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Eine verhängnisvolle Nacht

von Ortakh
GeschichteDrama, Tragödie / P16 / Gen
28.03.2021
28.04.2021
23
18.950
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09.04.2021 741
 
Der Himmel war mittlerweile nahezu schwarz geworden und ließ kaum mehr Sonnenlicht hindurch. Meleril kämpfte sich ihren Weg durch die nassen Straßen und gegen den heftigen Wind, der sich nach jeder Kurve erneut gegen sie zu stemmen schien. Immer wieder flogen ihr Blätter, kleinere Äste oder kleine Steine zu und sie konnte spüren, wie sich das Wasser seinen Weg durch ihre Kleidung suchte und auch fand.  

Sie ärgerte sich, erst jetzt losgelaufen und vermutlich die letzte auf der Feier zu sein, wie schon so oft. Ihre Schwester würde sich dann wieder den halben Abend daran ergötzen und Witze reißen, wie sie es immer tat. Warum sie so spät dran war, ist einfach. Sie war weiter vertieft in ihre Forschung und schrieb fleißig an ihren Notizen, sodass sie ihr Zeitgefühl nahezu komplett verlor und erst vor ein paar Minuten mit Erschrecken feststellten musste, dass es dunkel war und ein heftiger Sturm über die Stadt fegte.  

Der Regen war nun auch in ihre Schuhe vorgedrungen und bei jedem Schritt hörte und spürte sie das Platschen des stehenden Wassers unter ihren Füßen und das Gewicht, das daraus resultierte. Es war ernüchternd, als sie das Haus endlich erreichte, an sich heruntersah, und erkannte, dass sie aus allen nur erdenklichen Ecken ihres elfischen Körpers triefte. Als sie das Gartentor passierte fielen ihr die Bretter auf, die jemand hastig vor den Fenstern angebracht hatte und sie fragte sich, wie stark der Sturm wohl noch werden würde und ob sie heute Abend auch wieder nach Hause käme. Schlimmstenfalls würde sie hier übernachten. Es waren zwar noch andere Gäste da, aber das Haus war groß genug, um weitere drei Köpfe unterzubringen.  

Sie trat zur Tür und klopfte. Bis ihr jemand aufmachen würde, versuchte sie ihre Kleidung vom überflüssigen Wasser zu befreien und wrang ihr dunkles Stoffoberteil aus. Sie hätte mehrere Krüge damit füllen können, was sie amüsierte und ein Grinsen hervorbrachte.  

„Schwesterchen, da bist du ja. Komm rein.“ Die Tür wurde mit einem Ruck aufgezogen und Melerils kleine Schwester stand in der Tür. Ihr Leuchten war nicht zu übersehen und eine gewisse Schadenfreude ohnehin. „Es erstaunt mich, das zu sagen, aber du bist nicht die erste, die heute klatschnass vor der Tür steht.“ Sie lachte und zog ihre Schwester freudig ins Haus.  

„Ich ruiniere noch euren ganzen Eingangsbereich.“, sorgte sich Meleril und versuchte das Wasser mit den Händen aufzufangen. „Hast du was trockenes da?“

Alwen kicherte abermals und lief bereits auf die Treppe zu. „Auch hierbei bist du nicht die erste.“ Dann verschwand sie im Obergeschoss.  

Die Tür zum Wohnzimmer stand offen und an dem großen Speisetisch saßen vier Personen, von denen sie allerdings nur einen erkannte. Tappius stand auf und redete weiter mit den anderen, sie konnte aber nur bruchstückhaft erahnen, was das war.  

„… arbeitet bei unserem ortsansässigen Schmied. Wer ihr eine Waffe abschlagen kann, muss Pazifist sein.“ Die vier lachten und Meleril fühlte sich geschmeichelt. „Schön, dass du da bist. Soll ich dir einen Met rausbringen?“, fragte er freundlich, nachdem er sie herzlichst in den Arm genommen hatte.  

„Ich glaube das wird sie brauchen.“, meinte Alwen, die gerade wieder die Treppe hinunterkam. Sie hatte ein blaues Gewand, das Meleril vor einiger Zeit hier untergebracht hatte, gefaltet auf den Händen liegen und gab es ihr nun für den heutigen Abend.  

„Auch gut.“ Dann ging er wieder ins Wohnzimmer und schenkte ihr ein Glas ein. In Vorbereitung auf den Abend hatten Alwen und Tappius eine ganze Kiste des herrlichen Mets aus Himmelsrand kommen lassen, den sie im Laufe des Abends nach und nach leeren würden.  

Nachdem Meleril sich neu eingekleidet hatte, setzte sie sich zu den anderen fünf und stellte sich den übrigen vor. Farimir war von Melerils Erscheinungsbild eingeschüchtert, vermittelte sie doch eine hohe Präsenz, mit der der junge Elf nicht zurecht zu kommen schien. Er fühlte sich aber auch sehr zu ihr hingezogen, wie anfangs zu ihrer kleinen Schwester.  

„Also dann. Lasst uns auf den heutigen Abend anstoßen. Draußen geht die Welt unter, aber hier drinnen verbringen wir noch einen schönen Abend und lassen uns unsere Stimmung und unsere Laune nicht durch einen dämlichen Sturm vermiesen.“ Tappius hob sein Glas und seine Stimme mit dazu. „Auf die Freundschaft, die uns heute hierhergebracht hat.“  

Die anderen erhoben ebenfalls ihre Gläser und tranken einen großen Schluck. Ihr erster und letzter gemeinsamer Abend konnte beginnen, während draußen weiter der Sturm die Welt fest in seinen Händen hielt.
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