Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Hold me, so I'm not gonna fall into pieces

KurzgeschichteSchmerz/Trost / P16 / Gen
27.03.2021
14.04.2021
7
7.640
2
Alle Kapitel
7 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
11.04.2021 969
 
Der Weg zu Hyunwoos Auto verläuft ohne Zwischenfälle. Niemand sagt ein Wort und auch während der Autofahrt ist es still. Erst als sie an der Wohnung von Serenity angekommen, dreht sich der Braunhaarige zur Seite und schaut auf die junge Frau neben sich. Sie zittert wie Espenlaub und er weiß, egal wie warm er die Klimaanlage stellen würde, es würde nichts bringen. Das Zittern kommt aus dem tiefsten Inneren Serenitys. Es sind viele Dinge, die dafür verantwortlich sind. Der Schock, die Angst, die Erinnerungen. „Es tut mir leid.“, flüstert er erneut und blickt auf seine Hände. Fühlt sich nicht im Stande, weiter zur jungen Frau zu gucken. Die Schuldgefühle zu groß.
„Hyunwoo schau mich an.“ Sie wartet, bis er ihrer Forderung nachkommt. Sie sucht etwas in seinen Augen und als sie es gefunden hat, sinkt ihre Anspannung. „Lass uns reingehen.“, kommt es nur von ihr. Doch die Augen des Braunhaarigen werden groß. „Serenity... Bist du dir sicher? Ich denke, du solltest dich ausruhen und...“ „Ich sagte, WIR gehen nach Hause und genau das tun wir auch.“ Auch wenn es erst ein Monat ist, den die beiden sich kennen, hat es sich eingebürgt, dass zu Hause bedeutet, sie verbringen noch Zeit zu zweit. Meistens bei Serenity. Manchmal schauen sie noch einen Film zusammen. Manchmal reden sie und manchmal sitzen sie einfach nur bei einander und genießen, dass sie für einander da sind.
„Ich vertraue dir, also komm.“, versichert sie ihm mit fester Stimme. Sie greift nach dem Türgriff und wartet. Hyunwoo versteht und steigt schnell aus dem Wagen und tritt zur Beifahrertür. Serenity steigt aus und der Braunhaarige schließt den Wagen ab. Der Blick der Blonden fliegt nach allen Seiten. Sie hat das Bedürfnis, alles im Blick zu haben. Zusammen eilen sie zur Haustür und anschließend in die Wohnung. Die junge Frau steckt den Schlüssel von innen ins Schloss und dreht diesen zwei Mal zur Seite. Dann lehnt sie sich gegen die Tür und atmet hörbar aus.
„Bist du sicher, dass ich nicht lieber gehen sollte?“, kommt es unsicher von Hyunwoo. „Bleib. Gib mir nur einen Moment.“ „Okay. Ich gehe in die Küche und mach dir einen Tee.“ Er weiß, wie wichtig es für Serenity ist, sich jetzt einmal zu sammeln und gibt ihr den Freiraum, den sie braucht.

Es sind gut 15 Minuten vergangen und nun sitzen beide auf der Couch. Serenity zittert immer noch, doch nicht mehr so schlimm wie in der Bar. Hyunwoo hat eine große Decke um ihre Schultern gelegt und beobachtet sie. Erst als sie seinen Blick erwidert, schaut er wieder auf seine Hände. Er fühlt sich nicht im Stande, den Blickkontakt zu halten. Spürt, wie sich die Schuldgefühle in ihm breitmachen. Er hört wie es neben ihm raschelt und im nächsten Moment hält Serenity sein Gesicht mit ihren Händen fest. Zwingt ihn ihr in die Augen zu sehen. „Hyunwoo... Ich bin nicht Lyra.“
Er ist sich dieser Tatsache bewusst. Aber so verletzt wie Serenity klingt, als sie es ausspricht, zeugt davon, dass sie anderer Meinung ist. Seine Augenbrauen ziehen sich zusammen. „Ich weiß, dass du nicht Lyra bist. Aber das heute hat mir eine scheiß Angst eingejagt. Ich möchte nicht die gleichen Fehler machen wie damals.“ Es ist spannend, wie sich das Blatt wenden kann. Am Anfang war er es, der Serenity an der Seite gestanden hat. Ihr zugehört hat und alles darangesetzt hat, dass sie nicht auseinanderfällt. Doch heute ist es genau andersherum. Sie hält ihn zusammen.
„Hyunwoo... Du kannst nichts für die Erfahrungen anderer. Du kannst nichts dafür, dass Lyra so viel durchmachen musste. Genauso wenig wie du etwas dafür kannst, dass ich schlechte Erfahrungen gemacht habe. Du bist es, der mir die Kraft gibt weiterzumachen. Der mir die Kraft gibt, mich diesen Erinnerungen zu stellen, da ich weiß, dass ich nicht alleine bin. Und ich denke, dass es Lyra da ähnlich ging. Doch die Kämpfe, die wir in uns austragen, sind unsichtbar für andere und für manche ist es nicht tragbar. Es ist zu viel und manchmal kann das niemand ändern, so gerne wir es auch möchten. Du hast dein Bestes getan und tust es immer wieder. Ich kenne keinen Menschen, der so sehr versucht, für andere da zu sein.“ Hyunwoo erwidert nichts. Er schaut ihr nur in die Augen. Alles, was ihm entgegenkommt, zeugt von Ehrlichkeit und Vertrauen. Und wie sie selbst schon einmal sagte, steht sie hinter dem, was sie sagt.
„Danke.“ Es ist nur ein Hauchen und doch zeugt es von Wahrhaftigkeit. Er brauchte diese Erinnerung. Musste hören, dass er nicht Schuld daran ist, dass Lyra nicht mehr da ist. Nicht die Schuld daran trägt, dass Serenity Ähnliches durchmacht. Dass es nur sein Kopf ist, der ihm das einredet. „Möchtest du über die Sache in der Bar reden?“, entgegnet er ihr. Sie versteift sich merklich. „Nein. Heute nicht. Ich verspreche dir, wir reden ein andermal darüber, aber nicht heute.“ Sie wartet einen Moment und er nickt. Er kann verstehen, dass es nicht einfach ist. Er weiß, dass sie schon eine ähnliche Situation mitmachen musste und dass sie den heutigen Abend erstmal verdauen muss, bevor sie darüber sprechen kann. „Hyunwoo... Kannst du heute hierbleiben? Ich...“ „Kein Problem. Du brauchst nichts weiter zu sagen.“ Er schenkt ihr ein ehrliches Lächeln. Möchte ihr zeigen, dass es wirklich kein Problem ist. „Geh ins Bett. Der Tag war anstrengend. Ich bleibe hier auf der Couch und bin auch hier, wenn du morgen früh aufwachst. Versprochen!“ Sie versichert sich, dass er zu seinem Wort steht und macht sich dann auf den Weg ins Schlafzimmer. Für heute möchte sie nur noch ins Bett. Morgen ist ein neuer Tag. Ein Tag mit Hyunwoo und auch wenn sie weiß, dass es nicht einfach wird, über all das zu sprechen, weiß sie, dass der Braunhaarige ihr beisteht. Genauso wie sie auch für ihn an seiner Seite ist.
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast