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Old scars

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
02.04.2021
28.11.2021
48
306.411
17
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
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02.04.2021 6.826
 
Euch allen ein herzliches Willkommen an der

University of Pokeena!


Wir freuen uns wahnsinnig, euch endlich mit einer neuen Story zu beehren.
An dieser hier arbeiten wir bereits seit Anfang August. Wir wollten es dieses Mal richtig machen, besser machen … gut machen. Und wie es dann manchmal passiert: Es nimmt große Dimensionen an. Aktuell schreiben wir noch an Kapitel 57, sind aber beinahe am Ende angekommen. Zudem gibt es Sidstorys.

Nun wissen alle, die uns auch nur ein bisschen kennen, dass unsere Jungs oft sehr … nun, nennen wir es freizügig sind, wenn sie erstmal in Fahrt sind. Das ist hier auf FF.de manchmal ein Problem. Deswegen läuft diese Story parallel auch auf Wattpad.com/user/JuliHoernchen, wo ihr auch alle Sidestory lesen könnt. Diese wird es hier nicht geben!

Was solltet ihr über diese Geschichte wissen?
Sie ist ab 18 / Maleslash
Sie ist rätselhaft, manchmal düster, manchmal verwirrend und manchmal fies.

Hunderte Studenten besuchen die University of Pokeena. Jeder lebt sein Leben mit allen Facetten, die es zu bieten hat. Glück, Trauer, Frust, Wut, Neugierde und Hass. Und einer ist unter ihnen, der einen perfiden Plan verfolgt. Denn für ihn zählt nur eines: Die Wahrheit !

Wir wünschen euch viel Spaß und seid gewarnt. Er wird jede Wahrheit ans Licht bringen ;)

Juli & ihr Hörnchen


1. Guten Morgen, Pokeena


Samstag, 01. Oktober 2016

Er schob sich die Sonnenbrille mit dem tiefschwarzen Rand höher auf die Nase. Es war erstaunlich, wie warm es noch war, obwohl gerade der Oktober begonnen hatte. Es war nicht gerade üblich, dass am ersten Oktobertag noch achtundzwanzig Grad waren. Auch im Sonnenstaat Kalifornien gingen die Temperaturen im Herbst deutlich hinunter, aber das hatte der Wettergott wohl vergessen und bescherte der Westküste oberhalb San Franciscos nochmal satte Sommertemperaturen.

Seit vier Wochen lief das neue Unijahr, sein fünftes. Das Grundstudium endete im Sommer und die Vorbereitung für die Zulassung des Studiums für den Masterabschluss begann im Februar. Zwei Jahre intensives Studium im Bereich Sportwissenschaften, Management, Betriebswirtschaft und Marketing. Sein Ziel war es, ganz oben mitzumischen. General Manager des amerikanischen Schwimmteams und davor einige Goldmedaillen, das war sein Traum. Dafür musste er allerdings hart arbeiten. Doch heute war Samstag. Der einzige Tag in der Woche, an dem sämtliche Schulbücher geschlossen blieben. “So, wo esse ich heute?”, murmelte er nachdenklich und musterte seine knielangen Shorts, die Turnschuhe und das schwarze Shirt. Restaurant fiel in diesem Outfit aus.

“Wolltest du gerade ohne mich essen gehen?”, kam es hinter ihm. Sandro Tibian, ein großer, muskulöser Mann mit dunkelblondem kurzen Haar und strahlend blauen Augen sah seinen besten Freund fragend an.

Keegan grinste ihn breit an. Sie hatten sich am Ende des zweiten Semesters im Schwimmteam der Pokeena Dolphins kennengelernt und auf Anhieb bestens verstanden.

“Was ist los mit dir? Allein essen macht dick”, knurrte Sandro gespielt.

Keegan Summer schaute an sich hinunter und hob sein Shirt. Sein Waschbrettbauch war klar definiert. “Du meinst, ich hab den, weil ich dich immer mitschleppe?”

“Etwa nicht? Gehst du mit anderen essen?”

Keegan sah ihn einen Moment schweigend und ernst an. Dann grinste er. “Neeeein!” Er klopfte ihm auf die Schulter. “Wo ist dein Mann? Kommt er nicht mit?”

“Er wollte heute Morgen schon zum Strand. Dem Campus entfliehen.”

“Okay, dann lass uns gehen. Ich will ... einen großen Latte und ... Sandwiches mit Avocados!” Langsam gingen sie die Straße hinunter. “Laufen oder Auto?”

“Laufen. Ist ja nicht weit.”

“Na dann.” Keegan schaute an Sandro hinunter. Er trug, wie er selbst, schwarze Bermudashorts, ein graues Muskelshirt und Turnschuhe. “Verdien dir dein Frühstück.” Er bog in den Park ab und beschleunigte sein Tempo.

“Bezahlst du?” Sandro lachte und folgte ihm auf gleicher Höhe.

“Tu ich das nicht immer?”



Shannon Fuller, seines Zeichen absoluter Bastelfreak, saß vor seinem Rad, bereits jetzt über und über mit Kettenschmiere verdreckt, sah den beiden nach. “Wie kann man so früh schon so agil sein?”, fragte er Noah, nachdenklich, der neben ihm auf dem Bauch lag und in einem Motormagazin blätterte.

“Keine Ahnung. Kann mir nicht passieren, schon gar nicht bei der Wärme. Ich will am Wochenende einfach nur rumliegen”, sagte der gähnend und rieb sich durch die blonden Haare. Sie sahen immer so aus, als wäre er gerade aus dem Bett aufgestanden, schon allein, weil sie leicht gelockt waren. Er sah auf das rote Motorrad in seiner Zeitschrift. “Sowas will ich.”

“Oh ja, nehme ich auch. Aber bitte in schwarz.” Shannons blaue Augen funkelten, als er grinste und weiter seine Kette schmierte.

“Oder ein dunkles Blau.”

“Nein, es muss unbedingt schwarz sein. Ich weiß nicht ... ich habe immer von einer schwarzen Honda geträumt.”

“Hm… Die sind teuer, oder?”

“Ist jedes gute Bike. Bei uns im Haus hat einer ne schwarze Suzuki, die darf er mir auch gern geben.” Shannon lachte leise.

“Verständlich.” Noah lachte leise. “Hast du die Neuen schon gesehen?”

“Oh ja, ich hab einen davon in meinem Zimmer. Jared. Jessys kleiner Bruder.” Er fuhr sich mit den dreckigen Händen durch sein dunkelblondes Haar, ohne darüber nachzudenken.

Noah sah ihn an und hob die Augenbrauen. “Ist das deine neue Haarkur?”

“Was meinst du?”, fragte Shannon verwirrt.

“Du hast Schmiere in den Haaren.”

Nun schielte Shannon hoch und murrte, als er auf seine Hände sah. “Egal. Kannst du Motorrad fahren?”, fragte er Noah und zog die Kette wieder auf.

“Ja, hat mir mein Dad beigebracht.”

“Also ... nur inoffiziell?”

“Ja, aber ich will nächstes Jahr dann den Schein machen.”

Shannon lächelte. “Ich kann’s mir nicht leisten und meine Eltern sind absolute Motorradgegner. Sie sagen, es sind Höllenmaschinen und wenn sie mich je auf einer erwischen, bin ich enterbt. Was witzig ist, weil es nichts zu erben gibt.” Doch dann seufzte er. “Sie sagen nicht mal, warum sie solch eine Meinung haben.”

“Vielleicht weil man zum rasen verleitet wird? Und weil damit viele Unfälle passieren?” Noah zuckte die Schultern und blätterte weiter.

Shannon schwieg und drehte am Hinterrad. “Aber man sieht cool aus beim rasen.”

“Darum geht es dir? Um cool zu sein? Ist sowas wichtig bei euch?”, fragte Noah verwirrt und runzelte die Stirn.

Nun lachte Shannon auf. “Ich will nicht cool sein, sondern cool aussehen. Das ist ein Unterschied. Und wenn du mein Hausmütterchen kennen würdest, wüsstest du, wie wichtig das manchmal ist.”

“Wofür willst du cool aussehen? Um den nächsten heißen Kerl auf dem Campus zu finden?”

Nun war Shannon überrascht. “Wie ... den nächsten? Gab es schon einen?”

“Du hattest bestimmt schon einen.”

“Ja, aber nicht hier.” Shannon lächelte leicht. “Was ist mit dir?”

“Ich bin mit Mia zusammen.” Noah lächelte. “Seit der Semesterparty vor den Ferien.”

“Oh wow ... Mia ... das war ... wer nochmal?” Shannon schaute nachdenklich in den Himmel.

“Braune Haare, Locken, sportlich, arbeitet in der Bibliothek nach den Vorlesungen.”

“Ach, dieser laufende Meter?”

Noah lachte. “Ja. Mein laufender Meter.”

“So richtig zusammen? Hey, das ist schön. Gratuliere. Habt ihr den Sommer zusammen verbracht?”

“Ja. Sie ist echt toll.” Noah seufzte verliebt. “Hätte nie gedacht, dass das was wird.” Er sah Shannon an. “Warum hast du hier keinen? Hier gibt’s ne Menge Jungs wie dich.”

“Naja, in erster Linie weil ich mich aufs Studium konzentriere. Ich hab einen Job in der Werkstatt am Hafen. Bootsmotoren und Autos. Ich hab keine Zeit für Jungs.” Shannon wischte seine Hände an einem Tuch ab.

“Die Uni sollte die Zeit deines Lebens sein. Man hat immer Zeit für das Vergnügen. Du musst ja nicht gleich eine Beziehung haben.”

“Hm ... ja, vielleicht. Steven arbeitet auch dort.” Er grinste breit. “Kennst du ihn? Er wohnt in der Highland Hall.”

“Klar. Wir sind zwar viele Studenten, aber die Gruppe um dich rum kenne ich.”

“Ich wusste nicht, dass ich eine Gruppe um mich herum habe.” Shannon sah ihn überrascht an.

“Naja, deine Freunde.” Insgeheim wurde die Gruppe auch die Schwulengruppe genannt.

“So viele sind das nicht. Ich weiß nicht mal genau, ob das alles Freunde sind, oder eher Bekannte.” Er lächelte leicht, denn der Gedanke, dass der eine oder andere ein Freund sein könnte, gefiel ihm schon. Er war gesellig und kam mit den meisten Jungs gut klar, aber waren sie wirklich Freunde?

“Ihr geht gemeinsam weg, oder?”

“Manchmal.”

“Siehst du? Freunde. Mit Bekannten geht man nicht aus.”

“Okay, also ... bist du nur ein Bekannter? Wir waren nie zusammen aus.” Shannon grinste breit und biss sich fast schon etwas lasziv auf die Lippe, auch wenn er es nicht ernst meinte.

“Vielleicht sollten wir das mal ändern.”

“Jaah, lass uns heute Abend was machen.” Shannon trank einen Schluck aus seinem Kaffeebecher, der neben ihm stand. “Essen gehen, oder was trinken.”

“Wie wäre es mit Party? Warst du schon mal im Underside? Das am Hafen?”

“Ich bin immer nur daran vorbeigegangen, wenn es zu ist, weil es mitten am Tag war.” Shannon überlegte. “Ist das der Laden, wo man auch Billard spielen kann?”

Noah setzte sich auf. “Nein. Das ist ein Club. Alle vom Campus sind am Wochenende da. Musik, Tanzen, ein bisschen was trinken.”

“Hm ... okay, gern.” Shannon nickte. “Gehen wir allein? Wann geht man los? Ich bin nicht so der Clubgänger.”

“Gegen zehn.”

“Das ist ja mitten in der Nacht”, flachste Shannon. “Okay, ich bin fertig. Ich sollte mich waschen und endlich was essen.”

“Wir treffen uns heute Abend auf der Treppe vor dem Wohnheim.” Noah grinste. “Nun geh dich waschen, du siehst furchtbar aus.”

“Ich bin wunderschön.” Shannon drehte sich um und lief in Steven hinein. “Wow ...”, blinzelte er.

“Hey Hübscher.” Steven zwinkerte ihm zu. “Ja, du bist wunderschön, aber etwas stürmisch.”

“Und du stehst im Weg”, sagte Shannon amüsiert.

“Kann gar nicht sein. Ich war zuerst hier.”

“Gar nicht, sonst hätte ich dich ja eben schon gesehen. Guten Morgen.” Shannon lächelte. “Ähm ... hast du den Motor gestern noch fertig bekommen?”

“Ich saß bis elf dran, aber ja.”

“Klasse. Dann kann der Besitzer ja doch am Rennen teilnehmen. Freut mich. Okay, ich sollte mich waschen. Mein Magen knurrt.” Shannon schob sein Rad nur einige Meter. “Oh ... also, Noah und ich wollen heute ins Underside. Kommst du mit?”

“Klar, wenn ich euch nicht störe?” Steven grinste, zwinkerte ihm zu und ging mit den Händen in den Taschen weiter.

“Du sicher nicht”, murmelte Shannon. Steven war ein Traum auf zwei Beinen. Zumindest, wenn man schwul oder ein Mädchen war. Die definierten Muskeln, dieser knackige Hintern und viele Tattoos ließen Shannon regelmäßig träumen. Und wenn Steven ihn mit den blauen Augen anschaute und so unwiderstehlich lächelte ... Shannon seufzte leise und schaute zu Noah. “Bring deine Süße mit. Du sagtest etwas von Party, richtig?”

“Oh ja. Da geht’s richtig ab.”

“Klasse, bis später.” Shannon schwang sich auf sein Rad, warf den Becher in den Mülleimer und fuhr die Straße hinunter. In Pokeena zu studieren war die beste Entscheidung seines Lebens. Mehr Sommer und Sonne, als zu Hause in Detroit. Er hasste Winter und Kälte. Zurück in der Westland Hall, betrat er sein Zimmer und runzelte die Stirn. Sein Mitbewohner lag noch immer unter seiner dunkelblauen Bettdecke, nur das feuerrote Haar lugte heraus. “Jared, schläfst du immer noch? Es ist gleich halb zehn.” Sein Blick schweifte durchs Zimmer. Während auf seiner Seite penible Ordnung herrschte, galt für die zweite Hälfte des Zimmers das komplette Gegenteil. “Mitten in der Nacht”, nuschelte der ins Kissen und blieb auf dem Bauch liegen, Arme und Beine von sich gestreckt. Er hatte die halbe Nacht bis drei Uhr gezockt und brauchte seinen Schlaf.

“Aber die Vögelchen zwitschern.” Shannon lachte leise.

“Machen die schon ab vier Uhr.” Jared gähnte herzhaft und seufzte leise. Einfach liegen bleiben.

Jareds Schreibtisch, auf den Shannon nun einen Blick warf, ertrank im Chaos. Mehrere Dosen Cola und Energydrinks standen herum, dazu Schulsachen und Reste vom Asiaten. “Wie lange hast du denn noch gespielt?” Er war kurz vor zwölf schlafen gegangen, da war Jared mittenbei gewesen in irgendeiner Schlacht.

“Bis drei”, murmelte er leise.

“Verstehe. Ich geh duschen.” Shannon zog sich bis auf die Shorts aus und nahm sich sein Handtuch und den schwarzen Kulturbeutel. Er musste den ganzen Flur hinunter, was ihn ziemlich nervte, aber so war es eben. Im Bad traf er auf Joe, Student im fünften Semester, Schwimmer mit breiten Schultern und dunklem Haar. Er war ziemlich beliebt bei den Frauen, auch wenn er mit keiner ausging. Jeder wusste, dass er auf Männer stand, schon allein, weil er es nicht verheimlichte. “Morgen.”

“Mh”, machte er nur. Am Morgen wollte er seine Ruhe haben und nicht von der Seite angequatscht werden. Er zog sich gerade aus und trat auf die Duschen zu. Joe war sehr muskulös und mit 1,90 m perfekt geeignet für das Schwimmerteam.

Shannon sah ihm nach und schüttelte den Kopf. “Ein Morgenmuffel nach dem anderen”, murmelte er und trat ebenfalls unter die Duschen.

“Fehlt Kaffee oder Sex”, sagte Joe hinter dem blauen Vorhang.

“Das sollte ich dich fragen”, gab Shannon amüsiert zurück.

“Mir fehlt beides.”

“Na das ist schlecht. Dann musst du es ändern.” Shannon fluchte leise, weil die Kettenschmiere so schwer aus den Haaren hinausging.

“Soll ich zu dir rüber kommen und helfen?”

“Fahrradschmiere aus den Haaren waschen? Na das schaff ich allein ... irgendwann in diesem Jahrhundert, hoffe ich.”

Joe grinste nur und hörte Shannon zu, wie er fluchend neben ihm mit den Haaren kämpfte.

“Okay, das hätten wir. Warum geht die Scheiße immer so schwer ab”, murmelte Shannon. “Und ... was machst du am Wochenende?”, fragte er und runzelte die Stirn. Smalltalk mit einem Morgenmuffel, wie Joe? Mutig.

“Hm. Hast du einen Vorschlag?”

“Naja ... Underside heute Abend? Steven und Noah sind auch schon dabei.”

“Hm… Wir beide? Date?”

“Naja, das hab ich ... mit Steven? Ich bin nicht sicher.” Shannon versuchte sich an das Gespräch zu erinnern. “Hm ...”

“Also, du weißt nicht, ob du ein Date mit Catalano hast?” Joe trat aus der Dusche und sah ihn fragend an. Das Wasser lief Shannon über den Hals, die Schultern, nach unten über die Brust zum Bauch.

Shannon zuckte die Schultern und band sich das Handtuch um. “Naja, wir sagten, dass wir dahin gehen. Aber Noah sprach von Party, also ... Party.”

Joe ging auf ihn zu und blieb dicht vor Shannon stehen. “Gehst du mit mir aus?”

“Nicht heute, aber ja.” Shannon holte tief Luft. “Morgen?”

“Komm doch nach der Party mit zu mir und wir starten das Date danach.”

Shannon lachte leise. “Wenn’s ein Date mit Steven gibt, kann ich ihn nicht einfach stehen lassen, um mit dir mitzugehen, Joe. Das wäre extrem unfair.”

“Und wenn es keins ist?” Er grinste und streichelte Shannons Wange.

“Dann sehen wir, wie der Abend läuft. Hast du schon gefrühstückt? Vergiss die Frage. So wie du mich gerade angemuffelt hast, hattest du noch keinen Kaffee.”

“Nein, hatte ich noch nicht.”

“Okay dann ... Frühstück?”, fragte Shannon lächelnd.

“In Zehn Minuten? Ich hol dich ab.”

“Ja, klingt gut.” Shannon nahm seine Sachen. “Bis gleich.” Zurück im Zimmer lehnte er sich an die geschlossene Tür und ließ zu, dass ihm etwas die Beine einknickten. Frühstücksdate mit Joe Hill? Fuck, der Typ war ne Nummer zu groß für ihn, stellte er amüsiert fest.

Joe ging in sein Zimmer, welches er sich mit Daniel Barkley teilte und nahm sein Handy. >>Hey. Planänderung, hab ein Frühstücksdate. Sehen uns später. Lust auf Underside heute Abend?<<, schrieb er seinem besten Freund.

Elias Salvatas ging gerade die Treppe hinunter und rieb sich müde das Gesicht. >>Wozu bin ich jetzt aufgestanden?<<, schrieb er verstimmt zurück und murrte leise.

>>Such dir was Nettes. Sorry, hat sich gerade ergeben.<<

>>Für wen lässt du mich jetzt sitzen?<< Elias schaute Sid mit schief gelegtem Kopf an, der mit dem Hintern wackelnd durch die Küche des Verbindungshauses Theta Phi tanzte.

>>Shannon Fuller.<<

>>Have Fun ... kenn ich nicht.<< Elias steckte sein Handy weg, fuhr sich durch das schwarze kurze Haar und lehnte sich auf den Tresen. Fehlte nur noch, dass Sidney jetzt anfing, mitzusingen.

Sid hatte Kopfhörer auf, ging regelrecht in der Musik auf und griff im Kühlschrank nach einer Packung Kirschsaft, bevor er sich umdrehte und heftig zusammenzuckte. “Fuck! Salvatas!”

Der lachte leise und hob über den dunkelbraunen Augen die Brauen. “Man, wenn du immer so mit dem Hintern wackelst ...” Er schnalzte mit der Zunge. Sid war reinrassiger Vollblutitaliener, wie er durchaus temperamentvoll beweisen konnte. Seine dunkelbraunen Augen strahlten dieses typisch italienische Feuer aus. Und im Gegensatz zu allen anderen, brauchte Sid, genauso, wie er selbst nur das Wort Sonne buchstabieren und sie hatten diese goldbraune Sommerbräune, für die sie alle beneideten. Südländische Wurzeln zu haben hatte eben seine Vorteile. Er selbst hatte seinen Ursprung in Puerto Rico, was man wie bei Sid auch, deutlich erkennen konnte.

“Nicht immer. Kaffee?”

“Ja, unbedingt. Ich wurde gerade versetzt.” Elias nahm sich einen Apfel und biss hinein. “Schlafen noch alle?”

“Ja, scheint so. Ich habe noch niemanden gesehen.” Sid reichte ihm eine große Tasse und setzte sich neben ihn an den Tresen.

“Okay.” Elias lehnte sich etwas zurück. “Kee ist weg, seine Laufschuhe fehlen. Und ich finde, bei den hunderten Schuhen von Jessy, ist es ein Wunder, dass man das sofort erkennt.”

“Du scheinst seine Schuhe aber gut zu kennen. Ich weiß gar nicht, was davon alles von Jessy ist.”

“Nicht? Die schwarzen Turnschuhe, die schwarzen, grünen, blauen und weißen Chucks, die hellblauen Sneakers, diese.. sind das Lackschuhe? Keine Ahnung, dann noch die Stiefel da und die hellgrünen Boots.”

“Warte… er hat neun paar Schuhe?”

“Ich wette, dass er im Zimmer noch welche hat. Jessy ist eigentlich ein Mädchen. Wusstest du das nicht?” Elias lachte leise auf.

“Du bist fies. Einer sammelt Heftchen, einer Schuhe, ein anderer eben was anderes.” Sid trank seinen Saft und lächelte.

“Und was sammelst du?”, fragte Elias und trat an die Terrassentür, um eine Zigarette zu rauchen.

“Kann ich dir leider nicht verraten. Ist mein Geheimnis.”

Elias beobachtete ihn und grinste. “Na schön. Irgendwann kommt jedes Geheimnis raus.”

Sid lächelte nur. “Ja, aber dieses nicht.”

Elias trat nur lächelnd auf die Terrasse. Er liebte es, Geheimnisse zu lüften. Er würde schon dahinter kommen. Auf der Wiese stehend, sah er, dass das Fenster von Blaine und Jessy sperrangelweit offen stand. Also nahm er den Wasserball und schlug ihn zielsicher mitten ins Zimmer.

Jessy zuckte zusammen, als ihn der Ball am Fuß traf und sah sich verwirrt um. “Was…”

“FRÜHSTÜCK!”, rief Elias frech.

Müde rieb sich Jessy die grauen Augen und fuhr sich mit der Hand durch das braune Haar. “Blaine… wach auf!”

“Warum?”, nuschelte der in sein Kissen.

Jessy warf den Wasserball an Blaines Kopf. Das braune Haar schaute unter der weißen Bettdecke hervor, genauso wie die Nase. Jessy lächelte beim Anblick seines besten Freundes.

“Lass mich!” Blaine sah auf und runzelte die Stirn. Jessys hellbraune Haare standen so, wie jeden Morgen in alle Richtungen ab. Es sah jedes Mal aufs Neue witzig aus. “Findet der den Weg zum Kühlschrank nicht allein?”

“Keine Ahnung.” Jessy stand auf, wickelte sich in seine Decke und trat ans Fenster. “Findest du den Kühlschrank nicht?”

“Doch, warum?”, fragte Elias amüsiert.

“Dann lass uns schlafen!” Jessy murrte und ließ sich einfach neben Blaine aufs Bett fallen.

Der knautschte den deutlich kleineren und schlanken Jessy in seinem Arm zusammen, wie ein Kuscheltier und schloss die Augen, doch lange hatten sie keine Ruhe.

Blaine fuhr schreiend hoch, als ihn etwas Nasses traf.

“Volltreffer, Sid”, lachte Elias laut auf, denn der stand mit Blaines großer Wasserspritzpistole vor dem Fenster. “Das Ding war sein Geld wert, bei der Schussweite”, sagte Elias.

Sid lachte. “Schießen kann ich.”

“Ihr blöden Idioten!”, fluchte Blaine und knallte das Fenster zu. “Jessy, mein Bett ist nass!”

“Konntest du dich nicht mehr zurückhalten?” Jessy lachte leise und stand auf.

“Haha ... Idiot. Sid und Elias haben sich wieder ins Kleinkindalter zurückgeschossen.”

“Gehen wir in mein Bett?”

“Nee, jetzt bin ich wach.” Blaine sah an sich hinunter. “Toll. Das schreit nach Rache. Mitten in der Nacht, das schwöre ich!”

“Okay… bin ich bei.”

“Klasse.” Blaine verließ das Zimmer, lief die Treppe hinunter und gab Elias einen festen Klaps auf den Hinterkopf. “Hast du Langeweile?”

“Ganz ehrlich? Ja. Joe hat mich versetzt wegen Shannon Fuller. Wer ist das?”

“Ingenieur im dritten Semester”, sagte Jessy und ließ sich auf einen Stuhl in der Küche fallen. “KAFFEE!!!”

Blaine lachte leise. “Ehrlich Salvatas. Du hast uns aus dem Bett geschossen. Los, Kaffee für ihn. Und für mich Kakao!”

Der murrte leise, stand dann aber auf. “Was macht ihr heute?”

“An den Strand gehen? Es ist so warm.” Jessy seufzte.

“Planschen und Beachvolleyball?” Elias stellte ihnen die Tassen hin. “Das klingt gut.”

“Danke.” Jessy trank sofort einen großen Schluck. “Ja, einfach einen Tag am Strand.”

“Wird Zeit, dass die Wettkämpfe wieder losgehen. Ich langweile mich. Heute Abend ist Training. Ich geh packen.”

“Heute ist Samstag.”

“Ich weiß. Aber morgen ist Saisonstart.”

Sid sah hin und her. “Okay… ich pack für den Strand.”

“Ich auch.” Blaine nahm sein Handy und schrieb einigen Leuten, dass sie an den Strand gehen würden.



In der Highland Hall klingelte Dylans Handy. “Ach cool. Strand und Beachvolleyball, Marco?”, fragte er seinen kleinen Bruder, der an seinem Schreibtisch saß.

Beide studierten Medizin, befanden sich jedoch noch im Grundstudium. Erst im nächsten Herbst begann die klinische Ausbildung für Dylan, was ihn dezent nervös machte. Er liebte das Zusammenleben mit Marco. “Wann?”

“Jetzt.”

“Okay.” Marco griff sich sein Buch und sah Dylan an.

“Handtuch, Mütze, Badehose?”

“Mütze?” Marco sah ihn verwirrt an. “Bist du es, Grandpa?”

“Nein, aber ich will Beachvolleyball spielen. Und du bekommst nur wieder einen Sonnenstich, wie vor zwei Jahren!” Dylan warf ihm ein Basecap zu.

“Aber das ist hässlich!”

“Das ist mein Lakers Cap. Das ist schwarz. Das ist nicht hässlich. Dann geh ohne, aber wenn du kotzen musst, fliegst du raus”, sagte Dylan ernst.

“Ja, Mama.” Marco verdrehte grinsend die Augen und nahm seine Tasche, wo er alles einpackte. “Nimm Wasser mit.”

“Ja, Daddy.” Dylan liebte seinen kleinen Bruder. Für ihn war Marco der beste Freund den man haben konnte. Ihre Art, miteinander umzugehen, verwirrte so manch einen, aber dahinter steckten nie böse Worte. Ganz im Gegenteil.

“Holst du mir nachher ein Eis?”

“Nein, du bist dick genug!” Dylan grinste, setzte das Basecap auf, zudem seine Sonnenbrille, dann öffnete er die Tür. Ihr Zimmer lag dem Stevens genau gegenüber und er sah diesen mit seinen Schuhen in der Hand vor dem Bett stehen.

Eigentlich waren die Zimmer sehr typisch amerikanisch. Zwei Betten, dazwischen zwei Nachtschränke, links und rechts jeweils eine kleine Kammer, die als Kleiderschrank diente und auf jeder Seite der Tür ein Schreibtisch mit Regalen. Es war ausreichend und am Ende hatte jeder seine eigene Art, das Zimmer zu seinem zu machen.

Dylan und Marco horteten Unmengen Medizinbücher und hatten Sportposter an den Wänden, während Adam es eher schlicht hielt. Er hatte ein Einzelzimmer. Nicht, weil er es unbedingt gewollt hatte, aber die Eckzimmer waren zu klein für ein zweites Bett und er würde sich ganz sicher nicht beschweren. Er liebte sein kleines Reich und musste es mit niemandem teilen.

“Steven, Adam, auf geht’s!”, rief er in die offenen Zimmer hinein.

“Wie, ich bin dick? Spinnst du?” Marco schubste seinen Bruder leicht.

“Na klar. Du setzt Bäuchlein an, Pummelbär. Steven?”

“Hat er recht.“ Steven kam aus dem Zimmer und grinste Marco an, der anfing zu schmollen und sogar die Unterlippe vorschob. “Oh nein, er fängt gleich an zu weinen!”

Dylan schaute seinen Bruder an. “Kleiner, du bleibst gleich zu Hause!”

“Du kannst mich mal”, murrte er und schnappte sich Adam und legte den Arm um den dunkelblonden, schlanken Mann. “Die sind kacke zu mir.”

“Sind sie das nicht immer?”, fragte Adam und band seine Schuhe zu.

“Ja. Willst du einen großen Bruder haben?”

Adam schaute auf und lachte auf. “Vergiss es, ich bin gern Einzelkind!”

“Ach man. Ich verkauf den.”

Nun legte Adam den Arm um Marcos Schultern. “Vergiss es, bei ihm zahlst du drauf. Und am Ende bringen sie ihn wieder!”

“Dann braucht er einen Mann.”

Adam schaute über seine Schulter zu Dylan und grinste. “Ja, finde ich auch.”

“Willst du ihn?”

“Nein. Du kannst ihn behalten”, lachte Adam laut auf.

Gemeinsam machten sie sich auf den Weg zum Strand, wo Marek bereits im Wasser turnte.

Blaine lag auf dem Handtuch und schaute auf. “Die heißesten Brüder unter der Sonne”, grinste er Marco und Dylan an. “Guten Morgen.”

Marco und Dylan hätten Zwillinge sein können, wäre Dylan nicht ein Jahr älter. Auch optisch hatten sie viele Gemeinsamkeiten. Bereits in der High School hatten diverse Mädchen von ihren leuchtend blauen Augen geschwärmt, oder hätten gern mal in ihre dunkelblonden Strubbelfrisuren gegriffen. Dylan unterschied sich in einem Punkt deutlich. Seine Gesichtszüge waren weitaus markanter, als Marcos, dem immer weichere Züge nachgesagt wurden. Und zum Glück hatten beide ihre Pummelphase weit hinter sich gelassen, so dass sie sich definitiv nicht verstecken mussten.

“Guten Morgen. So früh schon wach?” Marco setzte sich neben ihn aufs Handtuch.

“Ja, es wurde feucht in meinem Bett”, knurrte er in Elias’ Richtung und warf etwas Sand nach ihm, was der grinsend abwehrte.

“Du und Salvatas?”

“Er war’s!”, sagte Elias und deutete auf Sidney.

Sid lachte leise. “Ich hab abgespritzt”, sagte er und schüttelte den Kopf über seinen eigenen Kommentar.

Die Freunde schauten ihn verwirrt, amüsiert und skeptisch an. Von allem war ein bisschen dabei.

“Baby, warum durfte ich nicht direkt bei dir sein, wenn du mich nass machst?”, fragte Blaine.

“Weil du mich immer abweist, wenn ich mit dir flirte.”

“Gar nicht.” Blaine drehte sich auf den Bauch.

“Okay, ich raffs nicht.” Adam setzte sich in den Sand und zog seine Schuhe aus. “Ich will jetzt Beachvolleyball spielen. Ist jemand dabei?”

“Jap. Ich brauche Bewegung.” Sid stand auf und nahm den Ball, den Adam mitgebracht hatte.

Blaine sah den Freunden nach und nahm seinen Skizzenblock heraus. “Jess, wie weit bist du mit der ersten Aufgabe?” Ihre kommende Aufgabe beinhaltete das erste detaillierte Portrait in diesem Semester. Blaine hatte im Unterricht salopp gesagt, dass die Zeit der Strichmännchen scheinbar vorbei waren.

“Fertig. Schon gestern. Hängst du nach?”

“Ja, irgendwie schon. Ich habe viel gemalt in der Sommerpause, aber ... mein Flow ist noch in Florida.”

“Du bist doch schon vier Wochen hier.” Jessy rutschte näher und sah auf den Block. “Such dir jemanden, den du malst.”

Blaine seufzte und blätterte zum nächsten leeren Blatt, doch er hielt inne, als ein schwarz-weißes Foto in den Sand rutschte. Langsam nahm er es in die Hand und runzelte die Stirn. “Ähm ... bin ich das?” Es war eine Nahaufnahme von einer schlafenden Person.

Jessy nahm es ihm aus der Hand und hob die Augenbrauen. Blaine war in seinen Augen eindeutig zu erkennen. Die Hand unter dem Kissen, die Nase in den dunklen Stoff gedrückt, wie es so typisch für ihn war. Jessy fragte sich oft, wie Blaine noch atmen konnte. “Ja, das bist du.”

“Hast du das gemacht?”, fragte Blaine mit einem verwirrten Lächeln.

Jessy runzelte die Stirn. “Warum sollte ich?” Er drehte das Foto um und legte den Kopf schief.

Süße Träume. -A

“Okay … Dein letzter One Night Stand?”

“Nein, ich habe keinen Sex in unserem Zimmer. Das weißt du doch.” Blaine nahm es ihm ab. “A? Wieso ... wer ist A?”

“Adam?”

“Ich hatte nie etwas mit Adam.”

“Mit wem hattest du denn mal was in letzter Zeit? Oder ist es noch von den Ferien?”

“Keine Ahnung, es steht kein Datum drauf.” Blaine spürte eine unangenehme Gänsehaut im Nacken.

“Ist bestimmt nur ein kleiner Scherz. Vielleicht von unseren Hausidioten.”

“Ja, du hast vermutlich Recht.” Blaine steckte es in den Block zurück und schaute sich um. “Schau mal, da ist Kaycee. Sie liest und bewegt sich nicht. Ich werde es an ihr versuchen.” Das zierliche Mädchen mit den dunklen Augen und den dunkelblonden Locken trug einen schwarzen Bikini. Wäre Blaine nicht schwul, wäre sie wohl genau sein Typ.

“Mach das.” Jessy lächelte. “Kannst du mich vorher eincremen?”

“Klar.” Blaine setzte sich auf und nahm das Öl. “Stell dir mal vor, es war jemand im Haus ...”, murmelte er.

“Wie denn? Man braucht einen Schlüssel. Es kann nur einer von unseren Spinnern gewesen sein.”

“Ja ...” Blaine grinste, als er an den schwarzen Shorts ankam. “Du hast nachher wieder einen weißen Arsch.”

“Ich kann mich hier ja nicht einfach ausziehen.”

“Ja, das musst du nachher im Garten machen.” Blaine wischte sich die Hände an einem Feuchttuch aus Sids Tasche ab und legte sich wieder neben Jessy. “Äh ... wo ist Kaycee?”

“Keine Ahnung.” Jessy sah ihn an. “Mal doch mich. Ich renne nicht weg.”

“Oh, dein Gesicht kenne ich in und auswendig, ich habe es schon so oft gezeichnet. Ich brauche eine Herausforderung.”

“Na schönen Dank auch.”

Blaine lachte leise. “Hey, Kaycee, leg dich gefälligst wieder hin!”, rief er der Blondine zu, die nun nicht mehr auf dem Handtuch lag, sondern drei Plätze weiter in einer Tasche kramte.

“Was? Warum?”

“Ich will dich zeichnen!”

“Wozu?”

“Hausaufgaben, Kleines. Los, leg dich hin!” Blaine sah sie, mit dem Stift in der Hand auffordernd an.

“Aber jetzt fühle ich mich beobachtet.”

“Ist okay, ich sehe gut aus. Leg dich hin”, sagte er nochmal.

Jessy lachte leise. “Du bist gerade voll der Stalker. Blaine, such dir wen anderes”, lachte er  und gab ihm einen Klaps auf den Arm.

“Warum? Sie hat ne tolle Strandmähne. Haare sind schwierig für mich. Kay, bitte. Ich tu dir doch nichts. Ich bleib hier sitzen.”

“Ich pass auf, dass er hier bleibt, Kaycee. Ignorier ihn einfach.”

Die junge Frau schüttelte den blonden Lockenkopf und legte sich zu ihren Freundinnen. “Oh Mann.”

“Danke!” Er winkte mit seinem Bleistift und fing an zu zeichnen. “Wenn du ein Mädchen wärst, hättest du dann auch solche Haare?”, fragte er nebenbei.

“Ich lass meine wachsen, dann wissen wir es.”

“Oh bitte nicht, ich liebe deinen Strubbelkopf. Ich hab neulich ein Bild auf deinem Schreibtisch gefunden, da warst du blond. Das sah geil aus!”

“Ja? Du meinst meinen blonden Iro?”

“Ja. Das hatte was für sich.”

“Ist zwei Jahre her.” Jessy fuhr sich durch die Haare. “Und was soll ich sagen… blonde haben echt mehr Spaß”, grinste er frech und stupste ihn an.

Amüsiert grinsend machte Blaine weiter. “Ist das so? Hattest du als Blondine mehr Sex?”

“Ich habe zumindest sehr viel geflirtet.”

“Und was hält dich mit dunklen Haaren ab?”, fragte Blaine und schaute immer wieder zu Kaycee.

“Nichts. Ich finde hier nur nicht so viele toll.”

Blaine hielt inne und schaute ihn nachdenklich an. “Naja, Material gibt’s hier schon.”

“Hm ... keiner catcht mich so wirklich. Da fehlt das gewisse Etwas.”

“Du hattest seit Francis niemanden mehr, oder?”

“Nein.”

Blaine ließ den Stift sinken und sah ihn an. “Fehlt es dir nicht? Ich weiß nicht, ob ich so lange ohne Sex leben könnte.” Blaine schaute auf sein Bild. “Gibt’s etwas, worauf du besonders stehst?”

“Hm… ich weiß nicht. Ich will einfach jemand, der mich umhaut, der … keine Ahnung. Es muss was Besonderes sein.”

“Also ich weiß ja, dass One night stands nicht so dein Ding sind, aber bevor ich gar keinen Sex habe, schraube ich meine Ansprüche um zwei Nuancen runter.”

“Nein. Richtig oder gar nicht.” Jessy lächelte. “Sex ist nicht wichtig zum Leben.”

“Du hattest also noch nie einen One night stand?” So genau hatten sie sich nie darüber unterhalten. Bis vor fünf Monaten hatte Jessy noch einen Freund gehabt. Francis. Blaine hatte ihn gehasst und war nicht traurig gewesen, als Jessy ihm gesagt hatten, dass Schluss war.

“Doch, aber so sollte es für mich nicht sein.”

Blaine sah ihn an und lächelte. “Das ist süß, ehrlich. Nichts für mich, aber süß.”

“Ich hab’s anders versucht, aber es war… langweilig.”

Blaine war mittlerweile an Kaycees Augen angekommen. “Inwieweit ist es anders in einer Beziehung?”

“Weißt du… wenn man richtig doll verliebt ist, dann ist das alles viel intensiver. Besser ... intimer.”

Blaine ließ sich Jessys Worte durch den Kopf gehen, während er arbeitete. “Hm ... kann ich nicht beurteilen.”

“Warst du noch nie verliebt?”

“Ich weiß nicht”, sagte Blaine leise.

“Wenn du es nicht weißt, warst du es nicht.” Jessy legte seinen Kopf an Blaines Arm.

Blaine hielt wieder inne. “Ich war sechzehn, da gab’s Toby. Wir haben uns eine Zeitlang getroffen, aber ich denke nicht, dass ich verliebt war. Danach war ich mit Timo zusammen. Nur für ein halbes Jahr, weil ich dachte, man muss einen Partner haben. Irgendwie hatten alle einen Freund oder eine Freundin. Aber im Grunde war’s eher der Gruppenzwang, als Liebe.”

“Es ist ein schönes Gefühl. Ich würde es gern wieder spüren.”

Blaine lächelte und küsste ihn auf den Kopf. “Er wird kommen, Schatz. Da bin ich sicher. Und es ist amtlich, ich hasse Münder!”

“Du sagtest mal du liebst meinen Mund.”

“Ja, der ist toll, den kann ich auch zeichnen. Wieso klappt es bei Kay jetzt nicht? Was mach ich falsch?”

Jessy sah auf das Bild und griff nach Blaines Hand, um sie zu führen. “Es ist der Winkel. Die linke Seite muss kleiner sein.”

Blaine lächelte, als sie gemeinsam zeichneten. “Dir fällt es so leicht ...”

“Ich zeichne, seit ich einen Stift halten kann. Dafür habe ich Probleme bei den Händen.”

“Hm ... ich kann Tiere besser, als Menschen. Da habe ich keine Probleme. Tiere, Gegenstände, mystisches ...”

“Mal ihr Hörner oder Flügel.”

“Ehrlich? Ich soll‘s verändern?” Das Grundgerüst des Bildes war fertig.

“Ja. Mach es zu deinem Bild. Wir sollen dieses Jahr unseren Stil finden.”

Blaine sah auf die Zeichnung. “Okay, ich denk drüber nach, aber ich mach Kaycee erst fertig.”



Auf der Promenade, die oberhalb des Strandes entlang führte reihten sich Boutiquen, Kramläden, Souvenirshops und vor allem kleine und große Lokale aneinander. In einem saßen Joe und Shannon beim Frühstück. Während Shannon gerade seinen neuen Kaffee bekam, beobachtete Joe die Gruppe am Strand. “Warum bist du nicht bei ihnen?”

“Wir haben ein Frühstücksdate. Auch, wenn es das letzte Mal war, du Vielfraß. Ich hab nicht ein bisschen Rührei abbekommen.”

“Entschuldige.“ Joe lächelte entwaffnend. “Verzeih mir.”

“Ich bin sicher, du kannst es wieder gut machen.” Shannon lächelte amüsiert.

“Oh ja. Wenn du mich lässt.”

“Oh Joe. Nicht mit Sex!”, lachte Shannon auf.

“Warum nicht?”

“Weil das zu einfach wäre.”

“Heißt?” Joe grinste und nahm Shannons Hand.

“Dass dir bestimmt etwas anderes einfällt!”

Joe zog ihn zu sich und küsste ihn einfach.

Shannon grinste an dessen Lippen. Er hätte auch eine neue Portion Rührei genommen. Joe wusste jedoch durchaus, wie man küsste und es fühlte sich gut an.

Amüsiert vertiefte er den Kuss und leckte über Shannons Lippen.

“Gerade halb elf und Joe lässt nichts anbrennen”, grinste Keegan, der mit Sandro vorbeiging.

“Furchtbar. Wie kann er nur?”

“Ja schrecklich.” Keegan schaute zum Volleyballplatz. “Okay, ich geh mich etwas aufwärmen fürs Training und du fragst deinen Mann, was zum Teufel er da versucht!” Keegan legte den Kopf schief und schaute zu Marek, der im hüfthohen Wasser immer auf- und absprang.

“Komm mit rüber. Du kannst dich auch da aufwärmen.”

“Okay.” Keegan trat an den Tisch und nahm sich ein Croissant. “Braucht ihr nicht mehr, oder?”

Joe winkte nur ab, während er Shannon tief küsste und Sandro lachte. Er nahm Keegan mit zu seinen Freunden. “Hey Baby, was machst du da?”

“Training.” Marek war nach vorn gekommen, schüttelte dunkelbraunes Haar und zog die dunklen Shorts ein Stück hoch, waren sie beim Hüpfen doch fast über seinen Hintern gerutscht.  Mit den Händen stützte sich auf den Knien ab und schaute mit seinen leuchtend grünen Augen lächelnd hoch.

“Seit heute Morgen? Baby, ich will keinen Muskelprotz unter mir.”

“Wirst du auch nicht und ich bin erst seit fünfzehn Minuten hier. Davor war ich normal laufen. So wie du, wie ich sehe.”

“Ja ... komm her.”

“Zieh deine Schuhe aus und komm du zu mir.”

Sandro wollte gerade etwas sagen, als der Volleyball an ihm vorbei auf Keegan zuflog.

Der fing ihn auf und lächelte. “Ihr könnt nicht ohne mich, was?”

Sid lächelte. “Nein. Komm, spiel mit uns.”

“Uh Siddy, heute mal mit Zuschauern?” Keegan klopfte Sandro kurz auf den Bauch. “Kommt dazu, wenn ihr Zeit habt”, sagte er und joggte zum Spielfeld.

“Kee und Sid ... Du bist sein bester Freund. Was läuft da eigentlich. Redet Kee darüber?”, fragte Marek nachdenklich.

“Sie vögeln nur hin und wieder, aber es wurde nichts definiert.”

Marek nahm sich sein Handtuch und trocknete sein Gesicht ab. “Kommst du nachher nochmal mit ins Wasser?”

“Klar, meine kleine Wasserratte.”

“Ich bin ein Wasserschwein!” Er grinste munter und nahm sich seine Wasserflasche. “Wo wart ihr heute Morgen?”

“Essen. Du warst ja schon weg.”

Marek lachte auf. “Sorry, aber du kennst mich, wenn ich ausgeschlafen habe, hab ich Hummeln im Arsch. Baby, warum kommst du nicht in die Verbindung? Ich hätte dich gern bei mir.”

“Ich hasse Verbindungen. Sie bekommen alles in den Hintern gesteckt.”

Marek lächelte leicht. “Wir tun aber auch eine Menge Gutes.”

“Ach ja? Was?”

“Wir haben im Mai die Spendenaktion für das Kinderkrankenhaus gemacht. Die Rampe. Erinnerst du dich? Soziale Projekte gehören dazu.”

“Ja, aber die Verbindungen sind dennoch komisch.” Er lächelte und legte seinen Arm um Marek. “Und so geht’s doch auch. Du schläfst mal bei mir, ich mal bei dir.”

Leise und spielerisch murrte Marek, doch dann zuckte er die Schultern. “Du bist eh zu cool für uns.”

“Ja, siehst du.”

“Volleyball?” Marek schaute zu Blaine und Jessy. “Jungs, es ist Wochenende!”

“Ich sonne mich, meckere nicht mit mir. Er ist der, der arbeitet”, sagte Jessy grinsend.

“Ach, das ist doch keine Arbeit. Ich bastel an Kaycee rum. Gibt Jungs, die freuen sich darüber.”

Jessy lachte leise und stand auf. “Ich geh spielen.”

“Volleyball?”, fragte Blaine.

“Jap. Komm mit.”

Blaine schaute zum Feld. “Wird ziemlich voll, oder?”

“Je mehr, umso lustiger. Komm schon.”

Da sie ein Stück vom Feld weg waren, packten sie die Sachen zusammen und nahmen alles mit zum Spielfeld.

“Okay, Freunde. Zieht euch warm an, Marek kommt”, sagte dieser grinsend.

Sid lachte. “Dann zeig mal, was du drauf hast. Die Verlierer müssen die Gewinner massieren!”

“Gilt das auch für ein Mädel?”, fragte Kaycee. Sie schaute die elf Jungs herausfordernd an.

Sid sah sie an und legte den Kopf schief. “Hm… komm her. Du bist in meinem Team.”

Blaine grinste amüsiert und zog Jessy ebenfalls zu Sid. “Steven? Marco? Kommt ihr auf unsere Seite?”

Sid lächelte und sah Keegan in die Augen. “Du wirst mich massieren, Baby.”

“Niemals!” Keegan lachte und ging zu Dylan, Marek, Sandro und Adam. “Tja, dann legt mal los, Jungs. Die sollten wir wohl plattfegen!”

Sandro ging auf Position und begann mit dem Aufschlag.

Blaine stand zwar bereit, doch Marco war regelrecht geblendet.

“Hey Pummelbärchen. Mütze?”, fragte Dylan lachend.

“Nenn mich nicht so!” Marco knurrte und setzte seine Sonnenbrille auf. “Los, Jungs!”

Blaine nahm Sandros Ball an und spielte ihn ab.

“Na, Mädels, wie steht's?”, fragte Susan, die sich neben ihre beste Freundin Zoe in den Sand fallen ließ. Die beiden Mädchen fielen immer auf, egal, wo sie waren. Während Susans langes Haar von einem hellen blond in ein grelles pink verliefen, trug Zoe die lange Mähne in einem verwaschenen blau.

“Das rechte Team ist vorn. Sandro ist gut beim Aufschlag.”

Die Mädchen schauten Sandros Ball nach, der nach dem Aufschlag über ihre Köpfe flog. “Ach ... was du nicht sagst.”

“Okay, die davor.”

Blaine grinste. “Marco, mach sie fertig”

Marco nickte und grinste seinen Bruder an. “Zieh dich warm an.” Er warf den Ball hoch und machte den Aufschlag.

Dylan nahm ihn sauber an. “Zu warm, zum warm anziehen, Kleiner”, gab er amüsiert zurück, als der Ball zwischen Steven und Marco in den Sand donnerte.

“Steven! Das wäre deiner gewesen!”, fluchte Marco, während Steven ihn bedröppelt ansah.

Blaine seufzte. “Dylan, kann ich dich massieren?”

“Sicher.” Er lachte auf. “Los, strengt euch mal an.”

Die Freunde gaben alles. Der Ball flog hin und her und irgendwann kamen sie an einen Punkt, an dem sie sich nichts mehr schenkten.

Die Spannung stieg auch mit jedem Zuschauer.

“Fuck, Leute, ich schwitze, habe Hunger und bin paniert!”, keuchte Blaine. “Könnt ihr euch jetzt mal anstregen!”

“NIMM AN!”, schrie Jessy und warf sich vor dem Netz auf den Boden, um den Ball zu retten.

Die Leute jubelten auf, als der Siegerpunkt an Sandros Team ging.

“Auuu, Blaine!” Jessy jammerte und setzte sich auf. Er hatte sich seine Schulter aufgeschrammt beim Fall.

“Oh Süßer, was machst du denn?”

“Mich anstrengen, damit wir gewinnen und ihr lasst den Ball fallen!”

“Die da”, sagte er und deutete lachend auf Steven und Marco.

Dylan grinste. “Ich freu mich auf die Massage.”

“Ich mich auch. Das wird schön.” Blaine wackelte mit den Augenbrauen.

Kaycee schaute hin und her. “Ich bin gut. Wer legt sich unter meine Fingerchen?” Sie schaute zu ihren Freundinnen. “Das wird ein Fest!”

“Ich.” Sandro zwinkerte ihr zu.

“Oh ... wow. Ich werde abgehen!” Sie wackelte mit den Augenbrauen.

“Aber mach mich nicht nass, okay? Findet mein Freund nicht toll.”

“Ohh ... habt Spaß, dein Freund wird sich mit Jessy amüsieren”, sagte Marek und schaute dem Jüngeren in die Augen.

“Uh.” Jessy lachte. “Verarztet mich einer vorher?”

Dylan streckte die Hand nach ihm aus. “Komm mit. Ich mach das.”

“Hey Elias, da drüben ist dein bester Freund”, sagte Sid und deutete auf Joe, der noch immer mit Shannon am Café saß und diesen küsste.
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