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Eine verhängnisvolle Nacht

von Ortakh
GeschichteDrama, Tragödie / P16 / Gen
28.03.2021
28.04.2021
23
18.950
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06.04.2021 1.020
 
„Na los, Salesi. Beeil dich mal ein wenig.“, sprach Armenius genervt. Die beiden hatten, nachdem sie ihre Becher geleert hatten, direkt auf den Weg gemacht, doch hatte es zu diesem Zeitpunkt bereits angefangen zu regnen. Salesi war etwas angeheiterter als er selbst und daher trödelte sie den Weg entlang. Sie machte sich einen Spaß daraus, den noch warmen Sommerregen auf ihren Schuppen zu spüren. „Wir sind klatschnass, wenn wir bei Tappius und seiner Freundin ankommen, mach und beeil dich. Bitte!“  

Aber Salesi wurde keinen Schritt schneller. Im Gegenteil, sie blieb sogar eine kurze Zeit stehen, einfach nur, um Armenius zu ärgern. Bei sich zu Hause würde sie ein solches Benehmen nicht an den Tag legen dürfen, daher genoss sie diese Freiheit außerhalb ihrer Heimat.  

„Mach nicht so ein großes Fass auf. Wir sind doch eh schon nass. Was soll denn jetzt noch passieren?“, fragte sie ihn sarkastisch und spritze ihm mit den Fingern ein paar wenige Tropfen Wasser ins Gesicht, woraufhin er reflexartig die Augen schloss und mit einem Kichern die Hand schützend hob.  

Dann fegte unerwartet ein starker Wind durch die Gassen und Straßen, der beide überraschte und einen Schritt schneller gehen ließ.

„Das ist nicht nur ein einfacher Regen, fürchte ich.“ Armenius deutete mit seiner Hand auf die Vögel über ihren Köpfen, die sich geschlossen auf den Weg nach Westen begaben. „Sie fliehen.“, bemerkte er.  

Sie liefen noch ein paar Ecken weiter, überquerten die Brücke, die beide Stadtteile miteinander verband – er hatte nicht Salesi führen lassen, da er vermutete, sie würde sich verlaufen – und kamen schlussendlich an ihrem Ziel an: Tappius´ Haus. „Na endlich.“, dachte sich Armenius und fragte sich im gleichen Moment, was es wohl zu Essen geben würde und vor allem, wie wohl Tappius´ neue Freundin sein würde. Insgeheim war er sehr neidisch auf seinen besten Freund, da er selbst nicht in den Genuss einer intimen Partnerschaft kam. Aber sie waren beide noch recht jung und daher standen ihm noch alle Türen und Tore offen.  

„Wow, was ein schönes Haus.“, rief Salesi, als sie das Haus erblickten und auf die Eingangstür zuliefen.  

Tappius klopfte mehrmals und glaubte von drinnen Schritte zu hören. Durch den lauten Regen, was er sich dahingehend nicht sicher. Doch er hatte Recht. Die Tür sprang auf und Tappius, sein guter Freund, stand dahinter und ein Grinsen überkam sein Gesicht, als er die beiden erkannte.

„Wie seht ihr denn aus!“, rief er und lachte gellend, scheute sich aber nicht sie herzlich in den Arm zu nehmen. „Es ist so schön, dass ihr hier seid. Kommt rein, das Essen ist bald fertig.“ Er öffnete die Tür weiter, sodass beide schnell das Haus betreten konnten.  

Begrüßt wurden die beiden im Foyer, das sich direkt am Eingang befand. Zur Linken befand sich eine Tür, die ins Wohnzimmer und dahinter in die Küche führte. Gegenüber dem Eingang führte eine Treppe in das erste Obergeschoss und eine weitere Treppe in den Keller. Diese war jedoch durch eine Holztür vom restlichen Haus getrennt. Unter der Treppe stand eine kleine Ablage, oder ein Tisch, der mit einer hübschen, karierten Decke verziert und mit zwei Kerzen beleuchtete wurde. Zudem lagen ein paar Briefe auf dem Tisch und ein kleiner Brieföffner daneben.  

„Schatz, die Gäste sind da.“, rief Tappius in Richtung Wohnzimmer und kurz darauf trat Alwen aus der Tür. Erfreut überrascht schaute sie die beiden an und streckte ihnen zur Begrüßung direkt die Hand entgegen.  

„So sieht man sich wieder. Schön Euch kennenzulernen.“  

„Nein, was ein Zufall. Ihr seid Tappius´ neue Freundin?“ Salesis Stimme hob sich lachend und sogleich fiel sie Alwen um den Hals und ignorierte damit Alwens versuch einer einfachen Begrüßung. Armenius hingegen schüttelte ihre die Hand und bedankte sich für die herrlichen Getränke und die gute Bedienung.  

„Tappius hat nicht gelogen, was er über Euch erzählt hatte.“, meinte Armenius bewundernd. „Endlich jemand, der auf ihn aufpassen kann.“ Alle vier schmunzelten und Tappius rief sogleich Farimir zu sich.

„Wir haben heute Abend noch einen weiteren Gast. Er hat leider kein Zimmer mehr bekommen und ich habe ihn eingeladen heute Nacht hier zu schlafen.“, erklärte Tappius, als Farimir zu ihnen stieß. „Das ist Farimir. Er ist Reisender und heute Abend unser Ehrengast, wenn man so will.“ Tappius legte seinen rechten Arm um ihn und stellte ihn mit in den Kreis, der sich mittlerweile gebildet hatte.

„Oh nein, das wart Ihr?“ Alwen hielt sich die Hand vor den Mund, als sie Farimir wiedererkannte. „Das tut mir so leid. Ich hätte Euch wirklich gern ein Zimmer gegeben.“  

„Das ist kein Problem.“, entgegnete Farimir. „Ich habe ja jetzt eine Bleibe gefunden.“  

„So, nachdem ihr euch jetzt alle kennt … Alwen, Schatz? Könntest du Salesi und Armenius ein paar Klamotten zum Wechseln geben?“ Tappius deutete auf die tropfenden Gestalten und deren völlig durchweichten Klamotten, die sie trugen. Er wartete nicht auf ihre Antwort, sondern wechelste sogleich das Thema, entschuldigte sich und verschwand im Keller. „Ich denke, ich werde die Fenster mit Brettern vernageln, sollte der Sturm noch weiter an Stärke zunehmen.“, meinte er, bevor er verschwand.

Alwen führte die beiden tropfenden Gestalten die Treppe hinauf und in den Vorraum des Schlafzimmers, um ihnen dort die Klamotten abzunehmen und trockene aus dem Kleiderschrank zu geben. Glücklicherweise hatten Tappius und Armenius einen ähnlichen Körperbau. Schlank und nur mäßig bemuskelt. Keiner der beiden war jemals auf harte Arbeit angewiesen und von Kindesbeinen an mit dem Glück des Wohlstandes beschert.  

„Bei Euch sehe ich leider ein kleines Problem, Salesi.“, meinte Alwen aus dem Schlafzimmer hinaus in den Flur.  

„Gebt mir einfach eine Hose, die Ihr nicht mehr tragen wollt.“, kam daraufhin zurück. Alwen ahnte ihr Vorhaben und zog eine alte graue Leinenhose aus der hinteren Ecke ihres Schrankes heraus. Salesi nahm die Hose und riss kurzerhand ein großes Loch an die Stelle, an der sich ihr Schwanz befand.  

Armenius hatte unterdessen die neuen Klamotten seines Freundes angezogen und betrachtete sich durch die Reflektion im Fenster. Der Himmel wurde immer dunkler und dunkler. Der Regen immer heftiger. Ein mulmiges Gefühl beschlich sie alle drei gleichzeitig, doch niemand wagte es, dies zu zeigen.
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