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Der Beginn eines Weiten Weges (eine Life is Strange 2 Geschichte)

von MrIndy81
GeschichteFamilie, Übernatürlich / P12 / Gen
Daniel Diaz Sean Diaz
27.03.2021
04.05.2021
10
22.672
 
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04.05.2021 3.198
 
9.November

Es war bereits fast dunkel, als Sean die Lichtung mit der Hütte erreichte. Er fühlte sich ausgelaugt und war froh, dass er es endlich geschafft hatte.

Auf den ersten Blick war alles ruhig. Aber es war fast zu ruhig. Normalerweise hörte man das Rauschen des Windes und das Plätschern des Baches. Jetzt schien es fast so, als wäre die Welt zum Stillstand gekommen.

Und dann hörte er einen Schrei, der wie ein Messer durch die Stille schnitt. Er erkannte die Stimme von Daniel sofort. Dann noch mal ein Schrei, der abrupt abgehackt wurde.

Verdammt, was war da nur los? Hoffentlich ging es Daniel gut!

Er rannte um das Haus herum in die Richtung, aus der er glaubte die Stimme gehört zu haben. Kurz darauf hörte er auch ein Knurren, dass er nicht einordnen konnte. Als er schließlich auf der Rückseite des Hauses angekommen war, blieb er wie angewurzelt stehen.

Daniel lag auf dem Boden und schien sich nicht zu bewegen. Vor ihm stand ein ausgewachsener Wolf mit dunklem Fell. Mit einem seiner Pfoten stand er auf der Brust seines Bruders. Da er auf ihn hinabschaute konnte Sean das Gesicht des Tieres nicht erkennen.

Als Sean langsam seine Schockstarre zu überwinden begann, rief er: „Verschwinde! Geh runter von meinem Bruder!“

Der Wolf machte keine Anstalten sich zu bewegen, drehte aber langsam seinen Kopf in seine Richtung. Sean bekam es nun richtig mit der Angst zu tun. Der Wolf fletschte die Zähne und knurrte bedrohlich. Überall in seinem Gesicht und an seinen Zähnen war Blut. Die Augen funkelten mordlüstern in dem wenigen verbliebenen Licht. Wobei es eigentlich nur eines war. Da, wo das linke Auge sein sollte, war nur ein großes schwarzes Loch. Aber irgendwie machte diese Verletzung das Tier noch bedrohlicher.

Sean wusste nicht, was er tun sollte. Er sah zu Daniel hinunter, und erkannte nun auch, wo das Blut herkam. In seinem Bauch klaffte eine riesige Wunde, und um ihn herum war überall Blut. Warum war ihm das vorher nicht aufgefallen?

„Daniel!“ rief er verzweifelt. „Daniel, bitte sag etwas!“

Eigentlich konnte sein Bruder mit solch einer Verletzung gar nicht mehr am Leben sein! Aber wie war das möglich? Warum hatte er nicht seine Kräfte eingesetzt um sich zu verteidigen?

Sean geriet in Panik. Er suchte nach irgendetwas, dass er als Waffe verwenden konnte, fand aber nichts. Der Wolf starrte ihn weiterhin aus seinem einen guten Auge an und beobachtete ihn aufmerksam. Vermutlich würde das Untier ihn direkt angreifen, wenn er auch nur eine falsche Bewegung machte.

Dann hörte er plötzlich eine Stimme, leise aber dennoch deutlich.

„Sean...“ Es war die Stimme seines Bruders! „Sean … warum hast du das getan?“

Er sah wieder zu seinem Bruder hinunter, aber dieser lag immer noch bewegungslos da. Er konnte unmöglich etwas gesagt haben... oder?

„Daniel! Geht es dir gut?“ rief er.

„Sean...“ hörte er wieder die Stimme. Dieses Mal sah er direkt auf seinen Bruder hinab, und dieser hatte definitiv nicht die Lippen bewegt.

„Sean... warum hast du das getan?“ Jetzt hatte er das Gefühl, als würde die Stimme direkt aus seinem Kopf kommen. Was hatte das zu bedeuten?

„Daniel, was meinst du?“ rief er, ohne zu wissen, wen oder was er eigentlich genau damit ansprach.

Zuerst bekam er keine Antwort, doch dann sagte die Stimme: „Sean... Du hast mich getötet!“

Und plötzlich hatte er das Gefühl, als würde ein Blitz in ihm einschlagen. Sean bekam kräftige Kopfschmerzen, durch die er fast ohnmächtig wurde. Er schloss die Augen, hielt sich die Hände vors Gesicht und krümmte sich vor Schmerzen, aber es wurde nicht besser.

Nach einer gefühlten Ewigkeit ließ der Schmerz nach, und Sean wagte es wieder die Augen zu öffnen. Und das, was er sah irritierte ihn sehr. Er war offenbar nun über seinen Bruder gebeugt, genau da, wo der Wolf vorher gestanden war. Was war nur passiert?

Er sah zu Daniel herunter. Eine Pfote des Wolfes stand immer noch auf der Brust seines Bruders? Und dann erkannte er, dass er selbst nun der Wolf war! Er schaute aus dem einen gesunden Auge herab auf seinen Bruder.

Aber die Gefühle, die er hatte, hatten sich völlig verändert. Irgendwo weit weg in seinem Hinterkopf hörte er eine Stimme, die seine eigene sein könnte: „Was hast du getan? Lass deinen Bruder in Ruhe!“

Es war mehr wie ein leises Flüstern, dass kaum eine Chance hatte, in das Bewusstsein von Wolf-Sean vorzudringen. Dieses Bewusstsein war vollständig ausgefüllt von rasendem Zorn und blankem Hass, Abscheu und Ekel auf den Menschen, der vor ihm auf den Boden lag.

Der Gedanke, der jetzt sein gesamtes Wesen auszufüllen schien, war: „Du hast mein Leben zerstört! Du wirst dafür bezahlen!“

Er hörte sich selbst knurren, und der Anblick der blutenden Wunde des Jungen auf dem Boden löste in ihm einen Blutrausch aus. Er wollte seine scharfen Fänge in den Körper des Kindes schlagen und es komplett auseinandernehmen. Er musste es tun, um die Wut und den Hass los zu werden, die ihn überwältigten.

Er öffnete das Maul und näherte sich langsam der Kehle des Jungen. Dessen Augen waren weit geöffnet und schauten ihn entsetzt, aber leblos an.

Irgendwo flüsterte die Stimme in seinem Kopf: „Hör auf! Das ist dein Bruder! Lass ab von ihm!“

Aber es war bereits zu spät. Wolf-Sean hatte dem Kind, der einmal sein Bruder gewesen war, bereits die Kehle herausgerissen...

***


Sean wachte auf, als die morgendlichen Sonnenstrahlen langsam sein Gesicht erwärmten. Er lag noch an der Stelle im Wald, an der er sich in der Nacht zuvor zusammengekauert hatte. Obwohl er einige Stunden geschlafen haben musste, viel länger, als er es eigentlich geplant hatte, fühlte er sich müde und zerschlagen.

Dann bemerkte er, dass er einen metallischen Geschmack im Mund hatte. Es fühlte sich eklig an. Er trank ein paar Schlucke, und es wurde etwas besser, der Geschmack verschwand aber nicht völlig.

Er hatte das Gefühl, als hätte er etwas geträumt, konnte sich aber nicht daran erinnern. Er vermutete, dass es ein Alptraum gewesen war. Vielleicht fühlte er sich deswegen so unausgeschlafen. Wahrscheinlich war es wieder um den Tod seines Vaters gegangen, dachte er.

Es war auch egal, er war schon wieder viel zu spät dran und hatte noch einen langen Weg vor sich. Er packte alles zusammen, schaute noch mal auf die Karte, um sich zu vergewissern, dass er die richtige Richtung einschlug, und ging weiter Richtung Norden.

***


Sean schlug sich weiter durch den Wald, hatte aber langsam kein Gefühl mehr dafür, wie weit er schon gekommen war oder wie lange er schon unterwegs war, und selbst bei der Richtung war er sich nicht ganz sicher. Morgens hatte er sich noch an der Sonne orientieren können, aber inzwischen war es bewölkt. Er schaute immer wieder in die Karte, aber das half wenig.

Er war den ganzen Tag gelaufen und hatte nur ein paar kleine Pausen gemacht. Vom Gefühl her hätte er schon längst am Ziel sein müssen. Entweder hätte er den Fluß erreichen müssen, der sie schon beim ersten Mal direkt zur Hütte geführt hatte, oder schlimmstenfalls den Highway, der weiter nördlich verlief, um dann über den zugewucherten Weg wieder zur Hütte zu kommen.

Stattdessen irrte er weiter durch den Wald, in dem alles gleich aussah, und langsam machte ihn das nervös. Er hatte das Gefühl, dass es schon wieder zu dämmern begann, und versuchte daher, noch etwas schneller zu gehen, als er es sowieso bisher schon getan hatte. Vielleicht hätte er doch das Risiko eingehen sollen und per Anhalter über den Highway fahren sollen. Aber es war müßig, jetzt darüber nachzudenken. Er musste einfach versuchen alles dafür zu geben, dass er sein Versprechen einhalten konnte. Er wollte seinen Bruder auf jeden Fall nicht noch eine weitere Nacht in der Hütte zurücklassen, zumal er vermutete, dass Daniel inzwischen auch nichts mehr zu essen hatte.

Abgesehen davon hatte er schon den ganzen Tag das Gefühl, dass seinem Bruder etwas Schlimmes passiert sein könnte. Er wusste nicht warum, aber das Unbehagen wurde immer größer. Er wollte ihn einfach nur wiedersehen und sich vergewissern, dass alles in Ordnung war.

Eine weitere Stunde später hatte sich nicht viel an seiner Situation geändert. Der einzige Unterschied war, dass es nun fast dunkel war, und er unter den Bäumen und aufgrund des weiterhin bedeckten Himmels nur noch Umrisse erkennen konnte. Er musste jetzt wieder deutlich langsamer gehen als zuvor, um sich in der Dunkelheit nicht zu verletzen.

Aber dann geschah es doch: Er übersah eine Wurzel, die aus dem Boden ragte, blieb mit dem Fuß daran hängen, und viel vornüber. Er konnte gerade noch rechtzeitig die Hände nach unten bringen, um das Schlimmste zu verhindern, aber er landete trotzdem ziemlich hart und blieb erst mal liegen. Neben den Schmerzen in den Füßen und in den Händen merkte er jetzt auch das erste Mal bewusst, wie erschöpft er war. Er war den ganzen Tag gelaufen, fast ohne Pause, und hatte dafür viel zu wenig gegessen und getrunken.

Eigentlich wollte er sofort wieder aufstehen, aber im ersten Augenblick fehlte ihm schlicht die Kraft dazu. Also blieb er stattdessen auf der Erde liegen, schloss die Augen, und versuchte sich zu sammeln. Er spürte das Pochen in seinem Fuß und in seinen Händen, mit denen sie sich über die plötzliche unerwartete Belastung beschwerten. Er hörte das Rauschen des Windes, der leise durch die Bäume wehte. Er roch das Aroma des Erdbodens, auf dem er lag. Und all das trug irgendwie dazu bei ihn zu beruhigen.

Und nachdem er sich langsam an diese Sinneseindrücke gewöhnt hatte, hörte er noch etwas anderes. Ein gleichmäßiges Geräusch, das langsam in sein Bewusstsein drang. Zuerst dachte er, es wäre auch nur der Wind, aber dann war er sich nicht mehr sicher. Klang das nicht eher wie... Wasser? Er versuchte sich jetzt komplett darauf zu konzentrieren, und schließlich war er sich sicher. Konnte das der Fluß sein, der zu ihrer Hütte führte?

Sean setzte sich langsam auf, und versuchte zu ergründen aus welcher Richtung das Rauschen kam. Es war so leise, dass das gar nicht so einfach war, aber nachdem er ein paar mal den Kopf hin und her gedreht hatte, glaubte er eine Richtung ausmachen zu können. So oder so war das seine beste Chance, also stand er auf und ging in diese Richtung.

Nach ein paar Schritten war das Rauschen immer noch so leise, dass er sich nicht sicher war, ob er es sich nicht nur einbildete. Er hatte inzwischen auch überhaupt keine Orientierung mehr, und hatte keine Ahnung, in welche Richtung er jetzt ging. Wenn er den Fluß nicht bald fand, würde er sich wieder ein Nachtlager suchen müssen, denn sonst lief er Gefahr sich in der Dunkelheit hoffnungslos zu verlaufen.

Aber zunächst ging er erst mal weiter, und nach einigen Minuten wurde das Rauschen lauter. Ein paar Schritte weiter war er sich schließlich sicher, dass es keine Einbildung war. Sean wurde fast euphorisch, versuchte sich aber trotzdem selbst zurückzuhalten und langsam zu machen. Wenn er das nächste Mal über eine Wurzel stolperte würde das vielleicht nicht so glimpflich vonstatten gehen.

Nach einer gefühlten Ewigkeit, in der das Rauschen jedoch immer lauter wurde, lichtete sich schließlich der Wald vor ihm, und er sah den Fluß. Oh, Gott sei Dank, dachte Sean. Soweit er es in der Dunkelheit erkennen konnte, war es derselbe Fluß wie zwei Tage zuvor. Er hatte dieselbe Breite und Fließgeschwindigkeit, und war ebenfalls am Ufer von größeren Steinen eingefasst.

Jetzt musste er nur noch am Ufer entlang nach Norden gehen, dann würde er automatisch zur Hütte kommen. Er ging jetzt wieder etwas schneller und rannte fast, so lange, bis er einmal auf einem glatten Stein abrutschte und nur im letzten Moment das Gleichgewicht wiederfand. So kurz vor dem Ziel ins Wasser zu fallen wäre der Worst Case gewesen. In nassen Klamotten hätte er sich vermutlich den Tod geholt, selbst wenn die Hütte nicht mehr weit entfernt war, außerdem hätte er vielleicht den hart erkämpften Proviant verloren.

Er zog seine Lehren daraus, lief wieder etwas langsamer und versuchte darauf zu achten, wo er hintrat. Nachdem er nach etwa einer weiteren Stunde die Hütte immer noch nicht erreicht hatte, fürchtete er schon, dass er doch irgendwie falsch gelaufen war. Aber schließlich hörte er, wie das Rauschen stärker wurde. Und kurze Zeit später hatte er die Lichtung erreicht, auf der die Hütte stand, und hinter der der kleine Wasserfall war.

Endlich, dachte Sean erleichtert. Er blieb kurz stehen und sah sich um. Alles war ruhig, er konnte nur das Rauschen des Wassers hinter ihm hören. Schließlich ging er auf die Hütte zu. Alles schien noch so auszusehen wie am Tag davor als er aufgebrochen war. Das war schon mal gut.

Als er schließlich an der Schiebetür angekommen war, sah er kurz durch das Glas hinein. Drinnen war es dunkel, und er konnte kaum etwas erkennen, aber er war sich trotzdem ziemlich sicher, dass die Matratze im Hauptraum leer war. Daniel lag nicht darauf.

Sean wurde sofort nervös. Wo war der Junge bloß? All die Ängste, die er schon den ganzen Tag über gehabt hatte und nur mühsam hatte unterdrücken können, kamen jetzt mit einem Schlag um so heftiger zurück. Ich werde es mir niemals verzeihen, wenn ihm irgendwas passiert ist, dachte er.

Sean ging davon aus, dass Daniel von innen den Riegel für die Schiebetür umgelegt hatte und wollte schon gegen die Scheibe klopfen, als er bemerkte, dass die Tür sich leicht zur Seite bewegte. Scheiße, dachte Sean. Seine Sorge wurde immer größer. Warum war die Tür nicht verschlossen? Er hatte Daniel klar gesagt, dass er die Türen nachts immer zu machen sollte!

Er schob die Tür auf und ging in den Raum. „Daniel?“ rief er. „Bist du da?“

Er bekam keine Antwort, und ihm lief ein Schauder über den Rücken. Als er ein paar weitere Schritte in den Raum gegangen war, knirschte es plötzlich unter seinen Füßen, als wäre er auf Glassplitter getreten. Scheiße, dachte er. Was war hier passiert?

Er zog schließlich das Feuerzeug seines Vaters aus der Tasche und machte es an, um etwas besser sehen zu können. Überall auf dem Boden lagen Glasscherben verteilt, und an der Wand zur Eingangstür lag ein großer zerbrochener Bilderrahmen auf dem Boden. Als Sean das sah, hatte er auf einmal das Bild seines Bruders vor Augen, wie er blutüberströmt auf dem Boden lag, und irgendein Tier sich über ihn beugte. Irgendwo in seinem Kopf sagte eine Stimme: „Sean, warum hast du das getan?“

Sean schreckte einen Schritt zurück und blinzelte kurz. Als er die Augen wieder öffnete, war das Bild verschwunden.

„Daniel?“ rief er noch mal.

„Sean?“ hörte er eine verschlafene Stimme aus Richtung des ehemaligen Kinderzimmers kommen. Oder war das auch nur in seinem Kopf?

Er drehte sich in die Richtung des Zimmers, und tatsächlich stand dort ein Junge und schaute ihn ungläubig an.

„Sean!“ rief er schließlich und rannte auf ihn zu. Daniel umarmte ihn so fest, dass sie beide nach hinten auf die Matratze fielen und sein kleiner Bruder schließlich auf ihm drauf lag. Inzwischen war auch Mushroom aus dem Nebenzimmer gekommen uns stand bellend neben ihnen.

„Ich bin so froh, dass du wieder da bist!“ sagte der Junge, und war dabei hörbar den Tränen nahe.

„Ich auch!“ versicherte Sean, und erwiderte die Umarmung. Er hielt seinen kleinen Bruder so fest er konnte.

Schließlich löste sich Daniel wieder von ihm, und beide setzten sich auf. Sean griff links von sich nach einer Kerze, die auf dem Tisch stand, und zündete sie an. So saßen sie zumindest nicht komplett im Dunkeln.

„Ist alles okay mit dir?“ fragte Sean. „Bei der Unordnung hier hab ich schon das Schlimmste befürchtet!“

„Ja alles in Ordnung“ erwiderte Daniel.

„Was ist denn passiert?“

Sean merkte, dass Daniel etwas herumdruckste. Dann sagte er schließlich: „Das war ein Unfall. Ich hab versucht meine Kräfte zu trainieren, dabei ist der Bilderrahmen kaputt gegangen.“

Daniel sah seinen großen Bruder mit etwas ängstlichen Augen an. Offenbar fürchtete er, dass er gleich eine Standpauke bekommen würde. Aber Sean zog ihn stattdessen zu sich und umarmte ihn noch einmal.

„Alles okay, enano, kein Problem“ sagte er schließlich. „Ich bin nur froh, dass es dir gut geht!“

Als er seinen kleinen Bruder wieder los ließ, ergänzte er noch: „Weißt du was? Wir sind hier unter uns. Also spricht nichts dagegen, dass wir ein bisschen deine Kräfte trainieren, damit du sie besser kontrollieren kannst, junger Padawan.“ Er lächelte und legte einen Arm um seinen Bruder.

„Meinst du wirklich?“ fragte Daniel ungläubig.

„Klar!“ versicherte Sean. „Wir fangen gleich morgen damit an.“

Daniel nickte erfreut. Dann sagte er plötzlich: „Oh. Willst du meine Wolfshöhle sehen, die ich gebaut hab?“ Er stand auf und schaute seinen großen Bruder aufgeregt an.

Sean sah neugierig zurück und nickte. „Klar!“ Er hatte keine Ahnung, was ihn erwartete.

Sean nahm die Kerze in die Hand und zusammen gingen sie ins benachbarte Zimmer. Und was er dort sah, beeindruckte ihn. Mitten durch den Raum war ein Seil gespannt, darüber hingen einige Decken und eine Zeltplane, die an der Seite auf dem Boden durch Steine befestigt war. Darin hatte Daniel seinen Schlafsack ausgebreitet und seine Sachen verteilt.

„Wow, cool!“ sagte er schließlich anerkennend.

Daniel nickte und erklärte: „Ich hab das gestern Abend gebaut. Ich hab mich nicht wohl gefühlt, einfach so alleine draussen auf der Matratze zu liegen. Hier drin war es besser.“

Sean konnte das nachvollziehen. Schon bei ihrer ersten Übernachtung im Wald hatte Daniel sich deutlich sicherer gefühlt, nachdem er ihren Schlafplatz zu einer „Festung“ umgebaut hatte. Und es erklärte natürlich auch, warum er nicht auf der Matratze gelegen hatte.

Dabei fiel ihm noch etwas ein: „Warum war eigentlich die Tür zur Veranda nicht abgeschlossen?“

Daniel sah kurz zu ihm auf, dann sagte er: „Du hast gesagt, du würdest auf jeden Fall heute zurück kommen. Und ich wollte dich nicht aussperren.“

Sean musste wieder lächeln ob der Fürsorge seines Bruders.

„Und du hattest keine Angst, dass jemand oder etwas anderes von draußen rein kommen könnte? Immerhin hast du vor zwei Tagen noch die Fensterscheibe im Bad kaputt gemacht.“ Er meinte das nicht wirklich ernst, und hoffte, dass war seiner Stimme auch anzuhören.

„Nein“ sagte Daniel bestimmt. „Hier in meiner Höhle hatte ich keine Angst!“

Sean fuhr kurz mit seiner Hand durch die verfilzten langen Haare seines Bruders, was dieser nicht besonders zu mögen schien. Aber er ließ es zu und sagte nichts.

„Okay“ sagte Sean schließlich. „Lass uns was zu essen machen, und dann ab ins Bett. Ich bin todmüde.“ Schon bei den Worten musste er gähnen.

„Hast du denn was gefunden?“ fragte Daniel aufgeregt.

„Schau selbst“ erwiderte Sean und holte alles aus seinem Rücksack, was er erbeutet hatte.

„Wow, das ist ja richtig viel!“ sagte Daniel.

„Ja, das wird für ein paar Wochen reichen.“

„Das heißt, du wirst mich morgen nicht wieder allein hier zurück lassen?“ Daniel sah ihn mit leicht angsterfüllten Augen an.

„Auf keinen Fall!“ erwiderte Sean bestimmt, und Daniel nickte zufrieden. „Wir bleiben erst mal hier und lassen es uns gutgehen.“

Nachdem Sean die erste kleine Mahlzeit aus ihren neuen Vorräten zubereitet hatte, legten sie sich zusammen Schlafen. Da Daniel jetzt nicht mehr alleine war, hatte er auch kein Problem damit, sich wieder zu seinem großen Bruder auf die Matratze zu legen. Sean war so erschöpft, dass er sofort einschlief und eine traumlose erholsame Nacht hatte.
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