Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Hermines achtes Schuljahr

KurzgeschichteAllgemein / P18 / Het
Hermine Granger Severus Snape
01.04.2021
11.10.2021
15
65.811
51
Alle Kapitel
53 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
30.04.2021 4.449
 
Die nächsten Tage zogen wie im Flug an Hermine vorbei. Die Erinnerung an das Erlebnis auf dem Astronomieturm ließ sie aufgeregt und neugierig zurück. Neugierig auf mehr. Denn das war genau das gewesen, was sie gewollt hatte.

Severus war stark und bestimmt gewesen. Er hatte genau gewusst, was er tat. Aber er war auch zärtlich und vorsichtig. Und wenn sie daran dachte, wie er sie angesehen hatte, mit so viel Gefühl in diesen dunklen Augen, wie sie es noch nie zuvor gesehen hatte, bekam sie erneut eine Gänsehaut.

Bei den Mahlzeiten hatte sie ihn entweder nicht gesehen, oder er hatte nicht in ihre Richtung geblickt. Nichts an seinem Verhalten deutete darauf hin, dass etwas passiert war.

Und so betrat sie am Dienstag das Zaubertränkeklassenzimmer mit Schmetterlingen im Bauch und nervös schwitzigen Händen und als sie seinem Blick für eine Millisekunde begegnete, spürte sie sofort wieder Erregung durch ihren Körper fluten und sie spürte, wie sie errötete.

Er hob eine Augenbraue und wandte den Blick wieder ab. Den Rest der Stunde würdigte er sie keines Blickes mehr und Hermine wusste nicht, was sie davon halten sollte. Er bewegte sich grazil wie immer durch den Raum und kontrollierte die Brauergebnisse, aber er gab keinen einzigen Kommentar ab. Als er an ihrem Kessel angekommen war hatte sie sogar das Gefühl, dass er nur einen flüchtigen Blick in den Kessel warf und sofort weitermarschierte.

Unsicher, was sie von seinem Verhalten denken sollte, trödelte sie am Ende der Stunde beim Einpacken ihrer Sachen.

Severus sah auf, als der letzte Schüler das Klassenzimmer verlassen hatte und hob erneut eine Augenbraue.

„Sie kommen zu spät zum nächsten Unterricht, Miss Granger.“

„Ich hatte gehofft, wir könnten reden.“, antwortete Hermine und schluckte. Sein Ton war distanziert und abweisend, genau wie seine Augen.

„Es gibt nichts zu reden, Miss Granger. Auf Wiedersehen.“, sagte er knapp und wandte sich ab.

Hermine wollte zu einer Antwort ansetzen, doch da hörte sie schon die Schritte der kommenden Schüler. Sie warf noch einen Blick auf ihn, wie er, ihr den Rücken zugewandt, die Trankanweisung für die kommende Stunde an die Tafel zauberte und seufzte.

„Wir werden reden müssen, Professor Snape.“, sagte sie leise, nahm ihre Tasche auf und verließ das Klassenzimmer.

Harry lehnte am Ende des Flurs an der Wand und wartete auf sie.

„Was hat er gesagt?“

„Es gibt nichts zu reden, Miss Granger.“, äffte sie seinen Tonfall nach und verdrehte die Augen. „Was soll das jetzt wieder heißen?“

Harry schnaubte. „Was hast du erwartet? Dass er jetzt einen auf Beziehung macht? So einfach ist das auch nicht.“

„Wer redet denn von Beziehung, Harry?“, zischte Hermine. „Das war nur Sex. Aber es war unglaublich guter Sex und es spricht nichts dagegen, das zu wiederholen.“

„Machst du dir da nicht was vor, Mione? Nur Sex? Du willst doch mehr, als nur Sex.“

Hermine verdrehte die Augen. „Das ist abwegig, Harry und das weiß ich selbst.“

„So meinte ich das nicht. Eigentlich spricht ja nichts dagegen, außer dass er – “ Er sah sich um und senkte die Stimme. „Dein Professor ist. Aber nicht mehr lange. Ich will nur nicht, dass du zu viel erwartest und verletzt wirst.“

„Du meinst, weil er nicht mehr will?“

„Was weiß denn ich, was er will. Allerdings glaube ich ganz ehrlich nicht, dass er der Typ Mensch ist, der seinen Job hier aufs Spiel setzt, nur um ein einziges Mal – du weißt schon.“ Er sah sich wieder um. „Vor allem, weil er sich so zurückgehalten hat die ganze Zeit.“

„Und was mach ich jetzt?“

„Warte bis Freitag und versuch mit ihm zu reden?“


Als Hermine jedoch am Freitag nach dem Frühstück aus der Halle ging, kam Draco angerannt.

„Ich soll dir ausrichten, dass deine Tutorstunde heute Abend entfällt.“, sagte er etwas atemlos.

„Warum das?“, fragte Hermine alarmiert.

„Keine Ahnung, hat er nicht gesagt.“

Hermine seufzte irritiert. Wollte er sie jetzt meiden? Würde er dafür auch ihre Ausbildung beenden?

Er war am Abend nicht beim Abendessen und das ganze Wochenende über war er nirgends zu sehen, weder bei den Mahlzeiten noch beim Durchstreifen der Korridore. Auch als Harry die Karte zu Rate zog, war er nirgends zu finden.

Harry nahm an, dass er das Schloss über das Wochenende verlassen hatte, was Hermine nicht gerade erleichterte. Sie hatte das Gefühl, ihn vertrieben zu haben und fragte sich, ob sie ihn zu sehr bedrängt hatte.


Erst am Montag saß er bei einem frühen Frühstück wieder wie üblich in der Großen Halle am Lehrertisch. Seine Anwesenheit fiel ihr sofort auf, als sie die Halle betrat. Es war fast, als würde seine physische Präsenz ihre Sinne kitzeln. Noch bevor sie ihn sah spürte sie schon, dass er da war. Für einen kleinen Moment begegnete sie seinem dunklen Blick, aber im nächsten Moment hatte er sich schon dem neben ihm sitzenden Professor Flitwick zugewandt.

Hermine spürte Irritation und Wut in sich aufsteigen. War das also alles gewesen? Einmal Sex und das war‘s, dann hatte sie nicht mal mehr einen Blick verdient? War sie nicht mehr wert als das?

Er hatte sich so sehr dagegen gesträubt und jetzt ignorierte er sie einfach. Machte er sie dafür verantwortlich, dass er sich nicht im Griff gehabt und ihren Avancen nachgegeben hatte? Bereute er es?

Frustriert drehte Hermine sich um und verließ die Große Halle wieder und ignorierte ihren rumpelnden Magen den ganzen Tag. Erst zum Abendessen betrat sie die Große Halle wieder, vermied aber jeglichen Blick zum Lehrertisch. Nur aus den Augenwinkeln nahm sie wahr, dass er da war.

„Er sieht rüber.“, raunte Harry ihr zu.

„Mir egal.“, murmelte Hermine und stocherte unmotiviert in ihren Kartoffeln.


Auch die nächste Zaubertrankstunde wurde nicht besser. Sie hatte große Mühe, sich überhaupt auf ihren Trank zu konzentrieren und am Ende der Stunde war sogar Harrys Trank besser geworden als ihr eigener.

Snape blickte nur kurz in den Kessel und runzelte die Stirn.

„Sie werden mir einen ausführlichen Bericht darüber schreiben, was mit ihrem Trank schief gelaufen ist, Miss Granger und ich erwarte diesen Bericht bis morgen Nachmittag auf meinem Schreibtisch.“, sagte er nur.

„Ja, Professor.“, gab Hermine zurück und sah ihm wütend in die Augen. Für einen Moment hielt er ihrem Blick stand, dann wandte er sich wieder ab und Hermine rauschte am Ende der Stunde als Erste aus dem Klassenzimmer.


Als sie am Freitagabend vor dem Klassenzimmer für Zaubertränke stand, wäre sie am liebsten wieder umgekehrt. Sie hatte lange mit sich selbst debattiert, ob sie hingehen sollte oder nicht.

Er hatte ihr weder abgesagt noch ihr eine Nachricht zukommen lassen, ob die Stunde in dieser Woche stattfinden würde.

Aber falls die Stunde stattfinden sollte, wollte sie nicht schwänzen. Allerdings hatte sie seinen geforderten Bericht geschrieben, als sie noch immer schrecklich wütend gewesen war und jetzt schalt sie sich selbst für ihre kindische Reaktion. Falls er ihren Bericht bereits gelesen hatte, würde diese Stunde vermutlich nicht besonders gut für sie ausgehen.

Plötzlich wurde die Tür des Klassenzimmers aufgerissen und sie quiekte erschrocken auf.

„Wollen Sie den ganzen Abend hier herumstehen, Miss Granger oder kommen Sie endlich rein?“, fragte er bissig, wandte sich um und schritt durch das Zimmer zurück zu seinem Tisch.

Hermine schloss die Tür hinter sich.

„Sie sind zu spät.“, schnarrte er von vorne. Er stand hinter dem Tisch und hatte die Arme verschränkt. Ihre Laune sank noch tiefer. Als wäre nichts geschehen.

„Wir haben nie eine Zeit ausgemacht, Professor. Ich bin direkt nach dem Essen gekommen. Ich bin nicht zu spät.“, widersprach Hermine wütend.

Er durchbohrte sie mit einem durchdringenden Blick, der ihre Knie weich werden ließ.

„5 Punkte Abzug für Gryffindor.“, sagte er kalt. Dann hob er ein Stück Pergament von seinem Schreibtisch auf und hielt es hoch. „Und könnten Sie mir netterweise erklären, was in Merlins Namen in Sie gefahren ist, mir solch einen Bericht abzuliefern?“

Hermine lief rosa an. Er hatte ihn also bereits gelesen. Sie wünschte sich, es täte sich ein Loch im Boden auf und würde Sie verschlucken, aber sie holte tief Luft und zwang sich, ihm in die Augen zu sehen.

„Sie wollten einen Bericht über die Gründe, warum ich meinen Zaubertrank verpatzt habe und diesen Bericht habe ich Ihnen geliefert, Professor.“

Ungläubig starrte er zurück, dann sah er auf das Pergament und räusperte sich.

Der Zaubertrank, den zu brauen ich angewiesen wurde, ist äußerst kompliziert im Vorgang. Anweisungen müssen genau befolgt werden. Konzentration ist essentiell. Ich sah mich jedoch nicht in der Lage, die benötigte Konzentration auf meinen Trank zu lenken.“, begann er mit dröger Stimme vorzulesen.

Als er am Ende des Textes angekommen war, war Hermine dunkelrot im Gesicht.

„Und? Sie wollten wissen, warum ich meinen Trank versaut habe. Da steht es.“

„Meine Präsenz hat sie also so sehr gefangen genommen, dass sie sich unfähig sahen, ihren Trank zu brauen?“, fragte er nach und zu Hermines fassungsloser Überraschung, zuckten seine Mundwinkel nach oben.

Sie presste die Lippen zusammen, verfluchte sich für ihre verräterische Röte im Gesicht und zuckte die Achseln.

Er deutete auf den Tisch in der ersten Reihe, an dem Hermine normalerweise ihren Kessel aufbaute.

„Sie werden dieses Klassenzimmer nicht eher verlassen, bevor Sie mir einen einwandfreien, sachlichen Bericht über den Zaubertrank und die Art und Weise, wie sie ihn verdorben haben, geschrieben haben. Ich will nichts über meine sonore Stimme oder meine eindrucksvolle Präsenz lesen, ist das klar?“, fragte er, aber seine Stimme war nicht mehr so ausdruckslos wie zu Beginn, tatsächlich hätte Hermine schwören können, dass ein Hauch von Amüsement darin mitschwang.

„Ja, Professor Snape.“, sagte sie also, ließ sich am Tisch nieder und holte Pergament und Feder aus ihrer Tasche. Aus den Augenwinkeln konnte sie sehen, wie er sich hinter seinen Schreibtisch setzte.

Sie hielt die Augen fest auf das Pergament gerichtet, aber sie spürte seinen Blick auf sich und hörte jede Bewegung, die er machte.

Ansonsten war es völlig still im Zimmer, während Hermine das Pergament vollkritzelte und sich nebenher fragte, was er wohl gedacht hatte, als er ihren Bericht gelesen hatte.

Sie wusste nicht, wie lange sie geschrieben hatte, aber ihre Hand begann schon zu krampfen. Sie hatte den Vorgang des Zaubertrank ins allen Einzelheiten aufgeschrieben und im Detail erklärt, wo sie einen Fehler gemacht hatte. Die Gründe über ihre Fehler hatte sie diesmal komplett ausgelassen, das hatte er im letzten Bericht schon zur Genüge lesen können.

Als sie endlich zum Ende kam sah sie erleichtert auf und blickte direkt in seine Augen, die sie musterten.

„Ich bin fertig.“

Wortlos streckte er eine Hand aus und das Pergament flog zu ihm.

Sie beobachtete, wie seine Augen über das Geschriebene huschten. Sein Gesicht blieb völlig ausdruckslos, während er las, die Augen waren das Einzige, was sich bewegte. Eine Haarsträhne war ihm ins Gesicht gefallen. Hermine erwischte sich bei dem Wunsch, sie nach hinten zu streichen, so wie er es bei ihr getan hatte. Erinnerungen an die Nacht auf dem Astronomieturm kamen wieder hoch. Hitze stieg in ihr auf und sie erschauderte.

Dann fiel ihr auf, dass er fertig gelesen hatte und sie nun mit einer hochgezogenen Augenbrauen bedachte, scheinbar neugierig darauf, was sie dachte. Sie spürte sich schon wieder erröten.

„Der Bericht ist in Ordnung. Sie können gehen, Miss Granger.“

Hermine packte mit zitternden Fingern ihre Sachen zusammen und stand auf.

„Meiden Sie mich, Professor?“, platzte es aus ihr heraus, bevor sie die Worte aufhalten konnte.

Er seufzte leise. „Nein, Miss Granger. Ich versuche nur, etwas der verbliebenen Professionalität zu wahren.“

„Warum haben Sie dann die letzte Tutorstunde absagen lassen?“

„Das hatte nichts mir Ihnen zu tun, Miss Granger.“

„Womit dann?“

„Mit – persönlichen Angelegenheiten.“

Sie starrte ihn an und er starrte zurück. Ein kleines, lächerliches Gefühl des Triumphes stieg in Hermine auf, als er den Blickkontakt zuerst abbrach.

„Haben Sie mich nur benutzt, Professor?“, fragte Hermine.

„Nein!“, sagte er heftig. „Natürlich nicht!“

„Bereuen Sie es?“

Er seufzte und fuhr sich unsicher durch die Haare. Eine seltsame, intime Geste, wie Hermine fand.

„Nein. Aber – es sollte sich nicht wiederholen. Es ist unangemessen. Ich habe mich vergessen und es tut mir Leid.“

„Mir tut es nicht leid.“, sagte Hermine leise. „Ich wünschte nur, sie würden mich nicht dafür bestrafen.“

„Ich – ich bestrafe dich nicht.“

Unbewusst war er wieder zum Du übergegangen, wie Hermine sofort auffiel.

„Fühlt sich für mich schon so an. Du siehst mich nicht mal mehr an. Du meidest mich.“

„Hermine.“, sagte er mit fester Stimme. Da war er wieder. Ihr Name aus seinem Mund. „Was passiert ist war – unerwartet. Und – schön. Aber falsch. Es darf nicht wieder passieren.“

„Weil ich deine Schülerin bin?“

„Weil du meine Schülerin bist. Weil ich 20 Jahre älter bin als du. Weil es einfach nicht richtig ist.“

„Du willst das Richtige tun. Das bewundere ich. Und ich werde es respektieren, wenn es das ist, was du willst. Auch wenn das Richtige schrecklich langweilig ist. Manchmal macht es so viel mehr Spaß, die Regeln zu verletzen.“

„Das aus deinem Mund zu hören.“, murmelte Severus ungläubig.

„Ich hatte schon immer einen Hang dazu, die Regeln zu verletzen.“

„Ausgerechnet du?“

„Ja. Ausgerechnet ich. Wenn du wüsstest, was wir alles gemacht haben, wie viele Regeln wir gebrochen haben…“

„Oh, dass Potter gerne die Regeln verletzt hat ist mir durchaus bewusst.“

„Aber dir ist sicher nicht bewusst, dass viele seiner Regelverletzungen auf meinen Mist gewachsen sind, nicht wahr?“

Jetzt schmunzelte er. „Kann ich mir kaum vorstellen.“

„Wenn du mich das nächste Mal auf einen Drink in deine Wohnung einlädst, erzähle ich dir ein paar der besseren Geschichten. Was sagst du?“

„Hermine.“, sagte er warnend.

„Rein freundschaftlicher Natur, natürlich nur. Ein Professor und seine beste Schülerin. Im vergangenen Jahr hast du mich auch in deine Wohnung eingeladen. Hattest du da die Absicht, mich ins Bett zu kriegen?“

„Natürlich nicht.“

„Also. Dann ist ja alles bestens.“

„Warum tust du das alles, Hermine?“, fragte er belustigt. „Warum gibst du dir solche Mühe mit einem deutlich sinnlosen Unterfangen?“

„Was an diesem Unterfangen ist sinnlos, Severus?“, fragte Hermine lächelnd. „Aber um deine Frage zu beantworten, das war der beste Sex meines Lebens und ich sehe keinen Grund, das nicht irgendwann zu wiederholen. Und jetzt sollte ich gehen. Gute Nacht, Professor Snape.“

Sie nahm ihre Tasche und verließ das Klassenzimmer mit einem leichten Schwung in ihrem Schritt und ließ einen sprachlosen und etwas verwirrten Severus Snape zurück. Hatte er zu Beginn der Stunde die Absicht gehabt, professionell und distanziert zu bleiben, hatte sie ihn mit wenigen Worten aus der Reserve gelockt und von Distanz war schon wieder nichts zu spüren. Sie hatte schamlos mit ihm geflirtet und zu allem Übel hatte ihm das auch noch gefallen.


Die Woche über hatte Hermine absichtlich sämtliche Blick zum Lehrertisch in der Großen Halle gemieden und war stets vor ihm aus der Halle geschritten, aufrecht und mit schwingenden Hüften. Harry hatte ihr danach berichtet, wenn Snape ihr nachgestarrt hatte, was mehr als einmal passiert war. Snape war allerdings nicht der Einzige, der seine Blicke auf sie richtete, wenn sie die Halle verließ, auch der Siebtklässler Marvin, mit dem sie sich beim Silvesterball kurz unterhalten hatte, zeigte ein deutliches Interesse an ihr. Mehr als einmal begegnete Hermine ihm in den Korridoren und zweimal hatte sie bereits eine Einladung nach Hogsmeade ausgeschlagen.

Am Freitag stand Hermine überpünktlich vor der Tür von Severus Labor, wo er sie für den Abend hinbestellt hatte. Sie klopfte und trat auf sein Rufen ein.

Als er sie erblickte erbleichte er sichtbar. Hermine hatte sich heute besonders viel Mühe gegeben und sich für einen recht kurzen Rock und einen sehr engen, tief ausgeschnittenen Pullover von Ginny entschieden. Den Umhang, den sie beim Essen noch getragen hatte, hatte sie in ihre Tasche gesteckt.

„Guten Abend, Professor Snape.“, sagte sie keck und lächelte breit. Er schluckte sichtlich.

„Miss Granger.“, sagte er heiser. Dann straffte er die Schultern und schien sich wieder zu fangen „Ich hatte gehofft sie assistieren mir heute wieder mit einigen Tränken für den Krankenflügel. Nachschub wird benötigt.“

„Aber sehr gern, Professor Snape.“

Hermine machte sich frisch fröhlich ans Werk und begann, die vorbereiten Zutaten zu zerkleinern.

„Darf ich dich duzen, wenn wir unter uns sind?“, fragte sie irgendwann in die angenehme Stille hinein.

„Ich sehe keinen Grund warum nicht.“, antwortete er.

„Wundervoll. Hast du den Artikel in der neusten Ausgabe von Zaubertränke heute gelesen über die neusten Entdeckungen bezüglich des Wolfsbanntrankes?“

Severus schnaubte leise. „Das habe ich.“

„Warum nur wurden diese Entdeckungen nicht schon viel früher gemacht? Eigentlich liegt es doch auf der Hand und dadurch kann der Trank in größerer Menge für ein breiteres Publikum zugänglich gemacht werden.“

„Vielleicht hat der Entdecker jetzt endlich wieder etwas Zeit an der Hand um sich der Forschung zu widmen.“, sagte Severus amüsiert.

Hermine hielt in ihrer Bewegung inne und sah irritiert auf. Dann kam die Erkenntnis. „Du hast diese Entdeckungen gemacht?“, fragte sie überrascht.

„In der Tat.“

„Wow. Das ist ja wundervoll. Der Gedankengang, wie du darauf gekommen bist, war schlichtweg genial.“

Er fühlte sich mit Hermines Aussage sichtlich unwohl, aber er brachte dennoch ein kleines Lächeln zustande.

„Du forschst also gerne. Sollte mich nicht wundern. An was forschst du sonst noch?“

„Ich habe einige deiner Gedankengänge zur Verbesserung diverser Tränke genauer in Augenschein genommen. Du erinnerst dich, dass wir im letzten Jahr darüber gesprochen haben? Ich war – gelinde gesagt – fasziniert davon, was du dazu zu sagen hattest.“

„Wirklich?“, fragte Hermine geschmeichelt.

„Falls etwas dabei rauskommt zögere ich natürlich nicht, deinen Namen zu nennen.“

„Oh, nein, das ist nicht nötig. Ich habe lediglich rumgesponnen, verschiedene Gesetzte des Zaubertrankmachens miteinander verwoben. Es war ein Spaß, das gebe ich zu. Hat mich ein ganzes Wochenende gekostet aber es hat Spaß gemacht.“

„Das war ersichtlich. Ich habe es genossen, diesen Bericht zu lesen.“

Hermine errötete und lächelte zufrieden, dann wandte sie sich wieder ihren Zutaten zu.

Während sie arbeiteten, floss die Konversation dahin. Sie genoss es, mit ihm über die verschiedenen Zaubertranktheorien zu sprechen, aber auch das anschließende Gespräch über Muggelliteratur ließ keine Wünsche offen.

Sie lauschte entzückt einer einwandfrei rezitierten Textpassage aus einem ihrer Lieblingsbücher von Oscar Wilde und gab ihrerseits eine Darstellung ihrer Lieblingsstelle aus einem Buch von Virginia Woolf zum Besten.

Severus schien entspannt zu sein. Er lachte und machte gelegentlich einen sarkastischen Scherz und am Ende der Brausession wollte Hermine am Liebsten bleiben und weiterreden.

Severus ließ seinen Hals knacken, als er seinen Kopf nach rechts zur Schulter und dann in die andere Richtung bewegte und rieb sich über die angestrengten Nackenmuskeln.

„Brauchst du eine Massage?”, fragte Hermine grinsend.

Er ließ seine Hand an seine Seite fallen. „Ich brauche nur einen Schmerztrank.“, antwortete er, ohne sie anzusehen. „Willst du noch etwas trinken?“

Er wies auf ein Tischchen neben der Tür, auf dem eine Flasche Whiskey und zwei Gläser standen. „Ich hielt es für sicherer, den Absacker hier im Labor zu trinken.“, sagte er und schenkte ihr ein freches Grinsen.

Hermine rollte demonstrativ die Augen und grinste zurück. „Hast du Angst vor mir, Severus?“

„Oh, nein, ich vertraue nur meiner Selbstbeherrschung nicht mehr.“

„Gerissen.“, seufzte Hermine. „Gut. Ich würde gern noch etwas trinken.“ Sie ging zum Tischchen und schenkte ihnen beiden einen großzügigen Schluck Whiskey ein.

„Um dein Glas zu bekommen musst du aber näher kommen.“, sagte sie schmunzelnd, weil er noch immer in großem Abstand zu ihr hinter seinem Arbeitstisch stand. „Ich werde dich schon nicht direkt anspringen.“

Jetzt war es an ihm, die Augen zu rollen und er kam zu ihr rüber, beugte sich an ihr vorbei und nahm sein Glas in die Hand.

„Ich weiß, was du tust.“, sagte er und sah ihr fest in die Augen.

„Was tu ich denn?“, fragte Hermine unschuldig, ging ein paar Schritte von ihm weg und setzte sich dann elegant auf die Kante ihres Arbeitstisches. Severus musste sich zwingen, woanders hinzusehen als auf ihre nackten Beine, die jetzt vom Tisch runter baumelten.

„Du versuchst, mich zu reizen. Wackelst absichtlich mit deinem Hintern vor mir rum, trägst kurze Röcke und keinen Umhang. Du flirtest mit mir.“

„Und, funktioniert es?“

„Das weißt du sehr genau, Hexe.“, murmelte er in sein Glas und ignorierte ihr zufriedenes Grinsen.

„Ich teste nur deine Selbstbeherrschung.“, sagte Hermine.

„Was trägst du eigentlich immer alles in deiner Tasche mit dir rum? Sogar zu den Tutorstunden kommst du mit vollbepackter Tasche, dabei brauchst du doch hier gar nichts weiter mitbringen.“, fragte er, um das Thema zu wechseln.

„Ich hab immer eine Auswahl an verschiedenen Büchern dabei.“, sagte Hermine achselzuckend. „Falls ich fünf Minuten Zeit zum Lesen habe, oder beim Abendessen etwas Ruhe habe oder so. Sicherheitshalber.“

„Eine Auswahl?“, fragte Severus ungläubig.

„Ja, natürlich. Ich weiß doch vorher nicht, was genau ich lesen will.“

Severus schnaubte amüsiert. „Du schleppst also ständig mehrere Bücher mit dir herum? Was hast du jetzt dabei?“

Hermine hüpfte vom Tisch und schnappte ihre Tasche. Sie zog einen dickeren Wälzer heraus.

Verwandlungen für Fortgeschrittene.“, sagte sie und hielt es kurz hoch. „Sehr interessant, vor allem das Kapitel über Animagi.“

„Gedenkst du, ein Animagus zu werden?“

„Ich hatte darüber nachgedacht, ja. Minerva ist bereit, mich zu unterstützen. Verwandlungen ist nach Zaubertränke meine Leidenschaft und ich denke ich wüsste wirklich gerne, was meine Animagus-Form ist.“

„Was erwartest du denn?“

„Vielleicht eine Eule.“, lachte Hermine und zog das nächste Buch heraus. „Mein Lieblingsbuch von Virginia Woolf, das hab ich eigentlich immer dabei. Sieht entsprechend zerlesen aus, ich habe es bereits unzählige Male gelesen. Ich kann es dir gerne ausborgen, wenn du Interesse hast. Und dann noch Emma von Jane Austen, auch ein tolles Buch, das sich gut zum Zwischendurchlesen eignet.
Und als letztes natürlich mein Zaubertränkebuch. Dazu kommen noch ein paar Pamphlete vom Ministerium über die verschiedenen Abteilungen, die ich im Moment studiere."

Für ein paar Momente war Severus sprachlos. Sie war verrückter als er, was Bücher anging, das war eindeutig.

„Was denn? Trägst du nie Bücher mit dir herum?“, fragte Hermine beim Anblick seiner sprachlosen Miene. „Ich meine, die Jungs machen sich gerne darüber lustig, aber bei dir hätte ich eigentlich erwartet, dass du es ähnlich handhabst.“

Er schnaubte, dann zog er ein geschrumpftes Buch aus seiner Umhangtasche. „Ich habe in der Tat immer ein Buch dabei. Aber meine Auswahl ist nicht so groß wie deine. Mein Rücken ist aber auch nicht mehr der Jüngste, er würde es mir übel nehmen, wenn ich Tag ein Tag aus eine zentnerschwere Büchertasche mit mir herumtrüge.“

Hermine grinste und nahm ihm das Buch aus der Hand, um einen Blick darauf zu werfen.

Sein Herzschlag beschleunigte sich, als sich ihre Finger kurz streiften.

„Das ist nichts im Vergleich zu meiner Tasche im dritten Schuljahr. Ich habe nie alle Bücher hineinbekommen, die ich an dem Tag gebraucht habe.“

„War das nicht das Schuljahr, in welchem du Kurse doppelt belegt hattest?“

„Genau das. Ich hätte zwei Taschen gebraucht, bei all den Büchern. Ich musste sogar meine Romane zurücklassen. Aber andererseits hatte ich in jenem Schuljahr sowieso keine Zeit, zum Vergnügen zu lesen.“

„Wohl kaum. Und doch hast du nur Bestnoten erzielt, wie in jedem Jahr. Du warst schon immer eine Überfliegerin.“

„Unsinn, ich lese nur gerne und liebe es, neue Dinge zu lernen.“

„Haben Potter und Weasley nie  bemerkt, dass du ständig in der Zeit zurück gereist bist?“, wollte Severus neugierig wissen. Die Dynamik zwischen diesen drei so verschiedenen Charakteren hatte er schon immer spannend gefunden, vor allem weil er Potter und Weasley nicht gerade als sehr aufmerksame Kinder erlebt hatte. Außer natürlich wenn es um etwas Verbotenes ging.

Hermine lachte laut, während sie ihre Bücher wieder in ihre Tasche stopfte.

„Oh nein. Sie haben sich manchmal gewundert, aber nicht weiter darüber nachgedacht, denke ich. Harry und Ron sind manchmal schrecklich beschränkt und begriffsstutzig, was solche Dinge angeht. Vor allem Harry, obwohl sich das inzwischen geändert hat. Er ist aufmerksamer geworden. Aber wenn ich bedenke, dass die beiden ein Jahr lang nicht bemerkt haben, was los ist …“

Sie kicherte wieder, nahm ihren Platz auf dem Tisch wieder ein und sah ihn an.

„Was ist das zwischen dir und Potter?“, fragte Severus frei heraus. Seit dem Astronomieturmabend, an dem er die beiden durch die Korridore hatte schleichen sehen und seit er sie näher beobachtete, fragte er sich was das für ein seltsames Verhältnis zwischen ihr und Harry war. Sie schienen vertraut miteinander umzugehen, sie umarmten sich oft, manchmal liefen sie händchenhaltend durch die Schule. Dumbledore hatte früher immer vermutet, dass Hermine und Harry eines Tages ein Paar werden würden und hatte sogar eine Wette mit Minerva abgeschlossen, aber Severus hatte Harry auch schon mit anderen Mädchen gesehen.

„Harry ist mein bester Freund.“, sagte Hermine.

„Weasley nicht?“

„Ron ist auch mein Freund, aber nicht so wie Harry. Wir stehen uns so nah. Er ist mein engster Vertrauter. Er war immer für mich da, in jeder Lebenslage, ich konnte mich immer auf ihn verlassen und anders herum war es genauso.“

„Was bedeutet, er ist dein Freund mit gewissen Extras?“, griff Severus den Begriff auf, den Hermine bereits einmal in diesem Zusammenhang gebracht hatte. Neugierig stellte er fest, dass sich wieder eine hübsche Röte über ihre Wangen zog.

Sie räusperte sich. „Oh, das weißt du noch, hm? Naja. Das heißt, dass wir gelegentlich – ähm – das Bett teilen. Teilten. Wie auch immer.“

Er blinzelte verständnislos.

„Sex.“, murmelte Hermine.

„Du schläfst mit Potter?“, keuchte er hervor. Weasley hätte er erwartet, aber Potter?

„Also – überrascht dich das jetzt wirklich so sehr?“, fragte Hermine belustigt, aber immer noch sehr rot im Gesicht.

„Jetzt macht euer Verhalten in der Nacht auf dem Weg zum Astronomieturm mehr Sinn.“, murmelte Severus. Irgendwie gefiel ihm der Gedanke von Hermine in Potters Bett nicht. Oder in irgendeinem Bett außer seinem eigenen.

„Das war nicht der Grund unseres Ausflugs in jener Nacht.“, lachte Hermine. „Da war das alleinige Ziel, dich auf den Turm zu locken.“

Severus rollte die Augen. „Biest.“

Hermine zuckte die Achseln. „Ich hab das Gefühl, man muss dich zu deinem Glück zwingen.“

„Und ich habe das Gefühl, du fühlst dich zu wohl. Vielleicht solltest du jetzt besser gehen.“

„Vielleicht.“, sagte Hermine, hopste vom Tisch und stellte ihr leeres Glas wieder auf den Beistelltisch neben seiner Wohnungstür.

Dann drehte sie sich wieder zu ihm um. „Das zwischen Harry und mir, das war immer rein – freundschaftlich. Da waren nie romantische Gefühle im Spiel. Und das letzte Mal liegt schon einige Zeit zurück.“

„Warum sagst du mir das?“

„Ich will nur nicht, dass du einen falschen Eindruck von mir bekommst. Oder davon, was das hier ist.“ Sie gestikulierte zwischen sich und ihm hin und her und er hob eine Augenbraue.

„Das hier ist gar nichts.“, sagte er streng. „Ein Professor und eine Schülerin, die zusammen arbeiten und zum Abschluss etwas trinken und sich unverfänglich unterhalten.“

„Ganz unverfänglich.“, stimmte Hermine zu. „Es ist sicher nicht verfängliches daran, seiner Schülerin Fragen zu ihrem Privatleben zu stellen oder ihr das ein oder andere Mal auf die Brüste zu schauen.“

Sie lachte über sein ertapptes Gesicht. „Gute Nacht, Severus.“

„Gute Nacht, Hermine.“, murmelte er, als die Tür hinter ihr ins Schloss fiel.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast