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Old scars

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
02.04.2021
19.09.2021
36
225.660
14
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
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15.09.2021 9.735
 
32. Der Countdown beginnt


Montag, 29. November 2016

Es war Mitternacht, als die Handys der Studenten und einiger Dozenten klingelten. A hatte herausgefunden, dass sie ihm auf der Spur waren und er wusste, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis sie wüssten, wer er war. Es war nicht schlimm. Sollten sie es wissen und geschockt sein. Geschockt, weil er immer unter ihnen war. Lächelnd stand er auf dem Hof, sah zum Verbindungshaus, in dem die meisten Nachrichten landeten. Wie konnte ein Haus nur so voller Geheimnisse sein? Und wie konnten Menschen nur so verlogen sein?

Eure Zeit ist um. Eure einzige Chance noch gut aus der Sache rauszukommen ist, dass ihr endlich ehrlich seid. Ich habe überall auf dem Campus eure Geheimnisse versteckt. Findet sie, oder jeder wird sie hören und sehen. Ich lasse nichts aus. Einiges kennt ihr bereits, einiges wird neu für den ein oder anderen sein. Auf Jeden Fall wird diese Woche die Letzte für euch hier sein. Einige werden der Uni verwiesen, einige landen vielleicht im Knast. Süße Träume. -A

Blaine schaute auf sein Handy und musterte dann Jessy. “Ich habe Angst um James.”

“Ja … aber ich habe auch Angst um uns und unsere Freunde. Sie werden uns auch rausschmeißen, wegen der Katzen.”

“Das denke ich nicht. Das ist sicher nur eine Verwarnung und wir müssen sie weggeben.”

“Ich will sie nicht weggeben.” Jessy stand auf und trat ans Fenster. Er nahm Lucky vom Fensterbrett und kuschelte ihn an sein Gesicht. “Dann gehe ich lieber.”

“Oh nein, Tiger! Vorher suchen wir uns eine eigene Wohnung. Die sind oftmals nicht teurer, als ein Verbindungshaus!”

“Ja …” Jessy seufzte und sah nach draußen. “Blaine!”

“Was denn?”

“Da draußen steht jemand!”

Sofort war Blaine aus dem Bett und neben Jessy. Die Person war nicht wirklich zu erkennen. “Wer ist das?”

Die Gestalt hielt sein leuchtendes Handy hoch, dann kam eine Nachricht auf Blaines Handy.

Mit dir fange ich an -A

Blaine schluckte hart. “Wenn er mit mir startet, dann auch mit James.”

“A steht da unten … haben wir jemanden, der schnell ist und ihn einfangen kann?”

“Die sind alle im Bett. Schau mal auf die Uhr.” Blaine setzte sich aufs Bett. “Bleib da stehen.” Er zog sich eine Jeans und die Schuhe an. Auf ein Oberteil verzichtete er. “Ich geh hinten raus und versuchs durch die Seitenstraße. Ich nehme mein Handy mit. Schreib mir, wenn er sich bewegt und wohin.”

“Nimm Keegan mit. Und nimm jetzt schon den Anruf an. Nimm dein Headset. Ich will wissen, dass es dir gut geht.”

Blaine nickte und holte Keegan. Mit Jessy im Ohr schlichen die beiden aus dem Haus. “Ist er noch da?”, flüsterte Blaine ein paar Minuten später.

“Ja, er sieht mich an.”

“Wieso steht er da so still rum?”, fragte Blaine leise und hockte sich hinter einige Büsche, wo er den Fremden im Blick hatte. “Was tun wir jetzt?”

“Holt ihn euch. Wir müssen wissen wer er ist und warum er das tut.”

Blaine schaute zu Keegan. “Losrennen?”

“Uns bleibt nichts anderes übrig, oder?”

“Okay. Dann auf drei. Eins ... zwei …” Blaine hielt kurz die Luft an. “Aber nicht losbrüllen.”

A stand da und lächelte. Er hatte die beiden erwartet. Warum sonst sollte er so lange einfach nur dastehen? Als Blaine und Keegan aus dem Gebüsch kamen, sprintete er los. Mit Blaine hatte er zu hundert Prozent gerechnet, bei Keegan war er sich unsicher, ob er nicht beschäftigt war. Nun hatte er die beiden hinter sich und rannte über den Campus.

Blaine sprang über eine Bank, die ihm im Weg stand, während Keegan einen kleinen Bogen machte, um ihm rechts den Weg abzusperren. Sie gaben alles, doch A war nicht gerade langsam.

Dieser rannte geradewegs auf eine Mauer zu. Leise fluchte er, sah kurz über seine Schulter zu den Beiden und setzte alles auf eine Karte, als er an der rauen Fassade hochkletterte.

Blaine konnte schnell laufen, aber klettern war nicht seine Stärke. Er musste sich zusammenreißen, ihn nicht anzubrüllen. “Keegan!”, rief er, denn dieser war plötzlich verschwunden.

Triumphierend stand A auf der anderen Seite und sah Blaine durch ein altes, verwittertes und verrostetes Tor an. Sein Gesicht war mit einer schwarzen Maske verdeckt, wo nur die Augen zu sehen waren.

Schwer atmend starrte Blaine ihn an. “Elender Wichser! Ich warne dich. Wenn auch nur ein Wort deinerseits fällt, ist es aus mit dir!”

A legte den Finger über den Mund. “Schhhht”, machte er und winkte ihm, bevor er sich umdrehte und in der Dunkelheit verschwand.

“Fuck!” Blaine trat gegen den Zaun und schaute zu Keegan, der angerannt kam. “Wo warst du?”

“Der verfickte Campussicherheitsdienst hat mich aufgehalten. Sie glaubten mir nicht, dass ich hinter einem Stalker her bin. Stattdessen hielten sie mich für einen. Wo ist er?”

Blaine deutete auf die Person, die langsam in der Dunkelheit verschwand.


“Habt ihr ihn?”, fragte Sid eine halbe Stunde später, als Blaine und Keegan zurückkamen. “Wo ist er?”

“Entwischt. Er ist verdammt klein und schnell. Schränkt nicht viel ein. Er hatte eine schwarze Maske auf.” Blaine war sauer. “Scheiße!”

“Ihr habt also gar nichts?”

Blaine schaute ihn in seinem Zorn an. “Nein. Hättest ja mitkommen können!”

“Ich bin gerade erst rein. Mecker mich nicht an.”

“Nein, mehr haben wir nicht”, sagte Blaine seufzend und nahm sich aus dem kleinen Kühlschrank ein Bier. Es war ihm gerade scheiß egal, wie spät es war. “Was mach ich jetzt? Den ganzen verfickten Campus nach ... was absuchen?”

“Nach jemanden, der völlig außer Atem ist?” Sid seufzte und massierte Keegans Schultern.

“Wenn ich jetzt da draußen mit einer Taschenlampe in den Gebüschen rumrenne, dann buchten sie mich gleich als der nächste Stalker ein.”

“Hoffen wir, dass David was hat. Er hat vorhin geschrieben.”

Blaine schaute Sid einen Moment fragend an, doch als der nicht reagierte, platzte er: “Und was hat er geschrieben?”, fragte er ungehalten.

Sid hob die Augenbrauen. “Komm runter! Ich kann auch nichts dafür, dass er euch entwischt ist. Oder das A uns droht. Mir droht er auch, Blaine! Ich kann es aber nicht ändern. David sagte, er hätte da vielleicht was. Man ey.”

“Und ist er ins Detail gegangen?”, fragte Blaine ungeduldig weiter, ohne auf Sids Worte einzugehen.

“Natürlich nicht! Du kennst David doch. Ihm musst du alles aus die Nase ziehen.”

“Und hast du gezogen?” Keegan rümpfte die Nase. “Das ist echt widerlich.”

“Wir treffen uns mit ihm später. Beim Frühstück.” Sid seufzte. “Können wir schlafen gehen? Ich bin erledigt.”

“Geht. Ich geh eine rauchen.” Blaine wusste, dass er kein Auge mehr zu machen würde. Stattdessen rief er James an.

“Hey”, sagte der leise in sein Handy.

“Hab ich dich geweckt?”, fragte Blaine und schloss die Augen, während er den Kopf in den Nacken legte.

“Nein. Hat ein Anderer übernommen. Wie gehts dir?”

“Beschissen. Hast du auch die Nachricht von A bekommen?”

“Ja. Eine Woche … er gibt uns eine Gnadenfrist. Warum glaube ich das nicht? Er wird anfangen alles zu veröffentlichen.”

“Ja ... James, er fängt mit mir an und ich habe echt Schiss.” Blaine standen die Tränen in den Augen.

“Wo bist du?”

“Auf der Terrasse des Hauses.”

“Komm her.”

“Ich kann nicht. Jess ist da und hat Angst ... um die Katzen, mein Gott, wir werden alle fliegen.”

James seufzte leise. Er war allein in der Wohnung. “Okay. Wir sehen uns später, okay?”

Blaine zögerte und schaute zu Jessy, der an der Tür stand. “Darf ich ihn mitbringen?”

“Es ist okay, Blaine. Ich gehe schlafen.”

“Es tut mir leid”, flüsterte Blaine.

“Ich weiß, aber das muss es nicht. Lieb dich.”

“Ich dich auch.” Blaine legte auf und schaute zu seinem Freund. “Das hätte alles niemals rauskommen dürfen ...”

“Er war nicht gerade vorsichtig, oder?” Jessy streckte die Hand nach ihm aus. “Wir schaffen das irgendwie.”

“Er ist ein Sexmonster, da gebe ich dir Recht.” Blaine zog ihn fest in seine Arme und schloss die Augen. Was, wenn es gar nicht um James ging?

“Ich will, dass das alles vorbei ist.” Jessy schmiegte sich fest an Blaines Brust.

“Geht mir auch so. Ich habe Angst ...”

“Wir bleiben zusammen, egal was passiert. Wenn wir zusammen halten, kann uns nichts passieren.”

“Weißt du ... darüber mach ich mir keine Sorgen. Aber dieser Wichser nimmt es in Kauf, dass von unschuldigen und hart arbeitenden Menschen das Leben zerstört wird.”

“James wusste, was passieren kann. Er hätte sich nie auf Studenten einlassen dürfen.”

“Kann schon sein. Und was ist mit Sid?”

“Was ist mit ihm?”

“Naja, seine Pornos. Was, wenn A das publik macht? Es würde ihn ruinieren.”

“Er hat sich dafür entschieden. Es ist eine öffentliche Seite. Jeder kann da rauf. Er hätte aufhören können, tut er aber nicht.”

“Du meinst also, am Ende sind wir alle Schuld an den Konsequenzen?”

“Ich meine, dass wir bis jetzt immer Glück hatten, dass keiner irgendwas rausgefunden hat. Aber wir müssen damit leben.”

Blaine schwieg erst, doch dann schüttelte er den Kopf. “Nein, so will ich es nicht sehen. Ich meine ... A ist der Feind. Das, was er ausgräbt, ist mehr, als privat!”

“Es ist unter der Gürtellinie, da stimme ich dir zu. Aber was sollen wir machen? Der Campus ist riesig. Hier sind keine Ahnung wie viele Menschen. Wir finden ihn niemals.”

“Nein, ihn nicht.” Blaine atmete tief die Nachtluft ein. “Ich denke, wir müssen unsere Geheimnisse suchen, mit offenen Augen herumgehen.”

“Und wonach suchen wir?”

“Gute Frage. Irgendwas, was auf uns deutet. Ich weiß es nicht. Weitere Bilder?” Blaine wurde kalt. “Lass uns mit den beiden Kleinen unter die Decke kuscheln.”

Jessy nickte und betrat das Haus. Es war dunkel drin, umso mehr erschrak er, als Walter Stein in der Dunkelheit stand und sie beobachtete. “Fuck!”

“Junge, was soll der Scheiß!”, fauchte Blaine, den es regelrecht aus den Schuhen gehoben hatte.

“Ihr solltet um diese Zeit nicht draußen sein. Ihr könntet krank werden.” Er sah besonders Jessy besorgt an. “Das wäre echt schade.”

Blaine, der noch immer echt angepisst war, stellte sich etwas vor seinen Freund. “Verzieh dich und kümmere dich um deinen eigenen Scheiß!”

Er lachte leise und ging an ihnen vorbei, sah Jessy tief in die Augen, welcher Blaines Hand ergriff.

“Wow … gruselig”, murmelte Jessy leise. “Lass mich nicht mit ihm allein.”

“Niemals. Ich will ihn hier raushaben. Der ist echt gestört, wenn du mich fragst!”

“Lass uns bitte hoch, ja?”

Kaum war die Tür hinter ihnen zu, drehte Blaine den Schlüssel herum, bevor er Sam auf den Arm nahm. “Hey Schätzchen.”

Der Kater schnurrte und schmiegte seinen Kopf an Blaines Wange, während Jessy unter die Decke krabbelte. “Ich habe etwas Angst vor ihm. Er sieht mich immer so mega komisch an.”

“Ich denke, er steht auf dich.”

“Aber er ist ein Freak.”

“Nun, ja ... aber das ändert vermutlich nichts daran, dass er auf dich steht.” Blaine setzte sich und legte den Kater neben Jessys Kopf aufs Kissen.

“Aber ich nicht auf ihn.” Jessy küsste Sam aufs Köpfchen.

“Mein Glück.” Er lächelte und legte sich schließlich neben ihn unter die Decke und zog Lucky zu sich unter die Decke. “Du musst mich wärmen, Pantherchen.”

Lucky maunzte und drückte seine Pfötchen gegen Blaines Arm.

“Und jetzt noch Kussi”, sagte er zu ihm.

Jessy lächelte sanft. Er liebte die drei einfach so sehr. Schnell gab er Blaine einen Kuss.

“Hmmm ... und nun du”, sagte er zu Sam.

Sam leckte über Blaines Finger und sah ihn schnurrend an.

“Naaaaw, du bist so süß und nun du, Pantherchen. Dann kann ich hoffentlich noch ein bisschen schlafen.”

Lucky schmiegte sich an Blaine und leckte über dessen Nase. Er liebte seine Menschen.

“Mann, wie sehr ich euch liebe, kann ich gar nicht sagen. Meine süßen Jungs.” Er zog seinen Freund und Sam an sich und küsste Jessy sanft. “Ich liebe dich.”

“Ich liebe dich auch. Wir schaffen das.”


Am Morgen öffnete Keegan David die Tür. “Hi, komm rein.”

“Hey. Sagt mir, dass ihr Kaffee habt.”

“Na klar. Sid hat ihn auf der Terrasse. Da sind wir ungestört.”

“Wer ist alles da?”

“Nur Sid und ich.”

“Gut.” David ging nach draußen und begrüßte Sid, bevor er sich hinsetzte und seinen Laptop auspackte. “Habt ihr die Nachrichten heute Nacht bekommen?”

“Aber natürlich. Wir haben ihn gesehen. Der stand vor unserem Haus und hat uns beobachtet. Blaine und ich haben versucht, ihn zu stellen, aber er ist entkommen.”

“War ja klar.” David seufzte.

“Was meinst du mit War ja klar?”

“Das er es uns nicht einfach macht. Er spielt mit uns. Er provoziert. Er stand nicht umsonst gestern so, das ihr ihn sehen konntet.” David nahm den Kaffee entgegen.

“Blaine sagte, er trug eine schwarze Maske und dazu einen schwarzen Hoodie oder eine Kapuzenjacke. Da bin ich nicht sicher.”

David nickte. “Ich habe ein bisschen was rausgefunden über die Feiertage. Setzt euch.”

Keegan nahm Platz und schaute ihn nervös an. “Okay, leg los.”

David öffnete ein Dokument, in dem er alle Informationen über A sammelte. “Ich habe die letzten Nachrichten von A geprüft. Wir wissen, dass sie vom Campus kommen. Entweder aus eurem Verbindungshaus, oder einem der Wohnhäuser nebenan. Er ist Student. Fragt mich bitte nicht wie - es wäre zu kompliziert es euch zu erklären - aber ich habe die Nummer rausbekommen.” David lächelte fast schon stolz. “Ich habe drei Nächte durchgemacht.”

“Ehrlich? Kann man sie nicht zurückverfolgen?”, fragte Keegan sofort.

“Habe ich. Sie führt zu einem Alexander Cabin. Ich habe sofort das Studentenregister durchsucht, nur leider niemanden gefunden. Also fragte ich Google. Es gibt einen Jonathan Cabin, in Canada. Er ist anfang vierzig, also fällt er weg. Ich denke nicht, dass euch der Name Alexander etwas sagt.”

Keegan schaute zu Sid. “Alex ist dein Künstlername.”

“Das kann Zufall sein. Was weißt du noch?”

“Er hat die Adresse vom Campus angegeben, sowie eine Kreditkarte, die wirklich auch auf diesen Namen läuft. Leider bin ich nicht an das Foto des Ausweises gekommen.”

”Alexander Cabin. Vielleicht sollten wir alle, die die Message von A bekommen haben, nach dem Namen fragen.”

“Wäre gut.” David nickte langsam. “Ich habe auch ein Geburtsdatum, falls es hilf.”

“Okay, das würde es einschränken. Man kann das Studentenregister durchforsten.”

“Habe ich ja schon.” David deutete auf den Monitor. “17.11. Er ist im ersten Semester.”

“Also Jahrgang 1998. 17. November 1998. Damit muss man es doch eingrenzen können”, sagte Keegan.

“Ich habe nach dem Geburtstag gesucht. Es gibt fünfzehn Studenten. Niemand davon heißt Alex.”

“Dann ist Alex nicht der richtige Name. Hast du eine Liste?”

David öffnete das Register und gab das Geburtsdatum ein. “Schau selbst.”

Keegan schaute die Liste durch. Bei zwei Namen stolperte er. “Ryan Teller, Walter Stein und Jared Jones. Die einzigen drei, die ich kenne.”

“Wer ist Ryan?”

“Er ist im Schwimmteam.”

“Traust du einem der drei das zu? Hat einer was gegen uns?”, fragte Sid.

“Naja, Jared Jones kennen wir alle. Er ist Jessys kleiner Bruder. Ryan? Puh ... ich weiß nicht viel von ihm.”

“Warum sollte Jared uns das antun? Ich habe ihm nichts getan. Und du auch nicht, soweit ich weiß.”

Keegan zuckte die Schultern, schwieg aber. Er konnte sich diesen Hass allgemein nicht erklären.

“Ihr sagtet, Jared sei adoptiert. Kennt ihr den Namen seiner echten Familie?”

“Nein, überhaupt nicht. Da müsstest du Jessy fragen.”

“Ich glaube das nicht.” Sid schüttelte den Kopf. “Kee, finde alles über diesen Ryan raus.”

“Niemand von den dreien muss es sein”, erinnerte David. “Da gibt es dreizehn weitere, die in Frage kommen könnten. Nur … muss es einer aus diesen drei Häusern sein.”

“Ich hab keine Ahnung, wo Ryan wohnt. Okay, dann nimm doch mal die raus, die nicht in einem der Häuser wohnen.”

David nickte und entfernte die restlichen Wohnhäuser und Studenten, die außerhalb wohnten. “Vier.”

“Ist Ryan noch da?”

“Ryan, Jared, Walter und Alea Clyde.”

“Alea ... ist das ein Kerl?”

“Nein, eine Frau.”

“Ist es denn so ausgeschlossen, dass es eine Frau ist?”

“Nein. Wir sind nur davon ausgegangen, dass es ein Mann ist.”

“Naja, wir sollten uns alles offen halten. Also ... vier, die in Frage kommen. Wenn es Jared ist, raste ich aus, das schwöre ich”, murmelte Keegan. “Und wenn es Walter ist, werde ich handgreiflich!”

“Er lungert ständig vor Jessys und Blaines Tür. Was nun? Beschatten wir sie?”

“Das müssen wir. Jessy und Blaine dürfen nichts davon erfahren.”

“Warum? Sie könnten uns helfen.”

“Willst du Jessy sagen, dass sein Bruder ein Verdächtiger ist?”, fragte Keegan

“Naja … verschweigen wäre aber auch falsch.” Sid seufzte. “Wenn er es ist…”

“Gott, das wäre so verdammt übel.”

“Okay, heute beobachten wir. Dann sagen wir es ihm morgen.”

“Okay. Und wir dürfen nicht vergessen, das zu suchen, was A uns angedroht hat. Wer immer es ist, wird uns nicht entlassen, nur weil wir ihn enttarnt haben.”

“Im Gegenteil. Je näher ich ihm kam, umso schlimmer wurden seine Nachrichten”, sagte David.

“Wenn das Wissen, welches wir jetzt haben, mal den Vulkan nicht überkochen lässt. Wenn A wütend wird, eskaliert es.”

“Wo fangen wir an zu suchen? Wir müssen den ganzen Campus auf den Kopf stellen.”

“Die Frage ist auch, wonach wir suchen.” Keegan überlegte. “Blaine ist der Erste.”

“Auf dem Foto waren Kassetten. Und er macht kein Halt vor privaten Fotos”, sagte Sid.

“Also das. Los, lasst uns suchen. Lasst uns den Campus unter die Lupe nehmen.”

“Na dann … danke David”, sagte Sid und umarmte ihn kurz.

Keegan nickte ihm zu. Dreißig Minuten später liefen sie über den Campus. Keegan streichelte Sids Hand. “Würde erklären, warum Jared nie etwas von A bekommen hat.”

“Denkst du wirklich, dass er es ist?”

“Naja ... die Chancen stehen eins zu vier.”

“Es könnte auch Walter an. Es hat mit uns beiden angefangen. Mehr oder weniger.”

“Es fing mit Blaine an. Wenn er hinter Jessy her ist, ist Blaine ohnehin Ziel Nr. 1.”

“Na toll.” Sid seufzte frustriert auf. “Wo fangen wir an?”

“Da, wo wir stehen?” Keegan schaute sich um. “Sollen wir jetzt die Gebüsche ... da ist Jared.” Keegan deutete auf den jungen Mann, der den Weg zum Verwaltungsgebäude eingeschlagen hatte.

“Folgst du ihm? Ich schau mich um.”

“Worauf die einen lassen kannst. Hast du die Telefonnummer?”

“Ja. Willst du ihn anrufen?”

“Ja.” Keegan nahm sein Handy und wählte die Nummer, nicht ohne Jared aus den Augen zu lassen.

Der zog an der Tür des Verwaltungsbüros und atmete tief durch. Er musste mit dem Dekan reden, auch wenn er den Ausgang noch nicht wusste.

Kee steckte es weg. “A hatte beim Laufen Probleme ... also, als er gerannt ist. Jared läuft recht normal, oder?”

“Ja. Wie meinst du das, dass er Probleme hatte?”

“Als würde der humpeln. Ryan tut das nicht. Ich sehe ihn jeden Tag beim Training.”

“Walter? Der hatte vor Thanksgiving eine Prügelei.”

“Und hat mächtig eingesteckt. Oh und ... Ryan hat nicht die Statur von A. Das ist ein Bulle von Mann.”

“Sieht Walter so aus?”

“Puh ... also er sieht scheiße aus. Das kann ich ruhigen Gewissens behaupten.”

“Hm… war A´s Statur auch für Mädchen geeignet?”

Keegan überlegte, während sie sich auf eine Bank setzten. “Wenn sie zierlich ist und wenig .. naja, ...” Er hielt seine Hände vor seine Brust, “dann ja.”

“Ich muss diese Alea sehen. Ansonsten passen Jared und Walter.”

“Kümmerst du dich darum?”

“Ja.” Sid sah sich aufmerksam um. Wo sollten sie nur was finden?


Der Dekan musterte Jared. “Nun, was kann ich heute für Sie tun?”

Jared setzte sich. “Ich liebe das Studium hier. Es ist wirklich das Beste, was mir hätte passieren können. Ich … ich würde am liebsten hier bleiben. Andererseits geht es nicht so, wie es gerade ist.”

“Weiter”, sagte der Dekan.

“Ich würde gern den Hauptkurs wechseln. Weg von Kunst. Hin zu Programmierung. Mr. Kenneth wäre dann nicht mehr mein Dozent. Die andere Lösung … Sie bieten ab Januar einen extra Kurs an. Eine Art Fernstudium mit Intensivbetreuung. Dann könnte ich weiter Kunst studieren.”

“Mr. Jones, warum kommen Sie damit zu mir? Es gibt Studienhelfer, die Sie beraten können.”

“Weil ich hoffe, dass Sie unsere Beziehung erlauben, ohne dass jemand gehen muss.”

“Welche Beziehung?”, fragte der Dekan leise seufzend.

Jared sah ihn niedergeschlagen an. “Ich liebe ihn. Das tue ich wirklich. Ich würde gehen, wenn es sein muss, aber das möchte ich nicht. Ich möchte mein Studium hier machen und ich weiß, dass Sie Mr. Kenneth sehr mögen. Sie halten viel von ihm.”

Der Dekan schwieg einen Moment. Das Thema beschäftigte ihn sehr. Was sollte er nur tun? “Wenn Mr. Kenneth nicht Ihr direkter Dozent ist, sehe ich keine Probleme. Den Rest besprechen Sie bitte mit den für Sie zuständigen Studienhelfer.”

“Kann ich hier studieren und er hier lehren, auch wenn wir offiziell ein Paar sind?”

“Wie ich es Ihnen gerade sagte: Er darf niemals ihr direkter Dozent sein, wenn Sie es öffentlich machen möchten. Ist er jedoch Ihr Dozent, bin ich gezwungen, Konsequenzen ziehen, Mr. Jones. Bitte verstehen Sie mich doch.”

Jared stand auf. “Vielen Dank und einen schönen Tag, Sir.” Er verließ das Büro und atmete durch. Dann musste er seinen Traum eben aufgeben.

“Er kommt wieder raus”, sagte Keegan, der noch immer mit Sid auf der Bank saß.

“Und nun?”

“Du schnappst dir Blaine, der da kommt und suchst ein wenig den Campus ab. Und ich folge Jared.”

Sid küsste Keegan, dann rief er nach Blaine. “Komm her.”

“Ja, Sir!” Blaine grinste leicht. “Hey, hör mal ... wegen heute Nacht. Es tut mir leid. Ich steh etwas unter Anspannung.”

“Schon okay. Sind wir alle. Ich wollte anfangen zu suchen. Hilfst du mir? Etwas Zeit haben wir noch bis zu den Vorlesungen.”

“Ich lass die heute ausfallen. Bin scheinbar eh bald weg, also was solls. Holen wir uns noch einen heißen Kakao aus dem Café?”

“Ja klingt gut.” Sid stand auf, drückte kurz Keegans Hand, dann ging er mit Blaine los.

“War David schon da?”

“Nein, er musste es verschieben. Ihm ging es nicht so gut heute Morgen”, log Sid.

“Oh Mann, dann sollten wir ihn vielleicht besuchen. Ich will wissen, wem ich meinen Stress zu verdanken hab!”

“Warte ab bis morgen, okay? Konzentrieren wir uns heute auf die Suche. Vielleicht können wir irgendjemanden retten.”

“Ja mich bitte! Ich bin der Erste!”

“Hm … was waren die Orte, an denen ihr Sex hattet?”

“Wer? James und ich? Uff ... ich bin nicht sicher, ob ich die preisgeben möchte. Und woher soll A die kennen?”

“A weiß scheinbar alles. Blaine, es wäre ein Anfang. Meinetwegen schau da allein, ob irgendwas ist.”

“Nee, schon gut. Okay, also James Büro und dessen Wohnung, wobei letzteres wohl ausfällt. Dann der Hörsaal und das Underside. Die Mensa”, murmelte Blaine.

Sid runzelte die Stirn. “In der Mensa?”

“Es war abends, wir waren allein und ... naja, geil.”

Leise lachte Sid und schüttelte den Kopf. “Ich wusste, dass er versaut ist. Aber die Mensa ist selbst für ihn heftig. Naja… wir schauen da dann einfach als erstes. Da holen wir uns den Kakao. War es dieses Jahr? Also… habt ihr es dieses Jahr dort getrieben?”

“Vor dem Spring Break glaub ich.”

“A ist Erstsemestler. Vielleicht hast du Glück und davon gibt es keine Beweise.” Sid betrat die Mensa und sah sich kurz um. “Wo ist Jessy?”

“Im Zimmer, er arbeitet an der Semesterarbeit für Kenneth.”

“Heftig, wie schnell das erste Semester um ist, oder? Wir sind jetzt fast wieder durch und dann kommt nur noch ein halbes Jahr.” Sid stellte sich in der Schlange an.

“Jaah und dann? Was machst du, wenn du fertig bist?”

“Wenn ich das mal wüsste. Ich denke, ich würde gern meine Kunst weitermachen. Es etwas größer aufziehen in den sozialen Medien. Auf Messen gehen und so.”

Blaine lächelte sanft. “Du wirst berühmt damit. Da bin ich sicher.”

“Denkst du? Vielleicht bei Menschen wie uns.”

“Nein, das glaube ich nicht. Ich denke, vor allem Frauen stehen auf diese Art von Kunst. Mach Artbücher. Die reißen sie dir aus den Händen.”

“Hm ja. Und ich würde gern weiter meine Filme drehen, aber da ist Kee nicht begeistert von.”

“Kann ich verstehen.” Blaine zuckte die Schultern. “Er ist dein Mann und du vögelst mit anderen.” Blaine sah sich nebenbei aufmerksam um.

“Aber es bringt mir gutes Geld. Geld, was wir gebrauchen werden.”

“Sid, es geht nicht ums Geld. Das kannst du überall gut verdienen. Du bist ein irres Talent mit Stift und Pinsel. Nur ... es ist Sex. Küssen, Streicheln, Intim sein. Das sollte nur dem einen gehören.”

Sid seufzte leise. “Ich weiß.” Er bestellte zwei heiße Kakao und sah sich um. Er hasste das Thema. Er wusste, dass niemand es nachvollziehen konnte und er wusste auch, dass er damit jeden Tag aufs Neue Keegans Nerven strapazierte.

“Darf ich fragen, warum es dir so wichtig ist?”, fragte Blaine, der dessen traurige und frustrierte Miene genau erkannte.

“Sie sind meine Familie. Ich habe das Gefühl, sie im Stich zu lassen.”

“Ihr könnt Freunde bleiben. Heißt nicht, dass du den Kontakt abbrechen musst. Und gegen Fotos ist auch nichts einzuwenden.”

“Ich kann das nur mit Keegan besprechen. Ich liebe dich, Blaine, aber … das ist unser Ding. Und irgendwie habe ich manchmal das Gefühl, dass ich es brauche.”

Blaine hob sofort abwehrend die Hände. “Ich misch mich nicht ein, keine Sorge.” Er küsste ihn auf die Stirn und nahm seinen Becher. “Also hier sehe ich nichts.”

“Würde mich wundern, wenn er es auffällig machen würde. Warten wir bis alle weg sind und schauen unter die Tische.”

Blaine sah auf seine Uhr und setzte sich auf eines der Sofas, die in der Leseecke standen. “Vielleicht zwischen diesen uralt Büchern.”

Sid sah nachdenklich auf die Bücher und überlegte, ob Jared oder Walter Leseratten waren. “Hm… ja.” Er nahm sein Handy. >>Und? Was macht er?<<

>>Ist zu einem Strandhaus gegangen und ist drinnen. Keine Ahnung, wieso der Kerl ein kleines Strandhaus hat!<<

>>Schau durch die Fenster<<

>>Es gibt nur eins.<< Keegan schickte ihm ein Bild der kleinen Hütte, während Blaine die Bücher durchschaute.

>>Siehst du irgendwas?<<

>>Nein. Er hat die Vorhänge zu. -.- <<

Leise und frustriert seufzte er. >>Traust du dich die Tür zu öffnen?<<

>>Nein, das Ding ist Mini! Da ist vermutlich nur ein Raum!<<

>>Scheiße. Und jetzt? Hörst du was?<<

>>Nein<<

Blaine schloss die Augen beim Anblick des Fotos, welches in einem der alten Bücher über vergangene Maler steckte. James und er waren sehr deutlich küssend zu erkennen. “Sid?”

“Ja?”, fragte der. “Hast du was?”

Blaine reichte ihm das Bild. “Das ist scheiße!”

Sid seufzte bei dem Foto. “Ihr seht toll aus zusammen. Du musst ihm viel bedeuten.”

“Er bedeutet mir sehr viel.”

“Liebst du ihn?”

Blaine sah von dem Bild auf und überlegte. “Nicht so, wie ich Jessy liebe, aber ... ja, manchmal denke ich, ich liebe ihn.”

Sid lächelte und küsste ihn aufs Ohr. “Er dich auch.”

“Denkst du? Er hat viele Jungs, Sid.”

“Ja, aber … wenn ich bei ihm war, hat er mir viel erzählt. Und wenn er von dir spricht … da ist er anders.”

Blaine lächelte leicht. “Er weiß nicht, wie wertvoll er auf so vielerlei Art ist. Ihn zu verlieren ... das wäre so falsch.”

Sid sah nochmal auf das Bild. “Suchen wir weiter.”

“Denkst du, hier liegt noch mehr?” Blaine sah auf die Uhr. “Er ist im Kunstsaal, sein Hörsaal müsste leer sein. Lass ihn uns absuchen.”

“Okay.” Sid nahm seine Tasche und ging mit Blaine dorthin.

Leise öffnete Blaine die Tür, doch der Hörsaal war leer. Sie schlüpften hinein und Blaine schaltete das Licht an. “Sein Tisch da unten hat die perfekte Höhe.”

“Oh ja…” Sid grinste. “Wusstest du, dass er in seinem Bürotisch Spielzeug hat?”

Blaine lachte. “Ja, aber damit braucht er mir nicht kommen. Ich will es pur, ohne irgendwelches Spielzeug. Bin ich kein Freund von.”

“Du hättest es testen sollen. Er ist toll damit.” Sid setzte sich auf den Schreibtisch und sah sich um.

Blaine, der durch die Reihen ging, lächelte. “Wenn wir nicht gerade wahnsinnig tolle Gespräche geführt haben, waren wir eher wie die Tiere. Da blieb keine Zeit, um auf Spielzeug zu achten.”

“Wir haben uns Zeit gelassen. Er wusste, dass er mich damit bis zum äußersten treibt.” Sid öffnete die Schublade und biss sich auf die Lippe. Mehrere Bilder. Von James mit den verschiedensten Jungs.

“Zeit lassen ... Hm, hätten wir tun können, aber ... ich fand es immer Wahnsinn, wenn er losgelassen hat.” Blaine setzte sich und für einen Moment dachte er an James und sein Herz raste los.

Sid lächelte und sah auf die Bilder. “Er sieht echt toll aus.”

Blaine schaute auf. “Was hast du da?”, fragte er quer durch den Hörsaal.

Sid hielt die Bilder hoch. “A…”

Blaine stand sofort auf und lief die Stufen nach unten zu Sid. “Zeig!”

Sid legte die Bilder neben sich auf den Tisch. Auch er war mit James zu sehen. Anfang des Semesters hatten sie sich das letzte Mal getroffen. Genau hier. Er kniete angeleint vor James. Daneben waren Bilder von Shane, Lukas und Kilian.

“Gott James ... es sind zu viele”, sagte er leise. “Das war Thanksgiving schon Thema. Vor versammelter Mannschaft hat Steven ihn zusammengeschissen.”

“Da kann er sich nicht rausreden. Bei einem… da könnte man von Gefühlen reden, aber das…”

“Das ist zu viel. Das darf er nicht tun!” Blaine spürte wieder diese heiße Wut und Tränen schossen ihm in die Augen.

“Hey…” Sid legte seine Hand auf Blaines Schulter.

Blaine wischte sich über das Gesicht und atmete tief durch. “Das kann nicht alles sein. Ich meine ... das ist für seine Ankündigung zu unspektakulär. Nur Fotos?”

“Wo Fotos sind, sind auch Videos.” Sid seufzte leise.

Blaine bekam eine Gänsehaut. “Das wäre übel!”

“Richtig übel.” Sid steckte die Bilder ein. “Okay, weiter. Bibliothek?”

“Also ... sag mal, wir haben darüber gesprochen, wo ich mit ihm war. Wo warst du mit ihm?”

“Nicht in der Mensa!” Sid sah ihn schmunzelnd an. “Komm. Bibliothek.”

“Ehrlich? Bibliothek?”

“Es hat was für sich, wenn du leise sein musst.”

Blaine schüttelte den Kopf und ging um die Ecke, wo er plötzlich gegen James knallte. “Huch ... wenn man vom Teufel spricht. Hi!”

“Ich bin der Teufel? Was macht ihr beiden hier? Solltet ihr nicht in den Vorlesungen sein?”

“Wir spielen Detektive. Hast du zwei Minuten?”

“Worum gehts?”

“Lass uns in dein Büro gehen. Wir brauchen Informationen.”

“Das klingt nach mehr als zwei Minuten.”

“Vielleicht, aber es ist wichtig.” Blaine sah ihn bittend an. “Es geht um deine Zukunft, James. Wartet eine Gruppe Studenten? Wann hast du mehr Zeit?”

“Passt schon.” James deutete ihnen an vorzugehen.

Blaine liebte James Büro. Es hatte etwas Altenglisches an sich. Die beiden jungen Männer legten die Bilder schweigend auf den Tisch.

James sah drauf und schwieg einen Moment. Man sah ihm an, dass es ihm nicht gut ging. Das alles nagte an ihm. Es war einfach zu viel in letzter Zeit. “Wo habt ihr die her?”

“Das von uns beiden war in der Lesegruppe in der Mensa und die anderen in deinem Schreibtisch im Hörsaal. James, wo warst du mit deinen Jungs?”, fragte Blaine eindringlich.

“Überall! Scheiße!” James rieb sich das Gesicht. “Ich kann einpacken! Ich fliege hochkant raus!”

“Überall? James, ich brauch es genauer. Wir suchen, aber du musst uns sagen, wo!”

James seufzte. “Hörsaal, Trocknungsraum, Carters Hörsaal, Mensa, Bibliothek … Schwimmhalle”, murmelte er. Gott, war das peinlich.

“Mit wem warst du in der Schwimmhalle?”, fragte Blaine neugierig.

“Mit einigen.” James sah kurz zu Sid, dann sah er Blaine an. “Du musst das nicht für mich tun. Wir werden niemals alles finden. Ich werde auf Jobsuche gehen.”

“Lass mich dennoch schauen. James, ich will nicht einfach aufgeben, okay?” Er trat auf ihn zu. “Und ... wenn wir untergehen, dann alle zusammen. Mit diesem Arsch, der uns das alles antut!”

“Wenn wir herausfinden, wer es ist.”

“Das werden wir. Irgendwann wird er sich bestimmt zu erkennen geben.”

“Na wenn du das sagst.” James lächelte schief.

Blaine wusste nicht, was er sagen konnte, um James irgendwie zu helfen. Stattdessen gab er ihm einen süßen Kuss. “Ich bin für dich da”, sagte er ganz leise.

“Ich weiß. Danke.” Er lächelte. “Ich für dich auch.”

“Okay, also ... Sid? Lass uns mal schauen. Und das Bild von uns beiden ... das behalte ich. So verfickt die scheiße auch ist, aber fotografieren kann er!”

“Vergiss es. Das ist meins. Du hast deinen Liebsten.”

Blaine sah ihn stirnrunzelnd an. “Dann mach mir eine Kopie.”

“Wozu? Reicht dir Jessy nicht?”

“Ich lieb dich, ich will auch ein Bild”, knurrte Blaine und pflückte es ihm aus der Hand. “Ich mach dir eine Kopie.”

James lachte leise. “Spinner.” Er schüttelte den Kopf. “Ich habe Fotos von uns.”

“Ich weiß.” Blaine schnappte sich Sids Hand. “Ich ruf dich nachher an.”

Sid winkte James und folgte Blaine. “Warum willst du ein Sexbild von euch?”

“Das ist kein Sexbild. Wir küssen uns. Und ich finde es toll. Wir sind sogar angezogen. Schau dir doch mal seine Hand an meinem Hals an. Sowas zeichnest du sonst.”

“Oh ja. Gib mir das. Ich zeichne es dir.”

“Wirklich? Ohhh ... ich bezahl dich, sieh es als Auftrag für James.”

“Soll er es sich in die Wohnung hängen?”

“Klar, ist doch ohnehin alles bald öffentlich. Er soll das gute darin sehen.”

“Naja du kannst es ihm dann zum Einzug schenken.”

“Wann auch immer.” Blaine betrat die Bibliothek. “Okay, die ist riesig. Wo wart ihr?”

“Ganz hinten links. Geschichte und Paragrafen. Passend, hm?”

Blaine sah ihm in die Augen. “Treffer und versenkt!”, murmelte er trocken und ging los. “Und ihr wart nicht allein hier?”, fragte er leise.

“Es war ziemlich spät. Es war kaum noch jemand hier.” Sid sah sich in dem Gang um, ging zu den Tischen und schaute darunter.

“Netter Gedanke.” Blaine beobachtete ihn, musterte dann die Regale.

“Ich sollte mit Keegan herkommen. Er kann selten wirklich leise sein.”

“Du doch auch nicht. Wir hören euch regelmäßig.” Blaine seufzte. “Was suchen wir? Noch mehr Fotos?”

“Hoffentlich nur Fotos.” Sid biss sich auf die Unterlippe. “Und ich kann leise sein. Besser als er.” Er sah in die Schubladen der Tische in denen meistens nur ein paar Stifte lagen.

Blaine schnaubte leise. “Neulich hast du ihn angebrüllt. Armer Keegan, hat er nicht pariert?”, fragte Blaine süffisant.

Sid lachte leise. “Er hat mich warten lassen.”

“Armer Sid.” Blaines Lachen schlief ein, als ziemlich offen auf den Büchern eine CD lag.

Ihr denkt hoffentlich nicht, dass dies schon alles ist! -A

Sid sah auf. “Ist das eine CD?”

“DVD.”

“Oldschool, hm?” Sid biss sich auf die Unterlippe. “Hast du noch einen DVD-Spieler?”

“Ja, mein Laptop hat ein DVD - Laufwerk. Ich schaue oft DVDs. Die alten Filme sind toll.”

“Dann ab zum Verbindungshaus, oder wollen wir erst weiter schauen?”

“Lass uns das hier abschließen.”

Sie suchten eine gute Stunde, doch mehr als diese DVD fanden sie nicht. Sid wusste nicht, ob es gut oder schlecht war. Sie wussten nicht, was und wo und vor allem wie viel A versteckt hatte. Das hier war die suche von der Nadel im Heuhaufen. Vielleicht sollten sie es einfach akzeptieren. Sid setzte sich zu Blaine aufs Bett, als sie zurück waren und nahm Lucky auf den Schoß.

Blaine legte sie ein und startete das Video auf seinem Laptop.

“Was ist Mobbing? Fragt man einen Mobber, sagt er vermutlich: Das Recht in meiner Freizeit und Langeweile einen anderen Menschen so lange zu ärgern, bis er zusammenbricht.”

Die Stimme klang dunkel, fast irgendwie verzerrt. Zu den Worten tauchten Bilder auf, die man zu Hauf im Netz fand. Bilder, die man unter dem Stichwort “Mobbing” fand.

“Mobbing ist aber nicht nur das, was man googeln kann, das was ihr hier seht. Mobbing bedeutet, einen anderen Menschen bis ans Ende seiner Kräfte zu quälen. Und das ist das Resultat!”

Plötzlich tauchten Bilder eines jungen Mannes auf, der im Krankenhaus lag, angeschlossen an Maschinen. Ein dicker Verband war um seinen Kopf gewickelt.

“Das ist Milo, heute achtzehn Jahre alt. Er wurde drei Jahre lang gequält und misshandelt. Er konnte nicht mehr und schoss sich eine Kugel in den Kopf. Das ist euer Werk!”

Plötzlich tauchte A auf, vermummt mit einer schwarzen Maske und einem Hoodie.

“Milo trägt noch heute eine Waffe, weil er Angst hat. Seid ihr stolz darauf?”

Das nächste Bild wurde eingeblendet. Es waren Aufnahmen, die vermutlich von der Polizei oder im Krankenhaus gemacht wurden.

“Das ist Milan Cinereo, heute achtzehn Jahre alt. Schaut euch seine Wunden an, die durch Tritte und Schläge entstanden sind. Zwei Jahre lang. Doch die wirklich schlimmen Wunden werden niemals zu fotografieren sein. Sie sind tief in seiner Seele verankert.”

Wieder erschien A: “Das ist eure Schuld! Seid ihr Stolz darauf?”

Als drittes - und Blaine zog scharf Luft ein - tauchten Bilder von Jared auf. Es sah aus, als wären es Selfies, oder von jemandem gemacht, der ihm sehr nahe stand. Bilder von aufgeschnittenen Armen.

“Das ist Jared Jones. Er ist heute neunzehn Jahre. Noch vor einem Jahr hat er sich bis auf die Knochen runtergehungert. Vor drei Jahren hat er sich die Pulsadern versucht aufzuschneiden. Weil er niemals perfekt genug war, um geliebt zu werden. Stattdessen wurde er beleidigt, getreten und geschlagen. Seid ihr stolz darauf?”

A trat wieder ins Bild, rührte sich einen Moment lang nicht und schwieg, dann sagte er leise: “Mobbing ist kein Kurzzeithobby! Wer es einmal tut, wird damit niemals aufhören!”

Was dann kam, ließ Blaine zusammenzucken. Bilder in so schneller Reihenfolge, die sich immer wiederholten, doch so schnell sie auch waren, er erkannte sein Highschoolfoto sofort.

Sid schluckte hart. Zwei von diesen Menschen kannte er. “Wusstest du von Jared?”, fragte er leise.

“Nein, Jessy hat nie etwas gesagt.” Blaine schaltete sie schnell aus und nahm sie heraus.

“Ich habe nie etwas gesehen. Er war doch so oft hier.”

“Ich habe nie darauf geachtet”, murmelte Blaine.

“Wir müssen es Keegan zeigen.”

“Warum? Was soll er damit anfangen?”

“Wir recherchieren. Vielleicht kann er damit etwas anfangen. Blaine, wir sitzen alle in einem Boot.”

“Nicht in diesem, Sid. Was haben wir mit Mobbing zu tun?”

“Vielleicht nicht unbedingt wir. Aber einer von uns. Die letzten Sekunden… das waren Bilder. Fraglich ob von Opfern oder Mobbern.”

Blaine schaute ihn an. Also hatte Sid ihn nicht erkannt. “Keine Ahnung. Sid, wir sollten ... das vernichten.”

“Glaubst du wirklich, dass ist das einzige?”

“Woher soll ich das wissen?”, rief Blaine aufgeregt. “Sid, hier gehts um den Schutz dreier Opfer!”

“Aber auch um uns. Blaine… dieses Video könnte uns helfen! David könnte versuchen die Stimme von A herzustellen.”

“ICH WILL DAS NICHT!”, brüllte Blaine plötzlich.

Sid zuckte heftig zusammen. “Blaine was … was hast du gesehen?”

“Nichts!” Blaine nahm eine Schere, bevor Sid reagieren konnte und fing an, sie zu zerkratzen.

“BLAINE STOP!” Sid sprang auf und hielt dessen Hände fest. “Blaine, lass es! Das könnte uns helfen!”

“Das hilft niemandem!”, rief er aufgebracht.

“Was hast du gesehen? Warst du dabei?”

Blaine schwieg, hielt aber die CD fest, an der Sid zerrte, bis sie ihm aus der Hand rutschte. “Sid, bitte!”

“Was, Sid bitte? Was ist da drauf zu sehen?”, fragte Sid wütend. Die DVD war komplett ruiniert. Das würde niemand mehr hinbekommen! Wofür gaben sie sich dann die Mühe und beschatteten Jared, wenn dieser vielleicht unschuldig war?

“Bitte gib sie mir!” Blaine streckte mit flehendem Blick die Hand aus.

“Nein! Du bist doch völlig irre!” Sid hielt sie weg. Er bahnte sich seinen Weg zur Tür.

“Sid!” Blaine war es egal, ob sie zerstört war. Er musste sie haben. “Gib sie her!” Er hielt ihn am Arm fest und zerrte ihn zurück.

“LASS ES, BLAINE!”, brüllte Sid und stieß ihn zurück.

Was folgte, war eine heftige Rangelei um eine vollends zerkratzte CD, beinahe prügelten sie sich, bis Keegan in der Tür auftauchte. “HEY!”, brüllte er. “SEID IHR VERRÜCKT GEWORDEN?”

Sid, der unter Blaine lag, warf die CD in die Ecke. “Du blöder Penner! Wofür beschützen wir dich eigentlich? Soll A dich doch fertig machen!”

“DU HAST DOCH KEINE AHNUNG!”, brüllte Blaine zurück und sprang auf, doch Keegan war schneller. Mit einer Hand hielt er Blaine zurück, der sich heftig wehrte, also drückte er ihn zu Boden und hielt ihn fest.

“Was ist hier los?”, fragte er und schaute zu Sid.

“Wir haben eine DVD von A gefunden, auf der er drauf ist und DER WICHSER HAT SIE ZERSTÖRT!”

“Was? Wieso?”

“LASS MICH LOS!”, keifte Blaine und zeterte wild unter ihm.

“Blaine ist scheinbar ein verdammter Mobber, so wie er reagiert. Dir geht es nicht darum die Opfer zu schützen. Du willst dich schützen!”

Als Keegan ihn ungewollt mit dem Kopf auf den Boden knallte, gab Blaine einen Moment Ruhe, aber auch nur, weil der Schmerz ihm kurzzeitig die Luft nahm. “Ich bin kein Mobber!”, zischte er.

“Warum hast du sie dann zerstört? Wohl kaum um Jared zu schützen!”

“Hier geht es doch um viel mehr! Denkst du, Milo will, dass alle Welt weiß, dass er sich eine verdammte Kugel in den Kopf gejagt hat?”, fluchte er. “Scheiße, Kee! LASS MICH LOS!”

“Du bist so dumm, Blaine. Sie werden es alle rausfinden, weil wir A nicht fassen können. Weil er Kopien hat!”

“Ich will das nicht! Ich will das nicht, Sid! Das ist vorbei! LASS MICH LOS!”, brüllte er wieder. Sein Arm schmerzte furchtbar, so sehr hielt Keegan ihn fest.

“Lass ihn los, Kee. Er ist es nicht wert. Ich mach für ihn nichts mehr!”

Keegan ließ ihn los und zog Sid hoch. “Bist du okay?”, fragte er und schaute ihn von oben bis unten an, doch dann ging sein Blick verwirrt zu Blaine, der auf dem Boden lag und heftig weinte. “Was, zum Teufel, ist hier passiert?”

Sid hob die DVD hoch. “Wegen diesem Teil flippt er so aus.”

“Okay, setz dich.” Er gab sie Sid und hockte sich neben Blaine. “Und du hör auf zu heulen und steh auf. Wir haben alle in den letzten Wochen gemerkt, dass Geheimnisse uns immer in die Knie zwingen und du liegst bereits am Boden. Also rede!”

Blaine schluchzte laut auf. “Das ist alles vorbei ... schon so lange vorbei. Ich habe dafür bezahlt!”

“Sag es uns endlich, verdammt!”

Langsam setzte Blaine sich auf und wischte sich über die Augen, doch an seiner Stirn zuckte er zusammen. Da bildete sich gerade eine heftige Beule. “Ich war .... in der Neunten ... ich war ...” Blaine schloss die Augen und eine neue Flut Tränen lief über seine Wangen. “Ich habe ... ich wurde bestraft. Ich habe einhundert Sozialstunden geleistet und ich habe mich entschuldigt. Bitte Sid. Das darf niemand wissen!”

“Du hast es nicht gerafft oder? A wird alles preisgeben! Jedes schmutzige Detail!”

“Aber es ist doch vorbei! Wieso tut er das?”, fragte Blaine hitzig.

Sid seufzte. “Vielleicht, weil auch er ein Opfer war”, sagte er mit dem Gedanken an Jared.

Blaine erschauderte heftig und zog die Beine an, nur um das Gesicht an den Knien zu vergraben. “Ich habe doch bezahlt ...”, flüsterte er.

Sid schüttelte den Kopf und stand auf. Er musste ins Bad. Seine Lippe und seine Augenbraue taten weh und er wollte wissen, was Blaine getan hatte.

Keegan schaute kurz zu Blaine und folgte seinem Freund dann. “Baby, was war da drauf?”, fragte er leise.

Im Bad tupfte Sid sich Lippe und Augenbraue sauber. Er erzählte Keegan leise, was er auf der DVD gesehen hatte. Milo, Milan und Jared. Dazu A und das Ende der DVD.

“Und ... du denkst, die Fotos zum Schluss waren Täter? Blaine hat Recht, wenn diese DVD in die falschen Hände gerät, könnte es einen Mob lostreten.”

“Wird es doch so oder so. Er wird alles veröffentlichen, selbst wenn wir wissen, wer es ist.”

“Wenn Jared auf der DVD war, hat er sich bewusst ins Spiel gebracht, oder ist es doch Walter? Das Mädchen ist es nicht, sie ist größer und korpulenter, als diese Person in der Nacht.”

“Also haben wir nur noch zwei. Hast du noch irgendwas rausgefunden?”

“Nein. Aber er scheint was mit Kenneth am Laufen zu haben. Der ist irgendwann in der Hütte aufgetaucht und Jared hat ihn geküsst, bevor die Tür zu war.”

Sid sah auf. “Ernsthaft? Der kleine Jones angelt sich einen Dozenten?”

“Ja, nur kann er dann A sein?”

“Die Frage ist, was hat er gegen uns. Wir waren nett zu ihm.”

“Das sitzt tiefer, Sid. Viel tiefer. Wenn es Jared ist, dann ist es vermutlich vollkommen egal, was wir für ihn getan haben.”

“Das ist Psycho. Wenn es Jared ist, hoffe ich, dass man ihn einweisen lässt.”

“Vorher wird er alle in den Abgrund zerren. Sid, was tun wir denn jetzt? Es Blaine sagen? Scheiße, wir alle haben versucht unsere Geheimnisse zu schützen. Er ist vollkommen fertig.”

“Was willst du ihm sagen? Dass es entweder sein Psychoschwager oder der Psychomitbewohner ist?”

“Was dann? Scheiße. Gib sie mir, ich geh damit zu David. Vielleicht kann er noch etwas retten.”

Gerade als Sid sie ihm gab, piepste Keegans Handy.

David hat dir also meine Nummer gegeben. Du willst also das volle Programm? Ihr habt keine Woche. In zwei Tagen geht es los. Vielleicht möchtest du es deinen Freunden sagen. David und du habt die Zeit verkürzt. -A

>>Du Penner hast doch schon angefangen? Vor Wochen schon! Was willst du eigentlich damit bezwecken?<<

Ich sorge dafür, dass ihr nie wieder lügt. Ihr habt zu viele Menschen verarscht.

Keegan wurde wütend. >>Du verfickter Feigling. Los, ruf mich an. Oder komm her! Stell dich uns, du Arschloch. Du glaubst du bist besser, als die Mobber? Kein Stück!<<

Rede nicht von Dingen, die du nicht verstehst. Ich kann auch gern jetzt sofort alles veröffentlichen.

Keegan zeigte Sid die Nachricht. “Er ist nicht besser, als die Mobber. Das, was er tut ist nichts anderes.”

“Was machen wir jetzt?”

“Ich weiß es nicht. Ich gehe dennoch erstmal zu David.”

“Okay.” Sid sah ihn seufzend an und umarmte ihn einfach.

“Ich liebe dich. Sid, wir dürfen uns nicht so sehr streiten. Damit spielen wir ihm in die Hände. Geh zu ihm.”

“A ist ein Arschloch. Dafür steht das A.”

“Ich sags ihm das nächste Mal. Los, geh zu ihm.”

“Ich liebe dich.” Sid küsste ihn kurz, dann ging er zu Blaine.

Der saß noch immer an Ort und Stelle und presste seine Hand auf die Beule.

Sid seufzte. Langsam ging er auf ihn zu und setzte sich einfach auf Blaines Schoß, um ihn zu umarmen.

“Es tut mir leid”, sagte der leise und schloss die Augen. “Ich hatte wirklich gehofft, es hinter mir zu haben.”

“Das glaube ich dir … es tut mir auch leid.”

Nun hob Blaine den Kopf und verzog das Gesicht. “Shit, ich habe dich verletzt.”

“Ich dich auch.” Sid strich mit den Fingern über Blaines Beule.

Der zischte leise. “Hab ich verdient, hm?”

“Oh ja.” Sid lächelte leicht und gab ihm einen kleinen Kuss.

Blaine seufzte leise. “Okay, also ... gibst du sie mir?”

“Kann ich nicht.”

“Wo ist sie?”, fragte Blaine hektisch.

“Keegan bringt sie zu David.”

“Wieso? Sid, ich will nicht, dass es jemand weiß. Niemand weiß es, Jessy nicht, James nicht ... niemand!”

“Nun, einer weiß es. Blaine, deins interessiert uns gerade wenig. Es geht um A. David hat die Verdächtigen eingeschränkt. Wir sind jetzt bei zwei und wir möchten einen gern ausschließen.”

Blaine runzelte die Stirn. “Was? Wovon redest du bitte?”

“David war heute Morgen hier. Wir wollten allein rausfinden, wer es ist, ohne es euch zu sagen. Diese DVD könnte uns helfen, wenn David es hinbekommt, dass sie läuft.”

“Wer ist es? Wen habt ihr eingeschränkt?”

“Es wird dir nicht gefallen.”

“Sags mir!”

“Er heißt Alexander Cabin. Er ist achtzehn. Sein Geburtstag ist der 17.11.”

Blaine runzelte die Stirn, dann zuckte er die Schultern. “Sagt mir nichts.”

“Sein Name taucht auch nirgends auf, aber … gehen wir davon aus, dass er hier in den drei Häusern lebt, die Figur … dann haben wir zwei. Walter Stein und …”

“Und? Nun mach’s nicht so spannend!”

Sid stand vorsichtshalber auf. “Jared Jones.”

Blaine starrte ihn an. “Bitte? Jared? Jessys Bruder Jared?”

“Das sind die zwei, die übrig bleiben.”

“Walter ... das schockt mich nicht mal, aber ... Jared? Das bedeutet, er hätte seinen eigenen Bruder bedroht!”

“Wir versuchen herauszufinden, ob er es sein könnte.”

“Und wie? Sid, er war Thanksgiving beim Essen dabei, als Steven all die Bilder bekommen hat.”

“Meinst du nicht man könnte unter dem Tisch Nachrichten versenden oder sie timen?”

“Timen, denke ich. Er ... ich war auf Jessy, James und Steven fixiert, er saß am anderen Ende, ich weiß nicht, was er getan hat.”

“Es ist nur eine Vermutung. Die Chancen stehen 50/50.”

“Wie wollt ihr das herausfinden?”

“Wir beobachten beide.”

Blaine nickte langsam. “Was wird noch alles ans Licht kommen ...”, flüsterte er kraftlos.

“Viel zu viel fürchte ich.”

Blaine wischte sich über die Wangen und seufzte leise, dann stand er auf. “Dein Kerl ist ein scheiß Tier. Mir tut alles weh!”

“Wenn er mich doch nur so auf den Boden tackern würde”, seufzte Sid grinsend.

“Ich sags ihm”, sagte er murrend. Dann ließ er sich auf sein Bett sinken. “Hey Pantherchen. Entschuldige, ich habe euch Angst gemacht, oder?”, fragte er Lucky.

Lucky maunzte klagend und biss Blaine leicht in die Hand.

Sanft streichelte er ihn. “Sammy? Wo bist du, mein Kleiner?”

Sid hockte sich hin und nahm den Kater unter dem Bett vor. “Hier ist er.”

“Oh Mann, was hab ich nur angerichtet”, flüsterte er und nahm das Katzenkind zu sich. Beide Tiere kuschelte er an sein Gesicht.

“Ich bin froh, wenn das alles vorbei ist.” Sid legte sich neben ihn. “Egal wie es ausgeht.”

“Du meinst, lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende?”

“Ja. Wenn ich fliege, dann ist es so. Ich verdiene mein Geld trotzdem.”

“Ich würde deswegen nicht fliegen. Ich hab meine Strafe verbüßt. Aber ich denke weiterhin an James.”

“Er findet einen neuen Job. Einen besseren. Er könnte wieder Künstler werden.”

Blaine schaute ihn an. “Wir können nicht alles durchgehen lassen. Nur, weil wir vielleicht wieder auf die Beine kommen würden.”

“Nein, das sage ich auch nicht. Er muss bestraft werden. Dennoch … irgendwie schaffen wir das.”

“Jared ... Gott, stell dir das bitte mal vor. Das wäre schlimmer, als alles andere.”

“Was glaubst du, wäre er dazu in der Lage?”

“Ich weiß es nicht. Ich meine ... wenn er es ist, dann tut er es aus Rache, oder? Er scheint sich da viel Arbeit gemacht und reingesteigert zu haben.”

“Was macht jemand so wütend?”

“Ich denke, er hat irgendwas Schlimmes erlebt. Vielleicht könnte Jessy es uns sagen. Nur, wenn wir falsch liegen, dann schüren wir ein kaum zu löschendes Feuer. Und wenn er es ist, wird er es nicht so einfach zugeben.”

“Ich habe keine Ahnung, was wir tun sollen. Keegan hat A angerufen und ihn wütend gemacht. Er gibt uns nur noch zwei Tage.”

“In zwei Tagen legt er alles offen? Was sollen wir tun? Unsere Taten ans Schwarze Brett hängen?”

“Naja … vielleicht wäre das am besten. Den Überraschungseffekt stehlen. Vielleicht sollte ich zum Dekan und ihm sagen, wie ich mein Geld verdiene.”

“Vielleicht sollten wir ein Gruppentreffen machen.”

“Wen zählst du zur Gruppe?”

“Weiß nicht. Alle die letzte Nacht die Nachricht von A bekommen haben. Aber die werden wir alle gar nicht herausfinden.”

“Keegan, Marek, Marco, Jessy, Elias… Jared?”

“Was? Glaubst du, Jared hat sie auch bekommen?”

“Naja wir könnten ihn zumindest beobachten.”

Blaine schmiegte sich an die Katzen. “Ich kann mir nicht vorstellen, dass er es ist. Walter sieht eher aus, wie ein Psychopath!”

“Ja. Er ist echt komisch. Er steht ganz oft vor eurer Tür und stalkt Jessy.”

“Was meinst du mit oft?”, fragte Blaine alarmiert.

“Fast täglich.” Sid seufzte. “Wir passen auf Jessy auf, wenn er allein ist.”

Blaine setzte sich auf. “Vielleicht sollte ich meine Wut sinnvoll nutzen!”

“Das bringt dir auch keine Punkte. Wenn er es ist, dann veröffentlicht er alles ohne Zögern.”

Blaine ließ sich langsam zurücksinken. “Du hast Recht. Und mir ist ohnehin voll dusselig im Kopf.”

“So schlimm das gerade war … ich werde das als Bild malen. Ihr wart irgendwie heiß.”

Blaine schaute ihn an. “Willst du mich verarschen? Der Typ hat meinen Kopf auf den Boden gedonnert und meine Schulter tut auch weh. Was stimmt nicht mit dir?”, fragte Blaine lachend.

“Er kann alles machen und ich finde es heiß”, sagte Sid schulternzuckend. “Und wenn ich statt dich mich male, passt es wieder.”

“Okay, du möchtest also von deinem Freund verhauen werden. Ja, du bist echt speziell.”

“Nicht verhauen!” Sid lachte. “So heftig bin ich nun auch nicht drauf.”

Blaine wurde ernst. “Was sage ich Jessy?”

“Ich weiß es nicht. Wir wollten es euch eigentlich erstmal nicht sagen.”

“Naja, er wird fragen, warum ich eine Beule habe und du blaue Flecken.”

“Wir hatten einen wilden dreier.”

“Nein, ich steh immer noch nicht auf Dreier.” Blaine seufzte. “Ich werde ihm die Wahrheit sagen, ohne den Verdacht.”

“Es würde ihn fertig machen.”

“Ja ... meine Beichte reicht vollkommen aus”, murmelte Blaine und wandte den Blick ab.

“Er liebt dich trotzdem. Und wärst du nicht so ausgeflippt, würde ich dich auch lieben.”

“Du liebst mich nicht mehr? Oh ... wie war das? Dem Vollidioten hilfst du nicht mehr. Aber egal. Es wird in den nächsten Tagen ohnehin alles aus dem Ruder laufen.”

“Und wir können nur abwarten.”

Blaine saß eine Stunde später allein im Zimmer, kraulte Luckys Bauch. Der kleine Kater lag wir hingegossen auf dem Rücken. “Ich hab Angst”, wisperte Blaine.

Lucky schnurrte leise und legte die Pfötchen auf Blaines Hand.

“Was, wenn er mich danach nicht mehr haben will?”, fragte er leise und hob den Kater hoch, um ihn sich vors Gesicht zu halten.

Maunzend ließ sich der Kater hängen und sah ihm in die Augen.

“Du bist einfach zum Knutschen.” Er küsste den Kater aufs Köpfchen, als die Tür sich öffnete. Augenblicklich wurde ihm furchtbar schlecht.

“Hey”, sagte Jessy und ließ seine Tasche auf den Stuhl fallen. “Was machst du?”

“Katzenkuschelknutschen.”

Jessy krabbelte aufs Bett und kuschelte sich an Blaine. “Ich will auch.”

Blaine küsste ihn kurz, dann hielt er ihm den Kater hin.

Jessy schnappte sich Lucky und kuschelte ihn an sich. “Wo ist Sammy?”

“Halb unter deinem Kissen. Hast du die Semesterarbeit beenden können?”

“Noch nicht ganz. Ich war noch bei Jared.” Jessy zog Sam unter dem Kissen vor und küsste ihn auf den Kopf. “Jagst du meine Geister?”

“Wie geht es ihm?”, fragte Blaine.

“Ganz gut. Er muss den Kurs von Mr. Kenneth beenden. Er überlegt, was er jetzt macht. Fotografie oder Programmierung.”

“Kann er beides recht gut, oder?”

“Ja. Schwierige Entscheidung.”

“Was kann er besser?”, fragte Blaine und streichelte den Kater.

“Hm … er hat eine ganze Zeit lang viel fotografiert. Ich denke, da ist er richtig gut.”

Blaine lächelte leicht. “Hat er Selbstportraits gemacht?”

“Ja. Sehr viele. Ich glaube die findet man auch noch im Netz.”

“Ach, ehrlich?” Blaine nickte langsam.

“Ja.” Jessy kuschelte sich an Blaine. “Er hat einen Fotoaccount gehabt.”

Blaine biss sich auf die Lippe und lehnte sich an die Wand. “Jess, wir müssen über etwas reden.”

“Worüber denn?”

Blaine ließ ihn los und setzte sich auf den Stuhl. “Sid und ich haben uns heute auf die Suche gemacht. Wir fanden ein paar Fotos und eine DVD. Sie war von A. Sie zeigte drei Mobbingopfer. Milo, Milan und ... deinen Bruder. Fotos. Vielleicht waren es Selbstportraits. Er hat viele Narben an den Handgelenken, nicht wahr?”

Jessy sah ihn verwirrt an. “Warum zeigt A sowas?”

“Um die Mobber an ihre Taten zu erinnern.” Blaine knetete seine Hände. “Mobber ... wie mich ...”

Jessy runzelte die Stirn. “Wovon redest du?”

Blaine schaute ihn besorgt an. “Damals ... in der Neunten ... ich war ein Sportler und die sind manchmal echte Arschlöcher. Naja ... und als Gruppe ist es manchmal zu einfach, den Arsch raushängen zu lassen. Wir waren unglaublich gemein. Ich wurde bestraft und habe Sozialstunden geleistet. Seit dem ... ich habe mich geändert, Jessy. Das musst du mir glauben.”

“Was hast du getan?”

Blaine hatte sich selbst geschworen, nie wieder darüber zu reden. Er schaute Jessy nicht mal in die Augen. “Sie beleidigt, verprügelt ...”, wisperte er beschämt.

Jessy schwieg. Er hatte mitbekommen, wie es Jared ergangen war damals. Er hätte sich fast umgebracht. Wegen solcher Menschen.

Auch Blaine schwieg. Wer auch immer dafür verantwortlich war, rührte in Blaine eine heftige Wut auf. Er schämte sich heute für das, was er getan hatte, doch es ließ sich natürlich nicht ungeschehen machen.

“Und A weiß es?”

“Sieht so aus ...”

Jessy sah ihn an und streckte die Hand nach seinem Freund aus.

Der sah ihn an. “Jessy, ich schäme mich wirklich dafür. Ich wollte nie wieder darüber reden.”

“Ich weiß. Und ich weiß, dass du so nicht mehr bist.”

Blaine setzte sich aufs Bett zurück. “Was für eine Scheiße.”

Jessy betrachtete Blaines Gesicht und strich mit den Fingern über Blaines Stirn. “Was ist passiert?”

“Kee ist stärker, als ich”, sagte Blaine und zog den Kopf weg.

“Hat er dich verprügelt?”

Blaine berichtete von seinem Aussetzer. “Es ist nicht seine Schuld. Sid hat auch etwas abbekommen. Ich bin so ausgerastet.”

“Du darfst niemanden wehtun, Blaine …”

“Denkst du, das weiß ich nicht?”

“Hast du dich entschuldigt?”

“Bei einem ... ja. Der andere wollte nichts davon wissen.” Blaine runzelte die Stirn. “Oder meinst du Sid?”

“Ja, Sid aber das andere ist auch wichtig.”

“Ich weiß es nicht, ich denke schon.” Blaine schaute ihn an. “Ich wollte die DVD zerstören, mit einer Schere. Sie hat heftige Kratzer, aber nun ist sie bei David. Das hätte er nicht tun dürfen.”

“Wer weiß … vielleicht ist es nicht zu retten.”

“Sid hat Recht, es wird nicht die Einzige sein. Am Ende ist alles scheißegal. Bald werden alle wissen, dass ich ein Mobber bin.”

“Bald werden alle vieles wissen. Das Sid Pornos dreht, dass James mit Studenten Sex hat, dass Keegan eine Ehefrau hat … ich kann mich gar nicht mehr an alles erinnern.”

Blaine schaute ihn stumm an. All das ließ seinen Magen umdrehen. “Wir haben zwei Tage Zeit ...”

“Was? Zwei Tage?”

“Ja.” Blaine stand auf und schaute aus dem Fenster.

“Was machen wir danach?”

Blaine sah ihn an. “Danach?”

“Wenn das alles vorbei ist.”

“Nach Hause fahren oder weiterstudieren.” Blaine schaute ihn an. “Du wirst weiterstudieren. Daran ändern auch zwei Katzen nichts.”

“Du auch. Das mit James … das muss dir nicht unbedingt schaden.”

“Das vielleicht nicht. Aber meine Vergangenheit. Der Dekan verfolgt eine Null - Toleranz - Politik. Er wird es vielleicht nicht akzeptieren.”

“Es ist Vergangenheit. Du hast hier nie etwas getan.”

Traurig wandte Blaine den Blick ab. “Da wäre ich nicht der Erste ...”

“Was meinst du?”

“Als wir hier angefangen haben, war im Nachbarzimmer des Wohnheims ein Kerl, der nicht anders war. Er durfte wieder nach Hause fahren, weil Mobber nicht geduldet werden.”

Jessy seufzte und schlang die Arme um ihn. “Wir schaffen das.”

Blaines Zuversicht vom Morgen war beinahe verschwunden. “Ich hoffe es.”

“Egal wie.” Jessy drehte Blaines Gesicht zu sich und sah ihm in die Augen. “Ich liebe dich. Wir schaffen das.”


**********BÄÄÄÄM!!! ... ???
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