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Old scars

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
02.04.2021
28.11.2021
48
306.411
17
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
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17.10.2021 7.363
 
38. Schweigen


Sonntag, 04. Dezember 2016

Blaine schaute auf die leere Bettseite, während er sich anzog. Jessy war nicht nach Hause gekommen, obwohl er ihm mitgeteilt hatte, dass die Idioten die Uni verlassen hatten. >>Wo bist du?<<, schrieb er ihm und lief die Treppe hinunter. “Ist Jessy hier?”

“Nein. Ist er nicht nach Hause gekommen?”, fragte Sandro.

Blaine schüttelte den Kopf. “Und die Nachricht von gestern ist ungelesen.” Blaine fluchte. “War es ein Fehler gewesen, zur Polizei zu gehen?”

“Irgendjemand von uns hätte es getan. Du hättest Sid gestern sehen sollen. Er war total wütend. So habe ich ihn noch nie erlebt.”

“Vielleicht hätte das einen Unterschied gemacht. Wenn du oder Marek oder Kee zur Polizei gegangen wäre.”

“Du meinst, weil du sein Freund bist?”

“Ja.” Blaine ließ sich aufs Sofa fallen und rief erst auf Jessys Handy an, dann auf dem von James.

“Hm?”, machte der schläfrig ins Handy.

“Hey ... sorry, dass ich dich geweckt habe. James, ist Jessy noch bei euch?”

“Denke schon.” Er rappelte sich auf und schlurfte zum Wohnzimmer. “Ja, er schläft auf dem Sofa.”

“Er ist sauer, oder?”

“Ja … er und Carter haben den ganzen Abend leise geredet. Ich denke Jessy ist enttäuscht.”

“Prima. James, ich werde mich dafür nicht entschuldigen. Wenn er es nicht versteht, dann ist das sein Problem. Jared hat so unfassbar viel Scheiße gebaut und ich bin jetzt der Böse?”

James legte sich zurück ins Bett. “Ich weiß. Ich verstehe es auch nicht. Ich hätte das genauso gemacht.”

“Sandro denkt, dass es was anderes gewesen wäre, wenn einer von ihnen es getan hätte. Stimmt es? Ich meine ... ist er wieder aufgetaucht?”

“Nein, ist er nicht. Er gilt als verschwunden und flüchtig.”

Blaine stöhnte auf. “Wie war das? Er steht zu seinen Fehlern? Was für ein Scheiß!”

“Er ist ein Feigling. Schon die ganze Zeit.”

“Seh ich auch so. Toll. Dann sag Jessy, dass er wieder nach Hause kommen kann. Ich hab dafür keine Nerven. Ich werde mich nicht dafür entschuldigen.”

James seufzte. “Streitet nicht wegen ihm. Das ist er nicht wert.”

“Scheinbar schon. Sonst wäre er nach Hause gekommen.”

“Warum kommst du nicht her?”

Blaine schwieg einen Moment, schaute Sid und Keegan zu, wie sie Frühstück machten. “Na schön. Ich mach mich auf den Weg.”

“Blaine?”

“Ja?”

“Ich bin für dich da, okay?”

“Ich weiß. Ich lieb dich” sagte Blaine leise.

“Ich dich auch.”

Blaine legte auf und seufzte. “Ganz toll. Jared brennt allein durch und ich bin der Böse. Ich bin begeistert. Von wegen er steht zu seinen Fehlern. Verlogenes Arschloch. Eigentlich würde ich es jetzt doch gern publik machen.”

“Was hält dich ab?”, fragte Sid. “Ich mach das auch.”

“Ich hab’s ihm versprochen. Da steht dieser Spinner vor mir und sagt, dass er für seine Fehler gerade steht und haut dann ab? Lachhaft!”

“Naja, er hat uns unter falschen Namen an den Pranger gestellt und ist nun weggerannt. Das sieht ihm ziemlich ähnlich.”

“Jaah ...” Blaine stand auf. “Ich geh zu Jessy und schau mal, ob er mich jetzt abgeschossen hat.”

“Küss ihn einfach. Er liebt dich doch.”

“Ja, vielleicht ... mal sehen.” Blaine küsste ihn auf die Wange und machte sich auf den Weg. Küssen, ja. Aber würde das irgendwas ändern?

Wenig später klingelte Blaine an deren Tür.

James öffnete ihm und küsste ihn auf die Wange. “Er liegt noch auf dem Sofa.”

“Wach?”

“Ich bin nicht ganz sicher.”

“Okay.” Blaine klopfte ihm kurz auf die Brust, dann ging er ins Wohnzimmer und lehnte sich an den Türrahmen. “Guten Morgen.”

“Morgen.” Jessy griff nach seinem Handy, um zu sehen, ob eine Nachricht von Jared drauf war. War es nicht.

Langsam ließ sich Blaine auf den Sessel sinken. “Ich hatte gehofft, dass du nach Hause kommst.”

“Hab mich festgequatscht.”

“Hm ... und nun? Kommst du mit?”

“Später. Ich warte auf Mum und Dad.”

“Sie können zum Verbindungshaus kommen. Dein Vater weiß, wo es ist.”

“Ich sagte aber, sie sollen hierher kommen. Hast du es eilig. Du bist doch sonst so gern hier.”

Blaine schaute ihn an. “Na schön.” Er stand auf und holte sich etwas zu trinken. In der Küche atmete er tief durch. Ganz ruhig, Blaine.

James traute sich gar nicht, etwas zu sagen. Er nahm Kaffee, sowie Hundefutter und Wasser und verließ das Wohnzimmer, um zu Carter zu gehen. “Guten Morgen, Prinzessin”, sagte er und stellte alles ab.

“Hey. Wer ist da gerade gekommen?”

“Blaine. Im Wohnzimmer herrscht Eiszeit.”

“Verstehe. Dann bleibe ich lieber im Bett.”

Blaine war zurückgegangen und stellte Jessy eine Tasse Kaffee auf den Tisch.

Schweigend nahm dieser sie in seine Hände und sah in die schwarze Flüssigkeit. “Sie sind verhaftet?”

“Was?”

“Clarkson und co.”

“Oh ... ja. Sie sind alle festgenommen und aktuell in Untersuchungshaft. Ob sie freikommen weiß ich nicht, aber die Studentenvereinigung war gestern im Haus und hat alles gepackt. Die Jungs dürfen den Campus nicht mehr betreten.”

“Gut. Wenigstens etwas.”

Blaine nickte. “Kann ich dich etwas fragen?”

“Sicher.”

“Wenn James bei der Polizei gewesen wäre oder Sid, Kee ... wer auch immer ... wäre das für dich etwas anderes?”

“Ich wäre sauer.”

“Warum?”

“Weil wir irgendwas anderes hätten tun können. Das du es getan hast… “ Jessy schüttelte den Kopf. “Du bist ein Teil dieser Familie. Ja, er hat Fehler gemacht. Schlimme Fehler, aber die hast du auch gemacht. Niemand hätte dich angezeigt.”

Blaine zog die Augenbrauen zusammen. “Ich wurde angezeigt, Jessy. Er stand gestern hier und sagte, dass er für seine Fehler gerade stehen würde. Und wo ist er jetzt? Wo ist er hin? Er braucht Hilfe, aber die nimmt er nicht an. Weder von dir, noch von euren Eltern oder sonst wen.”

“JA! ER BRAUCHT HILFE, ABER NICHT VON DER POLIZEI, VERDAMMT. MEIN KLEINER BRUDER IST WEG! VERSCHWUNDEN!”, brüllte Jessy. Die Angst um Jared machte ihn fertig.

Blaine war viel zu angespannt, um diese Brüllerei gut wegzustecken. “Ach und du denkst, er ist weg, weil ich bei den Bullen war? Er war schon davor weg! Jared ist einfach gegangen, weil ich meine Meinung gesagt habe. Was war denn mit dir? Was hast du gestern getan?”

“Es geht doch nicht um dich! Du bist ihm scheiß egal! Er ist abgehauen, weil niemand ihn aufgehalten hat! Auch nicht ich, das weiß ich! Und die scheiß Bullen sind mir auch egal. Ich will, dass es ihm gut geht! Er ist irgendwo da draußen. Er hat kein Geld oder Essen. Er ist ganz allein und er ist gefährdet! Er wollte sich schonmal umbringen, du Idiot!”

Blaine seufzte und setzte sich neben ihn. “Was wollen wir tun? Wollen wir ihn suchen gehen? Dann los, zieh dich an. Dann suchen wir ihn”, sagte er.

“Ich brauche deine Hilfe dafür nicht. Du willst ihm eh nicht helfen.”

“Ich will dir helfen. Jessy, los. Lass uns schauen gehen, ob wir ihn finden.” Blaine sah ihn abwartend an.

Sie fanden ihn nicht. Egal wie lange sie suchten, ihn riefen. Jared war verschwunden und Jessy mit den Nerven am Ende. Er wusste nicht, was er machen sollte, mit Blaine redete er nur selten.

Blaine drückte dessen Hand. “Wann wollten deine Eltern ankommen?”

“Sie müssten schon da sein.”

“Okay, dann lass uns zurück.”

“Wo kann er nur sein?”

Blaine überlegte. “Er ist nicht in seinem Zimmer, nicht in der Hütte. Hat er in der Uni Plätze, die er mag? Wenn ich dich suchen würde, würde ich im Kunstsaal nachschauen.”

“Ich denke nicht, dass er hier ist.”

“Hat er einen Führerschein? Geld auf irgendeinem Sparbuch oder so?”

“Nein. Nicht, dass ich wüsste.”

Blaine knurrte leise. “Verdammt, Jared”, murmelte er. “Lass uns zu deiner Familie.”

Langsam gingen sie zurück. “Mum!”

“Jessy!” Lara lief auf ihn zu und schloss ihn in die Arme. “Jessy, was ist hier los?”

Jessy umarmte sie fest. “Wir finden Jared nicht”, wisperte er.

Lara sagte erstmal nicht, hielt ihn nur fest. Dann setzten sie sich. “Jessy, James sagte uns, dass Jared dieser ... A ist. Dad ist zur Polizei gefahren, um mit ihnen zu sprechen. Was ist gestern passiert? Wieso ist er weggelaufen?”

“Carter hat ein Tagebuch von Jared gefunden. Da stand alles drin. Wir wollten mit ihm reden, aber dann … sagte Carter, dass er ihn nicht hasst, weil man dafür Gefühle haben müsse. Dann ist Jared gegangen. Er ist verschwunden.”

“Und niemand hat ihn aufhalten können? Oh Jared”, seufzte sie frustriert. “Er hat doch versprochen, níe wieder wegzulaufen.”

“Er ist schon mal weggelaufen?”, fragte James.

“Ja ... damals, als sein Freund Mattis starb. Da war er drei Tage verschwunden. Er versprach damals, es nie wieder zu tun!”

“Mattis Shother?”

“Er hat ihn erwähnt? Jared sprach sonst nie über ihn”, sagte Lara verwundert.

“A hat ihn erwähnt.” Er seufzte leise.

“Wieso? In welchem Zusammenhang?”

“Ein Student hier … war sein Mobber.”

“Oh, du liebe Güte.” Lara zog Jessy fester an sich. “Wo kann er nur sein?”

“Er ist weder in der Hütte, noch hier auf dem Campus oder am Wasser. Mum, ich habe Angst.”

Blaine schaute den beiden einen Moment zu, dann ging er in die Küche. Zum Glück war das Wohnzimmer verwinkelt, so, dass er Jessy und dessen Mutter nicht sehen konnte, als er eine Flasche Wasser aus dem Kühlschrank nahm. “Ich bin so angepisst”, wisperte er James zu. “Wie kann er das nur tun?”

“Ich weiß es nicht. Weiß er nicht, dass Jessy und seine Eltern sich Sorgen machen?”

“Vielleicht ist es ihm egal”, sagte Blaine.

“Vielleicht sollten wir Cas suchen schicken. Er findet ihn bestimmt.”

Blaine seufzte. “Wie geht es Carter?”

“Kann ich dir nicht sagen. Er ist etwas zurückgezogen und nachdenklich, aber sonst … sehr gefasst.”

“Vielleicht steht er unter Schock.” Blaine sah in den Flur, als es klingelte. Er ging öffnen. “Hi Jack.”

“Blaine. Schön, dich zu sehen.” Jessys Vater umarmte ihn kurz und betrat dann das Wohnzimmer. “Jessy, mein Großer.”

“Dad!” Jessy rannte auf ihn zu und umarmte ihn fest. “Hast du was rausbekommen?”

“Nein, aber ich konnte sie davon abbringen, ihn per Haftbefehl zu suchen. Es ist jetzt eine Vermisstenanzeige.”

Blaine runzelte die Stirn und schaute zu James, dann zu Jack. “Was heißt das? Also bezüglich der Anzeige.”

Jack schaute ihn kurz an. “Nun, die Anzeige ist quasi auf Eis gelegt. Es ist Gefahr im Verzug. Jared ist selbstmordgefährdet.”

James hob die Augenbrauen. “Geht das so einfach? Eine Anzeige stilllegen?”

“Vorerst ja. Es ist wichtiger, Jared zu finden, bevor er sich etwas antut. Danach sehen wir weiter.”

Blaine war fassungslos. “Es war meine Anzeige. Ist es nicht egal, wie gesucht wird? Ist doch egal, welchen Namen die Suche hat.”

Jack atmete tief durch. “Bei allem Respekt, aber du hast keine Ahnung. Jared anzuzeigen war wohl das dümmste, was du tun konntest. Sieht denn keiner, was das für ein massiver Hilfeschrei ist?”

“Hilfeschrei? Er hat uns alle gestalkt!”, sagte James deutlich. “Jared hat sich strafbar gemacht, mit dem Wissen, das es falsch war! Dass er jetzt weggerannt ist, zeigt nur, dass er ein verdammter Feigling ist!”

“Reden Sie so nicht über meinen Sohn. Er ist krank. Genau das, was ich vor Thanksgiving schon versucht habe, allen klarzumachen. Jared ist wahnsinnig labil. Er braucht Hilfe, keine Polizei. Jessy, komm mit!” Jack schaute die beiden Männer wütend an. “Wir gehen erstmal in ein Hotel.”

Jessy stand auf. Sein Blick ging zu Blaine. Wie enttäuscht konnte man sein von dem Menschen, den man liebte? Das Blaine auf die Anzeige behaarte, statt einzusehen, dass Jared gerade in Gefahr war, war das schlimmste.

“Jessy, warte bitte. Ich will auch, dass es ihm gut geht. Ich will, dass er Hilfe bekommt. Aber Jack, das war nicht okay. Es ist egal, wie man es nennt!”

“Lass uns einfach in Ruhe, Blaine. Dir ist deine scheiß Anzeige so wichtig! Lass sie aufrecht, aber ich schwöre dir, ich rede nie wieder mit dir! “

Blaine starrte ihn an. “Wie bitte?” Blaine war sprachlos, doch das nur Sekunden. Dann platzte er. “MONATELANG TREIBT ER SEIN UNWESEN, STALKT UNS, DRINGT IN UNSERE PRIVATSPHÄRE EIN. DENK AN HALLOWEEN, WIE GROSS UNSERE ANGST WAR IN DIESEM VERFICKTEN HAUS! JEDER IN DIESER UNI WEISS ALLES ÜBER MICH, ÜBER UNS ... SID, KEE, ADAM, JAMES UND MICH UND DAS IST OKAY?” Blaine atmete heftig auf. “UND JETZT BIN ICH DAS ARSCHLOCH?”

“BIST DU, JA! JARED IST KRANK UND NICHT GEFÄHRLICH! MENSCHEN WIE STEIN LAUFEN FREI RUM, OBWOHL ER MICH FAST VERGEWALTIGT HÄTTE, ABER JARED, DER UNS NIE ETWAS ANGETAN HAT, AUSSER DAS ZU VERÖFFENTLICHEN WOFÜR WIR SELBST SCHULD SIND, SOLL HINTER GITTER? MERKST DU NOCH WAS? WO IST DIE GERECHTIGKEIT? DU HAST DIE SCHEISSE SELBST VERBOCKT, GENAU WIE KEEGAN UND SID UND ICH.”

Blaine schnappte nach Luft. “HAST DU SIE NOCH ALLE? ICH HAB GESAGT, DU SOLLST STEIN ANZEIGEN! HAST DU NICHT! WOLLTEST DU NICHT! DU WARST NUR BEI DEN UNILEUTEN!”

“Hat Jared dir körperlich wehgetan?”

”Ach, das ist der Maßstab?”

“HAT ER ODER HAT ER NICHT?”

“JA!” Blaine starrte ihn an. “Meinst du, es war toll, durch die Uni zu gehen und beleidigt zu werden? Meinst du, es ist okay, von den eigenen Leuten im Verbindungshaus verprügelt zu werden? Du hast da nackt und schutzlos gestanden. Sie wollten uns allen wehtun! Sie wollten dir wehtun! Das ist wegen Jared passiert!”

“Das ist passiert, weil du ein Arschloch in der Vergangenheit warst! Jared hat dich nie angegriffen! Er hat nie gelogen!” Jessy sah ihn hilflos an. “Jared hat Fehler gemacht. Und er wird dafür büßen. Weil sein Verlobter ihn nicht sehen will, weil seine Freunde, die er vielleicht hatte, ihn nicht sehen wollen. Weil er allein ist. Und dank dir vielleicht keine Hilfe bekommt, sondern den Knast und der wird ihn umbringen! Aber ja, sei das Opfer, Blaine. Armer kleiner Blaine. Sind die Jungs böse auf dich, weil du ein Mobber warst? Du hast dich geändert? Warum fällt es mir jetzt gerade so schwer, das zu glauben? Warum gehst du in die Opferrolle? Warum gibst du Jared für die Homohasser die Schuld? Die haben dich nicht verprügelt, weil du ein Mobber warst. Sie taten das, weil sie nicht ganz richtig im Kopf sind.” Jessy schüttelte den Kopf. “Lass uns gehen, Dad. Bitte…”

Blaine trat demonstrativ zurück, doch dann trat er an der Familie vorbei und öffnete demonstrativ die Tür. “Viel Glück mit ihm”, sagte er tonlos.

“Niemand von uns hätte dich angezeigt. Nicht mal, wenn du jemanden umgebracht hättest”, sagte Jessy leise. “Niemand …”

“Geh einfach. Es ist egal, was ich sage. Jared ist das Opfer und wir die Täter. Geh einfach. Findet ihn und gut ist. Ich bin fertig mit ihm.”

Jessy schüttelte den Kopf. Er war so verdammt enttäuscht, dass Blaine es nicht einsah. Schweigend ging er nach draußen, ignorierte die Tränen. Es war aus. Das wussten beide.

Blaine schloss die Tür und legte die Stirn dagegen. “Tja. So einfach ist es. Hab ich gestern mit irgendeiner Silbe gesagt, dass er ins Gefängnis soll? Ich hab sogar bei der Polizei gesagt, dass Jared Hilfe braucht. Aber okay, ich bin das Arschloch. Gut, die Rolle kenn ich schon.”

James schwieg. Egal was er sagen würde, es wäre in diesem Moment das falsche.

“Ich geh jetzt nach Hause. Ich meine ... was soll ich auch sonst tun? Das Thema ist durch. Erledigt, ach verdammt, ich weiß nicht, was ich sagen soll.” Blaine küsste ihn auf die Wange. “Ich ruf dich an.”

“Okay. Blaine … pass auf dich auf. Ihr werdet euch beide wieder beruhigen.”

“Ja, das will ich hoffen. Ich liebe ihn.” Blaine seufzte. “James, ich liebe ihn.”

“Ich weiß. Und er dich. Sonst wäre er gerade nicht so ausgerastet.”

Blaine nickte langsam und verließ die Wohnung. >>Auch, wenn du es vielleicht gerade nicht hören möchtest, aber ich liebe dich. Hier geht es nicht um Jared. Nur um uns beide. Ich liebe dich, Jessy.<<


Adam war am Morgen aufgestanden und hatte sich sofort auf den Weg gemacht. Er wollte einen Namen. Sofort!

Heftig hämmerte er gegen die Tür des Verbindungshauses. Irgendwann musste ja mal jemand da sein.

Sid öffnete die Tür und hob die Augen. “Du schon wieder.”

“Wer ist es? Ich will einen Namen!”, sagte Adam betont ruhig.

“Es ist der Adam, der unsere Tür fast einschlägt.”

“Lass die Spielchen, Sid. Sagt mir, wer A ist!”

“Weiß ich nicht.”

“Hör doch auf zu spinnen! Ihr wisst doch, wer es ist”, schimpfte Adam. “Sid, was hier passiert ist verdammte Scheiße!”

“Ist es, gebe ich dir Recht. Ich kann dir sagen, dass A kein Problem mehr ist. Mehr aber auch nicht.”

“Was? Er ist kein Problem mehr? Das Problem fängt doch gerade erst an! Sid, sag es mir!”

“Nein. Du wirst von niemanden von uns etwas erfahren.”

Adams Wut kochte hoch und er schlug die Faust mitten durch das Buntglas neben der Tür und brüllte zornig auf.

“Jap, genau wegen sowas. Machs gut, Adam.” Sid schüttelte den Kopf und schloss die Tür.

Keegan kam die Treppe runter, als er es splittern hörte. “Was ... Heeeey, die Scheibe, Mann!”

“Gibt es nur noch Psychos hier?” Sid sah Keegan an.

“SAGT ES MIR!”, brüllte Adam, was Keegan zusammenzucken ließ.

“Oh Mann, Adam, verschwinde und komm wieder runter. Sonst holen wir die Polizei!”

“Du hast genug Probleme, Adam. Du brauchst A nicht!”

Es wurde still und zehn Minuten später schloss Blaine die Tür auf. “Was ist denn mit der Scheibe passiert?”, fragte er verwirrt.

“Adam war hier.” Sid seufzte. “Was machst du schon wieder hier? Wo ist Jess?”

“Bei seinen Eltern.” Blaine legte seine Jeansjacke auf den Sessel und holte Handfeger und Müllschippe.

“Okay … warum bist du nicht auch da?”

Schweigend machte Blaine sauber, dann erhob er sich. “Es ist aus ... denke ich.”

Sid sah zu Keegan. “Was? Blaine…. warum?”

“Weil ich Jared angezeigt habe, weil Jack das ganze rückgängig gemacht hat, da Jared selbstmordgefährdet ist und ich das nicht gut fand. Jared ist das Opfer und wir sind die Täter ... so sieht das mein ... Exfreund.” Es tat weh. Es tat elendig weh, das so zu sagen. Und auch das kreidete er Jared an.

“Hat er das so gesagt?”

“Ja. Wir sind alle selbst schuld. Jared hat uns niemals angegriffen oder wehgetan. Er hat nie gelogen. Ja, er hat Fehler gemacht, aber er büßt dadurch, dass er Carter verloren hat und nun allein dasteht. Das ist seine Strafe”, erzählte Blaine, so sachlich es ihm möglich war.

“Und hat Jessy gesagt, dass Schluss ist?”

Blaine sah ihn an. “ Er sagte, wenn ich die Anzeige aufrechterhalte, redet er nie wieder mit mir. Es sind viele beschissene Sachen gesagt worden, aber er ist gegangen. Ich denke, es ist Schluss. Kee, es sind ja nun ein paar Zimmer frei. Ich nehme das im Erdgeschoss ganz hinten. Ich zieh da ein.”

Sid seufzte. “Das ist doch scheiße. Gibst du ihn auf? Ihr habt so lange gebraucht, um zu kapieren, dass ihr euch liebt und nun ist es das gewesen?”

“Was soll ich machen, hm? Die Anzeige, die Daddy Jones stillgelegt hat, zurückziehen? Jared gewinnen lassen? Jessy ist nicht objektiv. Ich habe ihn gefragt, was er getan hätte, wäre es jemand anderes gewesen. Er hat darauf gar nicht geantwortet. Er sagte nur, dass es ja nicht so ist. Jared ist sein Bruder. Er musste sich entscheiden. Und die Tatsache, dass er mich kein bisschen versteht, dass er uns alle nicht versteht, sagt doch alles. Ich liebe ihn, Sid. Wirklich, das tu ich, aber ... das sieht er im Moment nicht. Er sieht mich nicht. Vielleicht ist das normal, keine Ahnung. Vielleicht muss Jared erstmal wieder auftauchen, denn der Feigling ist abgehauen. Lassen wir ein paar Tage vergehen und dann sehen wir weiter. Ich nehme nur mein Bettzeug mit. Ich will nicht in ... diesem Bett schlafen, wo alles nach ihm riecht. Ich ... scheiße!” Blaines Stimme hatte immer mehr versagt. Er war so wütend und traurig. Die Tränen liefen über seine Wangen. Jeder war der Dumme, der Böse, nur Jared nicht. Dass Jessy ihn so gar nicht verstand, ihn sogar als Familienverräter hinstellte, machte ihn fertig.

Leise seufzte Sid und nahm Blaine in seine Arme.

“Was mach ich jetzt?”, fragte er leise.

Mittwoch, 08. Dezember 2016

Einmal im Monat ging Giuliano Rhodes, der amtliche Förster des Pokeena National Forest auf die Jagd. Reh und Wildschwein. Heute wollte er für das Weihnachtsfest jagen. In der Abenddämmerung schlug er sich durch das Dickicht, auf dem Weg zu seinem Hochsitz. Ein kleiner sechsmal sechs Meter großer Raum, überdacht, mit einer Leiter, zwei Meter über dem Waldboden. In seinem Rucksack befanden sich Sandwiches seiner Frau, ein kleiner Kuchen seines Sohnes und zwei Kannen Kaffee. Solche Nächte waren lang.

Er lauschte, an der Leiter stehend und lächelte. Er war sicher, dass diese Nacht erfolgreich sein würde.

Langsam stieg er die Stufen hoch und es war seiner guten Fassung geschuldet, dass er nicht laut Aufschrie vor Schreck.

Der Anblick des jungen Mannes, der in einer Ecke kauerte und sich nicht bewegte war ein großer Schock. Für einen Moment hatte Giuliano Angst, dass er auf eine Leiche gestoßen war, doch dann bewegte sich der Arm. “Hallo? Können Sie mich ... hallo? Wer sind Sie?”

Der junge Mann sah ihn mit müden Augen an. Er hatte irgendwie gedacht, dass er hier allein war. Dass man ihn erst in einigen Tagen finden würde.

“Wer sind Sie? Was tun Sie hier oben?”, fragte der Förster.

Stumm richtete er sich langsam auf. Jede Bewegung war eine Qual. Ihm war eiskalt, seine Knochen taten weh und sein Kopf dröhnte.

Instinktiv fing Giuliano den Mann auf, als er nach vorn viel. “Meine Güte. Sie sind ja völlig ausgekühlt.” Er zog seine grüne Armeejacke aus und legte sie ihm um. “Sehen Sie mich an!”

Jareds Finger krallten sich in die warme Jacke und sah den Mann an. Er war ein großer Mann, hatte sogar Muskeln unter dem dicken, grauen Pullover. Er musste viel unterwegs sein.

“Wie ist Ihr Name?”, fragte er und holte mit einer Hand eine kleine Flasche Wasser heraus.

Noch immer sagte Jared nichts. Er wollte nicht mehr. Wozu auch? Alles was er sagte schien falsch zu sein und ihm ärger zu bringen.

“Hier, trinken Sie etwas. Ich werde Sie zu meinem Wagen bringen. Sie müssen ins Krankenhaus.”

Schnell schüttelte er den Kopf und hielt den Arm des Mannes fest. Kein Krankenhaus!

“Ich bin kein Fachmann, aber Sie sind bestimmt vollkommen ausgetrocknet. Wie lange sitzen Sie schon hier?”, fragte der Förster.

Jared musste wirklich überlegen, während er sich tief in die warme Jacke kuschelte. Dann zeigte er drei Finger hoch.

“Drei Tage?” Er reichte ihm die Flasche. “Trinken Sie langsam. Ich habe auch Kaffee, aber ich denke, Wasser ist erstmal besser.”

In der Ecke sitzend umfasste er das Glas mit beiden Händen. Er hatte kaum Kraft eine Flasche zu halten. Dennoch trank er einen kleinen Schluck.

“So ist es gut. Sagen Sie mir Ihren Namen?”

Jared biss sich auf die spröde Lippe und sah auf die Flasche. Seine Finger knibbelten an dem Papier darum. Er wollte nichts sagen.

“Ich bin Giuliano. Meine Frau und meine Freunde nennen mich Gilo. Haben Sie Hunger?”

Leicht überfordert zuckte er die Schultern.

“Ich habe Schokokuchen und Sandwiches. Sie sind wunderbar.” Er packte die Dose aus, während er sprach und schob ihm sie ihm zu, in der kleine Minisandwiches waren, mit Salat, Frischkäse und Roastbeef.

Jareds Blick ging zu dem Kuchen. Er liebte Schokokuchen.

“Na los. Es wird Ihnen gut tun.”

Jared fühlte sich unsagbar schlecht, als er ein kleines Stück vom Kuchen abbrach und ihn sich in den Mund schob. Das hatte er gar nicht verdient. Gilo hätte ihn einfach liegen lassen sollen, dachte er und bekam Tränen in den Augen.

Giuliano ließ ihn einen Moment in Ruhe. Ihm war klar, dass er jetzt nicht jagen konnte, stattdessen nahm er sich eines der Sandwiches und erzählte belangloses Zeug seiner Familie. “Wollen Sie mir nicht sagen, warum sie drei Tage lang allein hier oben sitzen?”, fragte er sanft.

Er deutete auf ein Schild in der Hütte. Jagd.

“Ich wollte jagen, ja. Aber das fällt wohl besser aus.”

Schnell schüttelte er den Kopf und sah sich um. Er griff nach der Waffe, die er dem Mann in die Hände drückte.

“Ich soll jagen?” Gilo war überrascht.

Jared nickte und reichte ihm die Jacke. Der Mann sollte nicht frieren.

“Oh nein, die behalten Sie! Los, anziehen!”, sagte er mit seiner tiefen Stimme.

Leicht frustriert schnaufte er, zog sie aber an.

“Na geht doch. Okay, also ... ich wüsste gern, wie du heißt”, sagte er und schaute durch die kleinen fensterartigen Lücken. “Ich möchte dich nicht John Doe nennen.”

Verwirrt runzelte Jared dir Stirn. Wer?

Fragend hob Gilo die Augenbrauen. “Kennst du das nicht?”

Langsam schüttelte er den Kopf.

Gilo nahm den Kaffee heraus und goss etwas in eine Tasse. “John oder Jane Doe nennt man namenlose Menschen.”

Jared seufzte leise und schrieb in den dreckigen Boden: Alex.

“Hallo Alex. Es freut mich, dich kennenzulernen.” Er lächelte den jungen Mann mit seinem wettergegerbten Gesicht an.

Er versuchte zu lächeln, was jedoch ein bisschen missglückte. Dann lehnte er sich an die Holzwand und sank in die viel zu große Jacke.

Gilo schwieg, trank seinen Kaffee und beobachtete die Umgebung, lauschte den Geräuschen der Nacht und lächelte. “Ein Hase”, flüsterte er.

Jared sah durch eine kleine Lücke neben sich. Jessy würde den Mann jetzt anflehen, nicht zu schießen. Er würde das Tier vermutlich adoptieren.

Gilo machte keine Anstalten, sein Gewehr zu nehmen. “Ich überlege, ob du nicht reden kannst oder nicht reden willst”, sagte er ganze leise und beiläufig.

Jared zuckte leicht die Schultern. Vielleicht war es besser, nicht zu reden. Vielleicht konnte er es aber auch nicht mehr.

“Wirst du nicht vermisst?”, fragte Gilo ihn und schaute in das junge Gesicht.

Traurig schüttelte er den Kopf. Ihn vermisste mit Sicherheit niemand.

Gilo seufzte leise. “Weißt du, Alex ... selbst der einsamste Mensch hat irgendwo jemanden, der ihn mag. Manchmal sieht man sie nicht. Dann fühlt sich alles grau in grau an. Aber sie sind da. Man muss sie nur wiederfinden.”

Jared dachte kurz an Mattis. Der mochte ihn. Aber auch er hatte ihn verlassen. Seufzend schüttelte er den Kopf. Sie suchten ihn vielleicht, aber nicht weil sie ihn vermissten. Sie wollten ihn wegsperren.

Wieder schwiegen sie lange. Es war kurz vor Mitternacht, als Gilo ihn ansah, weil Jared leise schluchzte. “Vielleicht sollte ich dich zu meiner Frau bringen. Du gehörst in ein warmes Bett, Alex.”

Wieder schüttelte er den Kopf. Das konnte er nicht annehmen. Er wollte nicht, dass er irgendwem nochmal wehtat.

“Das ist doch verrückt, Alex! Also nun komm schon. Keine Diskussion. Ich werde nicht zulassen, dass du hier oben stirbst. Wir gehen jetzt. Mein Wagen steht nur ein paar Meter entfernt. Los.” Gilo erhob sich und streckte Jared die Hand hin.

Auch wenn er sich bei ihm wohl fühlte, so hatte Jared Angst. Was, wenn er ihn zur Polizei brachte?

“Bitte. Ich möchte dich zu mir nach Hause bringen. Meine Frau wird sich um dich kümmern, ich habe zwei Kinder. Bitte. Entweder das oder ich rufe jetzt sofort den Krankenwagen!”

Schnell und panisch schüttelte Jared den Kopf. Flehend griff er nach Gilos Arm. Bitte nicht!

“Dann bringe ich dich jetzt zu meiner Frau!”

Wie Jared die Leiter runtergekommen, war wusste er nicht. Er weinte immer wieder stumm im Auto. Er hatte so eine große Angst, dass er gerade in eine Falle getappt war, zudem zitterte er heftig vor Erschöpfung.

Gilo fuhr schweigend, und obwohl es mitten in der Nacht war, rief er seine Frau an.

“Schatz? Ist alles in Ordnung?”

“Aber ja. Ich habe nur einen blinden ... Wächter auf meinem Hochsitz gefunden. Sein Name ist Alex, ein junger Mann, der völlig unterkühlt und fertig ist. Er sollte in ein richtiges Bett. Aber er braucht etwas zum Aufwärmen. Hast du noch etwas von deiner Hühnersuppe? Die würde ihm wohl sehr gut tun.”

“Lass mich schauen, ob die Vielfraße nicht alles aufgegessen haben.” Sie lief in die Küche. “Bringst du wieder einen Streuner mit?”

“Ja, nur ist es dieses Mal kein Hund. Das schwöre ich.” Gilo zwinkerte Alex zu.

“Ich habe noch Suppe.”

“Wunderbar. Ich bin in zehn Minuten da.” Gilo legte auf. “Du hast Glück. Es ist noch etwas da von der wunderbaren Suppe. Meine Frau Lucia kocht immer große Portionen und friert viel davon ein. Sobald einer auch nur niesen muss, flößt sie uns die Suppe ein.”

Jared wischte sich über die Wangen. Das war viel zu nett. Er hatte das nicht verdient!

Gilo fuhr auf einen Hof. Pferde standen in einiger Entfernung im Mondschein, rechts ein großes Bauernhaus. “Na komm.”

Kaum war Gilo ausgestiegen, öffnete sich die Tür und eine rundliche Frau mit einem Morgenmantel und einen Tuch über den Haaren kam hinaus. “Gilo, mein Lieber. Wo ist er?” Doch bevor er antworten konnte, hatte sie schon die Beifahrertür geöffnet und ein hellbrauner Schäferhund sprang auf Jareds Schoß. Er war jung und aufgeregt. “Oh Buma! Los, raus mit dir!”

Jared sah auf den jungen Hund und bekam erneut Tränen in den Augen. Er vermisste Castiel so sehr. Ihn und Carter …

“Hallo. Ich bin Lucia. Magst du aussteigen? Du zitterst ja schrecklich.”

Weinend sah er sie an und stieg aus. Warum waren diese Menschen so nett zu ihm?

Sie legte ihren Arm um Jared und führte ihn in eine große, warme Küche. “Möchtest du duschen oder baden? Ich suche dir Sachen von meinem Bruder raus, die müssten dir passen. In der Zeit mach ich die Suppe warm.”

Ganz leicht nickte er und sah sich vorsichtig um. Die Küche war größtenteils mit Holzmöbeln versehen, ein Steinboden, viele kleine Töpfe und Pfannen … wie bei seinen Großeltern.

Sie brachte den jungen Mann ins Bad. “Alex, nicht wahr? So, hier findest du alles. Nebenan ist ein großes Bett. Ich habe den Kamin beheizt. Geh duschen und dann kuschelst du dich ins Bett. Ich bringe dir die Suppe und Tee.”

Jared schämte sich. Er wusste, dass er hier nicht sein durfte. Er hatte das Gefühl die Gutmütigkeit der beiden auszunutzen und doch war eine heiße Dusche und ein Bett verführerisch. Wie sollte er das nur wieder gut machen?

Als er sich in das riesige Bett legte, welches unglaublich weich und mit vielen Kissen versehen war, fiel er direkt in einen tiefen Schlaf. Wer brauchte da schon essen?

Donnerstag 9.Dezember 2016

Gilo trat am Vormittag ins Wohnzimmer. “Er schläft noch immer?”

“Ja. Er muss sehr erschöpft gewesen sein. Sollten wir … die Polizei rufen? Er wird mit Sicherheit vermisst.”

“Ich fahre gleich zu Bill. Er weiß vielleicht etwas.” Sheriff Deputy Bill Smith hatte nicht nur eine leitende Position bei der Pokeena Police inne, sondern war auch ein sehr guter Freund. “Wenn Alex wach wird, dann soll er etwas essen und schreib mir gleich.”

“Das mache ich. Grüß Bill von mir.”

“Na sicher.” Er küsste seine Frau kurz auf die Wange und ging hinaus. Der Weg dauerte gut zwanzig Minuten, dann betrat er die Polizeiwache. “Linda, ist Deputy Smith zu sprechen?”, fragte er die junge Frau am Tresen

“In seinem Büro.”

Er nickte ihr zu und klopfte an die Tür seines Freundes, bevor er eintrat. “Hey Bill!”

“Gilo. Was verschafft mir die Ehre? Komm rein und setz dich.”

Gilo setzte sich und schaute ihn neugierig an. “Sage mal ... gibt es aktuell eine Vermisstenmeldung? Ein junger Mann ... ich schätze, er ist so alt, wie dein Milo.”

Bill hob die Augenbrauen. “Gibt es tatsächlich. Ein Student der Uni. Erstes Semester.”

“Rot gefärbte Haare? Sein Name ist Alex.”

“Wir suchen einen Jared.” Bill nahm die Akte raus und legte ihm die Suchanzeige hin. Ein Bild vom lächelnden Jared war groß gedruckt.

“Das ist er.” Verwirrt schaute Gilo ihn an. “Bill, das ist Alex. Wieso heißt er hier Jared?”

“Weil das hier sein richtiger Name ist. Jared Jones. Vermisst seit vier Tagen.”

“Nun, er liegt in Lucias gemütlichen Gästezimmer seit heute Nacht. Ich hab ihn vollkommen ausgekühlt und ausgetrocknet auf meinem Hochstand gefunden. Er ist völlig verängstigt und weint die ganze Zeit.”

Bill seufzte leise. “Er hat einiges hinter sich. Er wurde angezeigt. Wegen Stalking. Sein Vater ist jeden Tag hier um zu fragen, ob es Neues gibt. Er wollte ihn allein suchen, aber ich konnte ihn aufhalten. Er hätte sich im Wald verlaufen.”

“Ruf ihn an. Ich bringe ihn zu seinem Sohn. Droht dem Jungen denn eine Gefängnisstrafe?”

“Das kann ich nicht sagen. Vorerst wurde die Anzeige stillgelegt. Jared ist stark selbstmordgefährdet.”

“Oh Gott. Ich denke, er braucht Hilfe. Ich habe nur einmal einen Jungen gesehen, der so fertig war, wie Alex es ist”, sagte Gilo leise und meinte damit Bills Sohn Milo.

Bill nickte langsam. “Ich rufe Mr. Jones an.”

Gilo wartete nicht lange. Plötzlich sprang die Tür auf und ein Mann schaute sich hektisch um. “Mr. Jones?”

“Wo ist er? Wo ist Jared!”

“Bei mir zu Hause. Er schläft noch immer, hat meine Frau gerade geschrieben. Ich bin Giuliano Rhodes, der amtliche Förster Pokeenas. Ich fand Ihren Sohn auf meinem Hochsitz. Wie es aussieht, war er drei Tage dort.”

“Was? Ich … ich will zu ihm. Ich will meinen Sohn sehen!” Jack sah Giuliano an. “Er gehört zu uns.”

“Natürlich. Ich habe nur große Sorge, dass er ausflippen wird. Ich durfte ihn nicht ins Krankenhaus bringen. Eigentlich wollte er nicht mal vom Hochsitz runter.”

“Krankenhaus? Ist er verletzt?”

“Nein, ich denke nicht. Nur unterkühlt und dehydriert.” Gilo nahm Jack mit zu seinem Wagen.

“Ich komme mit!” Bill lief ihnen nach. “Keine Widerrede. Es ist mein Job, nach ihm zu sehen.”

“Okay, aber lass erst Alex’ Vater mit ihm reden.”

“Jared”, korrigierte Jack. “Er heißt Jared.”

“Nun, mir sagte er, sein Name sei Alex.”

Jack nickte nur und stieg ein. Er wollte sehen, dass es seinem Sohn gut ging.


Im Haus angekommen, schickte er Bill ins Wohnzimmer. “Warte bitte.” Er nahm Jack mit nach oben und öffnete leise eine Tür.

Jack knetete seine Finger und schaute hinein, Jared schlief noch immer, aber selbst im Schlaf sah er völlig erledigt aus. Leise seufzte er und zog seine Schuhe aus, bevor er sich neben ihn legte. Sanft streichelte er Jareds Hand, die neben seinem Kopf lag.

Erschrocken zuckte Jared zusammen und knallte an die Wand hinter sich. Er wusste nicht, wo er war und er hatte schlimme Dinge geträumt. Von Dunkelheit und einer Jagd.

“Jared! Kleiner, nein. Bitte.” Jack legte seine Hand an dessen Wange. “Nicht, ich bin es. Alles ist gut!”

Wimmernd schrie Jared stumm, gab einfach nur erstickte Laute von sich.

Jack sah ihn traurig an, “Jared, du hast geträumt. Bitte beruhige dich.”

Jared blinzelte und sah seinen Vater an. Weinend vergrub er das Gesicht in der Decke. Was machte er hier?

“Komm her, mein Kleiner. Komm zu mir, ich bin da, Jaddy.” Er streichelte durch das rote Haar.

Erschöpft sank Jared in Jacks Arme und klammerte sich an ihn. Gilo hatte es gemeldet.

Einen langen Moment hielt Jack ihn nur fest. “Mein Kleiner, ich hatte solche Angst um dich.” Er küsste ihn auf die Stirn. “Jetzt bist du wieder bei mir.”

Lass mich nicht los, dachte er und klammerte sich wie ein Ertrinkender an seinen Vater. Er wollte nicht ins Gefängnis!

Jack wusste, welche Angst Jared gerade schüttelte. “Hör mir zu, Kleiner. Du kommst mit nach New York ... nach Hause, okay? Die Anzeigen wurden eingestellt. Aber wir werden darüber sprechen, was du getan hast.”

“Er hat nicht ein Wort gesagt”, kam es leise von der Tür. Lucia seufzte leise. “Kann er überhaupt sprechen?”

Bill zuckte die Schultern. “Das hat die Familie nicht gesagt.”

Jack schaute ihn an und hob dessen Kinn. “Komm mit nach Hause, Jaddy.”

Ich habe doch kein Zuhause, dachte Jared und schüttelte den Kopf. Konnte er nicht einfach in diesem Bett bleiben?

Jack runzelte die Stirn. “Mein Kleiner, bitte rede mit mir.”

Jared sah ihn einfach nur an, flehte ihn innerlich an, ihn hier zulassen, doch kein Wort kam über seine Lippen. Nur Tränen kamen.

“Jared, ich möchte, dass du mit Mum und mir zurück nach Hause kommst. Du hast viel durchgemacht. Ich möchte, dass du bei uns bist.”

Er dachte an Carter. Wollte er ihn nicht mehr? Hatte er alles versaut? Schniefend schmiegte er sich an seinen Vater.

Jack wusste nicht weiter und lag mit seinem Sohn eine gute Stunde auf dem Bett. “Hast du Hunger?”, fragte Jack leise.

Leicht zuckte er die Schultern, dann nickte er langsam, als sein Magen wie auf Kommando knurrte.

Lächelnd schaute Jack ihn an. “Wie wäre es, wenn wir zu Mum fahren. Dort kuscheln wir uns mit Pizza und Jessy ins Bett. Du bekommst deine Lieblingspizza.”

Eine halbe Stunde später wurde Jared in die Arme seiner Mutter gerissen, während Jessy ihn mit Fragen bombardierte. Hilflos versteckte er sein Gesicht an seiner Mutter und schloss die Augen.

“Jessy, lass ihm Zeit. Bitte. Kannst du Pizza bestellen?”

“Aber … wo war er? Warum ist er weggerannt?” Jessy sah seinen Vater fragend an.

“Jessy, bitte!” Jack sah ihn an. “Jared ... ist gerade nicht er selbst. Bitte bestelle die Pizza, okay?”

Er seufzte und setzte sich an den Laptop im Wohnzimmerbereich der Suite, wo er die Pizza bestellte. >>Er ist wieder da<<, schrieb er Carter. Er wusste nicht ob dieser es wissen wollte, aber das war egal. Er konnte damit machen, was er wollte.


Carter saß vor dem Strandhaus, zusammen mit James und Blaine, die mit Castiel spielten, indem sie seinen Löwen hin und her warfen, dem der Hund stur folgte.

>>Wie geht es ihm?<<

>>Ich bin nicht sicher. Dad sagte, er sei gerade nicht er selbst.<<

Carter runzelte die Stirn. >>Was bedeutet das? Jessy, ich weiß nicht, wie es weiter geht, aber wenn es für dich okay ist, schreibe mir bitte, wenn sich etwas ändert. Vielleicht sollte er erstmal zurück nach Hause.<<

>>Sie wollen ihn nach New York holen. Carter, ich glaube er redet nicht. Er hat gerade gar nicht auf mich reagiert.<<

Carter rief Jessy kurzerhand an. “Wie meinst du das, er redet nicht?”

“Naja… er hat nicht ein Wort gesagt.” Jessy sah in den Flur. “Dad redet mit Mum, aber er reagiert nicht.”

Carter überlegte einen Moment. “Als würde er unter Schock stehen?”

“Denke schon. Aber er ist doch weggelaufen. Meinst du … ihm ist was passiert?”

“Wer weiß ... aber vielleicht bricht sich das alles gerade Bahn. Ein ... naja psychischer Schock oder so.”

“Und wodurch kommt sowas? Ich meine … passiert sowas nicht, wenn man das Opfer ist?”

“Naja, ein Stückweit ist er es vielleicht auch, wenn auch nicht im herkömmlichen Sinne.”

Jessy seufzte leise. “Wie gehts dir?”

Carter lächelte schief. “Keine Ahnung. Ich gehe zum Unterricht und mit Cas raus ... aber das wars auch.”

“Habe ich viel verpasst in deinem Unterricht?”

“Nein, ich gebe dir alles. Keine Sorge.” Carter schaute seinem Hund zu, der James empört anbellte.

Der grinste. “Was? Ist dein Löwe weg? Wo ist er? Such!”

Castiel sprang an ihm hoch, bellte James mitten ins Gesicht.

“Wenn du magst, können wir uns treffen, dann gebe ich dir alles.”

“Ja, das wäre gut. Ich verpasse zu viel. Ich denke nächste Woche bin ich wieder da.”

“Stress dich nicht. Ich denke, du stehst überall gut da.” Carter zündete sich eine Zigarette an.

Jessy lauschte dem Geräusch. “Du solltest nicht rauchen.”

“Das sagt Mum auch immer.”

“Dann solltest du auf uns hören. Rauchen ist scheiße und man stinkt. Los, mach sie aus.”

Carter lächelte. “Nein, jetzt nicht. Mir ist nicht danach. Und ich rauche wenn’s hochkommt eine Schachtel im Monat.”

“So viel? Carter! Hör auf damit. Das macht dich krank. Wem soll ich sonst die Ohren volljammern, wenn du nicht mehr da bist?”

“Wie wäre es denn mit deinem Freund?”, fragte Carter.

Jessy schwieg und sah zu, wie seine Eltern mit Jared ins Wohnzimmer kamen. Er wirkte apathisch und starrte einfach nur vor sich hin.

“Jessy?”, fragte Carter leise. “Jessy, ist er denn noch dein Freund?”

“Ich weiß es nicht. Ich … denke nicht.”

Leise seufzte Carter. “Komm nächste Woche zu mir ins Büro. Meine Nummer hast du ja, okay?”

“Okay. Und du meine. Wenn du schreiben oder reden willst.”

“Das gilt auch für dich.” Carter lächelte traurig. Dann legte er auf und streichelte Castiel, der zu ihm gelaufen kam und bellte. “Wer hat dir den Löwen geklaut, hm?”

Castiel winselte leise. Sein Löwe! Schnell lief er wieder zu den beiden anderen und bellte sie an.

“James, rück den Löwen raus. Man nimmt doch Babys nicht sein Kuscheltier weg!”

“Er hat verstecken gespielt!” James lachte leise.

Blaine ließ den Löwen über James’ Schulter schauen, was Castiel animierte, wieder hochzuspringen und sich den Löwen zu schnappen.

Lachend hielt James den Hund fest. “Hey, Süßer.”

Carter steckte das Handy in die Tasche und drückte die Zigarette aus. “Will jemand einen Kaffee?”

“Gern, du kleiner Schornstein.”

“Lass mich. Du fängst schon an, wie Jessy ...” Carter stockte, doch dann ging er kommentarlos rein.

Blaine schaute ihm nach, dann sah er James an. “Ich wusste nicht, dass sie sich so nah stehen, dass man aneinander herumkritisiert.”

“Frag mich nicht. Sie telefonieren seit Jared weg ist. Aber wirklich nahe würde ich das nicht nennen.”

“Hat er eben mit ihm gesprochen?”

“Woher soll ich das wissen?” James sah Blaine an. “Habt ihr mal wieder miteinander gesprochen?”

“Nein.” Blaine schaute Carter an, der mit zwei Tassen wieder herauskam. “Hast du mit Jessy gesprochen?”

Carter setzte sich langsam wieder. “Ja.”

Blaine sah ihn abwartend an. “Und?”, fragte er ungeduldig.

“Und was? Jared ist zurück, aber psychisch nicht in der Verfassung, wie wir ihn kannten. Jessy setzt diese Woche noch aus, ist dann aber wieder da. Jared werden sie wohl mitnehmen. Und ja, ihr seid getrennt”, sagte er monoton.

James sah Blaine an und nahm dessen Hand. Er wusste, dass dieser Jessy über alles liebte.

Blaine schaute ihn an, dann sah er auf ihre Hände. “Entschuldigt mich bitte”, sagte er. “Cas, komm. Gehen wir Wellen beißen.” Er blinzelte und ging schnell durch den Sand Richtung Wasser.

James seufzte. “Dann sind wir jetzt drei Singles … oh Mann. Hat der Psycho es geschafft alles kaputt zu machen”, murmelte er leise.

Carter seufzte leise. “Er spricht nicht mehr und ist apathisch. Was immer auch passiert ist in den drei Tagen ... es hat ihm selbst mehr geschadet, als er uns allen zusammen.”

“Sagst du. Er hätte noch viel mehr kaputt gemacht. Vermutlich spielt er das alles nur, um Mitleid zu bekommen.”

“Es reicht!”, fauchte Carter. “Er ist weg und es ist vorbei. Okay? Jetzt ist Schluss!”

“Das kannst du sagen, weil er dir nichts angetan hat! Ich hätte alles verlieren können, wegen diesem Bekloppten! Er gehört eingewiesen! Wenn nicht sogar verknackt!”

“Tja, eingewiesen wird er ganz bestimmt. Lass gut sein, James. Für sowas hab ich keine Kraft.”

James seufzte und lehnte sich zurück. “Und jetzt? Wie willst du weiter machen? Kommst du wieder zurück?”

“Wohin zurück? Ich bin doch da.”

“In unsere Wohnung. Du lebst seit Tagen hier.”

“Ja, ich werde Jareds Sachen packen und in sein Zimmer im Wohnheim bringen. Seine Eltern können es dort abholen. Ich komm zurück.”

James stand auf und küsste ihn auf die Stirn. “Ich liebe dich, Carter. Ich bin für dich da. Bitte verschließe dich nicht.”

“Will ich auch nicht. Ich will nur nichts über Jared hören. Ich weiß, dass ihr wütend seid, aber ... lebt das bitte nicht mir gegenüber aus. Das ertrage ich nicht.”

“Okay.” James küsste ihn. “Ich gehe in die Wohnung. Komm nach, okay?”

“Nimm Blaine mit. Irgendwie wirkt er etwas verloren.”

“Mach ich. Soll Cas gleich mit?”

“Ja. Ich will nicht, dass er sieht, wie ich packe. Er vermisst Jared schon genug.”

James nickte, verließ das Haus und ging langsam zu Blaine. “Hey.”

Mit feuchten Wangen schaute Blaine ihn an und lächelte schief. “Hey. Was ist los?”

“Ich wollte euch beide mitnehmen. Blaine, ihr bekommt das wieder hin. Er ist nur sauer und verletzt. Er beruhigt sich.”

“Das kann schon sein, aber wir sind getrennt.”

“Vorübergehend. Er muss dich nur sehen, dann wird er schwach.”

Gemeinsam gingen sie den Strand entlang. “Wer weiß. Ich ... ich will mir keine Hoffnung machen. Hoffnung tut am Ende mehr weh, als alles andere.”

“Aber Hoffnung hebt die Laune. Und man arbeitet an sich, um dem anderen zu gefallen.”

Blaine seufzte. “Vielleicht. Entschuldige, ich finde mein Bad im Selbstmitleid gerade sehr kuschelig.”

“Ist okay, solange du da wieder herausfindest.”

“Dafür habe ich doch meine Freunde, oder? Meinen ... besten Freund?” Blaine schaute ihn traurig an.

James seufzte. Jessy war sein bester Freund gewesen. Sanft zog er ihn in seine Arme. “Ich helfe dir.”

Blaine schmiegte sich an ihn und seufzte leise. “Danke.”


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Bitte glaubt uns, das tut uns mehr weh, als Jessy, Blaine und co.
Ihr findet uns bestimmt bald alle doof xDDD
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