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Auf dem Trifels

GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P18 / Het
Jean Méchant der Tambour OC (Own Character)
28.03.2021
16.04.2021
30
49.196
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08.04.2021 1.863
 
Für dich will ich erwachsen werden,
ich komm‘ zurück, zurück aus Nimmerland.
~ Saltatio Mortis (Für immer Jung)

Am Dienstag morgen saß ich auf der Treppe vor dem Haus im Schatten, las weiter in der Illias und wartete auf die Post, wie ein kleines Kind auf Weihnachten.
Kurz nach zehn entdeckte ich endlich das gelbe Auto am Ende der Straße, bis es jedoch bei mir war, verging noch fast eine Viertelstunde. Als es schließlich vor dem Haus meiner Eltern hielt, zog ich meine Maske an sprang auf und ließ mir von der Botin die Post aushändigen. Schnell verschwand ich im Haus, ließ alles, außer dem grauen, säuberlich an mich adressierten Umschlag auf dem Esstisch liegen und rief auf dem Weg in den Garten Jean an.
Im Schatten der Hecken ließ ich mich nieder und hatte mich gerade an das kleine Mäuerchen gelehnt, da nahm er den Anruf entgegen: „Hi, na?“
Ich lächelte in die Kamera: „Dein Brief ist angekommen...“
Der Tambour saß auf dem Sofa im Wohnzimmer und lächelte zurück: „Dann mach‘ ihn mal auf!“
Das ließ ich mir nicht zweimal sagen und öffnete den Umschlag. Heraus zog ich ein Blatt auf dem die Dudelsackstimme zu ‚Drachentanz‘ notiert war.
„Ich dachte wenn du Blockflöte spielst, gefällt dir das bestimmt“, erklärte Jean und ich nickte begeistert.
Ich begann vorzulesen, was er in einer unglaublich sauberen Handschrift auf die leere Rückseite des Blattes geschrieben hatte: „‚Herzallerliebste Hexe‘ das ist also jetzt mein Name?“
„Ja!“, grinste er, „Erläuterungen folgen noch, das Adjektiv davor kann einfach immer der Situation angepasst werden, süße Hexe!“
Ich kicherte, der Name gefiel mir!
„‚Du hast mich verzaubert:‘“, las ich weiter, „‚Mit dir ist es so leicht zu lachen, dass mir manchmal mein Gesicht davon weh tut...‘ Ja, mir auch!“
Er nickte nur lächelnd und ich fuhr fort: „‚Du bist so anders als andere (Frauen), dass jede Sekunde mit dir zu einem kleinen Abenteuer wird und jede ohne dich vergeudet scheint...‘ Wirklich?“
Fast hätte ich vor Rührung angefangen zu heulen und er bestätigte: „Ja, ganz wirklich!“
Tief atmete ich durch und las dann weiter: „‚Du bist wundervoll, ich liebe dich‘ Ich dich auch! ‚und jede deiner Eigenarten, denn sie machen dich zu der, die du bist: Zu meiner wunderschönen, bezaubernden Hexe!‘“ Wow, das war direkt: „Das ist das absolut süßeste, was mir je jemand gesagt oder geschrieben hat!“
„Das will ich aber auch hoffen, ich habe lange an der Formulierung gesessen!“, grinste er und ich widmete mich erneut seinem Brief: „‚Für dich habe ich die erste Strophe von einem Volkslied aus 1582, vielleicht kennst du es schon, denn wir haben es vor ein paar Jahren mal zum Weltfrauentag gesungen‘ Ja, ich glaube, ich weiß welches das ist...“
„Darf ich es dir vorsingen?“, bat der Tambour, bevor ich weiterlesen konnte.
„Natürlich!“, nickte ich, wie hätte ich dieses Angebot auch ablehnen können?
„Mit Lieb‘ bin ich umfangen, Herzallerliebste mein! Nach dir steht mein Verlangen, möcht‘ immer bei dir sein. Könnt‘ ich dein Gunst erwerben, käm‘ ich aus großer Not: Sonst wollt ich lieber sterben und wünscht‘ mir selbst den Tod!“, sang er mit weicher Stimme und ich schmolz nur so dahin. Was blieb mir auch anderes übrig?
„Danke!“, murmelte ich, als er fertig war. Dann las ich den letzten Satz: „‚Du fehlst jeden Abend in meinen Armen, kleine Hexe, Meleth lín‘ Du fehlst mir auch! Und du hast das Suffix gegen das passende Possessivpronomen getauscht!“
„Klar!“, grinste er, „Ich, als Germanist, muss das doch wohl richtig machen!“
„Wow, ich könnt dich knutschen!“, lachte ich und er erwiderte: „Ja, bitte nur zu!“
Lachen redeten wir noch ein bisschen und verabredeten ein weiteres Telephonat für den nächsten Abend.

Am Mittwoch machte ich mir mit meinem Bruder einen schönen Tag, denn wenn er mich schon so selten sah, wollte ich ihm die wenige Zeit so cool, wie möglich gestalten: Morgens gingen wir zusammen Radfahren, mittags holte ich uns Pizza und brachte ihm am Nachmittag ein paar coole neue HapKiDo-Techniken bei. Am Abend fuhr ich mit Jonathan ins Kino, um einen Film seiner Wahl zu sehen.
Als ich schließlich im Bett lag, schaltete ich mein Handy ein, um mit Jean zu telephonieren (Damit ich ganz für Jonathan da sein konnte, hatte ich es den Tag über ausgeschaltet gehabt.), und wurde von gefühlt einer Million Benachrichtigungen von Instagram überhäuft.
Dort hatte der Tambour mich nämlich im Ankündigungspost zur neuen Podcastfolge markiert, was sich wie folgt auswirkte: Ich hatte plötzlich um die dreihundert neuen Follower und etliche ungelesene Nachrichten. Diese reichten von „Schlampe, was machst du dich an Jean ran!“ und „Wow, so unverdient!“, über „Cool, gibst du mir Jeans Handynummer?“, bis „Hey, ich habe dein Buch gelesen, wusste gar nicht, dass du solche Musik hörst. Und bist du wirklich Professorin?“.
Aber diese Umgangsform kannte ich schon, damit musste man wohl oder übel leben, wenn man auf die Vorteile der Sozialen Medien nicht verzichten wollte...
Auf die ungewollt lustigen der unfreundlichen, sowie die lieben Nachrichten antwortete ich, die anderen löschte ich einfach sofort, bevor ich schließlich Jean anrief.
„Hallo kleine Hexe!“, meldete er sich.
„Hallo Meleth-en!“, erwiderte ich und grinste, „da hast du ja was losgetreten!“
„Was hab ich?“, fragte er verwirrt.
„Du hast mich auf Instagram markiert und jetzt wird mir von euren Fans die virtuelle Bude eingerannt!“, lachte ich.
„Oh, sorry...“, entschuldigte er sich sofort.
„Quatsch, ist ja nichts passiert, einige Nachrichten waren sogar sehr unterhaltsam!“, beschwichtigte ich ihn und zitierte ein paar der Besten.
„Es tut mir wirklich leid, dass du wegen mir jetzt so ne Scheiße geschickt bekommen hast...“, murmelte er, doch ich unterbrach ihn: „Hey, da kannst du ja nichts dafür, dass die Leute sowas schreiben! Außerdem bin ich das schon gewöhnt, solche Nachrichten muss man ignorieren oder halt zurück trollen!“
Ganz offensichtlich fühlte er sich dennoch schuldig, den betrübt meinte er: „Trotzdem...“
„Hey... Nicht traurig sein, mir geht’s gut! Noch viel besser, seit ich mit dir rede! Bitte mach‘ dir keine Vorwürfe, es waren auch viele sehr nette Nachrichten dabei!“, versuchte ich ihn zu beruhigen.
„Wenn du meinst...“, lenkte er ein.
„Ja, meine ich!“, versicherte ich ernst.
Doch Jean hakte nochmal nach: „Sicher?“
„Ganz sicher!“, bestätigte ich.
„Es tut mir trotzdem Leid!“, erklärte er geknickt.
„Das muss es zwar nicht, aber wenn du drauf bestehst...“, lächelte ich und jetzt musste auch er kichern: „Danke!“
„Wofür?“, wollte ich wissen.
„Dass du mir nicht böse bist und mich stattdessen zum Lachen bringst!“, meinte er.
„Gerne, das eine könnte ich gar nicht und das andere ist reiner Eigennutz, ich unterhalte mich viel lieber mit einem fröhlichen Spielmann!“, erklärte ich und schob schnell noch hinterher: „Aber das soll nicht heißen, dass du nicht auch traurig sein darfst!“
„Schon klar!“, grinste er, „Habe ich dir schon gesagt, dass ich dich liebe, kleine Hexe?“
„Ich glaube heute noch nicht... Ich dich aber auch!“

Sowohl am Donnerstagabend, als auch am Freitagmittag telephonierten wir nochmal. Dabei klärten wir die Einzelheiten für unser gemeinsames Wochenende: Jean würde Samstagmittag mit dem Auto kommen und am Montagvormittag zurück nach Karlsruhe fahren.
Jetzt war es Freitagabend und ich mit dem Auto meiner Mutter unterwegs zu unserem jährlichen Klassentreffen, das seit jeher an einer Grillhütte in den Weinbergen stattfand.
Um jedes Risiko auszuschließen hatte ich vor der Abfahrt noch einen Corona-Selbsttest gemacht, der - versteht sich - negativ ausgefallen war. So konnte ich guten Gewissens Helena umarmen, die schon da war und mit drei der anderen gerade das Buffet vorbereitete.
Ich liebte die Aussicht hier, der Rhein schlängelte sich weit unter uns durch das Land und die Weinberge erstrahlten im Licht der Abendsonne, wie in einem Gemälde.
Ich stellte die Kiste Holunderbier, die mein Beitrag zum Abend war unter den Buffet-Tisch und nahm mir schnell eine der Flaschen, bevor mir noch jemand etwas alkoholisches in die Hand drücken konnte.
Eine halbe Stunde später waren alle da, die sich angekündigt hatten und Simon begrüßte die Runde mit einer kurzen, gewitzten Ansprache, wonach sich einige Kleingruppen bildete.
Ich wollte gerade Helena folgen, um mit Herrn Berger zu plaudern, der unserer Zeit noch Referendar gewesen war, doch dann sah ich Herrn Meyer zielstrebig auf mich zukommen: „Jules! Ich habe gehört, man darf dir gratulieren, Frau Doktor?“
Verlegen nickte ich: „Jep, seit letztem November...“
„Krass! Helena meinte, du bist jetzt auch Professorin?“, fragte er weiter.
Ich nickte: „Stimmt! Und in gewisser Weise sind Sie schuld daran...“
„Wie denn das?“, wollte er wissen.
„Na ja, bei Ihnen habe ich gelernt, wichtig schön es sein kann, sein Wissen weiterzugeben, wenn man mit der ganzen Seele dabei ist...“, erklärte ich.
„Ich nehme das mal als Kompliment...“, lachte er, „Du hättest ja nicht zufällig Lust, uns mal zu besuchen? Ich meine nach den Ferien. Dann habe ich eine neue zehnte Klasse, denen könntest du ja vielleicht so ein bisschen in Aussicht stellen, was mit einem Deutsch-Leistungskurs so alles möglich ist?“
Ich war gerührt: „Wow, das... das wäre echt cool!“
„Super, ich melde mich dann mal bei dir, wenn ich mögliche Termine habe!“, freute mein ehemaliger Musik- und Deutschlehrer sich.
In diesem Augenblick stieß Helena zu uns: „Herr Meyer, es wird gewünscht, dass Sie Gitarre spielen! Hast du deine Trommel dabei, Jules?“
„Ja, hab‘ ich, wenn ihr das denn wirklich wollt...“, versuchte ich das Unheil abzuwenden.
Es gelang mir nicht: „Natürlich wollen wir! Du hast letzte Woche mit einem richtigen Rockstar Musik gemacht, dann muss es für uns doch wohl auch gut genug sein!“
„Jetzt habt ihr mich aber neugierig gemacht! Was hat es denn damit auf sich, Jules?“, fragte Her Meyer grinsend.
Ich druckste etwas herum: „Na ja, ich war letzte Woche in der Pfalz und da habe ich auf dem Trifels zufällig den Schlagzeuger von meiner liebsten Mittelalterrock-Band getroffen, wir haben uns gut verstanden, waren was trinken und dann hat er mich eingeladen, bei ihm zu übernachten, weil wir uns so gut unterhalten haben... Ja und da hat es sich ergeben, dass wir ein bisschen Musik zusammen gemacht haben...“
„Und du hast mit ihm geschlafen!“, platzte Helena heraus.
Ich zuckte zusammen: „Helena! Wie viel hast du denn schon intus?“
Aber Herr Meyer lachte nur und klopfte mir auf die Schulter: „Keine Sorge, ich war auch mal jung... Ich bilde mir sogar ein, es immer noch zu sein!“
Statt zu antworten boxte ich meine Freundin, die unserem Lehrer gerade erklärte, dass er doch wirklich nicht alt sei, sacht gegen die Schulter und lief zum Auto um meine Darbuka zu holen.
Ich teilte MeyMeys Einstellung, was das Jungsein betraf: Auf nach Nimmerland und niemals erwachsen werden, das machten ja schließlich alle anderen schon so. Wie immer sorgte mein Kopf für den passenden Soundtrack und spielte auf dem Weg zum Auto ‚Für immer Jung‘. ‚Für dich will ich erwachsen werden, ich komm‘ zurück, zurück aus Nimmerland...‘ Wollte ich für Jean erwachsen werden? Ja, für ihn hätte ich das getan, aber ich musste es gar nicht. Denn wir teilten, wie mir aufgefallen war, auch das Talent, eben nur dann erwachsen zu sein, wenn es nicht anders ging...
Gott sei Dank, hatte außer Herrn Meyer keiner etwas von Helenas Verkündung mitbekommen und der restliche Abend bestand wie immer aus Essen, Trinken und Lagerfeuermusik.
Um drei verabschiedete ich mich dann, schließlich musste ich morgen - also eigentlich heute - schon wieder früh raus und zum Zug.
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