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Old scars

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
02.04.2021
17.10.2021
41
256.192
17
Alle Kapitel
121 Reviews
Dieses Kapitel
4 Reviews
 
14.10.2021 4.846
 
37. Wer ist A, die III.


Samstag, 03. Dezember 2016

Während Jared unterwegs war, tobte sein Freund praktisch durch das kleine Haus am Strand. Castiel bellte, als Carter ihm seinen Löwen wegnahm und sprang an dessen Beine hoch. Hechelnd sah er ihn an, bellte immer wieder auf.

“Na komm, hol ihn dir”, lachte Carter und flitzte durch den kleinen Raum.

Castiel folgte ihm aufgeregt bellend. Sein Blick war stur auf seinen Löwen gerichtet.

Carter sprang übers Bett, verhedderte sich aber im Laken und fiel lachend auf die Matratze, während der Löwe gegen das Fenster flog und dann unter das Bett rutschte.

Empört bellte Castiel, krabbelte unter das Bett und suchte seinen Löwen. Das der sich in einer Tasche verhedderte, ließ ihn winseln. Sein Löwe war in Gefahr!  Immer wieder bellte er die schwarze Tasche an, zerrte an seinen Löwen und jaulte.

Carter beugte sich über den Rand. “Was ist los, Baby?” Er robbte etwas vor und zog an dem Löwen. Die schwarze Tasche folgte dem Kuscheltier unters Bett hervor. “Schau mal, dein Löwe hat Beute gemacht.”

Castiel interessierte die Beute so gar nicht. Er schnappte sich seinen Löwen und verschwand damit in sein Körbchen, wo er auf dessen Ohr kaute.

Carter lächelte ihn liebevoll an, dann schaute er auf die Tasche, aus der ein ihm unbekanntes Handy herausrutschte. Langsam nahm er es in die Hand und schaltete es ein. Als er die Nachrichten durchscrollte, wurde ihm unfassbar schlecht. Schnell zog er alles aufs Bett und schlug die Aktenmappe auf. Fotos, Berichte, Notizen. Bilder von Blaine, Adam, Steven, Keegan und so vielen anderen. Diese Tasche gehörte A!

Zitternd schaute er wieder in die Tasche und zog ein in Leder gebundenes Buch heraus. Jareds Name war in das Leder geprägt. Er fuhr mit dem Finger darüber.

Als er es aufschlug, huschten seine Augen über die kurze Widmung.

Jared,

manchmal begegnen uns Menschen und Situationen, die sich gut anfühlen und manchmal nicht. Beides hat seinen Grund, und den sollten wir festhalten. Dieses Buch ist für dich ... für diese Menschen ... für diese Situationen.

In Gedanken immer bei dir
Dein Freund Mattis

“Bitte, Jared ... nein ...”, flüsterte er und schlug die erste Seite auf.

31.10.2014
Halloween. Die grauenhafteste Nacht des Jahres. Im wahrsten Sinne des Wortes.
Ich kann nicht mehr. Ich bin allein zu Hause. Mum und Dad sind bei Granny und Grandpa, Jessy bei Freunden.
Ich habe Mum und Dad angefleht allein bleiben zu können. Das erste Mal allein zuhause.
Im Normalfall liebe ich Halloween. Ich liebe Horrorfilme, Horror Spiele und Fastfood. Es ist der Tag, an dem ich nicht der Cheerleader bin, der mit seinen verrückten Freunden in der Mall rumhängt.
Auch heute saß ich im Wohnzimmer, schaute einen Film nach dem anderen und aß Süßigkeiten.
Ich weiß nicht mehr, was lief als ich mich vor den TV-Schrank setzte. Mum bewahrt dort alte Fotos und Unterlagen auf. Ich wollte mir Fotos von früher ansehen. Mache ich gern, wenn ich allein bin. Auch dieses mal zog ich den dicken Fotoordner raus, zu schnell, denn die Akten meiner Eltern fiel mit raus.
Als ich sie wieder in den Schrank stellen wollte, fiel mir etwas in die Hände. Und das war das Schlimmste, was mir bis jetzt passiert war.
Ich bin schockiert und meine Hände zittern. Was ich gefunden hatte, war eine Geburtsurkunde. Meine Geburtsurkunde. Besser gesagt … Adoptionspapiere.
Meine Familie ist nicht meine Familie. War sie niemals.
Ich weiß bis jetzt nicht, was ich denken soll. Ich verstehe es nicht. Ich kann nicht begreifen, was das alles für mich bedeutet.
In meinem Kopf schwirren so viele Fragen. Wer bin ich? Wer sind meine Eltern? Warum wollten sie mich nicht? War ich ihnen nicht gut genug?

Carter wusste im ersten Moment nicht, was er tun sollte, doch dann raffte er alles zusammen. “Cas, wir gehen zu James. Nimm deinen Löwen”, sagte er und stopfte die Tasche in seinen Rucksack.

Aufgeregt sah der Welpe zu seinem Herrchen hoch.

“Komm.” Er legte ihm die Leine an und verließ das Haus, welches er absperrte. So recht wusste Carter nicht, wie er zu James gekommen war. Er stand unter Schock. Auch war ihm nicht bewusst, dass er klingelte, statt aufzuschließen.

“Ja?”, kam es aus der Gegensprechanlage.

“Lass mich rein ... bitte”, sagte Carter leise.

James runzelte die Stirn, öffnete aber die Tür.

Mit Tränen in den Augen stand Carter vor der Wohnungstür und schaute James an. “Er ist es”, flüsterte er hilflos.

James sah ihn an, dann ließ er ihn rein. Blaine und Jessy waren noch immer nicht zurück, was vielleicht auch ganz gut so war.

Carter fiel aufs Sofa, ohne zu merken, dass er Castiel noch immer an der Leine hatte, dem das gar nicht passte. Der Welpe biss in die Leine und winselte. Etwas stimmte nicht.

“Woher weißt du es?” James hockte sich hin und ließ Cas von der Leine, streichelte ihn sanft.

Carter streckte ihm seinen Rucksack hin. Tränen liefen über seine Wangen. Wie konnte Jared all das tun? Er hatte wirklich gedacht, ihn zu kennen.

James öffnete den Rucksack und nahm die Tasche raus. Langsam besah er sich die Fotos, Unterlagen, ein Tagebuch und einen schwarzer Zipper. Er schloss die Augen. Also doch. Sie hatten die ganze Zeit Recht gehabt.

“Wieso?”, flüsterte Carter hilflos.

“Ich weiß es nicht.” James setzte sich neben ihn und zog ihn fest an sich.

Carter weinte, wie lange nicht mehr. Er heulte sich eine gute halbe Stunde an James Brust aus, dann nahm er dankend einen Kaffee entgegen, den James ihm gemacht hatte. “Was tun wir jetzt?”

James sah ihn nachdenklich an. “Ich schreibe Blaine. Jessy muss es erfahren.”

“Oh Mann, er ist so fest davon überzeugt, dass Jared unschuldig ist. Es wird ihn in die Knie zwingen.”

“Wir haben keine andere Wahl.” James nahm sein Handy. >>Wir wissen, wer A ist. Komm her<<, schrieb er Blaine.

Der schaute auf sein Handy und schluckte hart. >>Nur ich und Jess?<<

>>Ja. wir müssen uns besprechen.<<

Blaine zeigte Jessy stumm die Nachricht. Sie waren gerade aus dem Polizeirevier raus, wo sie alle Jungen zur Anzeige gebracht hatten. “Komm mit, Jess”, sagte er leise.

Jessy wurde nervöser mit jedem Schritt. Er hatte Angst. Angst, dass es doch sein Bruder war. Aber warum sollte Jared sowas tun? Es musste jemand anderes sein!

Kaum waren sie in der Wohnung, schloss James die Tür hinter ihnen und deutete ins Wohnzimmer.

Carters aufgelöster Anblick sagte eigentlich alles.

“Es ist Jared, richtig?”

“Nein!” Jessy schüttelte den Kopf. “Carter, er ist es nicht!”

“Doch. Es gibt Beweise, Jessy. Viele Beweise.”

“Nein! Das ist nicht wahr!” Jessy sah ihn wütend an.

“James, was für Beweise?”, fragte Blaine und nahm Jessys Hand.

“Carter hat eine Tasche unter seinem Bett in der Hütte gefunden. Da drin ist ein schwarzer Kapuzenzipper, Fotos, Dokumente und ein Tagebuch.”

“Dokumente und Fotos? Die, die wir alle bekommen haben?”

“Ja.” James legte alles auf den Wohnzimmertisch. “Jessy, es ist deutlich. Er ist es. Das ist sein Tagebuch.”

Blaine schaute es an und nahm es in die Hand. “Sein Name steht drauf. Jess, wer ist Mattis?”

Jessy nahm es ihm weg. “Das gehört uns nicht.”

“Jessy, das sind Beweise. Lass den Mist!”, sagte Blaine aufgebracht.

“Was für einen Mist? Er war es nicht! Warum sollte er das tun?”

“Wie kannst du ihn immer noch verteidigen?” Blaine griff nach dem fremden Handy und wählte mit seinem eigenen die Nummer von A. Es klingelte stumm in seiner Hand. “Und was bedeutet das?”

“A versucht es ihm anzuhängen!”

Blaine war versucht, sich die Hand an die Stirn zu klatschen. “Ehrlich? Es liegt so deutlich vor dir und du weigerst dich noch immer, es zu erkennen?”

“Blaine.” James sah ihn ernst an. Das brachte nichts.

Der biss sich auf die Lippe und atmete tief durch. “Bitte schau in das Buch”, sagte er etwas ruhiger zu Jessy.

Jessy zögerte. Das war nicht sein Tagebuch. Das durfte er nicht. Doch dann öffnete er es vorsichtig und las den ersten Eintrag. Halloween vor zwei Jahren. “Er weiß es seit zwei Jahren.”

“Das erklärt, warum er so gefasst war”, sagte Blaine, der hinter ihm stand, seinen Arm um Jessys geschlungen hatte und auf den Text schaute.

“Das bedeutet aber nicht, dass er A ist.” Jessy schloss es wieder. “Bitte … er war das alles nicht.”

“Lies weiter”, sagte Carter schluchzend.

“Nein! Carter, du kannst das nicht wirklich glauben! Er ist dein Freund! Dein Verlobter! Du kennst ihn!” Jessy wurde wütend.

“Es steht alles drin, Jessy! Ich hab’s gelesen!”, rief Carter aufgebracht.

“WAS HAST DU GELESEN? Steht da, ich bin A?”

“Im Grunde schon, ja. Da steht genau drin, was er über die Leute herausgefunden hat und wie er es veröffentlichen will. Er schreibt von der Webseite, die er angelegt hat. Fuck, er hat es uns auf dem verdammten Silbertablett serviert!”

Jessy sprang auf und rannte mit dem Tagebuch in der Hand aus der Wohnung.

James seufzte. “Scheiße.”

Blaine stürmte hinterher. “JESSY!”, brüllte er ihm nach.

“Lass mich in Ruhe!”

“Nein, bleib stehen!” Blaine bekam ihn kurz vor der Straße zu fassen und zog ihn in seine Arme. “Bleib hier!”

“Nein!” Jessy wehrte sich, drückte Blaine von sich und weinte.

“Jess, ich bin da. Ich bin für dich da. Bleib bei mir, lauf nicht weg!”

“Du verurteilst ihn!”

“Er ist nicht mein Bruder. Ich sehe die Fakten. Komm mit zurück. Bitte.”

“Nein”, wimmerte Jessy.

“Jess.” Blaine nahm dessen Gesicht in die Hände. “Bitte komm mit mir zurück”, sagte er leise und küsste ihn zart.

“Ich will allein sein, Blaine.”

“Dann geh von mir aus in Carters Zimmer. Ich ... Jess, gib mir das Buch!”

“Nein. Das ist jetzt meins.”

“Das ist es nicht. Jessy, gib es her”, forderte Blaine und versuchte, es ihm aus der Hand zu reißen.

“HÖR AUF!” Jessy riss es an sich und sah Blaine wütend an. “Ich lese es! Es ist nicht deins! Er ist nicht dein Bruder!”

“Dann komm mit zurück. Jessy, das ist der wichtigste Beweis. Du wirst damit nicht verschwinden.”

“Wovor hast du Angst? Dass ich es ins Meer schmeiße?”

“Ganz ehrlich? Ja. Weil du Angst hast, zu lesen, dass es wirklich er war, der dich bedroht hat. Der dir mit Fotos und Nachrichten eine scheiß Angst eingejagt hat!”

“Er ist mein Bruder”, sagte Jessy matt.

“Das weiß ich. Aber was er getan hat, ist wirklich schwerwiegend. Das betrifft nicht dich allein.”

“Das darf niemand wissen, Blaine.”

“Was?” Blaine starrte ihn an. “Wie soll ich das denn bitte verstehen?”

“Niemand darf erfahren, dass es Jared ist! Wenn er es überhaupt ist! Sie würden ihn anzeigen!”

“Ja!” Blaine schaute ihn fassungslos an. “Jessy, komm bitte mit zurück. Wir sollten das vielleicht nicht unbedingt auf der Straße besprechen.”

Jessy klammerte das Buch an sich. Niemand würde es bekommen. Selbst, als sie zurück in der Wohnung waren, hielt er es fest an sich gedrückt.

Blaine atmete tief durch und setzte sich einen Moment schweigend.

“Jessy, lies es”, bat Carter ihn.

“Ich lese die letzte Seite, mehr aber auch nicht.”

“Das reicht doch nicht. Jessy, bitte verschließe nicht die Augen vor den Tatsachen”, flehte Blaine.

“Die letzte Seite reicht”, sagte James leise. Er hatte ebenfalls die letzte Seite gelesen. Sanft strich er Carter über den Rücken.

Tief atmete Jessy durch und schlug die letzte Seite auf.

Freitag 02. Dezember 2016

Ich habe gesehen, dass Sid und Keegan beim Dekan waren. Der alte Mann ist ein Arschloch. Ich wurde bestraft und Sid darf seine Pornos drehen. Keine Bestrafung … nichts. Genauso bei James … James … ein Mann, der andere für seine Lust ausnutzt. Der es seit Jahren mit seinen Schülern treibt und was kommt? Der Mahnfinger. Nichts weiter! Was muss noch passieren? Warum darf er bleiben?
Elias. Hast du jetzt Angst, dass deine tollen Freunde dich verstoßen? Das du aus dem Team … der Uni fliegst? Zu wünschen wäre es. Kostenlos zur Uni gehen und dann Gelder stehlen. Ich bin gespannt, wie du dich da wieder rausreden willst. Ich bin sicher, es gelingt dir.
Ich hoffe, dass durch die Website jeder erkennt, was für ein Lügner du bist, aber ich bin sicher, dass dein Charme es wieder rausreißen wird.
Ich war etwas traurig, dass ich heute nicht mitbekommen habe, was passiert ist, aber so ist das. Mein Leben geht mit Carter weiter.
Ich weiß, dass er es irgendwann rausfinden wird. Ich weiß …. dass du mein Buch lesen wirst Carter. Und ich weiß, dass ich dich enttäusche. Aber ich tue das, um zu helfen. Um zu zeigen, wer lügt.
Ich hoffe, dass du mich nicht hassen wirst. Das ist meine größte Angst. Das du mich ansiehst und ich den Hass sehen werde.
Aber vielleicht hasst du mich bereits. Weil James dich einwickelt. Das kann er gut. Dir vorgaukeln, dass er dich mag. Er hasst mich, Carter! Warum siehst du das nicht? Warum siehst du nicht, dass er alles tun würde, damit wir nicht zusammen sind? Er fleht dich an, bei ihm zu sein und du tust es! Vielleicht bist du gerade in seinem Bett … Gott, ich hasse diesen Mann so sehr. Bitte öffne deine Augen! Du gehörst doch zu mir!

Stumm liefen Jessy die Tränen über die Wangen. Wie hatte er das nicht sehen können? Sein Bruder klang so verdammt wütend und verzweifelt zugleich. Hätte er das aufhalten können?

Blaine schaute ihn prüfend an. Er hatte eben nochmal den Beitrag von Adam gelesen. “Adams Opfer heißt Mattis Shother. Ich denke, Jared kannte ihn. Vielleicht ist das Buch von dem gleichen Mattis”, sagte er leise.

“Von seinem Freund …” Jessy schloss das Buch wieder und legte die Arme darum. “Was wollt ihr tun?”, fragte er leise.

Blaine lehnte sich zurück. “Naja, James hat ihn angezeigt, Jessy. Ich weiß nicht, welche Art von Straftat hier vorliegt, aber ... so oder so, Jared braucht dringend Hilfe. Sowas tut niemand, der ... gesund ist.”

Jessy sah ihn an, dann Carter. “Jared darf nicht angezeigt werden. Carter … er ist mein Bruder. Dein Verlobter. Sie sperren ihn weg!”

Carter war mit dieser Frage noch überforderter, als Jessy und brach wieder in Tränen aus, kuschelte sich dabei fest an seinen Hund.

“Ich denke nicht, dass wir das in diesem Moment entscheiden können. Fakt ist, dass Jared erstmal aufgehalten werden muss.”


Der stand allein im Haus. Carter war nicht da, Cas auch nicht. Er hatte sie draußen nicht gesehen. Und gerade jetzt brauchte er sie so dringend. >>Wo seid ihr?<<

Blaine schaute auf Carters Handy. “Er fragt nach dir. James, was machen wir jetzt?”

“Ganz ehrlich? Wir bringen das alles zur Polizei. Die können ihn erstmal festnehmen. So kann er nichts Neues veröffentlichen.”

Blaine sah, wie Jessy zusammenzuckte und hektisch den Kopf schüttelte. “Jessy, wir müssen ihn aufhalten!”

“Er ist mein Bruder, verdammt!”

“Aber das ändert doch nichts an den Tatsachen!”

“Er hat einen Fehler gemacht, er ist doch aber kein Schwerverbrecher!”

“Einen Fehler? Jess, ich habe damals auch Fehler gemacht. Und ich wurde dafür bestraft. Am Ende hat jeder dank Jared für seine Fehler gerade stehen müssen. Sogar du. Und Jared soll für seinen nicht bestraft werden?”, fragte Blaine ihn wütend.

“Doch, aber nicht so! Nicht mit der Polizei!”

“Und wie dann? Was denkst du, sollen wir jetzt tun?”

“Ihn damit konfrontieren.”

“Und was soll das bringen? Schau in sein Handy, Kee und ich tun seit Tagen nichts anderes, als ihn damit zu konfrontieren. Er ist der Meinung, dass jeder von uns alles offenlegen muss. Dinge, die ihn nichts angehen. Er zwingt uns bewusst dazu. Denkst du, es juckt ihn, wenn wir ihm sagen, wie beschissen die Aktion ist?”

“Bitte keine Polizei, Blaine. Er ist mein kleiner Bruder.”

Blaine schaute zu James. “Er bekommt sein Zeug nicht zurück. Jessy, gib mir bitte das Tagebuch. Ich räume alles weg und dann rufe ich ihn an.”

“Das Tagebuch bleibt bei mir.”

“Jessy, gib es mir, oder wir gehen doch zur Polizei.” Blaine hatte es satt, zu diskutieren. Er war ohnehin kurz vor dem platzen.

James sah zu, wie Jessy nur widerwillig das Tagebuch herausgab. Er sah zu Carter. “Was denkst du?”

“Im Moment denke ich gar nichts”, sagte er leise, ohne aufzusehen, während Blaine die Sachen in die Tasche steckte und sie in James’ Kleiderschrank verstaute.

“Willst du mit ihm reden?”

“Holt ihn von mir aus her, aber ich denke nicht, dass ich etwas sagen kann.”

Jessy sah Blaine wütend an. Dass er ihn echt an der Polizei verpfeifen wollte, konnte er nicht verstehen. ”Du musst mich gar nicht so anschauen. Jessy, mal angenommen, es wäre Walter gewesen. Was hättest du getan?”, fragte Blaine provozierend.

“Es ist aber nicht Walter!”

Blaine schnaubte. “Fein, dann verschließ weiter die Augen. Ich tu es nicht.” Blaine nahm sein Handy und rief Jared an.

Der seufzte. Nicht der, den er am Telefon wollte. “Ja?”

Blaine schloss kurz die Augen. “Du solltest zu James kommen ... A!”

Jessy schnaufte und stand auf. “Er hat einen Namen!”

“Jared. Sorry. Kommst du bitte zu James? Carter ist auch hier!” Blaine schaute Jessy genervt an. Er wusste nicht wohin mit seiner Wut.

Jared setzte sich vor das Bett und sah runter. Carter … “Ich will mit Carter reden.”

Blaine schaute diesen an. “Er will mit dir reden.”

Carter hob nicht mal den Kopf, schüttelte ihn nur.

“Er will nicht. Komm einfach her. Jessy ist auch hier.”

Jared legte auf und schloss die Augen. Sie wussten es. Sie wussten es alle. “Scheiße”, flüsterte er. Er konnte nicht zu ihnen. Er konnte da nicht hin! Er brauchte Carter allein! Wieso war er bei James? Ausgerechnet bei dem?

Jared zitterte heftig. Vollkommen überfordert wusste er nicht, wohin mit sich.

Blaine legte auf. “Ob er kommt?”

“Vermutlich nicht”, sagte James leise.

Carter nahm sein Handy. >>Komm bitte her.<< Das abzusenden kostete ihn viel Kraft.

>>Hasst du mich?<<

>>Nein.<<

>>Ich brauche dich!<<, schrieb Jared, doch eine Antwort bekam er nicht mehr.


Es dauerte fast zwei Stunden, bis Jared die Klingel drückte. Das war sein Ende. Er hatte es gewusst. Es musste irgendwann passieren.

Carter zuckte zusammen und schmiegte sich instinktiv weiter an James.

Es war Blaine, der öffnete und Jared anschaute. “Komm rein.”

Langsam, als könnte jede Bewegung eine Bombe auslösen, lief er an Blaine vorbei. Er hatte Angst. Schreckliche Angst. Davor, dass Carter und Jessy ihn nicht ansahen, ihn hassen würden.

Carter schaute auf, doch Tränen liefen über seine Wangen und in seinem Blick spiegelte sich die unendliche Trauer.

“Setz dich”, sagte Blaine leise und holte für alle etwas zu trinken.

“Ich stehe lieber.” Jared sah Carter in die Augen. Er musste wissen, ob der ihn liebte.

Blaine setzte sich neben Jessy und schwieg einen Moment. Niemand sagte etwas, Carter hatte den Blick auf seinen kleinen Hund gesenkt, der sich mit seinem Löwen an sein Herrchen geschmiegt hatte.

“Also ... wieso?”, fragte Blaine schließlich.

“Weil die Wahrheit immer ans Licht kommen sollte.”

Blaine runzelte die Stirn. “Ah okay ... und was gibt dir das Recht in fremden Leben herumzufuhrwerken?”

Jared nahm den Blick von Carter und sah Blaine an. “Geht es um dich? Jessy sollte wissen, mit wem er zusammen ist. Es wäre früher oder später eh rausgekommen.”

“Es geht um uns alle. Auch um deinen Bruder. Wieso hast du ihm das angetan. Wenn du doch wusstest, dass du adoptiert wurdest, wieso bestrafst du ihn auf so ekelhafte Weise?”

“Weil er es hätte sagen müssen und das weiß er!” Jared biss die Zähne zusammen. “Wofür bin ich hier? Für ein Frage-Antwortding? Ich habe getan, was ich tun musste.”

“Was du tun musstet? Hast du sie noch alle? Hast du Jessy mal gefragt, warum er es nicht gesagt hat? Hast du in deinem scheiß egoistischen Schädel mal nur eine Sekunde darüber nachgedacht? Und ja, das ist ein Frage - Antwort - Ding. Weil du so viel Scheiße verzapft hast, dass du dafür gerade stehen solltest, so wie wir es alle tun mussten!”

“Ich stehe dafür gerade.” Jared sah ihn an. “Oder habe ich nach meinen Sachen gefragt? Mach damit, was du willst.”

“Vielleicht stehst du erstmal vor uns gerade. Vor deinem Bruder! Du stehst hier und tust alles ab, als wärst du nur bei Rot über die Kreuzung marschiert!”

“Ihr habt es nicht anders verdient! Ihr seid Lügner und Betrüger und ihr spielt mit den Gefühlen von anderen! Ich hab euch gezeigt, wie sich das anfühlt! Mit Jessy hat das nichts zu tun! Ja, ich war wütend! Weil du es mir hättest sagen müssen, Jessy! Weil du mein beschissener großer Bruder bist!”, sagte Jared wütend und verzweifelt.

“Wer hat  dich eigentlich zum Richter und Rächer erklärt?”, fragte Blaine zornig. “Du bist echt ein Psycho. Du gehörst weggesperrt!”

“Blaine!”, schrie Jessy erschrocken auf.

Jared knurrte. “Du erst recht! Du hast Unschuldige verprügelt! Wer hat dich zum Heiligen gemacht, hm? Du dich selbst? Du hättest im Knast sein müssen!”

“Du bist so scheiße selbstgerecht. Wenn ich mobbe ist das beschissen und wenn du es tust, ist es okay?”

“Einer muss den Leuten zeigen, was für ein verlogener Drecksack du bist!”, sagte Jared wütend.

Blaine schaute erst Jared an, dann Jessy. “Er ist ein selbstgerechtes Arschloch. Soviel steht fest! Und es ist mir egal, was du davon hältst, aber ich werde ihn anzeigen. So wie ich angezeigt wurde.”

“Bitte nicht, Blaine! Jared ...bitte … sag, dass es dir leid tut! Wir regeln das irgendwie!”

“Es wäre nur eine Lüge, Jess”, sagte Blaine bitter. “Ihm tut nichts leid.”

Jared sah Jessy an. “Es tut mir Leid für dich. Wir hätten es klären können. Aber sonst… nein. Es war richtig, was ich getan habe. Ich habe nur die Wahrheit gesagt.”

Blaine schüttelte den Kopf. “Okay, reden wir kurz über James, ja? Er hat mit mir gevögelt ... mit ein paar anderen auch. Wir sind alle erwachsen. Wem genau hat er geschadet, dass du alles, was er sich erarbeitet hat, aufs Spiel gesetzt hast? Was ist bei James anders, als bei Carter?”

“Carter liebt mich. Carter hat Gefühle. Er nicht. Er hat sie ausgenutzt und danach liegen lassen.”

“Er hat mich weder ausgenutzt, noch liegen gelassen, du Idiot! Ich war dabei, ich muss es wissen!”

“Das sagst du, weil du in ihn verliebt bist und es gern wieder so haben würdest.” Jared sah zu Carter. “Und James dich. Und er würde alles tun, damit du ihn auch liebst.”

Carter schaute ihn nur schweigend an.

Blaine schlug sich die Hand an die Stirn. “Du Freak. Ehrlich, Jessy. Das hat alles null Sinn. Das merkst du doch, oder?”

“Ich habe nie gelogen!”, sagte Jared. “Und hör auf mich Freak zu nennen!”

“Sorry, aber Jared ist mir zu wenig.” Blaine schaute zu James. “Sagst du auch was dazu?”

“Ich fürchte, wenn ich was sage, werde ich ausfallend.”

Jared sah zu Carter. “Und du? Was sagst du zu allem? Hasst du mich? Bist du enttäuscht? Willst du mich auch anzeigen?”, fragte Jared mit Tränen in den Augen. Warum verstand ihn niemand?

“Ich hasse dich nicht. Für Hass muss man etwas fühlen, Jared. Ich fühle gerade gar nichts. Absolut gar nichts.”

Plötzlich füllten sich Jareds Augen mit Tränen. Das war das schlimmste, was passieren konnte. Er senkte den Blick und lief zur Haustür.

“Jessy, er ist dein Bruder, wenn du ihn aufhalten willst, bitte. Ich tu es nicht. Aber ich habe ihm auch nichts mehr zu sagen”, sagte Blaine.

Niemand sagte etwas. Niemand hielt ihn auf. Also verließ Jared die Wohnung. Carter fühlte nichts für ihn. Gar nichts. Wie immer war er anderen egal.

Carter nahm seinen Hund. “Ich geh in mein Zimmer. Ich wäre gern allein.”

James sah ihm nach und seufzte. “Und jetzt?”

“Gehe ich zur Polizei. Es tut mir leid, Jessy. Ich werde Adam nicht sagen, wem er den künftigen Spießrutenlauf zu verdanken hat. Aber ich werde Anzeige erstatten”, sagte Blaine leise.

“Was werden sie mit ihm tun?”

“Sie werden eure Eltern informieren, denke ich. Jared braucht dringend Hilfe. Das sieht er nicht. Ich fürchte, er hat nie überwunden, dass Mattis gestorben ist.”


Blaine lief nach seinem Weg zur Polizei allein und ziellos über den Campus, als ihm Sandro über den Weg lief. Er sah aus, als wolle der auf ihn zurennen. “Hey”, sagte er leise.

“Hey. Zu dir wollte ich. Es gibt Neuigkeiten!”

“Oh ja, die gibt es. Welche sind es bei dir?”, fragte Blaine matt.

“Sie wurden verhaftet. Die Penner sind aus dem Verbindungshaus weg.”

“Für immer?”, wollte Blaine wissen und ging langsam weiter.

“Ja. Gerade wurden sie abgeführt.”

Blaine lächelte leicht. “Das ist gut. Sehr gut.” Er war erschöpft. All die Wut, die er nicht abschütteln konnte, zerrte an seinen Nerven.

“Was ist los?”, fragte Sandro verwirrt.

“Es ist Jared”, sagte er leise.

“Bist du dir sicher?”

“Ja, es gibt Beweise und wir haben mit ihm gesprochen. Er ist weggelaufen, aber ... ich bin sicher, die Polizei findet ihn. Ich habe alles abgegeben.”

“Scheiße. Wie geht es Jessy?”

“Er ist am Boden zerstört. Ich habe Jared angezeigt, gegen seinen Willen.”

“Meinst du, es hört jetzt auf?”, fragte Sandro leise.

“Nein. Das was passiert ist, schwebt über uns, Sandro. Adam tut gut daran, die Uni zu verlassen. Jared hat einen nicht wiedergutzumachenden Schaden angerichtet. Bei uns allen. Und er sieht es nicht ein. Er fühlt sich im Recht.”

“Wir können aber nicht alle die Uni verlassen.”

“Nein. Das werden wir auch nicht. Da müssen wir alle jetzt durch. Nur ... ich weiß nicht, wie Jessy damit umgehen wird, als sein Bruder. Ich kann es nicht sagen. Sandro, ich hab Jessy versprochen, dass Adam den Namen nicht erfährt. Bitte sag es nur Marek. Zudem Kee und Sid. Alle anderen sollten es nicht wissen.”

Sandro nickte. “Ja … Adam würde ihn fertig machen.”

Blaine nickte nur. “Das ist alles ein riesiger Albtraum.”

Sandro seufzte und nahm Blaine einfach in seine Arme. Er konnte es gar nicht mit ansehen.


Carter beobachtete Jessy, der völlig verloren wirkte. Er war vor ein paar Minuten aus dem Zimmer gekommen, weil Castiel Hunger hatte. “Jessy?”

“Hey”, sagte dieser und sah zu ihm. Er saß am Fenster und hatte die letzten Stunden einfach nur rausgesehen.

“Ich frag gar nicht erst, wie es dir geht. Du siehst aus, wie ich mich fühle.” Traurig lächelte er und setzte sich ihm gegenüber.

“Er ist weggerannt”, sagte Jessy leise. “Mum und Dad wissen Bescheid. Sie wollen herkommen.”

Carter nickte. “Wo ist Blaine?”

“Mir egal”, sagte Jessy leise.

Carter runzelte die Stirn, dann wurde es ihm bewusst. “Er ist bei der Polizei gewesen, nicht wahr?”

Jessy nickte langsam. “Er hat ihn angezeigt. Sie suchen ihn.”

Carter beobachtete ihn. “Bist du wütend auf Jared? Oder auf Blaine?”

“Beide. Jared hat Fehler gemacht. Vielleicht braucht er auch Hilfe, aber Blaine … er hätte das nicht tun dürfen.”

“Was hätte er sonst machen sollen? Jess, ich bin wirklich ratlos und leer irgendwie. Aber Blaines Frage ist berechtigt. Was, wenn es ein anderer gewesen wäre? Was hättest du getan? Du bist genauso wenig objektiv, wie ich.”

“Es ist aber kein anderer, Carter. Er ist mein Bruder und Blaine mein Freund. Wenn James es gemacht hätte, wäre es etwas anderes gewesen. Aber Blaine ist Teil dieser Familie. Niemand macht das in einer Familie.”

“James hat es schon getan.” Carter seufzte. “Soll ich dir mal was Schreckliches sagen? Ich hätte es vielleicht auch getan. Der Gedanke macht mich fertig. Aber nicht, weil ich ihn im Gefängnis sehen will. Jared braucht Hilfe. Niemand von uns kann ihm helfen. Er schafft das nicht allein.”

“Aber wir hätten mit ihm reden müssen! Er ist jetzt allein da draußen. Er wird gesucht!”

“Warum hast du nicht geredet? Er war doch da.” Carter legte den Kopf an die Scheibe und schloss die Augen.

“Ich glaube er … wollte nur dich. Er wollte, dass du mit ihm redest.”

“Es ging nicht. Da ist ... eine Blockade ...” Carter runzelte die Stirn. “Das ist nicht mein Jay ...”

“Doch … das ist er. Ein Teil von ihm.” Jessy schluckte die Tränen runter. “Ich habe Angst um ihn.”

Carter schüttelte den Kopf. Das war nicht der Mann, in den er sich verliebt hatte. “Sie werden ihn finden. Ruf ihn an.”

“Er hat kein Handy bei. Das lag in eurem Haus.”

Carter seufzte. Dann wäre es auch egal, wenn er ihn zurück wollte, was nicht der Fall war. Leise seufzend wischte er Jessy eine Träne von der Wange. “Und was ist jetzt mit dir und Blaine?”

Jessy zuckte die Schultern. “Ich will ihn gerade nicht sehen.”

“Du kannst hierbleiben, wenn du möchtest, oder in die Hütte. Dann siehst du auch, wenn Jared zurück ist.”

“Denkst du, er kommt zurück?”

“Ja, das denke ich schon. Er liebt diese Hütte.”

“Wartest du auch auf ihn?”

Carter schaute ihn traurig an. “Im Moment nicht. Ich will dass er zurückkommt, einfach weil ihm nichts passieren darf, dann sollte dein Dad ihn aber mitnehmen nach Hause.”

“Verlässt du ihn?”

“Darüber denke ich gerade nicht nach. Ich denke gerade irgendwie gar nicht.”

Jessy schwieg eine ganze Weile, dann rutschte er an Carter und umarmte ihn.

Carter umarmte ihn ebenso. Irgendwie saßen sie im gleichen Boot. Hin-und hergerissen zwischen Wut, Enttäuschung und Liebe.


***************

Woah, lange drauf gewartet. Ich (Juli) wusste auch bis kurz vor diesem Moment nicht, wer A ist.
Hörnchen hat etwas Angst xD
Seid nicht böse aufs Hörnchen und mich <3
Bitte habt uns noch lieb <3
Ja? xD
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