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TBK ist in Riverdale

GeschichteAllgemein / P12 / Gen
Archie Andrews Betty Cooper Cheryl Blossom Jughead Jones Veronica Lodge
01.04.2021
01.04.2021
1
4.639
 
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Kapitel 1:

Sie ist hellwach. Der letzte Alptraum hat sie so aus dem Schlaf gerissen, so aufgewühlt, dass sie es gar nicht erst versucht hat wieder einzuschlafen. Stattdessen liegt sie mit aufgerissenen Augen auf dem Bett und starrt an die Decke, spürt dabei gar nicht wie die Tränen hinunterlaufen.
Sie atmet tief durch, versucht sich zu beruhigen, sich zu konzentrieren, sich nicht wieder der Trauer, der Wut oder der Furcht hinzugeben. Sie hat keine Zeit vor ihrem persönlichen Alptraum Angst zu haben, sie hat keine Zeit sich voll und ganz ihren Problemen hinzugeben, sie überhaupt nur zuzulassen.
Und doch kann sie sich noch so oft einreden, dass sie keine Emotionen zeigen darf, dass sie ihre Probleme beiseite schieben muss. Sie träumt dennoch jede Nacht von ihm, sie wacht trotzdem hyperventilierend und schweißgebadet auf und schreit sich die Seele aus dem Leib. Doch wer würde nach ihr sehen? Wer würde sich nach ihr erkunden?
Ihr kommt ein gewisses, rothaariges Gesicht in den Kopf. Archie sagte er würde ihr beistehen, als Freund. Er würde sie nicht allein durch alles gehen lassen. Aber wo war er? Wieso hat er seit Tagen nicht mit ihr gesprochen, nicht mal auf ihre letzte Nachricht reagiert?
Sie wollte es sich nicht eingestehen, doch sie kann nicht verleugnen, dass sie ihn vermisst, dass sie ihren Fluchtort, ihr Licht am Ende des Tunnels, ihre Ablenkung vermisst. Ihn. Der Junge von nebenan, der seit ihrer Kindheit immer an ihrer Seite stand, ist nicht mehr da. Er hat sich gegen sie entschieden und für Veronica. Genau wie damals.
Gedankenverloren steht sie schließlich auf und blickt durch das Fenster, sucht noch einmal vergeblich das Licht in der Dunkelheit. Doch sein Zimmer ist dunkel, sein Licht ist aus. Es bricht ihr das Herz.

Alice leises, heimliches Schluchzen, das aus ihrem Schlafzimmer ertönt, bringt Betty wieder in die Realität zurück. Dass ihre Mutter leidet, ist nur ihre Schuld. Sie hat ihre Mutter angelogen, ihr die Hoffnung gemacht, dass Polly noch leben könnte. Wieso nur? Sie hat das Blut gesehen, sie weiß, dass wem auch immer das Blut gehörte, tot sein müsste. Und es war Pollys Blut, darin besteht kein Zweifel.
Betty hat nicht gut genug nach Polly gesucht. Sie wusste etwas ist im Argen, sie wusste, dass Polly nicht einfach abgehauen oder untergetaucht ist. Sie wusste, dass sie in Schwierigkeiten steckt, in Gefahr ist. Sie schob es darauf, dass sie nicht die Ressourcen hatte, um alleine nach ihr zu suchen. Dass sie sich nicht mit allem, was sie hatte, dem Finden ihrer Schwester verschreiben konnte. Dass Glen ihr nicht die volle Erlaubnis gab. Doch wann hat sie ein Verbot jemals von etwas abgehalten? Wann stand ihr ein Verbot oder gar das Gesetz je im Weg? Wenn sie zehn Jahre zurückdenkt, als sie das letzte Mal verzweifelt nach Polly gesucht hat, konnte sie niemand davon abbringen sie zu finden. Hatte sie diesmal einfach aufgegeben? Hatte sie keine Kraft mehr? Warum hat sie nicht alles gegeben?
Als sie vor ihrem Fenster steht und in Archies dunkles Zimmer starrt, wird es ihr plötzlich klar. Sie war abgelenkt, sie wurde abgelenkt. Von Archie. Von Karaoke Abenden, von Key Partys. Von dem Gedanken daran wieder jung und unbeschwert zu sein, in der Hoffnung die Alpträume und das Trauma zu vergessen. Von Archies Idee diese Stadt zu retten, von der Idee an der Riverdale High zu unterrichten. Von Archie. Während ihre Schwester in den vergangenen vier Wochen alleine war, vermutlich verzweifelt um ihr Leben kämpfte und auf Bettys Hilfe zählte, schlich Betty mit Archie herum. Es war nicht nur ihre Schuld, sondern seine.

Ohne groß nachzudenken, zieht sie sich schnell an, schlüpft in die Lederjacke, bindet sich die Haare zusammen und wirft einen Blick in den Spiegel. Sie betrachtet sich genau, blickt sich selbst tief in die grünen Augen, die sie von ihrem Vater geerbt hat. Und sie beginnt zu verstehen. Riverdale ist verflucht, voll von Menschen, die Verbrechen begehen und die ungestraft davon kommen. Und sie hat genug davon. Sie wird es in die eigene Hand nehmen, völlig egal, ob Glen es ihr verboten hat oder ob Archie ihr beistehen würde. Sie wird ihre Schuld begleichen und für Gerechtigkeit sorgen. Sie wird Pollys Mörder finden und Pollys Körper nach Hause bringen. Sie wird ihre Schwester nicht im Stich lassen, nicht nochmal.

Betty wischt sich mit dem Handrücken die noch übrigen Tränen aus dem Gesicht und öffnet eine Schublade. Entschlossen nimmt sie ihre Waffe heraus, lädt sie nochmal nach und eilt aus ihrem Zimmer.

Als sie leise die Türe hinter sich schließt und die kalte Luft einatmet, erwischt sie sich dabei, wie sie doch wieder zu Archies Haus blickt und spürt eine Wut aufkommen. Es war auch seine Schuld. Er hat sie hergelockt, abgelenkt und dann verlassen.
Und nun steht sie hier, völlig alleine.
Auf einmal ist ihr egal, dass es mitten in der Nacht ist, dass sein Licht nicht an ist. Sie rennt zu ihm herüber und klingelt mehrmals. Als keine Reaktion kommt, beginnt sie so lange und laut zu klopfen, bis endlich ein verschlafener Archie die Tür öffnet.
„Betty?“, fragt er verwirrt, reibt sich dabei die müden Augen. Doch als er ihr rotes Gesicht sieht und ihre feuchten Wangen bemerkt, ist er hellwach. „Was ist los?“, hakt er schnell nach.
Sie starrt ihn für einen Moment nur an, blickt ihm tief in die Augen, ist kurz davor sich wieder in ihnen zu verlieren, ihm alles zu vergeben. Doch dann taucht wieder das Bild von Polly auf, das Bild der zerstörten Telefonzelle, das ganze Blut, das ihrer Schwester gehörte. Und die Dunkelheit ergreift wieder die Oberhand.
„Ich kündige“, sagt sie nur knapp, funkelt ihn dabei mit all der Wut, die sie gerade verspürt, an. Als er sie nur entgeistert mustert, möchte sie sich gerade umdrehen und ihn stehen lassen, da findet er schließlich seine Worte und fragt verwirrt: „Was? Wovon sprichst du?“
„Ich sagte, ich kündige!“, wiederholt sie mit zusammengebissenen Zähnen. „Ich habe keine Zeit irgendwelchen Kindern beizubringen, wie man bescheuerte Autos repariert“, erklärt sie noch.
„Betty“, sagt er nur, sichtlich verwirrt. Er berührt sie am Arm, doch sie zuckt ihn schnell weg, funkelt ihn böse an, woraufhin er sie noch weniger versteht. „Wir haben doch eine Mission hier, eine Aufgabe“, entgegnet er, beinahe flehend. „Riverdale zu retten“, sagt er noch mit großen Augen.
„Du vielleicht, Archie“, antwortet sie nur kalt. „Sag bitte Weatherbee morgen Bescheid“, sagt sie noch und dreht sich schließlich um, doch seine Stimme hält sie abermals auf: „Wir sind doch schon auf einem guten Weg. Du kannst uns nicht im Stich lassen…nicht jetzt.“
Sie kann kaum glauben was sie gerade hört. Vor lauter Schock weiten sich ihre Augen, als sie sich zu ihm dreht und näher auf ihn zugeht.
„ICH lasse EUCH im Stich!?“, fragt sie fassungslos, ignoriert dabei völlig welche Uhrzeit gerade ist und wen sie mit ihrer lauten Stimme wecken könnte. Doch er mustert sie nur wieder fragend, was sie nur noch wütender werden lässt.
„Ich hätte nach meiner Schwester suchen müssen, den Fall klären müssen und stattdessen habe ich Autos repariert oder Teenager gespielt oder dich gefickt, Archie!“, schreit sie nun, völlig außer sich. „Ich habe SIE im Stich gelassen. Wegen dir!“ Sie spürt wie erneute Tränen ihre Wangen hinunter laufen und versucht gar nicht mehr sie zu unterdrücken.
„Betty“, haucht Archie ruhig, mustert sie dabei mit traurigen Augen. „Es tut mir leid, dass Polly vermisst wird. Ich wünschte ich könnte dir irgendwie helfen.“ Er meint jedes Wort, sie sieht es an seinen Augen, wie er sie ansieht, wie er sie am liebsten in seine Arme schließen würde. Doch es nützt nichts. Nicht mehr.
„Polly wird nicht vermisst, Archie“, entgegnet sie schließlich. „Sie ist tot.“
Zum ersten Mal spricht sie diese Worte laut aus. Es zerreißt sie. Die Trauer, die Schuldgefühle, die pure Wut überkommt sie förmlich. Sie würde am liebsten hier und jetzt zusammen brechen, sich in seine Arme werfen und sich einfach von ihm halten lassen. Doch das geht nicht mehr. Es ging nie.

Er scheint dies anders zu sehen und geht einen großen Schritt auf sie zu, möchte sie in fest an sich drücken, doch sie weicht, ohne nachzudenken, zurück und funkelt ihn durch ihre glasigen Augen böse an. „Fass mich nicht an“, haucht sie.
Archie folgt ihrem Wunsch und bleibt sofort mit erhobenen Händen stehen, schluckt den Kloß im Hals hinunter und sagt dann mit schwerer Stimme, sichtlich schockiert: „Es tut mir so…so leid.“
Sie schüttelt nur den Kopf und weicht einige Schritte zurück, möchte sich zum Gehen bewegen, doch seine Stimme hält sie auf: „Wo gehst du hin?“
Betty stockt für einen Moment, bleibt auf der Stelle stehen und denkt kurz über seine Worte nach. Was hat sie vor? Wo möchte sie hin? Gedankenverloren antwortet sie schließlich: „Ich finde ihn. Wer auch immer dahinter steckt.“
Ohne zu zögern, sagt er sofort: „Ich komme mit dir.“
„Nein!“, entgegnet sie schnell und er bleibt wieder stehen, mustert sie verwirrt. „Betty, ich habe dir gesagt, ich lass dich da nicht alleine durchgehen!“
Ein Blick in seine liebevollen, ehrlichen Augen genügen, um sie wieder den vollen Schmerz dieser einen Nacht spüren zu lassen. Wie er in ihrem Zimmer, auf ihrem Bett sitzt. Wie sie es, was auch immer es war, beenden. Wie er ihr genau dieses Versprechen gibt, das er niemals einhalten wird.
„UND WO WARST DU DANN?!“, schreit sie laut, lässt dabei ihren Gefühlen, ihrer Wut und den Tränen freien Lauf, als sie plötzlich Geräusche aus dem Haus hört. Sie sieht wie Veronica mit müden, aber verwunderten Augen auf der Treppe stehen bleibt, wie sie Archies schwarzen Bademantel, den Betty selbst vor nicht allzu langer Zeit trug, vor ihre Brust zieht und die Arme verschränkt. Betty blickt für einen Moment zu Veronica, in die braunen Augen ihrer früheren besten Freundin, ehe sie sich schließlich wieder zu Archie dreht.
„Da warst du“, stellt Betty schließlich müde fest, schüttelt dabei nur den Kopf. Sie wusste es. Sie hat sie beide in der Schule gesehen. Und doch Veronica hier zu sehen, ausgerechnet in diesem Bademantel, ausgerechnet in dieser Nacht, ist wie ein Schlag ins Gesicht.
„Geh weiter High School spielen, Archie“, sagt sie schließlich traurig und setzt entschlossen nach: „Und folge mir bloß nicht“, bevor sie ihn in der kalten Nachtluft stehen lässt. Mit schnellen Schritten läuft sie zu dem Auto ihrer Mutter und lässt so schnell es geht den Motor aufheulen.


Archie betrachtet traurig die Stelle, an der vor wenigen Minuten noch Bettys Auto stand. Es zerreißt ihn sie so zu sehen, wohlwissend, dass er einen Teil dazu beigetragen hat, dass er sein Versprechen gebrochen hat, dass er sie alleine gelassen hat. Er fühlt sich grauenhaft, würde am liebsten hinterher rennen, doch er weiß nicht wo sie ist. Und sie hat klar gemacht, dass sie ihn nicht sehen möchte, dass sie ihn nicht dabei haben möchte.
„Archie“, hört er Veronicas Stimme, doch er bleibt wie angewurzelt stehen, blickt weiterhin Bettys Auto hinterher, auch wenn sie schon lange weg ist. „Um was ging es da?“, hakt sie weiter nach.
Er schluckt kurz, wischt die eine Träne, die er zuvor gar nicht bemerkte, von seiner Wange und räuspert sich dann. „Ich habe echt Mist gebaut, Ronnie“, gibt er beschämt zu, als er sich langsam zu ihr umdreht und sie in seinem Bademantel vor ihm stehen sieht. Den Bademantel, den neulich noch Betty trug, nachdem sie gemeinsam die Ghoulies vertrieben haben, gemeinsam das Haus geputzt haben, gemeinsam in der Dusche waren. „Wir haben Mist gebaut“, stellt er dann klar, verschränkt dabei die Arme vor der Brust und wahrt einen gewissen Abstand von ihr.
„Wovon sprichst du?“, hakt Veronica dann nach, allmählich genervt.
Archie sieht kurz zu Bettys Haus, zu ihrem Fenster und muss an das letzte Mal denken als er in ihrem Zimmer war. Als sie es beendet haben und er nur wenige Momente später Veronica küsste. Als er ihr das Herz brach, ohne es zu wissen. Als er ihr versprach für sie da zu sein, was auch immer kommen mag, dass sie nicht alleine ist.

„Ich habe ihr versprochen für sie da zu sein, ihr beizustehen und keine fünf Minuten später habe ich sie einfach allein gelassen“, stellt er fest, schockiert von sich selbst.
„Archie…“, beginnt Veronica, sucht dabei nach den richtigen Worten, doch er lässt sie nicht weiter sprechen: „Polly ist tot, Veronica. Sie ist tot und ich war nicht da!“
Veronica geht einen Schritt auf ihn zu, berührt ihn mitfühlend am Arm, doch er weicht nur etwas zurück, was sie ignoriert. „Wie hättest du da sein sollen, wenn du es nicht mal wusstest?“, fragt sie dann mit großen Augen.
Er schüttelt nur wütend und traurig zugleich den Kopf, weicht ihren Blicken aus, sagt dann: „Ich hätte fragen müssen, nach ihr sehen müssen. So wie ich es ihr versprochen habe. Stattdessen habe ich in den letzten Tagen nicht mal mit ihr gesprochen! Ich war zu beschäftigt damit die Bulldogs aufzubauen, die Schüler zu motivieren. Aber was spielt das alles überhaupt für eine Rolle?“
Sie blickt ihm tief in die Augen und er erwidert ihren Blick, flehend, dass sie die richtige Antwort weiß, dass sie ihm das schlechte Gewissen nehmen kann. Doch ein Blick auf den schwarzen Bademantel lässt ihn vermuten, dass sie dieses Gefühl vielleicht sogar verschlimmert. „Ich habe sie im Stich gelassen“, stellt er dann nochmal fest und spürt, dass er den Tränen nahe ist.
Veronica verschränkt die Arme vor der Brust, schluckt die kurz aufkommenden Gefühle der Eifersucht schnell runter und fragt dann vorsichtig nach: „Wo ist sie hingefahren?“
Archie schüttelt wieder nur traurig den Kopf, erklärt dabei: „Sie…sie wollte Polly finden. Ihren Körper…und sie nach…nach Hause bringen.“ Er muss kräftig schlucken, als Erinnerungen an seinen Vater aufkommen, an Archies eigenen Wunsch ihn und das Auto vor so vielen Jahren nach Hause zu bringen. Wie sehr er Betty in diesem Moment verstehen kann.
„Dann komm“, sagt Veronica schließlich und ergreift seine Hand, möchte ihn auf die Straße führen, doch er entgegnet schnell: „Nein, nein, das will sie nicht. Wir zwei sind die letzten Menschen, die sie gerade sehen möchte.“
Sie mustert ihn skeptisch, erwidert aber nichts.


Archie sitzt stumm in der Lounge der Lehrer, hält dabei einen unberührten Kaffeebecher in der Hand. Er bekam in der Nacht kein Auge mehr zu, dachte pausenlos nur wo Betty gerade war, was sie gerade macht, ob sie ihn brauchen könnte. Doch sie möchte ihn nicht dabei haben und er kann sie verstehen. Sie hatte mit jedem Wort Recht, was es nur noch schmerzhafter machte. Er hat schlichtweg nicht mehr an sie gedacht in diesen letzten Tagen, sondern stolzierte mit Veronica an seinem Arm herum, versuchte die Stadt von ihrem Vater zu retten. Ganz wie in alten Zeiten.
Doch war es nur das? Das Verlangen zu früheren, einfacheren Zeiten zurückzukehren? Veronica war seine erste große Liebe, das Mädchen, mit dem er in der High School zusammen war, mit dem er glücklich war. Wenn er sie ansieht, in ihre tiefen brauen Augen, dann sieht er genau das. Das Mädchen, dass vor zehn Jahren zum ersten Mal Pops betreten hat. Als wäre sie genau die gleiche Person.
Wenn er Betty ansieht, steht nicht mehr das Mädchen von nebenan vor ihm, nicht mehr die perfekte Schülerin mit der perfekten Vorzeigefamilie. Dieses Bild war lange verblasst. Sie veränderte sich schon während der Schule. Als der Black Hood sie persönlich folterte, als sie herausfand, dass ihr Vater hinter allem steckte. Als ihr Vater vor ihren Augen erschossen wurde und es ihr nicht gestattet war, um ihn zu trauern, weil er ein böser Mensch war, ein Verbrecher, ein Mörder. Und doch war es ihr Vater, den sie für einen Großteil ihres Lebens so nannte, den sie tief im Inneren liebte. Und niemand kann diesen Schmerz so nachfühlen wie Archie selbst.

Doch als er letzte Nacht in ihre Augen blickte, den Verrat, den Schmerz und die Wut sah, stand eine völlig neue Betty vor ihm. Eine Person, die sich seitdem Schulabschluss verändert haben muss, die so viel Kummer und Schmerz hinter ihren Augen verbirgt, die so viel Trauma erlebt haben muss, von dem er gar nichts weiß, weil er nie gefragt hat. Weil sie es nie erzählt hat. Sie sagte er sei ein Fluchtort, ein Licht in der Dunkelheit. Doch wovor musste sie fliehen? Von welcher Dunkelheit sprach sie? Archie wünschte er hätte es in jener Nacht verstanden, wünschte er hätte sie gefragt. Er wünschte er könnte irgendetwas tun, um ihr zu helfen, dass sie nicht mehr diesen Schmerz in ihren Augen haben muss. Dass sie nicht mehr diesen Blick tragen muss. Denn er kennt diesen Blick, er hat ihn bei unzähligen Soldaten zuvor gesehen, er sieht ihn in sich selbst, wenn er in den Spiegel sieht. Und es bricht ihm das Herz ausgerechnet Betty genauso zu sehen.
Sie versteht ihn. Das hat sie immer und nun würde sie es noch besser können. Sie versteht ihn auf einer Ebene, auf der Veronica ihn nie wieder verstehen würde. Nicht nach allem, was passiert ist.

„Archie? Hörst du mir zu?“, reißt ihn schließlich Veronicas Stimme aus seinen Gedanken. Er blickt sich etwas verwirrt im Zimmer um, reibt dabei seine müden Augen, bemerkt, wie ihm Cheryl mit verschränkten Armen einen skeptischen und fast schon wütenden Blick zuwirft, was er zu ignorieren versucht.
„Sorry, Ronnie“, sagt er leise, dreht sich dann zu ihr, sieht sie aber nicht an, nicht wirklich.
„Tief in Gedanken?“, haucht sie als sie ihm durchs Haar streift. Bei der Berührung zuckt er kurz zusammen, hofft dann aber inständig, dass sie das nicht bemerkt hat.
Schließlich nickt er nur.
„Woran denkst du?“, fragt sie dann mit zarter Stimme, woraufhin er sie entgeistert mustert. „Du weißt, woran ich denke“, entgegnet er, etwas erschrocken, dass sie gerade heute eine solche Frage stellen würde. Sie aber schüttelt nur traurig den Kopf, sucht nach den richtigen Worten, die ihn wieder ins Hier und Jetzt bringen würden, ihn wieder gedanklich zu ihr bringen würden, doch stattdessen erwidert sie nichts, sondern trinkt nur einen großen Schluck Kaffee, der gegen ihre eigene Müdigkeit ankämpfen soll.

„Ähm, Leute?“, fragt ein sichtlich gestresster Kevin, als er in die Lounge eilt. „Wo genau ist Betty?“
Archie setzt sich schnell auf, reibt sich mit den Händen durch das Gesicht, als er Kevin noch sagen hört: „Sie ist heute den ganzen Tag nicht hier aufgetaucht, ihre Schüler haben mich auf dem Flur fast attackiert…“
„Fuck“, flucht Archie leise, wagt es dabei gar nicht hochzublicken. „Ich habe vergessen Weatherbee Bescheid zu geben“, sagt er noch, enttäuscht von sich selbst, dass er nicht mal hier sein Wort einhalten konnte, dass sie sich wieder nicht auf ihn verlassen konnte.
„Wovon bitte sprichst du?“, hakt Kevin verwirrt nach, da setzt sich Archie schließlich aufrechter hin, sieht ihn die fragenden Gesichter von Cheryl, Kevin und sogar Jughead, der sich gerade an der Kaffeemaschine bedient.
Er überlegt für einen Moment, traut sich kaum die Worte auszusprechen, denn das würde es real machen. Dann wäre es wirklich wahr, dass sie fort ist und vermutlich nicht mehr zurückkommt. Dass sie ihn verlassen hat, sie alle im Stich gelassen hat und sie auch genau das verdienen.
„Sie hat gekündigt“, gibt er schließlich zu.
Kevin reißt erschrocken die Augen auf, nicht nur darüber schockiert, dass Betty anscheinend nicht mehr hier arbeitetet, sondern, dass sie nicht mal mit ihm darüber gesprochen hat. „Warum?“, möchte er schnell wissen.
„Sie…sie hat keine Zeit mehr dafür…sie muss einer Spur nachgehen“, erklärt er dann, kann seinen eigenen Worten kaum glauben.
„Das ergibt keinen Sinn“, entgegnet Kevin, als er versucht diese Nachricht zu verarbeiten.
„Naja sie ist immerhin FBI Agentin“, widerspricht Veronica nachdenklich, doch Kevin hört ihr kaum zu, geht stattdessen näher auf sie und Archie zu, hakt vehement nach: „Ja, aber warum hat sie mir nichts davon erzählt? Und warum jetzt auf einmal? Gestern war sie doch noch hier.“
„Kevin, akzeptier es einfach“, entgegnet Archie schließlich traurig, in der Hoffnung er könne es selbst so hinnehmen, einfach weiterleben. „Sie ist fort und ich kann mir nicht vorstellen, dass sie so schnell wieder kommt.“
Kevin geht plötzlich ein Licht auf und funkelt Archie böse an, als er ihn energisch fragt: „Ist zwischen euch etwas passiert?“
Archie blickt nur beschämt zwischen ihm und Veronica her, sucht offenbar nach den passenden Worten. Doch stattdessen haucht er nur: „Ist doch egal, Kev.“
Kevin schüttelt nur den Kopf, kann kaum glauben, was gerade geschieht, was er hören muss.
„Cheryl, wo gehst du hin?“, fragt Veronica, als sie Cheryl plötzlich zur Türe eilen sieht, was Archie aus seinen Gedanken reißt und auch Kevin dreht sich mit verschränkten Armen um.
„Ich fahre rüber und schaue nach meiner Cousine. Denn der Verlust eines Bruders oder einer Schwester ist der schlimmste, den es gibt“, entgegnet sie schnell, ebenso aufgebracht wie Kevin. „Betty geht gerade vor unseren Augen kaputt und keiner ihrer sogenannten Freunde scheint es zu kümmern“, sagt sie noch traurig und wütend zugleich. „Aber Familie hält zusammen“, setzt sie nach, ehe sie aus dem Zimmer verschwindet und Archie beginnt lange über ihre Worte nachzudenken.
Familie hält zusammen. Und Betty ist seine Familie. Sie war es immer und wird es immer sein. Und plötzlich springt er gedankenverloren auf.
„Archie?“, haucht Veronica verwundert, doch er schüttelt diesmal ihre Hand einfach weg. „Bitte, Ronnie. Ich muss kurz alleine sein.“
Und ohne ein weiteres Wort rennt er aus der Lounge.


Veronica blickt traurig zur Türe, zu der Archie gerade raus gerannt ist. Sie nimmt einen erneuten langen Schluck Kaffee, stöhnt dabei leise auf und wird genau von Jughead beobachtet.
„Wo ist eigentlich dein Mann? Wie war noch sein Name?“, fragt er mit einem leicht provokanten Lächeln im Gesicht.
„Chadwick“, antwortet Veronica knapp, meidet dabei seinen Blick, doch sie spürt seine bohrenden Augen. „Tatsächlich, lassen wir uns scheiden“, erklärt sie schließlich, in der Hoffnung damit hat sich das Thema erledigt.
„Ahhh. Und dann schnell wieder zurück zum guten alten Archiekins“, entgegnet er, bevor er einen langen Schluck Kaffee trinkt.
Veronica stellt mit einem lauten Knall ihren eigenen Becher auf den Tisch und blickt ihn wütend an, fragt dabei: „Worauf möchtest du hinaus?“
„Nichts“, antwortet er nur, setzt sich dabei auf den Sessel ihr gegenüber. Doch seine Frage hat ihr einen Stich in die Brust verpasst, was sie nicht so recht erklären kann. Ohne zu überlegen, beschließt sie den Spieß umzudrehen: „Und du und Betty? Wieder zurück zur guten alten Zeit?“
Diesmal blickt sie ihn provokant an, doch er schüttelt nur den Kopf, fast schon traurig. „Nein, sind wir nicht“, stellt er klar. „Als sie mir erzählt hat, dass Polly gestorben ist, hat sie versucht sich zusammen zu reißen, stark zu sein. Aber ich kenne sie. Sie ist am Boden zerstört und sie braucht uns jetzt, uns alle“, sagt er dann ruhig.
„Dafür müsste sie uns aber auch reinlassen, mit uns sprechen“, widerspricht Veronica schnell, da lacht er nur auf, erwidert dabei: „Es ist Betty. Wann hat sie je von sich aus von Problemen erzählt?“
Veronica schließt die Augen, denkt kurz an all die Momente zurück, in denen Betty versucht hat ihre Emotionen zu unterdrücken, in denen sie ihre Hände zu Fäusten ballte, um ja die Kontrolle nicht zu verlieren. „Du hast Recht“, gibt sie schließlich gedankenverloren zu.

Er nickt nur wissend, nimmt sich wieder seinem Kaffee an, als er sie sagen hört: „Es fällt mir nur so schwer ihn so fertig zu sehen, wegen ihr. Nach allem, was passiert ist.“
„Es ist sieben Jahre her“, widerspricht er nachdenklich, glaubt sich dabei selbst kaum, doch als er ihr Stirnrunzeln bemerkt, blickt er sie schließlich fragend an.
„Sie hatten etwas miteinander in den letzten Wochen“, sagt sie dann ruhig, in der Hoffnung man merkt ihr nicht an, wie sehr sie diese Situation doch mitnimmt.
Jughead schluckt für einen Moment, etwas aufgebracht von dieser Nachricht, doch er antwortet ruhig: „Ich kann nicht sagen, dass es mich überrascht.“
„Ich liebe ihn und eigentlich liebe ich auch Betty, aber trotzdem nimmt es mich mit“, gibt sie dann zu, fast schon beschämt.
„Es sind Betty und Archie. Die beiden kennen und lieben sich seit dem Kindergarten. Sie werden immer etwas füreinander empfinden, immer füreinander da sein“, sagt er darauf, wohlwissend, dass er Recht hat, was es nicht leichter macht, was nicht weniger tief im Innern schmerzt.
„Zerreißt es dich nicht auch?“, möchte sie dann wissen, wischt sich dabei eine Träne von der Wange und er mustert sie kurz, denkt genau über ihre Frage nach.
„Doch natürlich“, antwortet er dann ehrlich, fügt aber lächelnd hinzu: „Aber solange Betty glücklich und sicher ist, freue ich mich für sie.“
Er steht schließlich auf, stellt seine Tasse in die Spüle und sagt dann noch ernst, in der Hoffnung zu Veronica durchzudringen: „Aber das ist sie gerade nicht und deshalb braucht sie uns.“


Cheryl klopft energisch an die Haustür der Coopers bis endlich eine verwunderte Alice im Türrahmen erscheint. Die Haare zerzaust, die Augen rot und glasig, die Haut noch immer feucht von all den Tränen. Cheryls Herz zerbricht bei diesem Anblick. Sie weiß, wie es sich anfühlt jemanden zu verlieren. Wie es sich anfühlt die Familie zerbrechen zu sehen. Wie es ist zu trauern.
„Ist Betty zuhause?“, fragt sie dann ruhig, doch Alice schüttelt nur den Kopf. „Ich habe sie heute noch nicht gesehen, sie hat sehr früh das Haus verlassen“, erklärt sie knapp, weicht dabei Cheryls Augen aus, als würde sie dieses Thema meiden wollen.
Cheryl nickt darauf nachdenklich, allmählich etwas besorgt. Betty war weder hier noch in der Schule? Archie meinte sie würde einer Spur folgen, doch dauert so etwas den ganzen Tag? Wo könnte sie sein? Wieso reagierte sie auf keinen ihrer Anrufe?
„Könntest du mich anrufen, wenn sie nach Hause kommt?“, fragt Cheryl freundlich. „Ich möchte gerne mit ihr sprechen.“ Sie blickt Alice tief in die Augen, mit dem Gedanken die Frau vor ihr würde ihre Sorge teilen, würde ihr helfen nach Betty Ausschau zu halten, ebenso für sie da sein.
Doch wie schon oft zuvor, wird sie von Alice überrascht.
„Versuch es gar nicht erst. Sie lügt sowieso nur“, entgegnet sie nur wütend und knallt ihr die Türe vor der Nase zu. Fassungslos bleibt Cheryl noch eine Weile vor der Tür stehen, versucht zu lauschen, versucht irgendetwas zu hören, was diese Reaktion erklären würde. Doch nichts geschieht, es ist totenstill im Cooper-Haus.


Nach dem Gespräch mit Archie in der Nacht fährt Betty eine Weile einfach ohne Ziel. Sie muss hier weg, raus aus dieser Straße, weg von ihrem Haus, von seinem Haus, raus aus Riverdale. Am besten verlässt sie diese verfluchte Stadt und kehrt nie wieder zurück.
Doch sie weiß, das geht nicht, nicht solange Pollys Mörder noch da draußen ist, nicht solange Pollys Leiche irgendwo einsam und verlassen liegt. Sie muss sie nach Hause bringen, damit ihre Mutter Frieden finden kann, sie begraben und trauern kann.
Die Tränen laufen nur noch wild ihre Wangen hinunter, ihre Augen sind so glasig, dass sie kaum noch die Straße vor sich sieht. Doch das ignoriert sie. Ihre Gefühle haben hier keinen Platz, sie muss konzentriert bleiben.
Schließlich parkt sie das Auto an der Telefonzelle, an der sie das Blut von Polly gefunden haben. Was auch immer geschehen ist, hier muss sie ihre Suche beginnen.
Ohne zu zögern, steigt sie aus dem Auto aus und betrachtet nochmal genauer die Telefonzelle, sucht nach Details, die sie zuvor nicht gesehen hat. Doch es ist noch so dunkel, dass sie ihre Handytaschenlampe zur Hilfe nehmen muss und auch das nützt nicht viel.
Doch davon unbeeindruckt, sucht sie weiter nach irgendwelchen Zeichen von Polly. Schließlich geht sie tiefer in den dahintergelegenen Wald hinein, unwissend, was sie hier erwarten könnte. Automatisch zückt sie ihre Waffe und läuft vorsichtig voraus.
Es beginnt allmählich zu regnen, doch auch das ignoriert Betty. Sie würde nicht aufgeben, bis sie etwas gefunden hat.
Und als die Sonne schon lange aufgegangen ist und sie mit den Nerven und Kräften schon beinahe am Ende ist, sieht sie plötzlich etwas in der feuchten Erde, was ihr nur allzu bekannt vorkommt. Eine große, schwarze Mülltüte.
 
 
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