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Colin - Ein RPG-Charakter erzählt

GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P16 / MaleSlash
28.03.2021
17.04.2021
17
14.373
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Dieses Kapitel
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28.03.2021 915
 
AN: In dieser Szenensammlung ist es düster. Suizid, Mobbing, dunkle Gedanken und Tod werden definitiv auftauchen. Auch wenn die Geschichten selbst nicht zu explizit beschrieben sind, wurden sie darauf ausgelegt zu treffen.

Bitte fühlt euch gewarnt.



~*~


„Du … du dummer ... hässlicher Riese!“
Die Worte trafen härter als jeder Stein es gekonnt hätte. Sie schnürten Colin die Luft ab.
Cameron blickte seinen Bruder verächtlich an. Es war das erste Mal, dass er solche Wörter benutzte und er schien Gefallen daran gefunden zu haben. „Haste gehört? Du bist hässlich und ein Riese und viel zu langsam und zu dumm, um bei uns mitzumachen!“, legte er nach.
Das Lachen seiner Freunde riss ein Loch in Colins Brust. Wie betäubt stand er auf der Straße, blickte den Kindern hinterher, die vor ihm davon rannten. Noch eine ganze Weile war ihr Gelächter zu hören.

Es stimmte nicht, Cameron wusste es doch genau! Colin war weder dumm noch langsam. Warum sagte sein Bruder so etwas?
Immer noch benommen, wanderte Colin zum Strand und setzte sich auf einen großen Stein, der dort lag. In der Ferne konnte er die Rufe der Kinder hören, die mit ihrem Spiel begonnen hatten. Er selbst hatte keine Lust mehr, irgendetwas zu tun. Nichts außer hier sitzen und darauf warten, dass der Schmerz nachließ.
Stumm betrachtete er das Meer, das Dorf.
Fischerhütten, Einfamilienhäuser, ein Laden, ein Pub. Mehr gab es nicht, selbst die Schule befand sich im Nachbarort. Nicht viele Möglichkeiten, Cameron zu entkommen und seine Ruhe zu haben. Und nur wenige Kinder – alle, die hier lebten, tollten gerade dort drüben mit Cam über den Sand. Er hatte sie auf seine Seite gezogen.

Niedergeschlagen machte sich Colin auf den Heimweg. Weit war es nicht, nur die Treppe hinaufsteigen und durch die Gasse … Vielleicht konnte er Daddy helfen, wenn er schon nicht mit Cameron Pirat sein durfte? Als er die Werkstatt betrat und sein Vater ihm lächelnd entgegen blickte, war alles gleich ein bisschen besser.
„Na, bist ja schon zurück! Hattest wohl keine Lust mehr auf Spielen?“
Colin schüttelte den Kopf.
„Magst du das Regal schleifen? Oder lieber die Farbe von der Kommode dort entfernen?“
Darren sah seinem Sohn eine Weile zu, wie er mit dem Schleifpapier das Holz schmirgelte. Nach einer Weile strich er ihm über den Kopf. „Das machst du hervorragend. Schau, da ist ein Loch im Brett. Soll ich dir zeigen, wie man Holzkitt verwendet?“

Als es Abend wurde, kehrte Cameron von seinen wilden Abenteuern zurück. „Na, hässlicher Riese“, begrüßte er seinen Bruder, „warum bist du denn abgehauen? Hast was verpasst!“
Ehe Colin antworten konnte, kam ihr Vater aus der Küche. „Es sind nur Brot und etwas Wurst da, morgen müssen wir einkaufen fahren. Wollen wir heute ins Pub?“, wollte er wissen.
Die Aussicht darauf half, Colins Laune zu heben. Es war Freitag, das hieß meist Livemusik und das Essen war lecker. Außerdem würde Cam nicht wagen, ihn zu ärgern, solange Dad in der Nähe war.

In dem winzigen, umgebauten Haus, welches das Pub beherbergte, gab es nur eine kleine Ecke, in die mit Mühe drei Musiker passten. Heute saß da nur ein einzelner älterer Mann mit einer Gitarre, doch der hatte bereits nach wenigen Liedern das Publikum in seinen Bann gezogen. Die Anwesenden klatschten, sangen mit und jubelten und Colin genoss jede Sekunde.
Er liebte Musik. Fast noch mehr als das Holz in Dads Werkstatt.
„Hey Darren, haste deine beiden Rabauken dabei? Kaum zu glauben, dass das Zwillinge sind.“ Ein Bekannter Dads, dessen Name Colin nicht einfiel, lächelte ihm zu.
Es stimmte: Cameron war klein, drahtig und er hatte das Engelsgesicht seiner Mutter geerbt. Aus ihm würde einmal ein ansehnlicher junger Mann werden, das konnte man bereits sehen.
Colin dagegen war … eckig. Besser konnte man ihn kaum beschreiben. Er schlug nach seinem Großvater väterlicherseits, alles an ihm war kantig und er überragte seinen älteren Zwilling jetzt schon um einen halben Kopf.
Keine Frage, wie Cam auf den Spitznamen „hässlicher Riese“ kam.

Von all dem, was zwischen seinen Söhnen vorging, hatte Darren Shelley keine Ahnung. Cameron triezte seinen fünf Minuten jüngeren Bruder immer nur, wenn ihr Dad sich nicht in Hörweite befand. Darren bemerkte lediglich, dass Colin immer mehr Zeit in seiner Nähe verbrachte, Holz liebte und für einen Neunjährigen nicht nur ungewöhnlich groß war, sondern auch Begabung zum Tischler hatte.
Es fiel ihm schwer, die beiden ohne Mutter aufzuziehen, auch wenn Darren dabei Hilfe bekam. Das Sprichwort „Es braucht ein Dorf, um ein Kind zu erziehen“ traf in diesem Fall zu: Viele der Dorfbewohner waren Zeuge gewesen, wie Marion ihn mit den zwei Kleinkindern sitzen ließ und sie waren eingesprungen, auf die eine oder andere Art. Er hatte sich für die Hilfe bedankt, indem er den Leuten Möbel reparierte oder neue baute.
Nun waren die Jungen aus dem Gröbsten raus und stromerten den lieben langen Tag in der Umgebung des Dorfes herum, doch seit Neuestem schien Colin oft die Lust zu verlieren. Dann kam er meist in die Werkstatt, um sich etwas Neues beibringen zu lassen. Es machte Darren stolz, dass sein Sohn so schnell lernte und alles, was man ihm auftrug, schnell und gut ausführte.
Er ahnte nicht, dass sein Lob das Einzige war, was Colins Tag besser machte.

Spät in der Nacht, als Colin schlaflos an die Decke starrte, legte er die Hand auf seine Brust. Das unsichtbare Loch, das sich heute dort aufgetan hatte, existierte immer noch.
Er hatte keine Ahnung, dass es ihn lange, lange begleiten würde. Und dass „hässlicher, dummer Riese“ erst der Anfang gewesen war.
 
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