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Garden of Eden

GeschichteRomance, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Ingo "Easy" Winter Richard "Ringo" Beckmann
02.04.2021
05.04.2021
4
6.612
11
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Dieses Kapitel
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02.04.2021 2.088
 
In a gadda da vida, honey

Don’t you know that I´m lovin´ you

In a gadda da vida, baby

Don’t you know that I’ll always be true

[Iron Butterfly – In-A-Gadda-Da-Vida]


* * * * * * *

„Ich will ´nen Garten.“

Easy sagt diesen Satz derart unvermittelt, dass Ringo seinen Schluck Kaffee zurück in seinen Becher prustet. „Aha“, macht er und stellt den Becher zurück auf den Tisch, um sich den Mund leicht pikiert mit einer Serviette abzutupfen. „Ich fürchte, ich kann dir nicht ganz folgen.“

Die Morgensonne scheint golden durch die Fenster in ihrer Küche und Easy schiebt das Magazin, in welches er schon das gesamte Frühstück über vertieft gewesen war, an Brötchentüten und Marmeladengläsern vorbei, damit Ringo sehen kann, was er meint.

„Das da.“

Er tippt voller Nachdruck auf die aufgeschlagene Doppelseite.

„Sowas will ich.“

Ringo betrachtet die abgedruckten Hochglanzfotografien: Sie zeigen prächtige Gemüsebeete und imposant in den Himmel wachsende Tomaten, blühende Apfelbäume und einen schneeweißen Gartenpavillon, an dem sich sattgrüne Efeuranken entlanghangeln.

Als er wieder hochsieht, glühen Easys Wangen vor Begeisterung und Tatendrang. Sein Käsebrötchen liegt, sehr untypisch für ihn, unangetastet auf seinem Teller und er wirkt, als würde er jeden Moment aufspringen und aus der Wohnung stürmen, um seinen Plan direkt in die Tat umzusetzen.

„Einen Garten“, echot Ringo Easys vorhergegangene Aussage trocken. „Du. Hier.“

Easy nickt so vehement, dass seine Haartolle enthusiastisch wippt.

Ringo seufzt und schaut noch einmal auf die Bilder. Die Unterschriften sprechen vollmundig von Idylle und Rückzugsorten und Urlaub für die Seele. „Seit wann liest du überhaupt solche Zeitschriften?“ Nach einem flüchtigen Blick auf das Cover rümpft er unbeeindruckt die Nase – Landträume.

„Ist ganz neu. Hab ich gestern im Büdchen ausgepackt und eingeräumt.“

Easy rührt mit einem Löffel geräuschvoll in seinem Tee umher. Er trinkt aber nicht davon, sondern schiebt nach einigen Sekunden Pause schnell hinterher: „Du kannst nicht bestreiten, dass das schön aussieht!“ Er funkelt seinen Mann so herausfordernd an, als hätte er soeben ein unschlagbares Argument aufgefahren.

Ringo kann sich für Botanik nur mäßig begeistern, obwohl seine Eltern mit ihm und seiner Schwester jede freie Minute in der Natur verbracht haben und er mehrere Jahre Mitglied bei den Pfadfindern gewesen war. Trotzdem räumt er notgedrungen wahrheitsgemäß ein: „Ja, schön sieht’s aus.“

Dabei ist ihm nicht entgangen, dass Easy bereits den Mund aufgeklappt hat, um ihn mit weiteren Gründen zu bombardieren, warum er unbedingt sofort einen Garten braucht, und er wirft ein: „Aber du weißt schon, wo wir hier sind? Definitiv nicht in der“ – er späht auf die Artikelüberschrift – „Lüneburger Heide.“

„Mmpf.“

Auf der anderen Seite des Tresens verschränkt Easy die Arme vor der Brust und mustert Ringo trotzig.

„Wer sagt, dass man nur in der Lüneburger Heide einen schönen Garten haben kann?“

Ringo seufzt erneut. „Du weißt, dass ich immer gern dabei helfe, deine Wünsche zu erfüllen“, sagt er in jenem leicht belehrenden Tonfall, den er sonst benutzt, um potenziellen Geschäftskunden von Huber Bau möglichst diplomatisch mitzuteilen, dass jemand anders den Zuschlag bekommen hat. „Aber wir leben mitten in einer Großstadt. Hier in der Nähe gibt’s nicht mal Schrebergärten. Und sowas ist ja nicht nur eine Platz-, sondern auch eine Kostenfrage. In der heutigen Zeit muss man scharf kalkulieren, weißt du.“

Ringo lächelt schief. Er schiebt die Zeitschrift zurück zu Easy, um einen Schlussstrich unter diese Diskussion zu ziehen. Eigentlich hatte er mit lautstarkem Protest gerechnet, doch Easy ist wieder dazu übergegangen, schweigend und schmollend in seinem Tee herumzurühren.

Stille senkt sich auf die Küche, nur der kleine Löffel in Easys Becher klirrt und klackt wie ein abstraktes Glockenspiel vor sich hin. In dem guten Gefühl, das Thema mit rhetorischer Finesse abgehakt zu haben, steckt sich Ringo den letzten Brocken seines mit Frischkäse bestrichenen Mohnbrötchens in den Mund und –

„Ich mach einfach die Dachterrasse zum Garten!“

Ringos Bissen nimmt vor Schreck die falsche Abbiegung und rutscht in seine Luft- anstatt in die Speiseröhre.

„Außer der ollen Sitzecke ist da oben sowieso nix mehr und Partys feiern sich doch viel schöner im Grünen!“

Ringo hustet diverse Krümel in seine Serviette.

„Und ja, vielleicht kann ich da keine Kartoffeln anbauen, aber Tomaten und Kräuter gehen immer! Und Lavendel! Den mögen auch Bienen! Und vielleicht auch Efeu, der so schön die Wände hochklettert! Mit ‘n paar Lampions sieht das dann total stimmungsvoll aus!“

„Schatz!“

Ringo keucht das Wort zwischen zwei vorsichtigen Schlucken Kaffee hervor und hebt beschwichtigend die Hand, um dem Wortschwall Einhalt zu gebieten.

„Dir ist sogar der Basilikum verwelkt, den du neulich vom Wochenmarkt mitgebracht hat. Was redest du jetzt von Lavendel?“

Easy reckt selbstbewusst das Kinn in die Höhe. „Wirste schon noch sehen, ich mach das notfalls auch ohne die Unterstützung meines Ehemannes, der mir anscheinend keinen Urlaub für die Seele gönnt.“ Seine dunklen Augen funkeln herausfordernd.

Ringos Brauen wandern ein Stück in die Höhe. Eigentlich findet er es niedlich, wenn Easy so übertrieben melodramatisch ist, aber an einem Freitagmorgen ist ihm das dann doch ein bisschen viel. Außerdem hat er sich, so muss er feststellen, etwas Frischkäse auf die Krawatte gehustet. Leicht verstimmt kratzt er mit dem Fingernagel an dem Fleck herum.

„Stimmt, dein böser Ehemann gönnt dir überhaupt nichts.“

Nach einem widerstrebenden Blick auf seine Armbanduhr wirft Ringo seine zusammengeknüllte Serviette auf seinen Teller.

„Und deshalb geht jener böse Ehemann jetzt auch ins Büro, um Geld zu verdienen, das er dir natürlich komplett vorenthalten wird.“

Er rutscht vom Stuhl und schlüpft in sein Jackett, welches zuvor akkurat über der Lehne gehangen hatte. Als er sich neben Easy stellt, um ihm einem Abschiedskuss zu geben, dreht der sich demonstrativ weg, die Arme weiterhin fest verschränkt.

„Na gut. Vielleicht schmollst du ja nicht mehr, wenn ich heute Nachmittag zurück bin.“

Ringo legt seine Hand kurz auf diese eine, äußerst empfindliche Stelle zwischen Easys Schulterblättern von der er weiß, dass jede Berührung dort ein kleines Feuerwerk links und rechts von Easys Wirbelsäule auslöst.

„Ich hoffe, du hast nicht vergessen, was wir für dieses Wochenende vereinbart haben?“, schiebt er hinterher, begleitet von einem mahnenden Blick.

Easys wortlose Antwort auf Ringos Frage ist ein Augenrollen, und ja, denkt Ringo im Anflug eines schlechten Gewissens, vielleicht hat er in letzter Zeit ein bisschen zu oft von dieser einen, dieser unglaublich wichtigen Konferenz bei Huber Bau erzählt. Deren Datum – Montag ist es soweit –  ist schon lange mit rotem Marker im Familienkalender eingekreist. Einer kaputten Schallplatte gleich hat er immer wieder betont, an den beiden Tagen davor absolute Ruhe zu benötigen, um seiner Präsentation den letzten Schliff verleihen zu können.

„Dann ist ja gut.“

Ringo kommentiert Easys Augenrollen nicht weiter. Stattdessen greift er betont lässig nach seiner Aktentasche und versucht, sich nicht anmerken zu lassen, dass besagte Präsentation in Wirklichkeit nur als vages Konzept in seinem Kopf existiert und sich ihm schon beim bloßen Gedanken an die Konferenz der Hals zuschnürt.

„Du, Hase?“

Ringo hat die Türklinke bereits in der Hand, und als er sich umdreht, ist Easys Gesicht ein Musterbeispiel für Unschuld, die schmollende Schnute wie weggewischt.

„Könntest du mir vielleicht die Autoschlüssel dalassen?“ Easys Stimme ist zuckersüß, sein Augenaufschlag mehr als gekonnt.

Ringo, mental bereits voll und ganz von mit der Frage eingenommen, wie zur Hölle er bis Montagmorgen eine überzeugendes Konzept für Huber Bau auf die Beine stellen soll, hinterfragt Easys Bitte nicht weiter und kramt in seiner Tasche.

„Klar. Sehr löblich, dass du den Wochenendeinkauf übernimmst.“

Er wirft den Schlüsselbund in einem perfekten Bogen zu Easy, der ihn geschickt fängt und mit einem Luftkuss quittiert. Bereits halb aus der Tür geschlüpft, lässt Ringo es sich nicht nehmen, den imaginären Kuss zu fangen.

„Bis nachher“, ruft er in das Klicken der Tür hinein – er muss sich jetzt wirklich beeilen.

Ringo pfeift beschwingt vor sich hin, während er den leeren Innenhof der Schillerallee mit weit ausholenden Schritten durchquert – allerdings weniger aus guter Laune heraus, sondern um Benedikt Hubers Stimme zu übertönen, dessen mahnendes „Beckmann, Sie enttäuschen mich besser nicht“ immer lauter hinter seiner Stirn hallt.

Voller Nachdruck versucht er, sich auf die Tatsache zu konzentrieren, dass ihn nur noch acht Stunden von zwei durch und durch stressfreien Tagen trennen – der Ruhe vor dem Sturm. Gerade deshalb ist er zufrieden darüber, dass er Easy seine fixe Idee direkt hatte austreiben können. Ein Garten auf der Dachterrasse, wo schon seit Jahren nur ein paar mickrige Blumenkästen mit nicht weiter identifizierbaren Pflanzenresten vor einstauben?

Ringo schüttelt über seinen Mann und dessen Aktionismus schüttelt er den Kopf, natürlich auf liebevolle Art und Weise. Er blinzelt in die warme Sonne, sucht nach seiner Sonnenbrille, setzt sie sich im Gehen auf. Er drückt die Schultern nach unten und marschiert zielstrebig voran. Zum Glück gibt es ihn als rationales Gegengewicht zum impulsiven Easy. Das resultierende Chaos wäre andernfalls kaum auszudenken.

* * * * * *

„Nein.“

Ringo hat das Gefühl, jeden Moment seine eigenen Zähne zu Staub zu zerbeißen, so sehr arbeitet es in seinem Kiefer. Er hatte wirklich nicht gedacht, dass ihn an diesem Tag etwas mehr schockieren könnte als der turmhohe Aktenberg, der ihn zu Arbeitsbeginn auf seinem Schreibtisch begrüßt hatte.

Nein“, wiederholt er nachdrücklich, denn er weigert sich, den Anblick, der sich ihm da gerade bietet, als Teil der Realität anzuerkennen. „Das ist nicht dein Ernst.“

Neben ihm nickt Easy voller Selbstzufriedenheit. „Isses. Siehste doch.“

Ringo schließt die Augen. Er hat die vage Hoffnung, dass sich das im wahrsten Sinne des Wortes bis unters Dach vollgepackte und vor dem Innenhof geparkte WG-Auto dadurch in Luft auflösen und anschließend ebenso leer wie sauber wieder auftauchen könnte. Ringo öffnet die Augen. Das Auto ist natürlich noch da, und wenn ihn nicht alles täuscht, ist es binnen der vergangenen drei Sekunden noch voller geworden. Wahrscheinlich halluziniert er schon.

Easy hingegen strahlt wie ein Honigkuchenpferd. „Du hättest mir nicht die Autoschlüssel geben dürfen, Schatz“, sagt er fröhlich, und hinter Ringos Schläfen beginnt es dumpf zu pochen. Er kann sich nicht daran erinnern, jemals so viel Blumenerde auf einem Haufen gesehen zu haben. Und Töpfe aus Terracotta in allen denkbaren Größen. Und Rankengitter. Und Holzpaletten. Und Dosen mit Sprühfarbe. Und –

Er registriert am Rande, dass sich eine warme Hand auf seinen Arm legt. „Ich hab dir gesagt, dass ich ‘nen Garten will.“ In Easys Stimme schwingt ein Hauch Mitleid für Ringos überstrapazierte Nerven mit. „Und spätestens seit der Hochzeit solltest du wissen, dass ich immer bekomme, was ich will.“

Eine ebenso kurze wie intensive Erinnerung an ein randalierendes Alpaka durchzuckt Ringo, bevor seine gesamte Aufmerksamkeit wieder von den großen Paketen mit Erde beansprucht wird, die in den Kofferraum des Autos gestopft wurden.

„Wie hast du den ganzen Kram da überhaupt reinbekommen?“, hakt er dann ebenso beeindruckt wie fassungslos nach, denn der Wagen ist grob geschätzte fünf Kilogramm von einem irreparablen Achsenbruch entfernt. „So ganz allein?“

Easy gluckst vergnügt. „Es gibt da ´nen ganz einfachen Trick, wenn man allein nicht weiterkommt: Man fragt freundlich um Hilfe und schon kommt ein netter Mitarbeiter mit ordentlich Muckis und packt mit an.“

Ringo brummt dumpf. Die Vorstellung eines netten und muskelbepackten Gartencenter-Mitarbeiters, der Easy voller Enthusiasmus beim Tragen und Einladen hilft, verstimmt ihn leicht. „Du weißt aber schon, dass Robert dir den Hals umdrehen wird, wenn du auf der Dachterrasse mit vierzig Kilo Blumenerde hantierst, oder?“

Easy schüttelt den Kopf. Er hat sich mittlerweile bei Ringo untergehakt und kommt aus dem Grinsen gar nicht mehr heraus. „Wird er nicht. Ich hab ihn vorhin zufällig getroffen und er fand meine Idee super. ‚Endlich packt mal jemand von euch jungen Leuten an und macht was‘, hat er gesagt. Und er meinte, dass Irene das auch gut gefunden hätte.“

Ringo wirft einen hilfesuchenden Blick gen Himmel. Leider schweigt sich Irene Weigel – Gotthabsieselig – zur Gesamtsituation aus. Dann fällt ihm ein Umstand ein, den er bisher verdrängt hatte. „Ich werde dir den ganzen Kram garantiert nicht hoch auf die Dachterrasse tragen“, sagt er voller Bestimmtheit, das übergroße, seit zwei Wochen am Aufzug klebende Schild mit der Botschaft „Defekt, bitte Treppenhaus benutzen“ vor seinem inneren Auge.

„Ach Schatz.“ Easy tätschelt Ringos Arm liebevoll. „Sei dir da mal nicht so sicher. Und sieh’s doch positiv: Wenn der, und ich zitiere dich an dieser Stelle, ‚ganze Kram‘ erstmal oben ist, hast du den kompletten Rest des Wochenendes nur für dich und deine Kuchentabellen.“

Ringos Brauen ziehen sich zu einem irritierten Strich zusammen. „Was für Kuchentab— Easy, du weißt ganz genau, dass das Tortendiagramme sind.“

Easy winkt ab. „Ob Kuchen oder Torten“, meint er motivierend, „du machst das schon.“

Ringo schluckt um den trockenen Kloß herum, der sich in seinem Hals gebildet hat, und lächelt schief. So sehr er es auch möchte – den Optimismus seines Mannes kann er nicht wirklich teilen.
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