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Der Duft des Göttergartens

GeschichteFantasy, Historisch / P18 / MaleSlash
31.03.2021
10.05.2021
9
26.248
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Huhuu!

Jaaaa, es gibt mich noch und ich war auch nicht untätig. Ich habe mich diesmal an ein kleines Experiment gesetzt, welches in einem ans Mittelalter angelehnten Setting spielt und mit mythischen Fantasyelementen gespickt ist. Bin gespannt, was ihr davon haltet. ^^

Viel Spaß damit und liebe Grüße
Fanny

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Der Mittelpunkt des Dorfes, der kleine Marktplatz mit der imposanten Steinstatue im Zentrum, war bereits verwaist, als eine dick eingepackte Gestalt auf den Händlerkarren zutrat. Alle anderen Bewohner hatten sich bereits an die Feuerstellen ihrer gut geschützten Hütten zurückgezogen. Bei der klirrenden Kälte, welche der ungnädige Nordwind an diesem Abend durch jede Kleiderschicht bis in die Knochen trieb, kein Wunder.
„Ich dachte schon, du lässt mich hängen. Was auch immer du damit vorhast – wenn da was schiefläuft, weiß ich von nichts. Ist das klar, Kleiner?!“, knurrte der Händler – offenbar um seinen guten Ruf besorgt -, reichte seinem ungewöhnlichen Kunden einen winzigen Beutel und nahm im Gegenzug ein großes Bündel mit Kleintierpelzen als Bezahlung entgegen. Als Antwort bekam er nur ein Nicken – nicht mehr und nicht weniger, - aber damit hatte er schon gerechnet. Der junge Mann war immer schon von der schweigsamen Sorte gewesen und diesmal wollte er ganz offensichtlich noch zusätzlich vermeiden, dass ihm Worte entflohen, die sein Vorhaben mit dieser sehr speziellen Substanz auch nur im geringsten Maß verrieten.
Der reisende Händler, welcher für den richtigen Preis nahezu alles besorgen konnte, zuckte mit den Schultern und wandte sich ab. Im Grunde genommen konnte ihm das auch herzlich egal sein. Die Wildtierfelle aus dieser abgelegenen Region im hohen Norden waren in den Städten sehr gefragt und würden ihm somit großen Profit einbringen. Die blütenweißen Felle der Schneehasen wurden ihm von der gut betuchten Damenschaft regelrecht aus den Händen gerissen, um ihre Mäntel und Kapuzen damit zu säumen. Sogar mehrere Schneenerze hatte er entdeckt. Jene stellten für königlich prunkvolle Umhänge ein absolutes Muss dar und ließen sich mit Gold aufwiegen. Dieser einheimische Jäger zählte unübersehbar zu der besonders geschickten Sorte, beziehungsweise hatte er seinen Greifvogel ausgezeichnet abgerichtet. Der kleine Stamm der Imari war seit jeher für die Beizjagd bekannt und so schlussfolterte er, dass auch sein Gegenüber diese Jagdmethode bevorzugte. Schade nur, dass seine jahrelange Geschäftsbeziehung mit ihm womöglich schon bald ein abruptes Ende nehmen könnte. Wenn das Kerlchen dieses Zeug, das jener im Sommer bei ihm bestellt hatte, an sich selbst ausprobierte, dann war es das wohl mit ihm. Soweit er wusste, benutzten die Priester vom Varga-Stamm diese Kräutermischung ausschließlich, um das Bewusstsein des Alphas für die Stimme ihres blutrünstigen Gottes empfänglich zu machen. Dass der Grünschnabel hier vorhatte, die Drogen für rituelle Zwecke einzusetzen, war allerdings zu bezweifeln. Das Glaubensprinzip der Imari und Varga - beides sehr naturverbundene Völker mit Göttern, welche auf Tiercharakteren basierten – war sich in den Grundzügen zwar sehr ähnlich, aber jeder hatte sicher seine eigene Methode entwickelt, um mit ihrer dubiosen göttlichen Welt in zweifelhafte Verbindung zu treten. Da brauchte es sicher keine über das Hintertürchen importierten Drogen. Vielleicht beabsichtigte sein Kunde auch nur, einem Rivalen ein paar Tropfen Wahnsinn in die Suppe zu träufeln, um ihn so aus dem Rennen zu nehmen. Was wusste man? War nicht sein Problem und ging ihn auch nichts an. Er hatte gelernt, dass zu viele Fragen geschäftsschädigende, wenn nicht sogar ungesunde Auswirkungen haben konnten und so sah er seinen Auftrag hier abgeschlossen. „Dann wünsche ich dir viel Erfolg. Möge der großartige Imari die schützenden Schwingen über seinen talentierten Sohn halten“, verabschiedete er sich mit einem Blick auf die imposante, unglaublich lebensecht dargestellte Steinfigur zu seiner Rechten. Wer auch immer dieses Bild von Imari erdacht und in dieser künstlerisch perfekten Art gemeißelt hatte, war ein Meister seines Faches. Das Bild eines zeitlos jungen Mannes, welcher an Stelle von Armen riesige Vogelschwingen weit von sich streckte, wirkte so realistisch dargestellt, dass man meinte, er würde sich jeden Moment in die Lüfte heben. Der schlanke, in wallende Gewänder gehüllte Körper gestreckt, das lange Haar in schwungvoller Bewegung festgehalten und das Antlitz gen Himmel gerichtet, könnte der Gott dieses vogelaffinen Volkes nicht schöner dargestellt werden. Wenn er es sich recht überlegte, erinnerten ihn diese ebenmäßigen, fast schon kindlich weichen Gesichtszüge an jemanden. Von einem sonderbaren Gedanken – einer wagen, völlig irrationalen Idee – getrieben, richte er seine Aufmerksamkeit noch einmal auf seinen Kunden und stutzte. Jener war wie vom Erdboden verschluckt verschwunden. Ein kalter Schauer rieselte über den Rücken des menschenerfahrenen Händlers, da keine Spuren im Schnee davon zeugten, dass sich sein Gegenüber entfernt hatte, und fühlte eine sonderbare Bestätigung im Herzen, welche sein rationaler Menschenverstand nicht akzeptieren wollte. Dann knurrte er leise und verfluchte die Überbleibsel der sturen Urbevölkerung dieser mythisch verseuchten Insel im Stillen. Jene war zwar vor gut vier Jahrzehnten vom Großreich Kalania verschluckt und die einheimischen Stämme nach und nach mit harter religiöser Führungshand zum rechten Glauben missioniert worden, aber das winzige Volk der Imari im Norden und die kriegerisch wilden Varga in den südöstlichen Wäldern hielten immer noch vehement an ihren alten religiösen Wurzeln fest. Seiner Meinung nach lag das am schwächlichen Regenten der Insel, dem naiven Träumerprinzen Alricard, auch bekannt als Schandfleck auf Erobererkönig Siegrils Ahnentafel. Was die rebellischen Varga mit ihrem sonderbaren Wolfskult anging, konnte man ihm nicht einmal Vorwürfe machen. Jene hatten schon seinem Vater getrotzt und dachten nicht einmal daran, sich dem weitaus schwächeren Sohn zu ergeben. Was die friedfertigen Imari anging, welche dem fremden Volk von Anfang an offen und freundlich begegnet waren, lag ihre Immunität eher an Alricards krankhaft träumerischer Liebe, welche er für Imaris geheimnisvolle Söhne empfand. Während er die Jagd auf die unzivilisierten, grobschlächtigen Varga weiterhin befürwortete, wischte er den Schaum vor den Mündern seiner beratenden geistlichen Würdenträger stets mit einer herrschaftlich müden Geste hinfort, wenn jene lautstark die komplette Auslöschung der ketzerischen Imari-Hexer verlangten. Dafür war er immer mit faszinierten Kinderaugen und großem Eifer dabei, wenn man ihm neue Gerüchte und Geschichten rund um die hochgewachsenen, weißhaarigen Insulaner und ihre magischen Fähigkeiten erzählte. Bei dem Gedanken an diese ganzen haltlosen Mythen schüttelte sich der Händler innerlich. Ja, es stimmte, dass man automatisch an Elfen dachte, wie sie in den Märchen der kalanischen Geschichtenerzähler beschrieben wurden, wenn man dieses abgeschiedene Dorf zum ersten Mal betrat. Und ja, einige Männer der Imari trugen die Haarfarbe eines Greises, obwohl sie noch nicht vom Alter gezeichnet waren. Aber das war bestimmt nur einem okkulten Ritual zuzuschreiben. Das Fett des seltenen Feuerdachses zum Beispiel eignete sich sehr gut, um Haare komplett weiß zu färben. Aber welcher Kalane wollte das schon? Es gab für dieses Phänomen also sicher eine plausible Erklärung, genauso wie für alles andere auch, was man dem König als magisch beschrieb. Dieser ganze spirituelle Hokuspokus, den dieses Volk zelebrierte, war doch nur Humbug, um ungebildeten, hinterwäldlerischen Individuen Angst in die abergläubigen Hintern zu treiben. „Mich kriegt ihr damit nicht“, redete sich der Händler ein und wandte sich fröstelnd wieder seinem Karren zu. Sein Tagwerk in diesem Dorf war getan und er tat gut daran, die Insel so schnell wie möglich zu verlassen. Die umliegenden Berge dieses fruchtbaren Hochtals waren vom Winter längst erobert worden und das Dorf bereits in eine tückisch schöne Idylle aus weißem Tod gesponnen. Der grässlich beißende Wind und die grauen Wolkenschwaden am Himmel mahnten ihn zur Eile. Wenn er sich nicht beeilte, saß er am Ende bis zum Frühjahr hier fest. Für das zähe Volk der Imari gehörte das harte Leben in der winterlichen Abgeschiedenheit zum Lauf der Natur und sie trugen es mit stoischer Genügsamkeit. Für einen reisefreudigen Händler ohne festen Wohnsitz, der es liebte, jede Nacht auf einen anderen Sternenhimmel zu schauen, stellte monatelanges Ausharren an Ort und Stelle hingegen einen wahren Alptraum dar, und das nicht nur aus finanzieller Sicht.

Tse, Imaris Sohn. Ich wünschte, es wäre so, dachte Shayran missmutig, als er dem kalanischen Händler hinterher sah. Dessen unbedachte Aussage hatte ihn dort getroffen, wo es wehtat und so konnte er sich gar nicht wirklich über den kleinen Schabernack freuen, welchen er mit dem Mann getrieben hatte. Jener dachte garantiert an irgendeine Art von Zauber und würde nun an jedem Ort, den er ab heute besuchte, vom mysteriösen Verschwinden des Vogelelfen berichten. Dass jener keineswegs die plötzlich erschienen Flügel ausgebreitet hatte, sondern lediglich in seine eigenen Fußstapfen getreten war, um sich dann eilig hinter dem Sockel der Statue in die Hocke zu begeben, wäre dem Kerl offenbar nie in den Sinn gekommen.
Shayran zog die Nase kraus. Wenn es ums Tricksen ging, war er schon immer einfallsreich gewesen, beziehungsweise hatte es sein müssen. Doch trotz allen Bemühungen, seine Gewöhnlichkeit zu vertuschen, waren die Stimmen der Dorfbewohner und Tempeldiener in letzter Zeit immer lauter geworden, welche behaupteten, dass in ihm kein bisschen spirituelle Kraft floss.  
Damit kann ich alle Zweifler zum Verstummen bringen, klammerte sich Shayran unbewusst an dem kleinen Beutel fest. Wenn es stimmte, was der Händler ihm im Sommer erzählt hatte, dann waren die Medien des Varga-Stammes lediglich stumpfsinnige, brutale Krieger, welche nicht den beschwerlichen Weg der geistigen Öffnung durch Meditation gingen, sondern mit pflanzlichen Substanzen nachhalfen, um diesen Zustand zu erreichen. Und genau das war seine Chance – seine einzige wohlgemerkt – um als Imaris Sohn anerkannt zu werden und die harte Vorbereitung zum Medium antreten zu dürfen. Nicht, dass er heiß auf das strenge Leben zwischen körperlicher Ertüchtigung, Gebeten, Meditation und lernen wäre. Sein Ziel war es keineswegs, die Stufe der spirituellen Erleuchtung zu erreichen, um Imari als Gefäß zu dienen. Nein, seine Motivation für diesen Betrug war weit niedrigerer, menschlicher Natur. Und dafür schämte er sich durchaus ein wenig - allerdings nur vor einer einzigen Person.
Der Stolz in deinen Augen wird mir das Herz zerreißen, Vali, richtete er seine stummen Worte an jenen Menschen, der ihm mehr bedeutete als sein durfte, und verließ sein Versteck, um sich auf heimlichen Wegen zurück zum Tempel zu machen. Wenn er beim Abendgebet fehlte, brummte ihm der Hohepriester für den nächsten Tag nur zusätzliche Arbeit und Unterrichtseinheiten auf. Darauf konnte er getrost verzichten. Schließlich galt es morgen seinen eben erworbenen Schatz zu testen – nicht, dass ihm der Händler hier nur ein exotisches Abführmittel angedreht hatte und er sich während der Aufführung vor den Augen des gesamten Dorfes noch mehr blamierte, als er es so schon tun würde.
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