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Auf einem Regenbogen

von esteven
OneshotMystery, Fantasy / P12 / MaleSlash
Old Shatterhand Winnetou
30.03.2021
30.03.2021
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Auf einem Regenbogen

Vorwort:

Mit viel Spannung las ich über einige Monate hinweg bis Januar 2020 die Kapitel von „Die Farben der Wahrheit“ und war erstaunt und begeistert, auf welch vielfältige Art und Weise die im Dala Account versammelten acht Autorinnen den gleichen Prompt mit ihren Oneshots beantworteten. Es ging um: Winnetou erfährt von einer folgenschweren Lüge. Also fasste ich Mut, mich ebenfalls, mit Erlaubnissen, an dem Prompt zu versuchen.

Die Geschichte

Winnetou zügelte sein Pferd und schaute hinter sich. Auf dem Gebiet der Mimbrenjos konnten sie es wagen, unbesorgt ihre Rappen ausgreifen zu lassen. Noch eben waren sein Iltschi und Old Shatterhands Hatatitla fast gleichauf über die Prärie geflogen. Noch eben hatte der Blutsbruder seinen Hut laut aufjauchzend vor Freude in die Luft geworfen und im schnellen Ritt aufgefangen. Noch eben ...

Doch dann war Old Shatterhand zurückgeblieben und der Himmel hatte sich gerötet wie die Blumen, die die Bleichgesichter Rosen nannten. Der Blutsbruder erschien Winnetou nun in weiter Ferne. Mit jedem Atemzug wurden seine Umrisse undeutlicher, bis sie gänzlich im dunkel gefärbten Nebel verschwanden.

Um Winnetou waberte die Luft und als sich sein Blick klärte, stand er in einem Schlafzimmer. Trotz der nur halb zugezogenen Vorhänge fiel kein Licht mehr durchs Fenster. In dem weiß bezogenen Bett lag ein schmächtiger Greis mit schlohweißen Haaren, der ihn aus tiefliegenden Augen anstarrte. Er schien dem Tod nahe. In einem Sessel an seinem Bett saß eine Frau um die Fünfzig, doch augenscheinlich existierte Winnetou nicht für sie, denn ihr Blick war nach wie vor nur auf den Mann im Bett gerichtet.  

Dieser sprach Winnetou mit dünner Stimme an: „Mein Winnetou, Du bist wieder da. Ich sah Dich immer vor mir, auch wenn gegen mich gewütet wurde. Feinde werden nicht aufhören wollen, mich und mein Werk in die Kloake zu zerren.“ Er rang mühselig nach Luft. „So wird wohl nichts davon bleiben.“ Sein Atem ging flach und stoßweise. „Auch Du nicht.“

Winnetou betrachtete ihn ernst. „Wer seid Ihr? Wo ist mein Bruder Shatterhand?“

Fiebrig glänzende Augen musterten ihn. „Du kennst mich nicht? Du und ich und viele unserer Gefährten haben gemeinsame Abenteuer erlebt.“ Der alte Mann atmete schwer. „Sei’s drum. Ich kann nicht sterben mit einer Lüge. Ich heiße Karl May und ich habe Dich und Deinen Blutsbruder erschaffen. Ich bestand vor den Lesern darauf, Old Shatterhand zu sein.“

Es schien, als wäre er eingeschlummert, doch nach einer Weile öffnete der Greis wieder seine Augen: „Ich belog mich selbst. Nichts was ich schrieb, entsprach der Wahrheit. Nur in meinen Gedanken wurde ich zu deinem Blutsbruder. Doch wenn ich bald dahingehe, stirbt auch meine Fantasie und Du und Old Shatterhand sterbt mit ihr.“ Der Greis schloss die Augen und murmelte von nun an nur undeutlich vor sich hin.

Plötzlich richtete er sich im Bett auf und sagte mit seltsam klarer Stimme: „Sieg, großer Sieg! Ich sehe alles rosenrot.”

Und eben jenes Rosenrot sog Winnetou einem Nebel gleich auf und führte ihn in die Nacht, die seine letzten Gedanken auflöste.

*****

Winnetou erwachte, weil ihm etwas Feuchtes ins Gesicht tropfte. Er schlug die Augen auf und erblickte verschwommen Iltschis weiches Maul, das ihn liebevoll besabberte. Wieviel Zeit vergangen war, seit sich Dunkelheit über ihn gesenkt hatte, vermochte er nicht zu sagen.

Der Apache erhob sich vom dürren, gelben Präriegras und schaute an sich hinab. Er trug ungewohnte und in ihrer reichen Perlenverzierung für das Anschleichen und den Kampf mit dem Feinde unpraktische Lederkleidung. Er ließ die Finger über Stirn und Kopf gleiten. Sein Haarschopf war verschwunden und einige seiner Strähnen, zusammengehalten von einem Stirnband aus Schlangenhaut, fielen ihm nach vorn ins Gesicht. Sie mochten kaum noch bis zu den Schulterblättern reichen.

In der Ferne bemerkte er einen dunklen Punkt, der sich rasch zu einem fremden Menschen auf einem Pferd vergrößerte. Winnetou war erstaunt, in dem Rappen Hatatitla zu erkennen, der doch sonst niemanden außer Old Shatterhand auf sich duldete.

Der Apachenhäuptling zog rasch seine Silberbüchse aus ihrer Halterung an der Seite seiner Satteldecke, denn der Reiter, der den Rappen kurz vor ihm zügelte, um dann abzusteigen, erschien ihm auch aus der Nähe noch immer unbekannt.

Er war ein wenig größer als Winnetou, mit kurzen hellen Haaren und ohne Bart. Gewandet war der Mann in einen schlichten braunen Lederanzug mit Fransen und umgürtet mit einem Ledergürtel, an dem Silberverzierungen angebracht waren, die Winnetou entfernt an Symbole der Navajo erinnerten.

Im Gegensatz zu den sonst von Westmännern, ja selbst von Old Shatterhand, bevorzugten kniehohen Stiefeln, trug der Reiter weiche Lederschuhe an den Füßen. Am Sattel Hatatitlas war ein Hut befestigt, so wie ihn Winnetous Blutsbruder stets zu tragen pflegte.

Das seltsamste an dem Fremden aber war die Tatsache, dass sein Lächeln Winnetous Geist mit Sonnenstrahlen umgab. Der Häuptling konnte sich das nicht auf Anhieb erklären, denn seit dem Tod seiner Schwester vor vielen Wintern gab es nur einen Menschen, der die Einsamkeit in seinem Herzen allein durch seine Anwesenheit vertrieb. Als der Mann auf ihn zueilte und ihn mit ausgestrecktem rechtem Arm und den Worten „Mein Bruder“ begrüßte, verstand Winnetou, dass dies Old Shatterhand war. Er antwortete ohne Zögern mit festem Unterarmgriff und denselben Worten. Woher und warum er diese ihm fremde Geste kannte, wusste Winnetou nicht zu sagen, aber es war nicht wichtig, denn der Apache gewahrte die Zuneigung in den Augen seines Gegenübers und fühlte endlich wieder die Nähe seines Blutsbruders.

„Winnetous Herz ist froh, weil der Bruder wieder bei ihm ist, doch, wie kann das sein? Winnetou erlebte, wie der alte Mann starb, der behauptete uns erfunden zu haben. Wenn wir nur in seiner Fantasie existierten und er also in seinen letzten Minuten die Wahrheit sprach, warum sind Winnetou und Old Shatterhand nicht mit ihm vergangen?“

Old Shatterhand erfasste die Hand des Freundes: „Mein Winnetou! Karl May schuf uns in seinen Gedanken, das ist wahr. Doch in einem irrte er: Nicht er allein bewahrte uns vor der Vergänglichkeit, denn er teilte seine Geschichten mit anderen Menschen, indem er von uns in Büchern schrieb. Sie werden weiterhin gelesen. Solange es also Menschen gibt, die von uns und unseren Abenteuern erfahren, sie lesen, sie erzählt bekommen, solange leben wir in deren Fantasie fort. Ich fand mich urplötzlich in diesen Weiten wieder und hörte eine Stimme rufen ‚Alles ist rosenrot‘.  Ich wusste erst nicht, was mir geschah, doch gleichzeitig erfüllte mich Zuversicht, meinem lieben, lieben Bruder, nach dem sich mein Herz sehnte, bald zu begegnen. Woher diese Sicherheit und das Wissen um den alten Mann kamen, von dem Du mir sprachst, vermag ich nicht zu sagen.“

Old Shatterhand neigte den Kopf zur Seite. Dann hob er Winnetous Kinn mit seinem Zeigefinger. „Der eine oder andere hat eine etwas eigenwillige Fantasie, aber das muss uns nicht stören.“ Winnetou war verwundert. „Eigenwillig?“ „Ich zeig es dir.“ Old Shatterhands geschlossener Mund streifte einer Feder gleich entlang Winnetous Wangenknochen bis hin zu seinen Lippen. Der Apache fühlte sich von der ungewohnten Innigkeit angezogen und hob sein Gesicht willig dem Freund entgegen.

Er murmelte: „Ob eigenwillig oder nicht, das ist sich gleich, solang wir nur beieinander sind. Winnetou Herz singt auf diese Art mit dem geliebten Bruder verbunden zu sein.“ Dann öffnete er seinen Mund zu einem Kuss.

Als sie sich wieder voneinander lösten, fragte Old Shatterhand: „Mein Bruder, reiten wir?“

Winnetou legte seine Hand auf Old Shatterhands Schulter und drückte sie in vertrauter Geste. „Heute Abend wird mir Sharlih am Lagerfeuer noch einmal berichten, wie es ihm erging.“ Dann beantwortete er die Frage seines Blutsbruders: „Reiten wir.“

**********



Der Titel ist Anlehnung an: „Fantasie ist ein Balanceakt auf einem Regenbogen“ von Harald Schmid, Aphoristiker aus: Schmid, Blitze aus heiterem Himmel. Neue Aphorismen, Pegasus-Verlag, Berlin 2012
 
 
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