fluchte Lily und dieses Mal war es an Jolene leise zu lachen, „Remus, du solltest verschwinden.“

„So weit geht unsere Freundschaft also?“, fragte er gespielt beleidigt, doch er machte keine Anstalten aufzustehen.

„Du weißt selbst, wie weit wir gehen würde, um deine Freunde nicht sehen zu müssen“, stellte Jolene schulterzuckend fest und Lily nickte bestätigend. Sie beide verspürten nur wenig Lust, sich mit den drei Chaoten zu beschäftigen, die die meiste Zeit ihres Lebens mit Remus verbrachten, und dieser wusste um diese Tatsache Bescheid, weshalb er es ihnen meist auch nicht allzu übel nahm. Natürlich beschwerte er sich regelmäßig, dass er seine Freunde so strikt voneinander trennen musste, doch er hatte es schon vor einigen Jahren aufgegeben, sie an einander zu gewöhnen. Es endete meist mit Flüchen, Wut und Beleidigungen. In einigen, schlimmeren Fällen hatte es für einige Beteiligte sogar im Krankenflügel geendet.

„Also, da Jolene meine Frage nicht beantworten will“, wechselte Remus das Thema, „Lily, wie waren deine Ferien?“

Sofort breitete sich ein Strahlen auf dem Gesicht ihrer Freundin aus, das ihre Augen jedoch nicht ganz erreichte. „Spanien war wunderbar. Ich habe fast die ganze Zeit am Strand gelegen oder mich mit leckerem Essen vollgestopft. Die Bücher die du mir empfohlen hast, Jolene, habe ich alle durch. Mit Strandtuch in der Sonne liegend lässt es sich gleich doppelt so gut lesen. Ach so, wir haben uns auch ein paar Ruinen angeschaut, was zwar interessant war, aber ich hätte auch einfach weiter am Strand liegen können.“

„Aber?“, hakte Jolene nach.

„Aber Petunia hat sich mal wieder verhalten, als wäre ich der größte Abschaum, den sie jemals kennenlernen musste“, beendete Lily ihre Erzählung frustriert.

„Manche Dinge ändern sich eben nie“, kommentierte Jolene kopfschüttelnd.

„Hey, Evans“, erklang es genau in diesem Moment von der geöffneten Tür und sie alle blickten zu dem Sprecher. James Potter stand in der Tür und fuhr sich mit der Hand durch die schwarzen Haare, sodass sie in alle Richtungen abstanden, „gehst du dieses Jahr mit mir aus?“

„Und da wären wir bei Dingen, die sich eben nie ändern“, seufzte Jolene und schüttelte den Kopf. Lily wiederum ließ die Frage gänzlich unbeantwortet und wandte sich wieder ihrer Freundin zu.

„Hast du Mary zufällig schon gesehen?“, erkundigte sie sich betont interessiert und Jolene musste sich ein Lachen verkneifen, als sie sah, wie James Potter ein wenig beleidigt dreinblickte.

„Sie kommt doch sowieso wieder auf den letzten Drücker“, erwiderte sie lächelnd, „noch so eine Sache, die sich nie ändern wird.“

„Ich weiß nicht, wie sie es jedes Mal schafft, so spät zu kommen“, führte Lily die Unterhaltung weiter, da James noch immer in der geöffneten Tür stand, „ihr Vater appariert sie zum Bahnsteig. Keine Autofahrt, kein Umsteigen in einen anderen Zug, kein Stau und trotzdem verpasst sie immer fast den Zug.“

„Sie ist unorgansiert“, sagte Jolene schulterzuckend, „du kennst ihre Aufsätze. Du weißt, wann sie beginnt sie zu schreiben. Muss ich noch mehr sagen?“

Sie begannen beide zu lachen und Lily zwinkerte ihr fröhlich zu. Mary war der unorganisierte Part ihrer Gruppe, aber genau das machte sie so liebenswert. Lily war die Vernünftige und Jolene übernahm meist die Verteidigung der Gruppe. Sie hatte die größte Klappe und riskierte am häufigsten ihren Kopf.

„Werde ich jetzt bis zum Ende dieser Zugfahrt einfach ignoriert?“, wollte Potter wissen und ohne dass Jolene oder Lily ihn anblickten, schallte ein zweistimmiges „Ja!“, durch das Abteil.

„Potter, geh mal aus der Tür.“ Nur etwas widerwillig machte der schwarzhaarige Platz und ein braunhaariges Mädchen schob sich an ihm vorbei und machte sich daran, erst Lily, dann Jolene in ihre Arme zu schließen, „sorry, ich war...“

„...spät dran“, vollendete Lily Marys Satz und schon begannen alle drei leise zu glucksen.

„Ich glaube, wir gehen jetzt“, stellte Remus fest und blickte in die Runde, „wir sehen uns spätestens beim Abendessen.“

„Bis später, Remus“, verabschiedete Lily ihn freundlich. Sie warf Potter nicht einmal einen Blick zu, sondern wandte sich wieder an Mary. Remus schüttelte schweigend den Kopf und bugsierte seinen Freund nach draußen auf den Gang und schloss die Abteiltür hinter sich. Bevor sie ganz ins Schloss fiel, konnte Jolene sehen, dass er ihr noch einmal zwinkerte und sie erwiderte die Geste.

„Das habe ich genau gesehen“, kommentierte Mary und ließ sich neben Jolene auf die Bank plumpsen, „läuft da etwa was?“

„Zwischen mir und Remus?“, fragte Jolene entgeistert und schüttelte den Kopf, „nie im Leben! Remus ist quasi wie ein Bruder für mich. Alleine die Vorstellung wäre... nein. Einfach nein.“

„Ach, komm schon“, meinte Lily grinsend, „ihr seid irgendwie süß zusammen.“

„Ja, Jonathan und ich sind auch irgendwie süß zusammen“, erwiderte Jolene stumpf.

„Jonathan ist dein leiblicher Bruder“, stellte Mary angeekelt fest, „das ist etwas ganz anderes.“

„Ist es nicht“, widersprach sie kopfschüttelnd, „ich kenne Remus quasi seit meiner Geburt. Wir haben als Babys zusammen in einer Badewanne gesessen, haben den gleichen Hauslehrer gehabt und sind zusammen in den Urlaub gefahren. Remus ist quasi mein Bruder!“

„Du hättest das mit der Badewanne nicht erwähnen sollen“, sagte Mary und wackelte mit den Augenbrauen, doch Jolene brachte sie mit einem entgeisterten Blick zum Schweigen.

„Wenn irgendeine von euch beiden mir noch einmal vorschlägt, eine Beziehung mit Remus John Lupin zu beginnen, werde ich diejenige ins nächste Jahrhundert fluchen“, beendete sie die Diskussion kurzerhand, „so und jetzt werde ich mich auf die Suche nach dem Süßigkeitenwagen machen. Ich verhungere!“

„Hat Jonathan dir wieder nichts zu Essen mitgegeben?“, wollte Lily wissen.

„Wenn ich etwas zu essen haben will, soll ich mir gefälligst etwas zu Essen machen. Seine Worte“, sagte sie schulterzuckend, „und wenn ich die Wahl zwischen Brot und Kesselkuchen habe, wissen wir alle, was ich wähle.“

„Kesselkuchen“, schallte es zweistimmig und schon waren Mary und Lily wieder damit beschäftigt leise zu lachen. Jolene nutze die Ablenkung um nach draußen auf den Gang zu schlüpfen. Genau in diesem Moment setzte sich der Hogwarts Express in Bewegung, sodass sie leicht das Gleichgewicht verlor und sich an der Wand festhalten musste. Zu ihrem eigenen Glück wurde sie zusätzlich von jemandem am Arm festgehalten, doch als sie sah, wer ihr spontaner Retter war, musste sie feststellen, dass es kein Glück gewesen war, das sie vor einer Begegnung mit dem Boden gerettet hatte.

„Ah, Burke, wie schön, dich zu treffen.“

„Black“, grüßte sie den Schwarzhaarigen kurzangebunden und wandt ihren Arm aus seiner Berührung, „ ich kann nicht behaupten, dass ich mich freuen würde, dich zu sehen.“

„Dabei bin ich doch unwiderstehlich“, kommentierte er grinsend und sie hatte das dringende Bedürfnis, ihm das Grinsen aus dem Gesicht zu fluchen. Da dies jedoch unweigerlich zu Nachsitzen geführt hätte, sparte sie es sich lieber und schob sich stattdessen einfach an ihm vorbei, ohne noch etwas zu sagen.

Damit hatte er ganz offensichtlich nicht gerechnet, doch er folgte ihr auch nicht, weshalb sie ihre Suche, nach etwas Essbarem fortsetzen konnte. Es dauerte tatsächlich nur ein paar Minuten, bis sie die Süßigkeitenhexe gefunden hatte und beladen mit Kesselkuchen und Schokofröschen kehrte sie zu ihren Freundinnen zurück. Lily war schon in Aufbruchstimmung, da sie ihre Pflichten als Vertrauensschülerin auch im Zug nicht schleifen lassen konnte.

„Nimm einen Schokofrosch mit“, sagte Jolene lächelnd und drückte ihr direkt zwei Exemplare in die Hand, „der andere ist für Remus.“

„Oh, du bist so liebevoll zu ihm“, neckte Mary sie.

„Ich weiß doch, was mein Brüderchen möchte“, konterte sie grinsend und ließ sich auf die Sitzbank fallen. Lily warf ihnen beiden einen belustigten Blick zu und verließ das Abteil, um Remus in seinem Abteil abholen zu gehen.

Kurz war es still im Abteil, doch dann begannen Jolene und Mary gleichzeitig zu lachen. Es dauerte einige Sekunden, bis sie sich wieder beruhigt hatten, doch dann war es Mary, die als erstes ihre Stimme wiederfand. „Lily wird noch viel Ärger mit uns haben, wenn wir so weitermachen.“

„Du könntest einfach aufhören, mich mit meinem Bruder zu verkuppeln“, schlug Jolene vor, doch Mary schüttelte sofort den Kopf.

„Soll ich dich lieber mit Black verkuppeln?“, erkundigte sie sich grinsend.

Jolene verzog genervt das Gesicht und schüttelte den Kopf. „Kannst du dir nicht einfach Kerle aussuchen, an denen ich zumindest ein wenig Interesse haben könnte?“

„Nein, das wäre langweilig“, sagte Mary und gluckste, „dann würdest du dich gar nicht so schön aufregen.“

„Womit habe ich dich als Freundin verdient?“, sagte sie gespielt theatralisch, „ich muss in meinem früheren Leben jemanden ermordet haben oder schlimmeres.“

„Aber du liebst mich“, sagte Mary selbstbewusst.

„Ja, ja, ich habe dich lieb“, erwiderte Jolene augenverdrehend, „das heißt aber nicht, dass ich dich nicht manchmal am liebsten in den schwarzen See werfen würde.“

„Gleichfalls, meine Liebe, gleichfalls.“

„Wie waren deine Ferien?“, fragte Jolene, während sie die Füße auf die Sitzbank zog und ihrer Freundin einen Kesselkuchen rüberwarf.

„Langweilig.“ Um die Aussage zu unterstreichen, gähnte Mary übertrieben. „Eine Woche Urlaub bei meinen Großeltern und den Rest der Zeit habe ich mich in London rumgetrieben. Gilt für dich immer noch die heilige Regel: Niemand fragt nach deinen Ferien?“

„Wie immer“, stimmte sie ihr zu und zuckte mit den Schultern, „ich schweige zu dem Thema.“

„Hast du zumindest Zeit mit Jonathan verbringen können?“, erkundigte Mary sich ernst. Sie war die, die diese Regel am konsequentesten durchhielt, obwohl auch sie noch immer nicht wusste, warum Jolene nicht über ihre Ferien sprach. Sie und Lily wussten nur, dass Jolene nicht ungern nach Hause fuhr, auch über Weihnachten und das musste den beide reichen.

„Er musste viel arbeiten, aber an den Wochenenden hatte er Zeit für mich“, sagte Jolene lächelnd, „so, und jetzt werde ich noch ein bisschen lesen, bevor Lily von ihrem Rundgang wiederkommt und ihr mich beide nicht mehr in Ruhe lassen werdet.“

„Warum genau bist du nochmal nicht in Ravenclaw gelandet?“, wollte Mary lachend wissen.

„Vermutlich reichte die Intelligenz nicht“, erwiderte sie schulterzuckend, „sonst würde ich nicht mehrmals im Jahr zum nachsitzen müssen. Ständig die Regeln zu brechen grenzt laut McGonagall an Dummheit. Ich bin ja immer noch der Meinung, meine einzige Dummheit in der Hinsicht ist, dass ich mich beim Regelbruch erwischen lasse.“

„Ich denke, es ist beides dumm“, sagte Mary grinsend, „damit bist du doppelt dumm.“

„Und nicht geeignet für die Blauen“, lachte Jolene und hob demonstrativ ihr Buch hoch. Mary nickte und kramte in ihrer eigenen Tasche nach dem Roman, den Jolene ihr vor den Ferien geliehen hatte. Offenbar hatte sie trotz der Langeweile in den Ferien keine Lust gehabt zu lesen.

Grinsend steckte Jolene ihre Nase in ihr Buch und schon bald war sie so vertieft, dass sie nichts um sich herum wahrnahm. Wieder einmal war sie froh, dass sie sich in den Ferien eine neue Auswahl an Muggle-Romanen besorgt hatte, denn bis zu den Weihnachtsferien würde sie keinen Nachschub bekommen.

Irgendwann hob sie den Blick und sah, dass Lily zurückgekommen war, doch ihre beiden Freundinnen unterhielten sich so leise, dass sie sie beim Lesen nicht störte. Dankbar blickte sie einen ganz kurzen Moment auf die beiden Mädchen, doch dann wandte sie sich wieder ihrer Geschichte zu.
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